GbP 4-2021 Editorial

Liebe Leser*innen,

ein Mann will nach oben und findet sich dann in dem lang ersehnten Chefsessel des Bundesgesundheitsministeriums wieder. Karl Lauterbach hat sich diesen Weg durch seine meist rationalen Interventionen während der Coronakrise, die ihn von vielen anderen Politiker*innen abhoben, geebnet. Unermüdlich war er in den letzten zwei Jahren in den Medien, in Talkshows und auf Twitter unterwegs. Allerdings wird auch berichtet, dass es bei den Ampelkoalitionären kein wirkliches Gerangel um diesen Posten zu Pandemiezeiten gab (ganz anders z.B. beim Landwirtschaftsministerium). Ein Herzensanliegen des Gesundheitsökonomen Lauterbach ist ein effektives Gesundheitssystem ohne Ressourcenverschwendung mit hohen Qualitätsstandards, das er mit einer Wettbewerbs­orientierung der Beteiligten im Gesundheitswesen erreichen will. Er war unter der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt aktiv an der Einführung der DRG beteiligt, die er insbesondere forcierte, um den Bettenabbau in den Krankenhäusern voranzutreiben. Personalabbau war dabei natürlich gleich mit inbegriffen. Auch die Privatisierungswelle der Krankenhäuser lies den Harvard-Absolventen nicht untätig zuschauen. Einige Jahre saß er auf Arbeitgeberseite im Aufsichtsrat der Rhön-AG. Ein Konzern der nicht dafür bekannt ist besonders freundlich mit den dort beschäftigten Kolleg*innen umzugehen. Dennoch war Karl Lauterbach bisher auch ein vehementer Vertreter der Bürger*innenversicherung. Nach dem Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP wurde dieses Projekt zumindest für diese Legislaturperiode beerdigt. Dieses Vorhaben hat dann doch die FDP kassiert. Auf welcher Grundlage der neue Gesundheitsminister seine Politik entwickeln muss, kann man in diesem Heft mit einer Bewertung des Koalitionsvertrages durch das Bündnis Krankenhaus statt Fabrik nachlesen. Dieser Text hat bereits jetzt im vdää* für kontroverse Diskussionen gesorgt.

Karl Lauterbach ist durchaus in der Lage mit überkommenen veralteten Strukturen im Gesundheitswesen zu brechen. Er war einer der Protagonisten bei der Einführung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) im Jahr 2003. GbP hat mehrfach die Janusköpfigkeit von MVZ thematisiert. Rainer Bobsin stellt in dieser Ausgabe dar, wie weit deren Kapitalisierungsprozess inzwischen vorangetrieben wurde. Ein Thema, das sträflicherweise von den Koalitionären in Berlin nicht behandelt wird.

Es bleibt zu hoffen, dass Karl Lauterbach als Gesundheitsminister seinen wissenschaftlich-rationalen Blick auf die Pandemie behält und diesen nicht der Kabinettsräson opfert. Die wirklich spannende Frage wird allerdings sein, wie er mit den durch die Pandemie im Gesundheitswesen hervorgerufenen Finanzlücken umgeht und wie er die strukturellen Mängel, die SARS-CoV-2 offenbarte, beheben will.

Der Schwerpunkt dieses Heftes ist dem Gesundheitspolitischen Forum von vdää* und Solidarisches Gesundheitswesen e. V. gewidmet, das am zweiten Novemberwochenende in Berlin stattfand. Auf dieser sehr erfolgreichen Veranstaltung widmeten wir uns der Entprivatisierung, Demokratisierung und Vergesellschaftung des Gesundheitswesens. Wir können nicht über alle Details berichten, versuchen aber mit einem Übersichtsartikel zu der Veranstaltung, in dem die einzelnen Beiträge und ihr Zusammenhang vorgestellt werden, einem historischen Abriss über Vergesellschaftung und Berichten aus den Workshops die zentralen Themen darzustellen. Eine Diskussion, die sicherlich fortgesetzt werden sollte.

Zu unserem letzten Heft »COVID-19 Pandemie der Ungleichheit« erreichte uns ein Leserbrief mit der vollkommen berechtigten Kritik, dass wir die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche nicht berücksichtigt hatten. Wir wollen dem in dem Heft 1/2022, das der Kinder- und Jugendmedizin gewidmet sein wird, abhelfen. Weitere Hefte nächstes Jahr werden der psychischen Gesundheit sowie dem Gesundheitssystem in der Klimakrise gewidmet sein. Auf einer Redaktionsklausur Anfang Februar 2022 werden wir die weiteren Themen für das kommende Jahr abstecken.

Wir wünschen intellektuelle Anregung und politische Motivation beim Lesen, ein friedliches 2022 und irgendwann wieder ein pandemiefreies Leben weltweit.

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Entprivatisierung, Demokratisierung, Vergesellschaftung, Nr. 4, Dezember 2021)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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