GbP 3-2021 Dickel

»Mehr Luft, mehr Licht!« – Tod in Hamburg 

Philipp Dickel (Poliklinik Veddel) über Cholera und Corona im armen Teil der Hansestadt

In seiner Studie »Tod in Hamburg – Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910« beschreibt der britische Historiker Richard J. Evans1 die gesellschaftlichen Verwerfungen und den Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit am Beispiel der ­Cholera-Epidemie im sich industrialisierenden Hamburg. Die damalige Epidemie war der letzte große Cholera-Ausbruch in Deutschland und mit fast 10.000 Toten, von denen der größte Anteil aus der Arbeiter*innenklasse stammte, ein verheerender Ausdruck der zunehmenden Klassenspaltung in der Stadtgesellschaft. Evans konstatiert in seiner Studie: »Die Einwirkung der Cholera nahm in dem Maße zu, indem das Pro-Kopf-Einkommen sank und die Krankheit ging Hand in Hand mit beengtem Wohnen, ungünstigen sanitären Bedingungen und Überbelegungen der Wohnungen.«

Etwas mehr als hundert Jahre später zeigt sich während der Corona-Pandemie ein in Teilen frappierend ähnliches Bild. Es zeigt sich auch heute, dass ärmere Viertel in Hamburg wesentlich stärker von COVID-19 betroffen sind als reichere. »Die Stadtteile mit einer deutlich unterdurchschnittlichen SGB-II-Quote haben die niedrigste Inzidenz, während die Stadtteile mit einer deutlich überdurchschnittlichen SGB-II-Quote zu allen Zeitpunkten die höchsten Inzidenzen aufweisen. Besonders hohe Infektionszahlen pro 1.000 Einwohner zeigen sich im gesamten Betrachtungszeitraum in den Stadtteilen Bill­stedt, Wilhelmsburg, Jenfeld und Veddel.«2 Bei der Hospitalisierungsrate und den Todesfällen zeigt sich ein ähnliches Bild.3 

Damals wie heute unterstreicht also die Sozialgeographie der Pandemie die Tatsache, dass Armut bzw. ein niedriger sozialer Status als wesentlicher Risikofaktor für ein erhöhtes Infektionsrisiko und schwere Krankheitsverläufe angesehen werden muss. Zahlreiche internationale Studien und Übersichtsarbeiten stützen diese Aussage.4 

Auf der Veddel

Auch die Erfahrungen aus der Versorgungspraxis in der Poliklinik Veddel untermauern dieses Bild. Die Veddel ist einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs. Hier besteht eine hohe Erwerbslosigkeit und viele Anwohner*innen sind auf staatliche Transferleistungen angewiesen. Die Veddel gehört zu den Stadtteilen mit der geringsten Lebenserwartung in Hamburg und es gibt eine hohe Prävalenz von vermeidbaren Erkrankungen. Gleichzeitig ist die medizinische Versorgungssituation im Hamburger Vergleich unterdurchschnittlich, insbesondere im Bereich der hausärztlichen, der kinderärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung. Die Poliklinik Veddel bildet hier einen Leuchtturm im Meer der Einsamkeit. 

Während der Corona-Pandemie kann auf der Veddel der Zusammenhang zwischen engen und überbelegten Wohnungen, prekären Arbeitsbedingungen ohne eine Möglichkeit, ins Homeoffice zu gehen, sowie einer eingeschränkten Mobilität und einem erhöhten Infektionsrisiko tagtäglich beobachtet werden. So ist z.B. eine Isolierungsmöglichkeit einzelner Personen in den überbelegten Wohnungen meistens nicht gegeben, was häufig zu einer Ansteckung der ganzen Familie führt. Auch sind die Auswirkungen von Kurzarbeit und Jobverlusten seit langem spürbar und die Konsultationen aufgrund von psychischen Erkrankungen häufen sich. In der Schule auf der Veddel kam es mit knapp hundert Infektionen zu einem der größten COVID-19-Schulausbrüche in Deutschland. Die Folgen für die Schüler*innen sind angesichts der vielen Quarantänezeiten und der eingeschränkten Homeschooling-Möglichkeiten nicht absehbar.

Die Versorgungsstruktur der Poliklinik Veddel mit ihrem multiprofessionellen Angebot hat sich während der Pandemie als robust und versatil erwiesen. Durch eine hohe Flexibilität konnte eine Reihe von Corona-spezifischen Angeboten geschaffen werden (psychosoziale Beratungsangebote, Corona-Infotisch, hohe Testkapazität, lokales Impfzentrum, viele Hausbesuche), die sicherlich einige Auswirkungen der Pandemie auf der Veddel abgemildert haben. Trotzdem konnten die Bewohner*innen der Veddel nicht substantiell vor einer COVID-19-Infektion geschützt werden. Die Pandemie zeigt einmal mehr, und quasi im Zeitraffer, wie wenig die Versorgung an sich verändern kann und wie ausschlaggebend die sozialen Determinanten von Gesundheit wie Wohnen, Arbeit und Einkommen sind.

Die Pandemie ist letzten Endes nur ein Ereignis, welches das ganze historisch gewachsene Elend des Kapitalismus blitzartig erhellt. Hier gilt es im Hinblick auf eine progressive Gesundheitspolitik anzusetzen. Die sozialen Determinanten der Pandemie sind mittlerweile als Thema in der Öffentlichkeit angekommen. Eine kritische Public-Health-Bewegung sollte aber einen Schritt weiter gehen und nach den Ursachen der sozialen Determination, also den Ursachen der Ursachen der Ursachen fragen. Warum leben einige Menschen in lichtdurchfluteten Sechs-Zimmer-Wohnungen, während andere mit drei Generationen in feuchten Drei-Zimmer-Wohnungen leben müssen? Warum können sich einige Menschen in ein Homeoffice zurückziehen, während andere in Großraumfabriken bei Tönnies, Amazon oder Aurubis einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind? Und warum wird der Indivi­dualverkehr weiter gefördert, während sich die Massen in den überfüllten öffentlichen Nahverkehr drängen? Während Anfang letzten Jahres, zu Beginn der Pandemie, solche und ähnliche Fragen zumindest kurz andiskutiert wurden, führte dies nicht zu einer grundlegenden Debatte über kapitalistische Produktionsweisen. 

1894 war die Cholera-Epidemie ein zentraler Prüfstein für das soziale und politische System in Hamburg. Sie gilt als ein Wendepunkt in Hamburgs Stadtgeschichte. In ihrer Folge kam es zu weitreichenden sozialen Kämpfen um Arbeits- und Lebensbedingungen, mit dem Hamburger Hafenarbeiterstreik, der fast drei Monate anhielt, als einem Höhepunkt. Die Bewohner*innen des Gängeviertels forderten mit ihrem Slogan »Mehr Luft, mehr Licht« einen neuen sozialen Wohnungsbau. Das Geflecht der Klasseninteressen des liberalen Bürgertums, das auf Freihandel und die Vorherrschaft des kaufmännischen Unternehmertums setzte, geriet in die Krise, was verschiedene soziale Reformen zur Folge hatte. Es kam zur Gründung des Instituts für Hygiene und Gesundheit, der über Jahre verschleppte Bau des Filterwerks der Hamburger Wasserwerke wurde abgeschlossen, das Gängeviertel wurde grundlegend saniert, der Arbeitsmarkt wurde reformiert und es kam zu einer Demokratisierung des Wahlrechts und des Repräsentativsystems.

Es bleibt zu hoffen, dass es in der kommenden Post-COVID-Phase ebenfalls zu neuen sozialen Bewegungen und Kämpfen kommen wird, die die organisierte Verantwortungslosigkeit im Kapitalismus in Frage stellen und die sozial-ökologische Transformation vorantreiben.

Wichtige Richtungsforderungen im Kampf um die sozialen Determinanten von Gesundheit sind dabei:

  • die Vergesellschaftung aller privaten Wohnungsbaugesellschaften und der Ausbau eines gesundheitsförderlichen sozialen Wohnungsbaus,
  • der Ausbau eines kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs und die Abschaffung des Individualverkehrs,
  • eine kleinräumige Gesundheitsberichterstattung durch eine kritische Public-Health-Infrastruktur.

Um die Nährböden für zukünftige Pandemien einzuschränken, müssen zudem: die Massentierhaltung abgeschafft und der Abholzung von Urwäldern Einhalt geboten werden.6 Darüber hinaus müssen längerfristig egalitäre und an den Bedarfen der Menschen ausgerichtete soziale Infrastrukturen geschaffen werden. Erste Schritte dahingehend wären: 

  • die Enteignung aller Kassenarztsitze und die Etablierung lokaler Primärversorgungszentren mit enger Anbindung an den öffentlichen Gesundheitsdienst,
  • die Vergesellschaftung aller privaten Krankenhäuser.

Verweise

  1. Richard J. Evans ist ein der New Left nahestehender britischer Historiker. Seine Studie Tod in Hamburg ist eine brillante Analyse der Hamburger Klassengesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts.
  2. Rene Böhme: Soziale Auswirkungen der Corona-Pandemie in der Freien und Hansestadt Hamburg. Bremen, Juli 2021.
  3. Die Hamburger Regierung verhindert seit Beginn der Pandemie eine fundierte Veröffentlichung kleinräumiger Gesundheitsdaten. Fast alle Veröffentlichungen von Statistiken des Infektionsgeschehen gehen auf Anfragen der Partei Die Linke zurück. 
  4. Vgl. Ben Wachtler et al.: Sozioökonomische Ungleichheit und Covid-19 – Eine Übersicht über den internationalen Forschungsstand, RKI Journal of Health Monitoring 2020, in: https://edoc.rki.de/handle/176904/6965
  5. Das Hamburger Gängeviertel war aufgrund der engen und heruntergekommenen Wohnverhältnisse am stärksten von der Cholera betroffen. Gleichzeitig galt es als »Klein Moskau«, da es vielfach Ausgangspunkt für weitreichende politische Forderungen war. 
  6. Vgl. Mike Davis: Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin 2005

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Covid 19. Pandemie der Ungleichheit, Nr. 3, Oktober 2021)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf