GbP 4-2022 Beck

Zum Tod von Hans Mausbach

Ein Nachruf von Winfried Beck

Hans Mausbach starb am 9. September 2022 im Alter von 85 Jahren. Sein Einfluss auf das deutsche Gesundheitswesen war erheblich.

Am 20. September 1970 wurde der Film »Halbgott in Weiß« in der ARD ausgestrahlt. Der Film brach ein Tabu, er begann nämlich die kritische Auseinandersetzung mit den kommerziellen Interessen der im Gesundheitswesen Tätigen und hier konkret innerhalb der Ärzteschaft. Seine vier wesentlichen Kritikpunkte waren: »Der Kampf um Laufbahn, Macht, Prestige und Geld wird auch auf dem Rücken der Patienten ausgetragen:

  1. Experimente am Menschen dürften nach dem Sinngehalt unserer Verfassung nur nach Aufklärung und Einwilligung der Betroffenen durchgeführt werden.
  2. Kommerzielle Interessen fließen gelegentlich sogar unmittelbar in die Operationsentscheidungen ein, ohne dass die Betroffenen davon etwas ahnen.
  3. Mit der Gefälligkeitspublizistik für die Pharmaindustrie, für die die Kranken als Versuchsobjekte dienen, könnte man eine ganze pseudowissenschaftliche Bibliothek füllen.
  4. Dieses System produziert Unselbstständigkeit, Karrieristentum um jeden Preis, gebrochenes Rückgrat am Fließband. Der Assistenzarzt, der untere solchen Bedingungen sich zum Oberarzt hochgekrochen hat, wird als Chefarzt im Krankenhaus die Last der erlebten Demütigungen auf seinen neuen, ihm wiederum hilflos ausgelieferten Untergebenen abwälzen. Ein Teufelskreis, den wir endlich durchbrechen müssen.«

Diese Kritik löste innerhalb der Ärzteschaft ein Erdbeben aus und hatte für Hans Mausbach schwerwiegende Folgen. Nachdem die ärztliche Belegschaft des Krankenhauses, an dem Hans Mausbach angestellt war unter erheblichen Druck gesetzt worden war, erfolgte seine sofortige Suspendierung zum 9. Oktober 1970 und die fristgemäße Kündigung zum 31. März 1971 durch den Arbeitgeber: »Das Pflegeamt der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist ist aufgrund der Stellungnahme des Ärztlichen Direktors, des Direktors der Chirurgischen Klinik, der Oberärzte und des Assistentensprechers der Chirurgischen Klinik sowie des Personalrats zu der Überzeugung gelangt, dass der Betriebsfrieden nur wiederhergestellt und die ärztliche Versorgung der dem Krankenhaus anvertrauten Patienten gesichert werden kann, wenn Sie sofort aus dem Dienst ausscheiden.« Vorausgegangen waren »Intensivgespräche« mit den einzelnen Mitarbeitern.

Er wurde am 16. April 1971 in einer nicht öffentlichen Sitzung auf der 88. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie nach einer dreiminütigen Anhörung vom Berufsverband ausgeschlossen Alle Bewerbungen im Raum Frankfurt für eine Weiterbildungsstelle zum Facharzt für Chirurgie wurden abgewiesen.

Das von Hans Mausbach kritisierte System hatte zugeschlagen.

Parallel dazu entwickelte sich jedoch in der Öffentlichkeit eine Gegenströmung. In Frankfurt kam es zu einem Schweigemarsch. Assistent*innen und Oberärzt*innen anderer Kliniken solidarisierten sich öffentlich mit Hans Mausbach. Mehr als tausend Unterschriften wurden unter ein Solidaritätsschreiben gesammelt. Medizinfachschaften, Assistentenräte und die Studentenausschüsse von 16 Universitäten schickten Solidaritätsadressen und luden in 15 Städten zu Diskussionsveranstaltungen zu Themen wie »Demokratie im Krankenhaus«, »Arzt und Profit« und »Medizin in der Klassengesellschaft« ein.

Damit hatten die Standesfunktionäre nicht gerechnet.ans Mausbach erhob Klage vor dem Arbeitsgericht und erhielt durch die ÖTV Rechtsschutz durch alle Instanzen. Der öffentliche Druck wurde schließlich so groß, dass das Universitätsklinikum Frankfurt am Main ein Einstellungsangebot unterbreitete. Am 15. Juli 1971 konnte Hans Mausbach die neue Assistentenstelle in der Chirurgischen Universitätsklinik antreten und seine Facharztweiterbildung abschließen. Es blieb noch das Verfahren vor dem Berufsgericht der Landesärztekammer Hessen und ein Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt wegen »Beleidigung, Verleumdung, usw.«. Auch diese Verfahren wurde später auf Druck auch der innerärztlichen Widerstände hin fallengelassen. Hans Mausbach hatte also wegen dieser Fernsehsendung »Halbgott in Weiß« die Kündigung seines damaligen Arbeitgebers, den Ausschluss aus dem Berufsverband, monatelange Arbeitslosigkeit, eine Klage vor dem Arbeitsgericht und ein Berufsgerichtsverfahren erfolgreich überstanden.

Die Disziplinierung war gescheitert.

Die Zeiten hatten sich geändert. Nach der Anerkennung als Facharzt für Chirurgie fand Hans Mausbach zwar keinen entsprechenden Arbeitsplatz als Chirurg im Raum Frankfurt, wurde schließlich aber dank der veränderten politischen Landschaft und der Unterstützung des damaligen Kultusministers in Hessen, Prof. Ludwig von Friedeburg, als Fachhochschullehrer in der Fachhochschule für Sozialarbeit in Frankfurt am Main eingestellt. Überzeugt hatten seine zahlreichen sozialpolitischen und sozialmedizinischen Veröffentlichungen. Auch hier setzte er sich im Fachbereich und im Senat für eine Demokratisierung der Hochschule und die Interessen der Studierenden ein. Darüber hinaus pflegte er viele Jahre die Kooperation zur Partnerhochschule in Marseille und gab dort regemäßig Lehrveranstaltungen. Er übte diese Tätigkeit bis zur Pensionierung aus. Die von Hans Mausbach ausgelösten breiten Diskussionen und Aktionen in den Krankenhäusern waren Anlass und Voraussetzung für den Kongress »Medizin und gesellschaftlicher Fortschritt« in Marburg am 20. und 21. Januar 1973. Dort wurden mit den mehr als 1.800 Teilnehmern Forderungen zu einer grundlegenden Reform des Gesundheitswesens im stationären, ambulanten, arbeitsmedizinischen und vor allem auch des Pharmabereiches erörtert. Die Kritik an der psychiatrischen Krankenversorgung wurde vertieft und die ärztliche Ausbildung sowie die Pflegeausbildung kritisiert. Hans Mausbach war zusammen mit Hans-Ulrich Deppe, Erich Wulff und Anderen Veranstalter des Kongresses Medizin und Fortschritt.

Material von und über Hans Mausbach

Fernsehsendung Panorama: »Halbgott in Weiß« von Gill, Radio Bremen 20. September 1970

Hans Mausbach: »Eine gescheiterte Disziplinierung«, in: Das Argument Nr. 69: Dezember 1971, S. 971-1002

Deppe, H.-U./ Kaiser, G./ Lüth, P./ Mausbach, H., u.a. (Hrsg.): »Medizin und Fortschritt«, Band 42, Köln 1973

Winfried Beck, Hans-Ulrich Deppe, Renate Jäckle, Udo Schagen (Hg.): »Ärzteopposition«, Neckarsulm und München 1987

 

Neben dem Marburger Bund als Standesvertretung allein für Ärztinnen und Ärzte wuchs der Bund gewerkschaftlicher Ärzte (BgÄ) innerhalb der ÖTV (heute ver.di) zu einer wirksamen Einrichtung mit der gewerkschaftlichen Vertretung aller im Gesundheitswesen Beschäftigten und nicht nur der ärztlichen wie im »Marburger Bund«. Hans Mausbach war damals Vorsitzender in Frankfurt am Main. Hier wurde auch entschieden, in Hessen für die Landesärztekammer zu kandidieren. Hintergrund war neben der Kritik an den herrschenden Verhältnissen auch die Einsicht, dass die Landesärztekammern durchaus auch allgemeingesellschaftlich politische Stellungnahmen abgaben, z.B. zum Paragrafen 218, zu Umweltfragen, zum Sanitätsdienst bei der Bundeswehr etc., auch die Erkenntnis, dass wir als Pflicht-/Zwangsmitglied der Kammern nur dann Einfluss nehmen können, wenn wir uns in dieses Selbstverwaltungsorgan hineinbegaben und sei es mit dem langfristigen Ziel sie als ständische Organe aufzulösen. Die Beratungen gipfelten in der Kandidatur der Liste demokratischer Ärzte zur Kammerwahl 1976.

Der Erfolg war überraschend. Aus dem Stand erhielt die Liste 10,6% der Stimmen. Hans Mausbach war von 1980 bis 2004 Delegierter. Seine Anträge und Stellungnahmen bzw. Redebeiträge in den nur ärztlicherseits öffentlichen Delegiertenversammlungen hinterließen Spuren bis heute. Sie waren immer gekennzeichnet durch Sachlichkeit, klare Überzeugung, immer bemüht, Verletzungen auf der anderen Seite zu vermeiden. Der hessische Erfolg führte in West-Deutschland und Berlin zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft oppositioneller Listen. In Berlin wurde 1987 Ellis Huber sogar Präsident der Landesärztekammer Berlin. Angesichts der wachsenden Wirkung alternativer Argumente nicht nur auf Ärztetagen, sondern auch in der Öffentlichkeit wurde 1986 in Frankfurt am Main der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte gegründet. Hans Mausbach war eines der Gründungsmitglieder.

Seit der Gründung der bundesdeutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) 1982 war Hans Mausbach aktives Mitglied des 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten ärztlichen Teils der Friedensbewegung. Er war aktiv in den regionalen Initiativen und fehlte auf keinem Ostermarsch in Frankfurt am Main, an dem er noch 2022 teilnehmen konnte. Bei einer Gegenveranstaltung zum 83. Deutschen Ärztetag 1980, dem Gesundheitstag in Berlin versammeltem sich am 14. Mai 1980 im Audimax der TU Berlin über 3.000 Ärztinnen und Ärzte und andere Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen, die sich durch die Repräsentanten der Bundesärztekammer nicht vertreten fühlten. Bei der Eröffnungsveranstaltung zum Thema »Medizin im Nationalsozialismus und tabuisierte Vergangenheit – ungebrochen Tradition?« saß Hans Mausbach mit auf dem Podium.

Nach diesem Gesundheitstag änderte sich die historische Betrachtung der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Dem Dogma, in der NS-Zeit seien nur einige wenige schwarze Schafe an den Verbrechen beteiligt gewesen, wich die Erkenntnis, dass die Ärzte zu großen Teilen willige Vollstrecker der NS-Ideologie waren. Jetzt erst konnte die Aufarbeitung der Geschichte der eigenen Berufsgruppe während der NS-Zeit in den einzelnen Landesärztekammern beginnen. Hans Mausbach war als Delegierter in der Landesärztekammer Hessen dabei eine treibende Kraft. Er veröffentlichte 1979 zusammen mit seiner Frau Barbara Bromberger das Buch: »Feinde des Lebens: NS-Verbrechen an Kindern«. Darin wurden die nationalsozialistischen Verbrechen an Kindern auch in Form medizinischer Experimente in Konzentrationslagern, Zwangsarbeit etc. vertiefend dargestellt. Er engagierte sich – nicht zuletzt auch wegen persönlicher Erfahrungen – in der Bewegung gegen die Berufsverbote nach dem Radikalenerlass vom 28. Januar 1972. Am 9. Oktober 1980 leitete er eine Konferenz im Gewerkschafshaus Frankfurt am Main unter dem Titel »Gesinnungsdruck und demokratische Verantwortung«.

Ich habe Hans Mausbach seit dem Marburger Kongress 1973 als Delegierter der Landesärztekammer Hessen und im Vorstand des vdää begleitet. Der Ausspruch von Sophie Scholl »Steh zu den Dingen, die Du glaubst, auch, wenn Du alleine dort stehst«, trifft auf wenige Menschen so zu wie auf Hans Mausbach. Im Gegensatz zu Sophie Scholl war es ihm vergönnt, unter den parlamentarisch-demokratischen Bedingungen der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, Mitstreiter für seine Vorstellung eines sozialen und humanen Gesundheitswesens zu finden.

Das Gesundheitswesen der Bundesrepublik Deutschland wäre ohne Hans Mausbach heute nicht so wie es ist. Der Abbau der Hierarchien in den Krankenhäusern, die erdrückende und repressive Atmosphäre sind Geschichte. Dies bedeutet jedoch nicht, dass im Sinne von Hans Mausbach nicht noch Vieles aufzuarbeiten wäre: An fachfremder Hierarchie mangelt es immer noch nicht in Krankenhäusern, es gibt immer noch die Verschränkung zwischen ärztlicher Profession und Pharmaindustrie, die Zweiklassenmedizin mit unterschiedlicher Diagnostik und Therapie bei Privat- und Kassenpatienten ist keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: Neu hinzugekommen sind die sogenantnen IGeL-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen), die Kassenpatienten als zusätzliche private Leistungen angeboten und vierlerorts auch aufgedrängt werden. Und der zunehmende Einfluss von Finanzinvestoren auf Einrichtungen im Gesundheitswesen stellt eine neue Gefährdung dar. Sie würden Hans Mausbach auf den Plan rufen.

Wir alle haben mit ihm einen Großen verloren. Es ist an uns und vor allem den Jüngeren in der fortschrittlichen Ärztebewegung die Erinnerungen an Hans Mausbach wachzuhalten.

Winfried Beck im September 2022

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Viel zu tun im Gesundheitswesen. Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2023)


Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf