GbP 3-2021 Redaktion

Lektüreempfehlungen von dies- und jenseits des Tellerrands

Applaus ist nicht genug – Mythen, Probleme und Kämpfe rund ums Krankenhauswesen

Die Pandemie hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf Krankenhäuser und Gesundheitswesen gelenkt wie schon lange nicht mehr. Dabei sind viele Probleme in aller Deutlichkeit sichtbar geworden. Gleichzeitig kursieren viele Mythen und Halbwahrheiten zum deutschen Gesundheitswesen. Es geht hier um viel Geld, um mächtige Interessen, um mehr als zehn Prozent aller Beschäftigten im Land und um einen gesellschaftlichen Bereich, der immer noch nicht vollständig kapitalistischen Verhältnissen unterworfen ist. Die Broschüre von Nadja Rakowitz greift einige Kontroversen und Streitpunkte auf, die im Zuge der Corona-Pandemie noch eine größere Brisanz erhalten haben. Die meisten beziehen sich auf die Situation in den Krankenhäusern, auf die Art, wie diese finanziert und organisiert werden. Denn das hat drastische Auswirkungen auf die konkrete Versorgung und die dortigen Arbeitsbedingungen. Wer kritisiert was am gegenwärtigen System? Welche Diagnosen werden gestellt, welche Therapien bzw. Lösungen werden angeboten und welche Interessen stecken hinter diesen Vorschlägen?

Nadja Rakowitz: »Applaus ist nicht genug. Mythen, Probleme und Kämpfe rund um das Krankenhauswesen in Corona-Zeiten« luxemburg argumente, August 2021

Widerstandsfähige Ökonomie?

»Unabhängig von der Form ihrer Wirtschaft hätte jede Gesellschaft, wenn sie von einer Pandemie betroffen ist, zu leiden und Einschränkungen hinzunehmen. (…) Das schließt Entscheidungen darüber ein, welche Produktionsprozesse nicht systemrelevant sind und eingestellt werden können, welche der unmittelbaren Reproduktion der Gesellschaft dienen und fortgesetzt werden müssen, welche Kapazitäten man aufstocken müsste, wie viele Menschen in diesen Bereichen gebraucht werden, wie man sie vor Ansteckung schützen kann, wie man die Schutzkleidung organisiert, wie die insgesamt geringere Masse an Gütern und Dienstleistungen verteilt werden, in welchem Ausmaß das soziale, kulturelle und öffentliche Leben heruntergefahren werden muss und so weiter. (…). In einer kapitalistischen Marktwirtschaft bereiten solche Entscheidungen aber ganz besondere Pro­bleme und verschärfen die bereits schwierige Situation.« Einer kapitalistisch verfassten Wirtschaft fehlt es, so stellt Sabine Nuss in einem Beitrag für die Zeitschrift PROKLA fest, in besonderer Weise an Resilienz. Die kluge Begründung dieser Position nimmt einige Seiten in Anspruch, die kostenlos im pdf-Format verfügbar sind.

Sabine Nuss: »Geld oder Leben«. Corona und die Verwundbarkeit der Eigentumslosen, PROKLA 199, 50. Jahrgang, Nr. 2, Juni 2020

Krise, Schulden, Klassenkampf

Nachdem die Wahlkampfstände abgebaut sind, dürfte die Frage, wie die Schulden aus der Bekämpfung der Pandemiefolgen bezahlt werden sollen, mit Macht auf die politische Tagesordnung zurückkehren. »Es wird dann darum gehen, ob die ›Schuldenbremse‹ abgeschafft und die Regeln des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes dauerhaft geändert werden – oder ob wir eine neue Runde der desaströsen Austeritätspolitik erleben. Dann stellt sich die Frage, in welcher Mischung gegebenenfalls Kürzungen der Staatsausgaben und Erhöhungen von Steuern und Abgaben zur Geltung kommen – oder inwieweit es möglich ist, aus den Schulden ›herauszuwachsen‹. Neoliberale werden vor allem auf Ausgabenkürzungen zulasten der Lohn­abhängigen drängen, Keynesiane­r*in­nen eher auf Wachstumsimpulse, die die Verteilungskonflikte entschärfen sollen. Aus ökologisch-sozialistischer Sicht gilt es dagegen, den Stoff- und Energieverbrauch radikal zu senken, die Produktionsstruktur entsprechend nach stofflichen Gesichtspunkten umzubauen und die notwendigen Maßnahmen durch eine Umverteilung zulasten der Kapitaleinkommen zu finanzieren.« Wer sich ein Bild von derlei Verteilungskonflikten machen will, ist mit einem Text von Thomas Sablowski aus dem Mai 2021 gut beraten.

Thomas Sablowski: Klassenverhältnisse nach einem Jahr Pandemie, Mai 2021

COVID-19 und gesundheitliche Ungleichheiten

Die COVID-19 Pandemie trifft Menschen mit sozialer Benachteiligung häufiger und schwerer als sozial Bessergestellte. Dies gilt sowohl für die direkten gesundheitlichen Folgen wie auch für die indirekten Folgen, die aus den Lockdowns und der ökonomischen Krise entstehen. Dieses Buch stellt die Evidenz dieser Ungleichheit zusammen, präsentiert Mechanismen ihrer Entstehung und diskutiert, warum diese gesundheitliche Ungleichheit eine bewusste politische Entscheidung ist und kein Zufall oder gar Schicksal.

Clare Bambra, Julia Lynch & Katherine E. Smith: »The Unequal Pandemic – COVID-19 and Health Inequalities«, Policy Press, Bristol University Press, Bristol 2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf