GbP 4-2021 Janßen

Peers als Beschäftigte in Gesundheitseinrichtungen 

Austausch mit einem Community Health Center in Toronto – von Michael Janßen 

Michael Janßen berichtet vom Workshop auf dem diesjährigen gesundheitspolitischen Forum des vdää*. Mit kanadischen Kolleg*innen des South Riverdale Community Health Centres in Toronto wurde dabei über die Arbeit mit Peers, also Menschen mit gelebter Erfahrung, als Mitarbeitenden in professionellen Teams diskutiert. Ein Vorgehen, das in Deutschland bisher wenig bekannt ist und selten praktiziert wird. Besonders wichtiges Motto in Toronto: Paternalismus vermeiden!

Der Workshop fand als Hybridveranstaltung mit Video-Schaltung nach Toronto, Kanada statt. Referentinnen waren Paula Tookey, Projektmanagerin und Jennifer Broad, Peer-Gesundheitsarbeiterin und Krankenschwester, beide vom »Consumption and Treatment Service« des South Riverdale Community Health Center (SRCHC) in Toronto. Der Kontakt zum SRCHC entstand bei Hospitationen im Rahmen eines Programms der Robert-Bosch-Stiftung zur Förderung von Gesundheitszentren in Deutschland, bei denen mehrere Mitglieder des vdää* und des Poliklinik-Syndikats in den letzten Jahren die Möglichkeit hatten, die Arbeit des Zentrums vor Ort beobachten zu können.

Kanada verfügt über ein Netz von kommunalen Gesundheitszentren, sogenannten Community Health Centers (CHC), die zum Teil aus öffentlichen Mitteln im steuerfinanzierten kanadischen Gesundheitswesen finanziert werden. In der Provinz Ontario werden ungefähr 10-15 % der Bevölkerung durch CHC versorgt. Neben Primärmedizin werden speziell an die örtlichen Bedarfe angepasste gesundheitsfördernde Programme insbesondere für sozial benachteiligte Gruppen angeboten. Im SRCHC in Toronto gibt es u.a. verschiedene Angebote für Drogengebrauchende, wie einen Konsumraum, in dem unter sicheren Bedingungen der Konsum von Opioiden möglich ist, oder einer Ausgabe von Materialien zum sicheren Konsum und zur Reduzierung gesundheitlicher Risiken. Dringend notwendiger denn je sind diese niedrigschwelligen Angebote seit einigen Jahren. Die zugespitzte Opioid-Krise in Nordamerika bedeutet auch für Kanada 20 Todesfälle durch Überdosierung täglich. Die hauptsächlich benutzte Substanz, das hochpotente Fentanyl, ist schwerer zu dosieren und führt häufiger zu Notfallsituationen. Anders als in Europa kam es zu der Lage nicht zuletzt durch Propagierung und leichtfertige massenhafte Verschreibungen von Opioiden in medizinischen Einrichtungen. 

In diesen Drogenhilfeprogrammen (aber auch in vielen anderen Bereichen der CHC) wird ein langjährig entwickeltes und erprobtes System der Einbeziehung und Anstellung von Peers praktiziert. Peers sind definiert als Anwohner*innen oder Klient*innen mit individueller gelebter Erfahrung bezüglich der adressierten Themen (u.a. Drogen, Wohnungslosigkeit, Armut, Traumatisierung, psychische und somatische Krankheiten). Die Einbeziehung von Peers zielt auf die Ver­besserung der Passgenauigkeit und Akzeptanz der Angebote. Peer-Engagement wird dabei gleichermaßen als eine Investition in eine Community und in Menschen gesehen. Stigmata, die mit dem Substanzgebrauch oder der Erkrankung verbunden sind, sollen abgebaut werden. Übergeordnet ist das Streben nach mehr sozialer und gesundheitlicher Gerechtigkeit. Oder, wie die kanadischen Kolleginnen es formulierten: »Wir glauben an die transformative Kraft der Peer-Unterstützung«. Gleichzeitig bietet der Ansatz für die Betroffenen die Möglichkeit, ihre Expertise in unterschiedlichen Funktionen, auch als regulär Beschäftigte in Lohnarbeit einzubringen und Chancen zur beruflichen Qualifizierung und Entwicklung zu nutzen. 

Ausgehend von der individuellen Klärung von Motivation und Interessen wird gemeinsam über die Einsatzmöglichkeiten entschieden. Beginnend mit freiwilliger Arbeit mit geringer Verbindlichkeit (z.B. Spritzentausch-Angebote, Parkreinigung) über die Teilnahme an Betroffenenbeiräten zu den Programmen (z.B. Drogenkonsumräume, Na­loxon-Trainings) bis hin zu professionellen Trainings, die zur regulären Beschäftigung führen können (z.B. Leitung von Gruppen für Hepatitis-C-Virus-Infizierte). Für diese Prozesse wurden Leitpfade systematisch erarbeitet und in Curricula fixiert (die englischsprachigen Ressourcen sind beim vdää*-Vorstand Michael Janßen bzw. über die Geschäftsstelle erhältlich).

Mit dem Ziel, medizinische und soziale Probleme gleichermaßen anzugehen, wurde die Erfahrung verdeutlicht, dass professionelle Teammitglieder und Erfahrungsexpert*innen (Peers) auf Augenhöhe arbeitend bessere Lösungsansätze hervorbringen; ein für deutsche Verhältnisse ungewohnter, gleichwohl einleuchtender Ansatz. Die Kolleginnen des SRCHC problematisierten dabei auch die Differenzierung in »Teammitglieder« und »Peers«, die sich in verschiedenen impliziten oder expliziten Rechten und Pflichten äußerte. Mit dem Satz »workers are workers« verliehen sie während des Workshops ihrem Anspruch Ausdruck, diese Differenzen zu überwinden. 

Insgesamt wurde ein komplexer Überblick über eine partizipative Herangehensweise geboten, die pragmatisch statt altruistisch oder paternalistisch mit Peers umgeht. Im Workshop konnte leider etwas zu wenig die Frage erörtert werden, wie dadurch bisher Bedarfsorientierung und Qualität verbessert und evaluiert werden konnten. Wir freuen uns daher, dass Paula und Jennifer angeboten haben, weiter mit uns im Kontakt und Austausch zu bleiben. Die Planung für ein Folgetreffen im Februar 2022 sind bereits angelaufen.

Weiterführende Onlineressource in Englisch

»Toronto Community Hep C Program – Beyond Treatment; Involvement of People with Lived Experience«: https://www.youtube.com/watch?v=woLx3VJ4EYc

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2021)


Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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