GbP 3-2022 Schoppengerd

Mit selektivem Wachstum aus der Zangenkrise?

Der Stellenwert des Gesundheitswesens in verschiedenen Strategien gegen den Klimawandel – von Stefan Schoppengerd

Das Wissen um den Treibhauseffekt und seine folgenreiche Beeinflussung durch menschengemachte Emissionen ist inzwischen Allgemeingut. Daran vermag auch die kleine Szene von »Klimaskeptikern« nichts Grundsätzliches mehr zu ändern, die – oft gestützt auf bezahlte Studien im Auftrag von Energiekonzernen – Zweifel zu säen versucht und klimapolitische Maßnahmen ablehnt. Auf die offensive Leugnung des Problems zu setzen, zahlt sich nur in bescheidenem Maße aus. Weitaus weiser war deswegen ein Coup des Ölkonzerns BP. Mit viel Geld machte dieser kurz nach der Jahrtausendwende den Begriff des »ökologischen Fußabdrucks« populär. Wer sich für die Abwendung der ökologischen Katastrophe einsetzen will, wird mit diesem Konzept im Kopf zum kleinen Sünderlein, das über die ständige Überprüfung der eigenen Konsumgewohnheiten vergisst, auf die Entmachtung der fossilen Riesen hinzuarbeiten. Mit Kohle, Öl und Gas lassen sich unterdessen weiter beachtliche Gewinne einfahren.1

Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, kurz KLUG, operiert zwar auch mit dem Begriff des ökologischen Fußabdrucks, hat aber deutlich größere Ambitionen als den moralischen Appell an »Verbraucherinnen und Verbraucher«. Einerseits leistet sie Aufklärungsarbeit zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und warnt etwa vor häufigeren und intensiveren Hitzewellen, vor einer Ausbreitung vektorübertragener Krankheiten, vor der Häufung von Allergien oder den gesundheitlichen Implikationen zunehmender Wasser- und Nahrungsmittelunsicherheit. Andererseits will sie zur Mitigation (Eindämmung) des Klimawandels beitragen und setzt dazu am – beachtlich großen – Fußabdruck des Gesundheitswesens an. Einzelne Praxen und große Einrichtungen wie Krankenhäuser sind aufgefordert, ihre Strukturen und Abläufe auf den Nachhaltigkeits-Prüfstand zu stellen: Woher kommt der Strom, wie effizient ist die Heizung? Wo lässt sich der Abfallberg verkleinern? Mit welchen Verkehrsmitteln bewegen sich Patient*innen und Mitarbeiter*innen zur Einrichtung und zurück? Wie fleischzentriert ist die Küche? Halten sich die Zulieferer an ökologische Mindeststandards? Lassen sich klimaschädliche Narkosegase durch intravenöse Anästhetika substituieren, ohne dass dies den Behandlungserfolg beeinträchtigt? Gibt es Fälle von medizinischer Überversorgung, die unter Umweltgesichtspunkten einen verschwenderischen Umgang mit Ressourcen darstellen?2

Diese Fragen gehören zweifellos auf die Tagesordnung in einer Situation, in der jeder einzelne Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung sinnvoll ist. Ihre zufriedenstellende Beantwortung wird aber schnell an systemische Grenzen stoßen, die ihrerseits Gegenstand des politischen Streits sein müssten. Die erste dieser Grenzen findet sich im Gesundheitswesen selbst. Wenn Krankenhäuser zum Beispiel in der Vergangenheit entschieden haben, auch über behördliche Vorgaben hinaus auf Einwegmaterial zu setzen statt wiederverwendbares Equipment vor Ort zu sterilisieren, oder wenn die anfallende Wäsche hunderte von Kilometern umhergefahren wird, statt sie im Haus zu waschen, dann steckt dahinter ein betriebswirtschaftliches Kalkül, das alle Prozesse im ökonomisierten Krankenhausalltag beherrscht. Seine erste Seite ist das Drängen auf Kostensenkung beim Personal, im Einkauf und bei der Beauftragung externer Dienstleister. Die andere ist das Bestreben, Einnahmen zu generieren. Statistiken zur Entwicklung der Fallzahlen bei verschiedenen Eingriffen legen deutlich nahe: Überversorgung findet dort statt, wo es sich finanziell auszahlt.3

Hinter dem Streben nach einer positiven Bilanz steckt nicht unbedingt böser Wille von kaufmännischen Direktor*innen im Krankenhaus, sondern vor allem systemischer Zwang. Alles, was nicht über die Investitionskostenfinanzierung der Bundesländer bezahlt wird, müssen Krankenhäuser im Fallpauschalensystem darüber erwirtschaften, dass sie möglichst lukrative Fälle zu möglichst geringen Kosten behandeln. Chronisch rote Zahlen können die Schließung bedeuten. Noch einmal verschärft ist diese Logik in den Häusern privater Konzerne, die auf Profit aus sind und große Stücke auf ihre Fähigkeiten zur »Optimierung« und »Verschlankung« halten. Es gibt sicher Beispiele für die Reduktion von Abfall und Emissionen, die zugleich eine Kostenersparnis bedeuten und deswegen auch in der kaufmännischen Abteilung begrüßt werden. Größere Erwartungen müssen hier aber frustriert werden.

