GbP 3-2021 Lang

Der ÖGD in der Pandemie

Bericht über das Online-Fachgespräch des vdää am 25. August 2021 zum Thema »Was kann der Öffentliche Gesundheitsdienst zur medizinischen und sozialen Zugangsgerechtigkeit beitragen? Erfahrungen in der SARS-CoV-2-Pandemie aus und für die Praxis« – von Alexandra Sarah Lang

In der SARS-CoV-2-Pandemie waren die Gesundheitsämter besonders stark in der öffentlichen Aufmerksamkeit als wichtige »dritte Säule» des Gesundheitswesens. Von einer Stärkung des ÖGD war in der Pandemie immer wieder die Rede, aber wie sollte diese konkret aussehen? Dazu initiierte eine Gruppe von interessierten Kolleg*innen aus dem vdää eine regelmäßig sich treffende Gesprächsgruppe, die sich nach einem halben Jahr entschloss, ihre Diskus­sio­nen im größeren Rahmen eines Fachgesprächs zu Perspektiven zur nachhaltigen Stärkung und Verbesserung der Praxis des ÖGD zu stellen. Als Adressat*innen wurden gezielt Kolleg*innen aus dem ÖGD angesprochen. Und dies stieß auf beeindruckende Resonanz. 

Insgesamt nahmen 54 Personen an der Veranstaltung teil, ein Großteil von ihnen im ÖGD tätig. Als Auftakt fanden drei Inputvorträge mit Erfahrungsberichten aus der Praxis statt; im Fokus standen Fragen der sozialen Zugangsgerechtigkeit, die in der Pandemie besonders deutlich wurden. Als Referent*innen sprachen Navina Sarma (ÖGD-Kontaktstelle am Robert Koch-Institut), Patrick Larscheid (Leiter Gesundheitsamt Berlin-Reinickendorf) und Sarah Lang (Koordination Humanitäre Gesundheitsdienste, Gesundheitsamt Frankfurt am Main).

Patrick Larscheid startete als erster Referent und berichtete über das pandemiebezogene Vorgehen des Gesundheitsamt Berlin-Reinickendorf und die Herausforderungen bei der Adressierung des Infektionsschutzes in bestimmten Gruppen, z.B. wohnungslose Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund. Er beschrieb Lösungsansätze, z.B. eine verbesserte Vernetzung der Berliner Gesundheitsämter und Kooperationen des Gesundheitsamtes mit z.B. Vereinen, um die Zielgruppen besser mit COVID-19-Impfungen zu erreichen, beleuchtete aber auch das Spannungsfeld zwischen kommunalpolitischen und fachlich fundierten Entscheidungen am Gesundheitsamt.

Anschließend berichtete Sarah Lang von der Arbeit des neu etablierten Ausbruchteams Soziale Einrichtungen am Gesundheitsamt Frankfurt, zuständig für Einrichtungen der Wohnungslosen-, Drogen-, Jugend- und Eingliederungshilfe sowie kommunale Unterkünfte. Ziel des Teams sei, neben Infektionsschutzbelangen auch sozialmedizinische Aspekte zu berücksichtigen. Sie stellte außerdem zwei neue Projekte am Gesundheitsamt vor, die die Themen Zugang zur Gesundheitsversorgung sowie Stärkung der Gesundheitskompetenz in den Blick nehmen – beides wichtige Faktoren für die Umsetzung des Infektionsschutzes in marginalisierten Gruppen.

Navina Sarma stellt zunächst die neue ÖGD-Kontaktstelle am RKI vor, deren Ziel eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen RKI und ÖGD, z.B. in Bezug auf Melde- und Informationssysteme, Kommunikation und Vernetzung, Auf- und Ausbau von Qualifizierungsangeboten sowie Infektionsschutz ist. Sie beschrieb die Herausforderungen für den ÖGD, die sich besonders deutlich in der Pandemie gezeigt hätten, z.B. die Kommunikation (sowohl interne als auch externe), die große Aufmerksamkeit durch die Presse und den daraus resultierenden politischen Druck. Das RKI habe sich in der Pandemie dem Thema Zugangsgerechtigkeit unter anderem durch zielgruppenspezifische Empfehlungen gewidmet, z.B. für wohnungslose Menschen. Für die Zukunft könne man mitnehmen, dass in der Pandemie entstandene Kooperationen erhalten und ausgebaut werden sollten und community-basierte Arbeit gestärkt werden sollte. 

Die wichtigsten Punkte in der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmer*innen werden nachfolgend zusammengefasst.

Wie können bereits gemachte Pandemie-Erfahrungen (z.B. im Kontext HIV) verstetigt werden?

Zunächst wurde gefragt, ob die Bedarfe, die sich in marginalisierten Gruppen in der Pandemie zeigten, wirklich neu seien. So diskutiere man am Beispiel COVID-19 Dinge, die bezüglich HIV schon vor 25 Jahren diskutiert wurden. Man habe in der Vergangenheit bereits sehr viel über zukünftige Kooperationen gelernt. Die Pandemie habe in vielerlei Hinsicht bestätigt, was man bereits wisse, die drängendste Frage sei nun, wie man den Katalog an Pflichtaufgaben im ÖGD und dessen Erweiterung so formuliert, dass es tatsächlich zu einer Verstetigung der Aufgaben kommt – jenseits von persönlichem Engagement. 

Fehlt die Datenbasis oder der politische Wille? 

Nächstes Thema war die Quantifizierbarkeit der Versorgungsdefizite, die notwendig sei, um finanzielle und damit politische, inhaltlich fundierte Forderungen, z.B. nach mehr Personal zu formulieren. Es gehe darum, mit welchen konkreten Ressourcen Änderungen umgesetzt werden könnten. Zu diesem Punkt gingen die Meinungen im Teilnehmerkreis auseinander. Einige Diskussionsteilnehmer*innen stellten fest, dass die angeblich fehlende Datenbasis durchaus bereits vorhanden sei. Diverse Studienergebnisse belegten bereits den Zusammenhang zwischen einzelnen Faktoren der sozioökonomischen Lage und der gesundheitlichen Versorgung. So sei die wichtige Rolle von Sprachmittlung für die Gesundheitsversorgung längst bekannt. Mit den vorhandenen Zahlen könne auch ein genaues Bild gezeichnet werden, wie die pandemische Situation in den Unterkünften der Geflüchteten sei. Obschon exakte Zahlen zu bestimmten Gruppen schwierig zu erheben seien, z.B. zu wohnungslosen Menschen, sei die Datenbasis ausreichend, um daraus konkrete politische Forderungen zu erheben und notwendige Änderungen für eine verbesserte Versorgung benachteiligter Gruppen anzustoßen.  

Neue Rolle des ÖGD – Lyrik oder Politik?

Daraus ergab sich die Frage, ob es im Fachgespräch darum gehen solle, personalpolitische Ziele zu formulieren. Dies wurde zum Teil verneint. Es handle sich um ein überregionales Vernetzungstreffen mit Kolleg*innen, politische Maßnahmen könne man aber nicht ableiten. Dass sich die Situation im ÖGD verbessert habe, läge auch daran, dass mit »lyrischen Mitteln« erreicht worden sei, dass der ÖGD in der Pandemie viel bekannter und für Bewerber*innen wieder attraktiv geworden sei. Der ÖGD könne nicht dafür verantwortlich sein, alle Obdachlosen zu versorgen, vielmehr müsse es seine Aufgabe sein, prekäre Lebenslagen wie die von wohnungslosen Menschen oder Arbeiter*innen bei Tönnies zu verhindern. Der Fokus des ÖGD müsse auf der Pandemie-Prävention liegen, dann könne erst über eine bessere finanzielle Ausstattung geredet werden. In der Debatte wurde betont, dass die Unterschiede in der Ausstattung der Gesundheitsämter zwischen Stadt und Land riesig seien und zusätzlich zwischen den Bundesländern große Unterschiede existierten, was sich auch in verschiedenen Gesetzesgrundlagen der Länder zeige. 

Dieser Ansicht wurde allerdings energisch widersprochen: Eine neue Rolle des ÖGD entstehe nicht aus der »Lyrik« und nicht aus den Unterschieden in Ausstattung sowie persönlichem Engagement, sondern sei vor allem das Ergebnis politischen Willens – und damit auch einer Stärkung der fachlichen Ressourcen des ÖGD. 

Fazit und Ausblick

Zum Ende der Diskussion wurden die Referent*innen der Inputvorträge nochmals um ein kurzes Abschluss-Statement gebeten. Patrick Larscheid betonte, die einzelnen Gesundheitsämter in Berlin seien in der Pandemie besser zusammengewachsen und man könne so von einer besseren Vernetzung profitieren. Dies täte der Arbeit gut und gemeinsam könnten auch besser heikle Themen in die Öffentlichkeit transportiert werden. Sich zusammen zu tun und zu vernetzen, sei auch den Kolleg*innen in den Flächenländern zu raten. Navina Sarma hob hervor, dass es bei der Verbesserung der Zugangsgerechtigkeit vor allem darum gehe, strukturelle Diskriminierung und Ausschlüsse zu erkennen. Es sei besonders wichtig, den Menschen zuzuhören, für die der ÖGD da sein soll, um deren Perspektiven stärker berücksichtigen können. Sarah Lang schloss sich Navina Sarma an und fügte hinzu, dass das Bekämpfen von strukturellen Zugangsbarrieren zur Gesundheit eine der wichtigsten Aufgaben sein solle. Es gäbe außerdem große Kommunikationsdefizite zwischen verschiedenen Berufsgruppen, z.B. in der sozialen Arbeit tätigen und ÖGD-Mitarbeiter*innen, so dass sich ein regelmäßiger Austausch mit Vertreter*innen sozialer Einrichtungen als sehr sinnvoll erwiesen habe. Deutlich wurde abschließend das Interesse an weiteren derartigen Fachgesprächen. Ein mögliches Thema könnte die professionelle Zusammenarbeit mit anderen Berufen sein. 

Alexandra Sarah Lang ist Epidemiologin und Sozialwissenschaftlerin arbeitet im Gesundheitsamt Frankfurt in der Koordination humanitärer Gesundheitsdienste.

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Covid 19. Pandemie der Ungleichheit, Nr. 3, Oktober 2021)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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