GbP 4-2021 Schoppengerd

Klassenloses Krankenhaus 

Stefan Schoppengerd berichtet über den Workshop zu den praktischen Erfahrungen in Neustadt am Rübenberge

Anfang der 1970er Jahre herrschte Aufregung bei den privaten Krankenversicherungen1 und in der Ärzteschaft: Das Gespenst des »klassenlosen Krankenhauses« ging um. In der SPD fand die Idee viele Befürworter*innen, Menschen im Krankenhaus vollkommen unabhängig von ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit gleich zu behandeln. Martin Woythal, Landrat von Hanau, trieb derartige Pläne besonders energisch voran. »In unserem neuen Kreiskrankenhaus wird es keinen Blinddarm erster, zweiter oder dritter Klasse mehr geben,« sagte er dem Spiegel. Man wolle »Gesellschaftspolitik für das Jahr 2000 praktizieren«.2 In Hanau wurde daraus nichts – Woythal verlor nach einer Reform der Wahlkreise die nächste Wahl und die Pläne wurden beerdigt. Ein klassenloses Krankenhaus hat es dennoch gegeben: In Neustadt am Rübenberge, nordwestlich von Hannover unweit des Steinhuder Meers gelegen, wurde es 1971 gegründet und existierte 30 Jahre, bis es 2001 in die Krankenhausregion Hannover eingegliedert wurde. »Klassenlosigkeit« sollte hier nicht nur für die Patient*innen gelten. Auch im Miteinander der Berufsgruppen war Arbeiten auf gegenseitiger Augenhöhe wichtig. Davon berichteten beim gesundheitspolitischen Forum des vdää* und des Solidarischen Gesundheitswesens Heidrun Nitschke und Martina Stump, die als Ärztin und Pflegekraft in der gynäkologischen Abteilung dieses »fast vergessenen Modells« gearbeitet haben.

Anfang der 1970er Jahre hatte Neustadt ein baulich und fachlich veraltetes Krankenhaus, das dem Bedarf nicht mehr nachkommen konnte. Zugleich war die Kritik am überkommenen Chefarztsystem verbreitet. Ein SPD-Oberkreisdirektor zeigte Ehrgeiz und griff für die fällige Krankenhausneugründung die Idee des klassenlosen Krankenhauses auf.

Keine Chefarztliquidation und klassenlose Patientenversorgung

Alle Einkünfte aus der Behandlung Privatversicherter gingen direkt ans Krankenhaus. Ein Recht auf Privatliquidation für die leitenden Ärzte – wie bis heute üblich in den meisten Krankenhäusern – gab es nicht. Sie wurden mit einem Festgehalt entlohnt und hatten kein Recht auf Nebentätigkeit. Zwischen den Patient*innen wurde nicht nach Versichertenstatus unterschieden, sondern allein nach Gesundheitszustand und Behandlungsbedarf. So waren etwa die Einzelzimmer denjenigen vorbehalten, die ein besonderes Ruhebedürfnis hatten; dahinter musste im Zweifel auch die Unterbringung Privatversicherter zurückstehen. Allen Patient*innen wurde Unterbringung und Versorgung auf dem damals üblichen Niveau Privatversicherter geboten – Essensauswahl sowie Telefon und Radio am Bett waren Standard. Auch bei den Visiten wurden keine Unterschiede gemacht. Die Regel war die tägliche Visite durch den leitenden Arzt bei allen Patient*innen. 

Obwohl Privatversicherte in Neustadt auf andernorts übliche Privilegien verzichten mussten, kamen sie dennoch in das Haus, das unter fachlichen Gesichtspunkten in der Region einen ausgesprochen guten Ruf hatte.  

Der Beseitigung ungesunder Hierarchien

Nicht nur bei den Patient*innen wurde Gleichbehandlung angestrebt. Auch unter den Beschäftigten des klassen­losen Krankenhauses waren die quasi-militärischen Hierarchien, die in anderen Kliniken üblich waren, zugunsten kollegial-arbeitsteiliger Zusammenarbeit auf Augenhöhe beseitigt. So war die Pflege selbstverständlich an den ärztlichen Nachtdienstübergaben und an der Visite beteiligt. Auch bei den anschließenden Fallbesprechungen fand gleichberechtigter Austausch statt. Eine ähnlich gute Zusammenarbeit etwa mit den Hol- und Bringediensten oder der Reinigung wurde dadurch erleichtert, dass auch diese von Festangestellten des Hauses verrichtet wurden und sich so dauerhafte Zuständigkeiten etablieren konnten. Getrennte Kantinen, getrennte Betriebsfeiern und ähnliche Betonungen von Status und Hierarchie waren in Neustadt unbekannt.

In einem solchen Betriebsklima war es, so berichteten die Referentinnen, zum Beispiel auf der gynäkologischen Station die Regel, dass schwangere Mitarbeiterinnen sich für Untersuchungen und Entbindung in die Hände ihrer Kolleg*innen begaben – mitunter gar im fliegenden Wechsel zwischen Patient*innenrolle und eigenem Schichtbeginn. 

Arbeitsbedingungen, Sozialleistungen, Betriebsstrukturen

Bezahlt wurde nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes (und sogar bei den Ärzten war der Anteil von Mitgliedern der ÖTV, der Vorläufergewerkschaft von ver.di im öffentlichen Dienst, hoch). Hinzu kamen wichtige Sozialleistungen: Die Betreuungszeiten der Betriebs-Kita deckten selbstverständlich die Schichtzeiten der Pflege ab – insbesondere für alleinerziehende Mütter ein guter Grund für einen Arbeitgeberwechsel. Außerdem hatten sie in Neustadt auch nicht mit der damals noch weit verbreiteten moralischen Verurteilung zu kämpfen. In den Kitagruppen fanden sich die Kinder aller Angestellten zusammen, vom ärztlichen Personal bis zum Reinigungs- und Küchenpersonal. Die hier stattfindende Begegnung aller Berufsgruppen als Eltern war ein nicht zu unterschätzender demokratisierender Faktor. 

Einmal pro Quartal gab es einen zusätzlichen freien »Hausarbeitstag« für alle Berufsgruppen. Die Pflegekräfte hatten die Möglichkeit, mit eigenen Shuttle-Bussen zum Dienst und wieder nach Hause zu kommen. Im Personalwohnheim auf dem Klinikgelände waren auch Wohngemeinschaften für Azubis vorhanden, mit einem konkurrenzlos günstigen Preis von 55 DM/Monat für ein Azubi-WG-Zimmer. Das Krankenhaus unterstützte das Personal darüber hinaus bei der Suche nach anderem günstigem Wohnraum und bezuschusste die Wohnungsausstattung.

Die Ärzt*innen arbeiteten für ihr Festgehalt nicht nur in der stationären Versorgung, sondern auch in einer ans Krankenhaus angeschlossenen Ambulanz. Die leitenden Ärzte bestimmten den ärztlichen Direktor in demokratischer Wahl. Dieser bildete zusammen mit Verwaltungsdirektor und Pflegedirektion das Direktorium des Hauses. Diese Strukturen begünstigten auch in der Ärzteschaft einen fachbereichsübergreifenden Austausch und die Bereitschaft zu akuter wechselseitiger Unterstützung, ohne dass dies durch Abrechnungsfragen, Dünkel oder Konkurrenz behindert worden wäre. 

Schwierigkeiten

Chronische Herausforderung für das Direktorium war es, Leistungen wie etwa die betriebliche Kinderbetreuung in den Pflegesatzverhandlungen mit den Krankenkassen geltend zu machen. Dieses Problem konnte aber regelmäßig gemeistert werden. Als deutlich ungünstiger erwies sich die Tatsache, dass es keine Stellen für Fachärzt*innen nach Abschluss der Weiterbildung und so auch keine Aufstiegsmöglichkeiten im Haus gab. So kam es zu einem hohen Durchlauf an immer neuen, unerfahrenen Ärzt*innen in Weiterbildung. Gleichzeitig fehlten fachliche Impulse durch neu von außen hinzukommende Fachärzt*innen. Zudem war für die leitenden Ärzte die Arbeit durch die hohe Zahl an Hintergrunddiensten sehr belastend. 

In der Öffentlichkeit stand das klassenlose Krankenhaus regelmäßig unter Beschuss – ein scharfer Antikommunismus paarte sich mit konservativ-kirchlicher Verachtung für eine »rote« Klinik, in der völlig selbstverständlich auch Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt und fortschrittliche Techniken dazu gelehrt wurden. Obwohl das Haus in Neustadt am Rübenberge im zeitgenössischen politischen Diskurs also durchaus Beachtung fand, entwickelte die Belegschaft kaum ein Interesse daran, das Konzept als Vorbild für andere Krankenhausstandorte zu bewerben. »Uns schien das eben ganz normal«, sagte Heidrun Nitschke auf die diesbezüglichen Fragen des Publikums. Das führte dazu, dass das »klassenlose Krankenhaus« in den linken gesundheitspolitischen Debatten eher mit der Idee von Woythal aus Hessen in Verbindung gebracht wird – einer Idee, die nie Wirklichkeit wurde – als mit dem Krankenhaus in Neustadt am Rübenberge, das 30 Jahre lang so praktizierte, aber in der linken oder kritischen Gesundheitsszene nicht bekannt ist.

Eine ausführliche historische Aufarbeitung steht aus. Sie könnte zur Beantwortung der Frage beitragen, warum das beeindruckende Beispiel aus Neustadt am Rübenberge keine größere Magnetwirkung entfaltet hat. Und damit könnte sich dann auch die Diskussion darüber fortsetzen, wie sich die Erfahrungen mit dem klassenlosen Krankenhaus im heutigen, weitgehend ökonomisierten Umfeld nutzen ließen. 

Stefan Schoppengerd ist Politikwissenschaftler, aktiv im Bündnis Krankenhaus statt Fabrik und arbeitet in der Geschäftsstelle des vdää*.

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2021)

Verweise

  1. So konnte man bis vor einigen Jahren auf der Homepage des Sana-Konzerns unter »Wir über uns« Folgendes lesen: »Die Sana Kliniken wurden in den siebziger Jahren auf Initiative von 18 privaten Krankenversicherungen gegründet. Deren Engagement auf der Leistungsseite unseres Gesundheitssystems war eine Reaktion auf die damalige sozialpolitische Diskussion um die Idee des klassenlosen Krankenhauses.« http://www.sana.de/wir-ueber-uns/unser-unternehmen/werte-und-ziele/herkunft.html (Zugriff am: 08.03.2010 – sic!)
  2. https://www.spiegel.de/politik/bohnen-im-kaffee-a-54d2fd1d-0002-0001-0000-000044904882?context=issue

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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