Das gilt, und damit kommen wir zu einer zweiten systemischen Grenze auf größerer Maßstabsebene, auch für die Erwartung, dass die drohende Katastrophe absehbar eine Minderung oder gar einen Stopp des Wirtschaftswachstums erzwingen wird. Maßloses, in die Unendlichkeit verlängerbares Wachstum ist eine gefährliche Ideologie. Sie gehört aber nicht, wie es die Erzählung vom »Anthropozän« nahelegt, zur Grundausstattung »des Menschen«, sondern ist das notwendige Korrelat der historisch spezifischen Art und Weise, auf die die Menschheit gegenwärtig ihr wirtschaftliches Leben organisiert. Zugespitzt wird diese Position in dem verschiedentlich vorgebrachten Vorschlag, das gegenwärtige Erdzeitalter lieber als »Kapitalozän« zu bezeichnen.4 Unter der abstrakten Herrschaft des Kapitals ist die Mehrung abstrakten Reichtums, die Vermehrung des eingesetzten Geldes um seiner selbst willen, das Leitmotiv wirtschaftlichen Handelns. Der Tauschwert der Waren wird wichtiger als ihr konkreter Gebrauchswert.

Konkret greifbar sind aber die Schäden, die das anrichtet. Der kapitalistische Produktionsprozess entwickelt sich, so ein in diesem Zusammenhang vielzitierter Satz von Karl Marx, indem er »zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter«5. Der Kapitalvermehrung wohnt eine Steigerungslogik inne, die durch die Konkurrenz exekutiert wird: nicht bloß mehr (als der Konkurrent), sondern mehr mehr, und das in möglichst zunehmender Geschwindigkeit – dabei aber angewiesen auf die Aneignung von Arbeitskraft und von natürlichen Ressourcen. Die Formulierung vom Untergraben dieser »Springquellen des Reichtums« verweist auf die Maßlosigkeit im Ausbeuten von Rohstoffen und im Hinterlassen von Abfällen im weiteren Sinne, aber auch auf die gesundheitlichen Folgen des Wachstumszwangs. Die Geschichte der Lohnarbeit kann auch erzählt werden als eine Geschichte des körperlichen Verschleißes.6 Die psychischen Konsequenzen einer Arbeitswelt, die stetig mehr Leistung abverlangt, sind nicht nur in vielen Büroetagen sattsam bekannt.7

Wie es auch das Konzept von »Planetary Health« klimapolitisch beansprucht, sprächen für einen Bruch mit der kapitalistischen Wachstumslogik also nicht nur ökologische, sondern auch gesundheitliche und soziale Gründe.

Wir Vertreter*innen der Position, dass wir damit letztlich über die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung reden, haben allerdings wenig Anlass für Überlegenheitsgefühle gegenüber bescheideneren Herangehensweisen. Noch immer gilt die bedrückende Wahrheit über unsere beschädigte Fähigkeit zur konkreten Utopie: Es ist einfacher, sich das »Ende der Welt« vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus.8 Die Verbindung von Gesundheitswesen und Klimawandel durch eine kapitalismuskritische Brille zu betrachten, verschiebt zwar die strategischen Fragen, macht deren Beantwortung aber nicht einfacher.

Der Soziologe Klaus Dörre beschreibt die zentrale Herausforderung heute als »ökonomisch-ökologische Zangenkrise«. Ein Großteil klimaschädlicher Emissionen entfällt demnach auf den Sektor industrieller Produktion. Dessen Umbau droht auf Kosten der dort Beschäftigten stattzufinden. Solche sozialen Verwerfungen können aber nicht mehr an einen Sozialstaat delegiert werden, der die Früchte weiteren Wirtschaftswachstums umverteilt. Damit stehen große »sozial-ökologische Transformationskonflikte« ins Haus.9

Eine Gruppe von Mitarbeiter*innen der Rosa-Luxemburg-Stiftung plädiert in dieser Situation für eine Neukonzeption von Sozialstaatlichkeit und bezeichnet diese Herangehensweise als »Infrastruktursozialismus«. Mit Infrastrukturen sind hier neben Verkehrsnetzen, Energieversorgung etc. öffentliche Einrichtungen gemeint, die die Erfüllung elementarer Lebensbedürfnisse ermöglichen: Wohnen, Bildung, und eben Gesundheit. »Investitionen in soziale Dienstleistungen sind ökologisch sinnvoll, da die Arbeit mit Menschen kaum Umweltzerstörung mit sich bringt und deren Ausweitung neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet auch als Ausgleich für die Jobs, die in den rückzubauenden Bereichen klimaschädlicher Industrien verloren gehen werden.«10 Dieses Nebeneinander von Schrumpfung und Ausbau bezeichnen sie (und andere) auch als »qualitatives Wachstum«. Die Institutionen der sozialen Infrastruktur wie zum Beispiel Krankenhäuser, Pflegeheime und -dienste oder Einrichtungen der ambulanten Gesundheitsversorgung sind in diesem Modell gedacht als nicht gewinnorientierte, über Staat und/oder Sozialversicherungen ausreichend finanzierte Einrichtungen.

