GbP 1-2016 Eckardt Johanning

Widersprüchlich ...

Eckardt Johanning über US-Ärzteverbände und Interessen 2016

Dr. Ben Carson, ein pädiatrischer-Neurochirurg und nun abgeschlagener republikanischer Präsidentschaftskandidat im US-Vorwahlkampf aus Texas, will den pöbelnden rechten Präsidentschaftskandidaten Donald Trump in 2016 unterstützen. Der Milliardär Trump hat sich vorgenommen die Gesundheitsreform unter President Obama (Affordable Care Act – ACA), von den Rechten abwertend als »Obamacare« bezeichnet, abzuschaffen. Dies, obwohl das ACA zu einer erheblichen Verringerung von den ehemals ca. 38 Millionen Nicht-Versicherten geführt hat und u.a. einen Ausschluss von Versicherungsanträgern mit vorbestehenden Erkrankungen verbietet.

Eigentlich würde man erwarten, dass die amerikanischen Ärzte eher konservativ sind und die Mehrheit die Republikanische Partei im US-Kongress unterstützen – aber das war einmal so. Eine aktuelle Analyse der Parteispenden von 1991 bis 2014 zeigte das die Mehrheit der Befragten US-Ärzte nun die De­mokratische Partei finanziell unterstützen und dies sind vor allem Ärztinnen, angestellte Ärzte und Allgemeinmediziner mit meist geringeren Einnahmen.

Ärzte mit höheren Einkommen (Chirurgen und »Geräte-Mediziner«) tendierten stärker dazu, die Republikaner zu unterstützen. Wurden 1991 noch $ 20 Millionen von ca. 2,6 Prozent der Ärzte für den Wahlkampf gespendet, waren es 2012 schon $ 189 Millionen mit einem Anteil von ca. 9,4 Prozent der Ärzte. Allerdings sind die Relationen wohl anders bei den mehr als 400 großen American Medical Group Associations, die ca. ein Drittel der US-Ärzte beschäftigen, und deren »political contribution« nicht bekannt sind. Ökonomische Vorteile und das traditionelle »fee-for-service«-System in den USA, das von dem ACA-Gesetz weiterhin gestützt wird, führen dazu, dass die hoch-bezahlten Mediziner eher den Status quo erhalten wollen. Aber vielleicht wird sich dies auch ändern mit der zu erwartenden Zunahme der weiblichen Mediziner im US-Gesundheitswesen, die bald die Mehrheit der praktizierenden MedizinerInnen ausmachen.

Das US-Gesundheitssystem ist komplex und eindeutig ein »for-profit«-Business mit vielen unterschiedlichen Interessen. In 2011 waren 15,7 Prozent der Erwerbstätigen im Gesundheitswesen beschäftigt mit einem Ausgabenbudget von $ 2,7 Billionen Dollar. 42,3 Prozent davon werden durch staatlichen Haushaltsmittel finanziert. Dennoch liegen die US bei der Sterblichkeitsrate der Säuglinge und Überlebenschancen bei Erkrankungen weit hinter anderen Industrienationen.

Der politische und staatliche Einfluss auf die alltägliche Arbeit der Ärzte ist weitreichend, ins­besondere in den Bereichen von »Abortion«, »Gun control«, »health care reform« und der medizinischen Betreuung Menschen, in deren Nähe die Öl/Gas Corporations durch »Fracking« Umwelt und Menschen belasten: So droht in Florida Ärzten eine Strafe, wenn sie ihre Patienten fragen, ob sie eine Waffe zu Hause haben; die Waffenlobby hat die Forschung massiv behindert und Mittel zur Behandlung von Opfern von Gewalttaten mit Waffen bereitgestellt. Ärzte sollten nicht nach den chemischen Giften der Fracking-Industrie fragen dürfen (»Trade secret!«), die ihre Patienten krankmachen könnten, und sie sollen nicht mit ihnen darüber reden.
Dabei gibt es sehr viele von den ca. 500 000 Ärzte in den USA, die sich organisieren und durch die verschiedensten nationalen oder bundesstaatlichen Organisationen und Verbänden vertreten werden.

Die wohl bekannteste Ärzteorganisation in den USA ist die »American Medical Association« (AMA), gegründet in 1847 und mit fast 228 000 Mitgliedern (2013) aus allen Bundesstaaten die größte und wohl einflussreichste Organisation. Das Motto von der AMA ist »Promoting the art and science of medicine and the betterment of public health« (Förderung der medizinischen Kunst und Wissenschaft im Dienste der öffentlichen Gesundheit). Sie engagiert sich als wohl einflussreichste Ärzte-Lobby im US-Kongress bei allen wichtigen Gesetzen, die die ärztliche Berufsfreiheit, Haftung, Honorare und Patientenversorgung betreffen. Mit einem Jahresbudget von 284 Millionen (2014) hat die AMA als oberstes Ziel eine »kooperierende Partnerschaft von 230 Millionen Ärzten und Patienten« ausgerufen. So will sich die AMA u.a. für eine bessere Intervention bei Prä-Diabetes und Herz­kreislauferkrankungen einsetzen durch Partnerschaften mit Fitneß-Centern und Früherkennungen von Bluthochdruck in der Allgemeinarztpraxis, im US-Kongress die Bezahlung durch ›Medicare‹ verbessern und die »Gängelung« der Ärzte durch den Gesetzgeber bekämpfen, und sich für Mehrausgaben bei der Ausbildung von Studenten/Assistenzärzten einsetzen. Als das ACA vom Bundesgerichtshof 2012 bestätigt wurde, ließ die AMA verlautbaren: »Die AMA war ein langjähriger Unterstützer der Gesundheitsreform, die eine Krankenversorgung für alle sicher stellt«.

Aber auch andere Organisationen und Fachverbände wie zum Beispiel die »National Physician Alliance«, die »American Academy of Pediatrics« und die »Association of American Medical Colleges« unterstützten die Reform von 2010, die einen finanzielle Absicherung für die mehr als 30 Millionen Nicht- oder Unterversicherten in den USA erreichen soll.

Dabei hat die AMA einen sehr konservativen und ständischen Ruf, so dass sich schon 1967 die Studenten / Assistenzärzte-Organisa­tion AMSA, von der AMA getrennt hatte, weil dieses sich gegen ›Medicare‹ (Krankenversicherung für alle Über-65-Jährigen) und Bürgerrechtsreformen gestellt hatten und als Opposition zum Vietnam Krieg. Heute engagieren sich die AMSA-Mitglieder für bessere Arbeitsbe­dingungen im Krankhaus (Arbeitszeiten) und Patientenbetreuung, kritischen Umgang mit der Pharmaindustrie (»PharmFree Campaign«) und gegen unethische Pharmaforschung an Patienten mit Hilfe von Assistenzärzten und Studenten.

 Aber nicht alle Ärzte und ihre Organisationen in den USA begrüßten die ACA-Gesundheitsreform. So waren Fachverbände wie zum Beispiel die »American Association of Orthopaedic Surgions« und die »American Urology Association« gegen die Reform. Viele Ärzte und Fachärzte sind neben einer AMA-Mitgliedschaft auch in zahlreichen nationalen Facharztverbänden (American College…, American Society of..., American Association…, American Academy…, etc.) oder in den ärztlichen Vereinigungen in den verschiedenen Bundesstaaten der USA Mitglied (z.B. die Medical Society of the State of New York. Diese Vereinigungen fungieren meist wie der »ADAC« für Ärzte, d.h. sie bieten neben ständischer Lobbyarbeit und Facharztdiensten (z.B. Fort/Weiterbildung), auch Versicherungsdienste, soziale Treffen mit Kollegen, Fachkonferenzen, Reise-Autovermietungsdienste etc. an.

Dabei ist in der US-Präsidentschaftwahlkampagne von 2016 »Health Care« wieder ein sehr wichtiges Thema für die amerikanischen Wähler und auch die US-Ärzte. »Health Care« rangierte nach Wirtschaft/Beschäftigung und Terrorismus an dritter Stelle mit 36 Prozent in einer neueren Umfrage und an erster Stelle bei den Demokratischen Wählern: Je nach Parteizugehoerigkeit gibt es eine klare Trennung: 87 Prozent der Demokratischen Ärzte beführworten die ACA-Reform, während bei den Republikanischen Ärzten nur 13 Prozent die Reform unterstützen.

Weiterhin sind Ärzte in den USA in einer Vielzahl kleiner Organisationen und spezieller Interessenverbände engagiert wie zum Beispiel:

Physician for Social Responsibility (www.psr.org), die sich neben der Kontrolle und Abschaffung von Nuklearwaffen, für »sichere Energie«, und gegen Luftverschmutzung und »Fracking« einsetzt.

American Public Health Association (www.apha.org), eine 140 Jahre alte Organisation die neben Ärzten, auch Krankenschwestern und Beschäftigte in öffentlichen Gesundheitsdiensten zusammenbringt und sich für »health equity«, Vorbeugung, Gemeindenahe Gesundheitsversorgung u.a. einsetzt und in der Öffentlichkeit und im US-Kongress Lobby für Abtreibungs- und Frauenrechte, ACA, umwelt- und arbeitsmedizinische Fragen, Gesundheitserziehung, Aids, Alkoholiker, etc. einsetzt. (http://www.apha.org/policies-and-advocacy/public-health-policy-statements)

Physician for Human Rights (http://physiciansforhumanrights.org/): 1986 gegründet, setzt sich für wissenschaftliche Dokumentation von Menschenrechtsver­letzungen, unrechtmäßiger Folter und Inhaftierung, Anwendung von chemischen Kampfmitteln, und sexueller Gewalt in Konfliktgebieten ein.

Physicians for National Health Program (http://www.pnhp.org/): Mit mehr als 20 000 Mitgliedern (Ärzte, Gesundheitsarbeiter(innen), Medizin­studenten) in allen US-Bundesstaaten setzt sich für ein »single payer« oder »Medicare for all« Gesundheitsreform ein; für ein einheitliches Gesundheitssystem, ähnlich dem »universal health care« System in der U.K. (NHS) und Kanada (Canada Health Act of 1984), wo der Staat die Finanzen organisieren würde und die Gesundheits­anbieter (ärztliche Praxen, Gesundheitszentren und Krankenhäuser) weiterhin in privater Organisation bliebe. (http://www.pnhp.org/facts/what-is-single-payer)

National Medical Association (http://www.nmanet.org/): gegründet 1895; eine non-profit Organisation für Ärzte mit »African American« Hintergrund (ca. 30 000 Mitglieder), die sich für die Abschaffung von Gesundheitsunterschieden (»health disperities«) und Unterversorgung bei US-Bewohnern mit afrikanischer Herkunft einsetzt (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Dia­betes, Asthma, AIDS).

American Medical Women’s Association (https://www.amwa-doc.org/): gegründet 1915; ca. 3 000 Mitglieder, ein Interessenverband der sich sowohl für die Fort-und Weiterbildung von Medizin-Studentinnen und Ärztinnen einsetzt, als auch die Förderung von Frauengesundheitsprojekten (Geburtenplanung, Osteoporose, Alkohol-Gefahren, »Gender Specific Women’s Health First«, Human-trafficking und Sex-Trafficking, Übergewicht bei Kindern etc.).

National Physician Alliance (http://npalliance.org/): gegründet 2005 von ehemaligen AMSA Mitgliedern; ca. 20.000 Mitglieder, die durch Forschung und Bildungsarbeit gesunde Lebensformen fördern will und sich für Gerechtigkeit im US-Gesundheitswesen, eine finanziell tragbare Gesundheitsversorgung für Alle, Patientensicherheit und soziales Egagement einsetzt.

Physician for Reproductive Health (http://prh.org/): Nationaler Verband von Ärztinnen, die sich speziell für Zugang zu Abtreibung, Geburtenplanung und Teenager im gebärfähigen Alter engagieren.

Dr. med. Eckardt Johanning, M.D.,M.Sc. lehrt an der Columbia University, New York, N.Y., USA

 (aus: Gesundheit braucht Politik, Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ärztliche Standesorganisationen, 1/2016)


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