GbP 4-2021 Wintgens

Leserbrief 

Wir veröffentlichen hier einen Leserbrief von vdää-Mitglied Jürgen Wintgens als Reaktion auf die letzte Ausgabe. Eine Veröffentlichung bedeutet nicht, dass wir, die Redaktion, alle hier getroffenen Aussagen über das Covid-Virus teilen.

Sehr geehrte Redaktion von Gesundheit braucht Politik,

der Titel der letzten Ausgabe heißt: „COVID-19 Pandemie der Ungleichheit“. Ich bin entsetzt darüber, dass ein Heft mit diesem Titel verfasst wird und darin kein einziges Mal die Situation der Kinder in der Pandemie und die katastrophalen nachhaltigen Auswirkungen auf diese Bevölkerungsgruppe erwähnt werden. In der Pandemie waren alle mit sich beschäftigt, nur keiner mit den Kindern. Von vornherein wurden sie epidemiologisch zu Tätern erklärt und damit zu Opfern gemacht.

Spätestens seit dem Sommer 2020 stand fest, dass Kinder weder in einem besorgniserregenden Ausmaß an Covid 19 erkranken, noch das Virus in epidemisch relevanter Weise verbreiten. Im Gegensatz dazu standen aber Maßnahmen, die zu massiven physischen und psychischen Auswirkungen bei Kindern geführt haben:

  • Entwicklungsphasen, die nicht mal eben nachgeholt werden können, wurden unterbrochen und behindert.
  • Zwei wichtige Lebensbereiche, Kita oder Schule und die Freunde fielen weg.
  • Die Situationen im dritten Bereich, nämlich der Familie, wurden schon in ökonomisch gut situierten Familien brenzlig. In Familien mit sozialen Problemen und besonders bei Alleinerziehenden war sie z.T. beängstigend. Kein Wunder in einem Land, in dem der Lernerfolg und die Karriere so stark von der sozioökonomischen Lage der Eltern abhängen.
  • Es ergab sich ein gut messbares Sozial- und Lerndefizit, in vielen sog. Homeschooling-Situationen war der Lernerfolg gleich Null, die Bildschirmzeiten der Kinder explodierten, die virtuelle Welt wurde zur einzig erfassbaren.
  • Der Wahlkampf und insbesondere der Kampf um die Kanzlerkandidatur in CDU und CSU haben zu einem Wettkampf um harte Lockdownmaßnahmen geführt, die für die Altersgruppe bis etwa 12-14 Jahren völlig unangemessen waren.
  • Kinder werden die Auswirkungen der Maßnahmen am längsten spüren, nicht nur an sich persönlich, sondern auch als diejenigen, die die Schuldenlast über Jahre und Jahrzehnte tragen müssen. Dabei wurden der Wirtschaft Milliarden zu Stützung zugestanden, wodurch u.a. Dividenden generiert werden konnten. Für Kinder, besonders für die armen unter ihnen, wurde nichts getan.
  • So dürfen die Kinder neben der nicht von ihnen verursachten Klimakosten auch noch die Kosten für die Corona-Maßnahmen tragen.

Die einzigen, die sich während der gesamten Pandemiezeit für Kinder eingesetzt haben, sind die Kinderärzt*innen und Kinderpsychiater*innen. Und obwohl so massiv betont wurde, immer auf die Wissenschaft und deren Expertise zu hören, wurde diese Gruppe von Experten komplett ignoriert, sie passte nicht in die Mainstreambetrachtung der Pandemie.

Die Diskussion um eine Triage auf deutschen Intensivstationen war beängstigend. Jetzt findet die Triage in den SPZ und um die Therapieplätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Wartezeiten bis zu einem Jahr statt. Umfassende physische und psychische Gesundheit braucht Lobby, diese scheint bezogen auf die Kinder in der hier kritisierten Ausgabe einer "Zeitschrift für eine soziale Medizin" zu fehlen.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Wintgens, Kinderarzt

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2021) 


Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
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