Zugrunde liegt dem auch die Haltung, das praktische Wachstumskritik für eine übergroße Mehrheit nicht als Verzicht ausbuchstabiert werden muss, sondern ein anderes, menschenfreundlicheres Verständnis von Wohlstand bedeuten kann. Soziale Sicherheit und stressfreies Leben statt verschwenderischer (Luxus-)Konsum.

Das Modell kennt aber auch Verlierer*innen; es setzt auf erhebliche Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums (denn ein Ausbau sozialer Infrastrukturen auf Grundlage weiteren Wachstums verbietet sich, s.o.). Hier lauern auch inhärente Widersprüche: Der Staat, wie wir ihn kennen, ist zu seinem Erhalt immer auf die Abschöpfung eines Teils des Geldes angewiesen, das in der Ökonomie erwirtschaftet wird. Hochwertige soziale Infrastrukturen wie die skizzierten sind immer auf finanziellen Input von außen angewiesen. Wenn Umverteilung von Gewinnen und Schrumpfung energie- und emissionsintensiver Industrien gleichzeitig die Akkumulationsbedingungen des Kapitals verschlechtern, wie weit kann dieses Spiel getrieben werden? Angesichts der globalen Herausforderung, die die Klimakrise darstellt, steht eine Politik der Umverteilung zugunsten des Aufbaus von Gesundheits-, Sozial- und Bildungsinfrastruktur zusätzlich vor der Frage, wie sie jene Teile der Welt berücksichtigt, in denen es wenig zu schrumpfen, aber viel aufzubauen gibt.

Auch wenn die Antworten auf solche Fragen noch nicht im Detail ausformuliert sind, ist aber die Herangehensweise überzeugend, für einen vernünftigen, menschen- wie umweltfreundlichen Einsatz gesellschaftlichen Reichtums als Ankerpunkt einer Strategie gegen die Klimakrise zu streiten. Streit jedenfalls ist dabei unvermeidbar.

Stefan Schoppengerd ist Politikwissenschaftler und arbeitet mit in der Geschäftsstelle des vdää*.

  1. Linus Westheuser: Der CO2-Fußabdruck ist eine Falle, in: Jacobin Nr. 8/9 2022
  2. KLUG (o.J.): Klimagerechte Gesundheitseinrichtungen. Rahmenwerk, Version 1.0, herausgegeben von Annegret Dickhoff, Christian Grah, Christian Schulz und Edda Weimann, www.klimawandel-gesundheit.de/klimaneutralitaet/
  3. Krankenhaus statt Fabrik: Das Fallpauschalensystem und die Ökonomisierung der Krankenhäuser. Kapitel »Auswirkungen der DRG auf Patien­t*innen«, www.krankenhaus-statt-fabrik.de/53187
  4. Elmar Altvater: Kapitalozän. Der Kapitalismus schreibt Erdgeschichte, 2018, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/kapitalozaen/
  5. Karl Marx: Das Kapital, Bd. I, Vierter Abschnitt, Marx-Engels-Werke, Band 23, Berlin/DDR 1968, S. 530
  6. Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers. Wien 2018
  7. Günter Voß, Cornelia Weiß: Burnout und Depression – Leiterkrankungen des subjektivierten Kapitalismus oder: Woran leidet der Arbeitskraftunternehmer? in: Sighard Neckel: Leistung und Erschöpfung, Frankfurt/M 2013, S. 29–57
  8. Mark Fisher: Capitalist Realism. Is there no alternative? London 2009
  9. Klaus Dörre: Gesellschaft in der Zangenkrise. Vom Klassen- zum sozialökologischen Transformationskonflikt, in: Klaus Dörre e.a. (Hrsg.): Abschied von Kohle und Auto? Sozial-ökologische Transformationskonflikte um Energie und Mobilität, Frankfurt/M 2020, S. 23-69
  10. Mario Candeias, Moritz Warnke, Eva Völpel, Barbara Fried und Hannah Schurian: Reichtum des Öffentlichen. Infrastruktursozialismus oder: Warum kollektiver Konsum glücklich macht, 2020, https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/reichtum-des-oeffentlichen/

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Klima. Wandel. Zukunft?, Nr. 2, Juni 2022)viwiwi


Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf