GbP 3-2021 Nitschke

Keine Seuchenpolizei mehr

Heidrun Nitschke im Gespräch über den Öffentlichen Gesundheitsdienst in der HIV- und der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie ist nicht die erste Pandemie, die wir erleben. Kannst Du Vergleiche ziehen z.B. mit der HIV-Pandemie? Was war ähnlich, was ganz anders?

Heidrun Nitschke: Ja, man kann die beiden Pandemien vergleichen. Zunächst handelte es sich bei HIV wie bei SARS-CoV-2 um einen neuen Erreger, der am Anfang für erhebliche Unsicherheit sorgte – z.B. hinsichtlich der Bedeutung der Übertragungswege. Bei beiden gab es Irrwege, z.B. die groteske Überschätzung von Schmierinfektionen, die dazu führte, dass man Desinfektionstrupps, die aussahen wie Mondmännchen, auf Flughäfen und Straßen schickte, wo sie mit ihren Desinfektionsinstrumenten herumsprühten. Noch länger dauerte es, bis die Bedeutung der Aerosole klar war. Zudem gab und gibt es dann Mythen und Verschwörungstheorien zum Ursprung von SARS-CoV-2, wie sie auch gerade zu Beginn der HIV-Pandemie sehr verbreitet waren. 

Anders als bei HIV gab es bei COVID-19 relativ schnell vielfältige Erkenntnisse in Forschung und Medizin, die dank der Fortschritte in der Kommunikation auch sehr rasch weltweit geteilt wurden (zur Erinnerung: Mitte der 1980er Jahre befand sich das www allenfalls in den Anfängen…). Ebenso gab es mit dem PCR-Test rasch ein zuverlässiges und sensibles Testverfahren. 

Vergleichbar wiederum ist die Überschätzung von Tests als Mittel der Prävention: im Alltag der Bevölkerung, aber eben leider auch in der Medizin und vor allem in politischen Diskursen. Auch da gab es in der HIV-Pandemie Höhen und Tiefen. Ich erinnere mich vom Hörensagen – da war ich noch nicht in Köln –, dass in den 80er Jahren Hunderte von Menschen vor dem Gesundheitsamt Köln Schlange standen, um sich testen zu lassen – einerseits mit wilden Fantasien hinsichtlich ihrer Infektionsrisiken, andererseits mit der Idee, sich so ein für alle Mal »freitesten« zu können. Das Verständnis zu vermitteln, dass ein positives Testergebnis nicht gleichzusetzen ist mit einer Erkrankung und ein negatives Testergebnis immer nur eine Momentaufnahme darstellt, war bei HIV von zentraler Bedeutung und ist es jetzt auch wieder bei COVID.

Bei COVID ist ein positives Testergebnis nicht therapierelevant. Gleichzeitig gab und gibt es bei COVID die Idee, hochfrequentes Testen gerade in prekären Settings zur Prävention einzusetzen. Viele Menschen haben sich daran festgehalten. Wenn aber Arbeits- oder Lebensverhältnisse eine Übertragung begünstigen, muss primär an diesen etwas verändert werden. Die irrige Idee, dass ich mich bei einem negativen Testergebnis entspannt zurücklehnen kann und nichts ändern muss, war bei HIV durchaus ähnlich. Natürlich kann man sich nicht zurücklehnen, weil ein Testergebnis immer nur eine Momentaufnahme ist, das von x Faktoren abhängt und sich jederzeit ändern kann. Hinzu kommt diese Verunsicherung bei einem positiven Testergebnis: Warum passiert jetzt nicht sofort etwas? Warum werde ich nicht therapiert? Warum kümmert sich kein Arzt um mich? Auch da gab es Parallelen – dass in Fachkreisen, in der breiten Bevölkerung und auf politischer Ebene Konsequenzen von Testergebnissen nicht verstanden wurden. Bei HIV gab es einen Umbruch, als ein positives Testergebnis therapierelevant wurde. Jeden dieser Punkte müsste man sich eigentlich noch mal gesondert anschauen: Was ist da passiert im Laufe dieser anderthalb Jahre Pandemie?

Worauf die mir bis jetzt bekannte Literatur relativ stark abhebt, ist die Diskriminierung und Zuschreibung wegen des geographischen Ursprunges, also dieses Thema »chinesisches Virus« bei COVID und »afrikanisches Virus« bei HIV. Auch gibt es Parallelen zu HIV in der Veränderung besonders betroffener Gruppen und nachfolgend der Suche nach Schuldigen. Wie bei HIV spielte bei COVID anfangs eher eine global mobile, relativ privilegierte Bevölkerungsgruppe eine Rolle, Reisende, Geschäftsleute, Skitouristen, naja, auch die Karnevalisten. Aber dann kam es ziemlich schnell zur Verschiebung hin zu Menschen in Armut, in prekären Arbeitsverhältnissen, in schlechten Wohnverhältnissen lebende Bevölkerungsgruppen und zur Aufregung wegen deren vermeintlich nicht präventionskonformen Verhalten. Da gibt es eine ganze Menge Parallelen. Was ich am Anfang interessant fand, ist eher anekdotisch: die Diskussion, dass Masken »kulturfremd« sind in unserem Kulturkreis. Wo ich dachte: Hey Leute, das hatten wir doch auch alles schon mal: »An Kondome gewöhnt sich kein Mensch. Kondome sind kulturfremd.« 

Ganz klar gibt es natürlich den Unterschied beim Übertragungsweg und der ist zentral für die konkreten Präventionsmaßnahmen. HIV wird wie andere sexuell übertragbare Erreger primär bei intimen Begegnungen übertragen, und da geht es wesentlich um Eigenverantwortung. Wir haben bei HIV immer insistiert: Wenn zwei Erwachsene mehr oder weniger einvernehmlich eine sexuelle Beziehung eingehen, sind beide gleichermaßen für Schutzmaßnahmen verantwortlich. Staatliches Handeln muss Wissen bereitstellen und Möglichkeiten, sich zu schützen. Das ist ganz anders bei einem primär aerogen übertragenen Erreger, der über Aerosole praktisch überall vorhanden ist. Hier ist der Selbstschutz weit schwieriger,   bevölkerungsbezogene Prävention und entsprechende Botschaften haben einen ganz anderen Stellenwert. 

Welche guten Erfahrungen habt Ihr gemacht in der HIV-Pandemie, die man heute gut gebrauchen könnte? Ist die Erinnerung daran z.B. im ÖGD oder konkret in den Gesundheitsämtern präsent und wird sie genutzt? 

Eine der wichtigsten Erfahrungen aus der HIV-Prävention ist, dass Prävention lebensweltnah sein muss. Dazu muss man die Lebenswelten in den Blick nehmen. Bei COVID aber dann im Unterschied zu HIV eben nicht nur die privaten Welten, sondern auch z. B. Arbeitswelten, Schulwelten, Mobilitätswelten. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die viel zu zögerlich kam. Das heißt dann: Verhältnisprävention und nicht nur Verhaltensprävention. Die zweite Erfahrung ist die Bedeutung aufsuchender Gesundheitsangebote. Aus den Modellprojekten in der frühen HIV-Pandemie in den 80er Jahren wissen wir, dass sie elementar wichtig sind, um Menschen zu erreichen. Ein systematischer Transfer dieser Erfahrungen hat nicht stattgefunden! Beispiel Impfungen: Monate vergingen, bis man darauf reagierte, dass die hochschwelligen Terminvereinbarungen in den Impfzentren der vielfältigen Lebensrealität von vielen Menschen nicht gerecht werden. Einzelne Gesundheitsämter waren hier Vorreiter, aber vielerorts hat es sich immer noch nicht durchgesetzt. 

Die dritte wichtige Erfahrung ist die Bedeutung angemessener Kommunikation, angemessener Sprache, die Nutzung verschiedener Medien und Zugänge, Kampagnenpolitik etc. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) verfügt, was HIV angeht, über so viele gute Erfahrungen. In der COVID-Pandemie war dagegen die Information lange Zeit viel zu dröge und zu wenig lebensweltnah, von Mehrsprachigkeit ganz zu schweigen. 

Die Erfahrungen mit HIV waren zwar präsent in den Gesundheitsämtern. HIV wurde aber immer als Sonderfall betrachtet, und die in diesem Bereich Arbeitenden sahen sich selbst als etwas Besonderes. Dies war auch eine Art Selbstschutz, um nicht von der traditionellen Seuchenhygiene vereinnahmt zu werden. Sie haben immer betont: Wir müssen unseren Sonderstatus erhalten, damit anonyme Beratung, Diagnostik und Versorgung, Zielgruppennähe, aufsuchende Arbeit erhalten bleibt. Dadurch kam allerdings dann der Transfer von Wissen und Erfahrungen der HIV-Prävention in andere Bereiche der Infektiologie zu kurz, wie Tuberkulose oder Skabies in den Unterkünften für Geflüchtete oder er wurde gar nicht erst versucht. Es ist eine Untersuchung wert, wie viele Menschen aus dem HIV-Bereich dann in den Gesundheitsämtern im vergangenen Jahr zum Thema COVID gearbeitet haben und wie weit es für sie möglich war, ihre spezifischen Erfahrungen einzubringen und zu übertragen. Angesichts der Dynamik der COVID-Pandemie vermute ich eher, dass es hieß: »Eure Flausen könnt Ihr Euch aufheben, wenn es wieder um sexuelle Gesundheit geht, jetzt weht hier ein anderer Wind, jetzt ist ›richtige‹ Seuchenpolitik angesagt.« 

Wie meinst Du das? Der Begriff Seuchenpolitik ist negativ konnotiert und geht in Richtung »Gesundheitspolizei«? Das ist ja ein Image, das Gesundheitsämtern gelegentlich anhaftet. (Wo) ist dieser Ruf berechtigt? Inwiefern hindert er die Kommunikation mit Risikogruppen?

Der ÖGD hat ja zwei Wurzeln: Einerseits die staatliche Eingriffsverwaltung mit hoheitlichen Aufgaben. Beim Infektionsschutz ist sie in manchen Situationen durchaus als Ultima Ratio erforderlich ist, z.B. Einrichtungen schließen, weil sie gesundheitsgefährdend sind, Bauvorhaben verbieten usw. Aus meiner Sicht haben Gesundheitsämter hier sogar zu wenig Macht. Das hängt nicht zuletzt auch daran, dass das Thema öffentliche Gesundheit und damit der ÖGD in der Gesellschaft und auch in der Ärzteschaft zu wenig wertgeschätzt worden ist. Man glaubte die großen Infektionen überwunden und sah (noch) keine Notwendigkeit, den ÖGD mit Eingriffsrechten bei der Abwehr anderer gesundheitlicher Gefahren auf Bevölkerungsebene auszustatten. Aus meiner Sicht wäre hier ein Mehr durchaus sinnvoll und notwendig, wenn ich an Themen wie Klimafolgen, Verkehr, Umweltgifte etc. denke.

Ein anderes Beispiel sind die Gemeinschaftsunterkünfte für Geflüchtete. Ganz früh in der COVID-Pandemie hätten die Gesundheitsämter die Chance haben sollen zu sagen: Diese Unterkunft ist, so wie sie ist, mit engen Fluren, wenigen Sanitärräumen und großen Mehrbettzimmern unter gesundheitlichen Gesichtspunkten nicht vertretbar, hier muss nach Alternativen gesucht werden. Das ist viel zu zögerlich geschehen. Dafür müssten Empfehlungen von Institutionen wie dem RKI einen stärker bindenden Charakter haben, wie z. B., dass in einem Zimmer maximal vier Personen, die nicht zu einer Familie gehören, untergebracht werden dürfen, Personen mit hohem Risiko für einen schweren Verlauf gar nicht erst in eine Gemeinschaftseinrichtung gehören etc. Aber diese Macht hat der ÖGD so nicht und erst recht nicht einzelne Gesundheitsämter. 

Dagegen war bei HIV, einer Infektion, die sich fast ausschließlich in privaten Beziehungen vollzieht, ganz klar kein hoheitliches Handeln angebracht, sondern anonyme Beratungs- und Testangebote. Auch bei den meisten anderen Infektionen geht es primär um lebensweltnahe Prävention und nur in extremen Einzelfällen um »seuchenpolizeiliche« Eingriffe gegenüber einzelnen Personen. Das Infektionsschutzgesetz betont dies und setzt auf Pflichten vor allem im Meldewesen und bei Institutionen. Aber diese Einsicht – dass es eher Angebote braucht als Eingriffe – hat sich hinsichtlich der meisten Infektionen noch nicht durchgängig im ÖGD durchgesetzt. 

Die andere Wurzel des ÖGD ist die Gesundheitsfürsorge, die Leistungen für Gruppen oder Menschen, die aus welchem Grund auch immer von unserem Kassen- und Gesundheitssystem nicht erreicht werden. Dies ist eine uralte Diskussion: Was sind die Lücken eines beitragsfinanzierten Versorgungssystems? Überlässt man bestimmte sogenannte subsidiäre Leistungen der Wohlfahrt oder ist es eine staatliche Aufgabe, hier steuerfinanziert eine angemessene Versorgung zu garantieren? In der HIV-Pandemie wurden von den Gesundheitsämtern Lücken der beitragsfinanzierten Versorgung geschlossen durch anonyme Beratungs- und Testangebote, durch aufsuchende Prävention, durch Substitution und medizinische Versorgung für suchtkranke Menschen. Und im breiteren Thema sexuelle Gesundheit war der ÖGD in den letzten 20 Jahren nicht nur subsidiär, sondern komplementär zum Versicherungssystem tätig. Da gab es – nicht immer geschichtsbewusst, sondern einfach als Reaktion auf Bedarfe – ein Anknüpfen an alte ÖGD-Traditionen. Schwangerenvorsorge, die sogenannten »Mütterberatungsstellen«, das gab es bis Anfang der 1950er Jahre, für alle Frauen wohnort- und bevölkerungsnah. Sicher muss hier sehr genau darauf geachtet werden, dass solche Dienste nicht nur für marginalisierte Gruppen bereitgestellt werden, weil sonst die Gefahr besteht, dass sie in der »Dialektik von Kontrolle und Fürsorge« auch wieder ein Missbrauchspotential haben. Bei HIV ist das ja durchaus gelungen. 

Dies leitet über zu den so genannten Risikogruppen: Bei HIV hieß es: Es gibt keine Risikogruppen, es gibt Risikoverhalten und es gibt riskante Verhältnisse. Risikogruppen war ein Unwort. Auch hinsichtlich COVID gibt es nicht Risikopersonen. Es gibt einerseits Personen mit einem Risiko für schwere Verläufe, andererseits Personen, deren Lebens-, Wohn- und Arbeitssituationen riskant sind und die einen schlechteren Zugang zu Information und Wissen haben. Dies alles kann auch ein riskanteres Verhalten nach sich ziehen. Und innerhalb dieser Gruppen gibt es – teilweise durchaus zu Recht – ein Misstrauen gegen eine Eingriffsverwaltung, die ja oft nicht eben hilfreich ist bei der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, sondern eher individuelles Verhalten sanktioniert. Beim Thema COVID ganz blöde und banal: Bei der Firma Tönnies zum Beispiel das seuchenpolizeiliche Abschotten der Wohneinrichtungen der Arbeiter*innen durch das Ordnungsamt, während das Gesundheitsamt sagt, die Unterbringung und die Arbeitsverhältnisse sind das Problem, aber daran letztlich wenig ändern kann. In dieser Hinsicht würde ich mir sogar mehr Eingriffsverwaltung durch das Gesundheitsamt wünschen, auch mehr Macht, nicht nur kluge Statements und gute Papiere wie z.B. vom RKI  zum Thema Unterkünfte oder zur COVID-Prävention in schwierigen Lebensverhältnissen. Gerade bei heiklen Themen fehlt dem ÖGD oft die Macht, unbequeme Erkenntnisse auszusprechen und das Geld, um Maßnahmen umzusetzen, die den so genannten Risikogruppen zugutekommen. Da heißt es dann: Du hast ja Recht, aber so scharf darfst Du das nicht formulieren, und es ist auch nicht umsetzbar. 

Wenn aber das Gesundheitsamt aus seiner Fachlichkeit heraus für Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen Partei nimmt und ihnen Angebote macht, wird es nicht als Seuchenpolizei wahrgenommen. Eine Anekdote aus meiner Zeit im Kölner Gesundheitsamt: In einer Befragung papierloser Menschen nannten diese die Ausländerbehörde als das ihnen in Köln bekannteste »Amt«. Danach befragt, wohin sie sich bei medizinischen Problemen wenden würden, sprachen viele von der »Klinik« oder »der Ärztin am Neumarkt« (dem Standort des Fachdienstes sexuelle Gesundheit im Gesundheitsamt). 

Wie könnte jetzt eine systematische Sicherung von Erfahrungen, Schwierigkeiten und Handlungsansätzen aussehen? Darüber haben wir ja auch bei der ÖGD-Online-Veranstaltung des vdää am 25. August gesprochen .

Definitiv braucht es im ÖGD mehr begleitende Forschung, aber dafür braucht es Freiräume, Personal, Geld und eine angemessene technische Ausstattung. Es braucht – das hat so einen langen Bart! – eine bessere Verknüpfung von universitärer Public Health mit praktischem Handeln im ÖGD. Dem stehen allerdings auf beiden Seiten Hindernisse entgegen: auf der akademischen Seite eine gewisse Arroganz gegenüber den Mühen des Alltags in den Gesundheitsämtern, auf Seite der Gesundheitsämter – das kann ich jetzt aus dem Ruhestand sagen – eine gewisse Beleidigtheit gegenüber denen, die ihnen sagen, wie sie idealerweise arbeiten sollten, während sie das mühselige Klein-Klein aushalten und dabei ganz oft am Limit arbeiten müssen. Hier müssen viele Gräben überwunden werden, wie z. B. in dem aktuellen Ansatz des Zukunftsforums Public Health. Diese getrennte Entwicklung von Public Health und öffentlichem Gesundheitswesen ist ein spezifisch deutsches Problem und nicht zuletzt Ergebnis des Faschismus. Wichtige Forschungsergebnisse dazu finden sich z.B. in den Arbeitsberichten zu verschütteten Alternativen in der Gesundheitspolitik der Universität Bremen. Leider sind diese Erkenntnisse aus den 70er/80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im ÖGD heute auch schon wieder verloren gegangen. 

Welcher Reformbedarf für den ÖGD wurde in der Pandemie offensichtlich? Welche Reformen müssen jetzt angegangen werden? 

Gesundheitsämter brauchen mehr zeitliche und finanzielle Spielräume. Das heißt aber auch, dass der Bund sich da stärker finanziell engagieren muss, wie seinerzeit mit den Modellprojekten im HIV/Aids-Bereich. Aktuell sind viele Angebote in den Gesundheitsämtern von der Finanzkraft der einzelnen Kommunen oder Landkreise abhängig. Städte, die unter Haushaltssicherung stehen – wie viele Ruhrgebietskommunen – können sich weder längerfristige Projekte leisten noch sinnvolle Forschung. Mit dem jetzt in der COVID-Pandemie initiierten und mit viel Geld ausgestatteten Pakt für den ÖGD ist vielleicht ein Aufbruch möglich, auch durch die neue Kontaktstelle ÖGD beim RKI. Außerdem braucht es eine stärkere Berücksichtigung des Themas ÖGD schon in der Ausbildung verschiedener Berufsgruppen, vor allem aber im Medizinstudium. Aktuell beschränkt sich das meist auf ein bis zwei Vorlesungen, um in wenigen Stunden im Schnelldurchlauf den ÖGD zu erklären, seine Geschichte, seine Aufgaben, seine Möglichkeiten. Bevölkerungsmedizinische Ansätze müssen in der ärztlichen Ausbildung einen anderen Stellenwert haben, soziale Bedingungen von Krankheit und Gesundheit, Statistik, Epidemiologie. Meine Erfahrung ist, dass nur wenige Medizinstudierende für Gesundheit relevante soziale Faktoren kennen, Strukturen verstehen oder epidemiologische Zusammenhänge begreifen. Wie sollen die motiviert und fähig sein, im ÖGD zu arbeiten?

Ich glaube, dass nur wenige Ärzt*innen in der Lage sind, eine Pharmastudie kritisch zu lesen…

Vergiss es. Das gilt aber auch für andere Berufsgruppen, die im ÖGD arbeiten, wie die soziale Arbeit. Diesen fehlt leider zusätzlich oft medizinisches Basiswissen, wie z. B.: Was ist der Unterschied zwischen Schmierinfektionen, aerogen übertragenen Erregern und blood borne infections? Wo ist ein Handschlag gefährlich und wo nicht? Wann und wo müssen Desinfektionsmittel eingesetzt werden und wann nicht? Welche Erreger vermehren sich im Kartoffelsalat, welche in Aufzügen und welche brauchen Sex für die Übertragung? Welche Bedeutung hat das für die Risikokommunikation? Hinzu kommt auch hier eine mangelhafte Ausbildung in Epidemiologie und Statistik, also fehlende Grundlagen, um Erfahrungen zu systematisieren. Ich würde sagen, es braucht mehr und bessere Ausbildung, Weiterbildung, Forschung, Verknüpfung von Theorie und Praxis. 

Dennoch will ich ganz allgemein eine Lanze für den ÖGD brechen. Es gibt da jede Menge engagierte Menschen mit vielfältigen und beeindruckenden Kompetenzen. Aber jenseits der nackten so genannten Pflichtaufgaben hat der ÖGD für viele seiner Angebote je nach Bundesland oder sogar je nach Kommune keinen verbindlichen Auftrag. Je nach Bundesland haben die ÖGD-Gesetze unterschiedliche Soll-, Kann-, Muss-Bestimmungen, die muss man immer schön lesen. Und im Zweifelsfall entscheidet der Kämmerer der Stadt X anders als der Kämmerer der Stadt Y, welche konkreten Leistungen zur Aufgabenerfüllung des Gesundheitsamtes erforderlich sind. Das bedeutet, dass viel zu oft die Haushaltslage einer Kommune, eines Kreises maßgeblich ist für die finanzielle Ausstattung und damit auch für die personelle Ausstattung eines Gesundheitsamtes und nicht der konkrete Bedarf bzw. die Fachlichkeit. Natürlich fehlen in vielen Bereichen auch Indikatoren. Diese zu erarbeiten hat auch etwas zu tun mit der systematischen Sicherung von Erfahrungen. Immerhin gab es da in der COVID-Pandemie einen Quantensprung, indem jetzt in aller Öffentlichkeit über die Bedeutung von Indikatoren diskutiert wird: Was ist die Aussagekraft von Inzidenzen, von Hospitalisierungsraten, wie lassen sich Bedarfe abbilden usw. Wie kann ich Bedarfe und Angebote messen? Gibt es überhaupt Daten dazu? Und natürlich gibt es auch Angst vor den Daten, denn die könnten Unangenehmes zu Tage fördern oder in der Interpretation missbraucht werden. Das ist nicht nur ein Problem der großen Politik. Es gibt andererseits auch tolle partizipative Forschung – im Bereich sexuelle Gesundheit und HIV hat das RKI in den letzten Jahren eine ganze Menge gemacht. Aber es braucht mehr und es braucht natürlich Konsequenzen daraus. Auch hier wieder waren Menschen, die im ÖGD im Bereich HIV und sexuelle Gesundheit arbeiteten, schon vor einigen Jahren aktiv und hatten solche Indikatoren zu sexueller Gesundheit erarbeitet. 

Können wir noch mal auf die Frage nach dem Geld zurückkommen? In der allgemeinen Öffentlichkeit scheint das Einzige, was man in den letzten Wochen als Forderungen wahrgenommen hat, die Frage nach der besseren Bezahlung der Ärztinnen und Ärzte im ÖGD zu sein. Hältst Du die auch für besonders dringlich? Würde das wichtige Probleme lösen?

Wenn der ÖGD gutes fachärztliches Personal bekommen will – und ich bin überzeugt, dass er dringend mehr fachärztliches Wissen und Standing braucht – dann spielt das Thema Bezahlung schon eine Rolle. Beim Wechsel aus einer Leitungsposition z. B. in der Krankenhaushygiene oder Infektiologie in einer großen Klinik in den ÖGD ist die Verantwortung ja nicht geringer und Überstunden oder Rufdienste gibt es auch: Wenn dann das Gehalt deutlich geringer ausfällt, schreckt das – zusammen mit der geringeren Wertschätzung – sehr wohl manche ab. Gerade Menschen, die sich familienfreundliche Arbeitszeiten wünschen und für die der Verdienst nicht so relevant ist, gehen bewusst in den ÖGD. Für diese spielt dann das Strukturelle eine größere Rolle, und hier erleben sie dann Enttäuschungen. So sind die Arbeitszeiten im ÖGD auch außerhalb von Pandemiezeiten nicht immer so idyllisch, wie man sich das vorstellt. Bei eiligen Anfragen aus dem Stadtrat fallen durchaus mal Überstunden zu nächtlicher Zeit an und wer in der Infektiologie in einer verantwortlichen Position arbeitet, muss z.B. bei einem Meningokokken-Ausbruch auf einer Kinderstation tagelang auch rund um die Uhr erreichbar sein. Aufsuchende Präventionsarbeit auf der Straße abends und nachts im Schichtdienst ist durchaus vergleichbar mit Spät- und Nachtdiensten in der Notaufnahme im Krankenhaus. Wenn das anerkannt wird, könnte ich mir vorstellen, dass sich die Frage der Bezahlung von selbst anders stellt. 

Die Problematik der Wertschätzung ist für mich in einer Publikation von Anton Labisch gut nachvollziehbar dargestellt: Der Hausarzt arbeitet wesentlich patientenbezogen und erfährt darin Dank und Anerkennung. Ein Facharzt erfährt Wertschätzung vorwiegend im interkollegialen Austausch. Ärztliches Handeln im öffentlichen Gesundheitswesen richtet sich dagegen an eine diffuse Öffentlichkeit, an Politik, Verwaltung und andere Institutionen. Hier ist Anerkennung nur sehr vermittelt erfahrbar und – erst recht in Zeiten neuer Medien – auch oft wankelmütig. Ich kenne eine Reihe von ärztlichen Kolleg*innen im ÖGD, die auch deswegen das individuelle Arzt-Patient-Verhältnis sehr vermissen. In der individuellen Beratung und Versorgung im Bereich sexuelle Gesundheit, der Versorgung von marginalisierter Gruppen oder der Suchtmedizin sehen viele die Chance, auch im ÖGD vor allem »guter Doktor« zu sein. Das ist hilfreich beim Durchhalten, birgt aber die Gefahr, dass strukturelles Handeln zu kurz kommt. 

Die COVID-Pandemie hat zu einer neuen Anerkennung des ÖGD und der Gesundheitsämter in der Fachwelt und in der öffentlichen Wahrnehmung geführt. Das bietet nicht nur die Chance, den »Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen« und andere Berufsgruppen im ÖGD aufzuwerten. Hier öffnet sich ein Fenster für weiter reichende Veränderungen, vergleichbar mit dem Aufbruch aus den verknöcherten Strukturen der Seuchenhygiene durch die HIV-Pandemie. Ich hoffe sehr, dass es gelingt, diesen Moment zu nutzen. 

Heidrun Nitschke ist Ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe; 28 Berufsjahre im ÖGD mit den Schwerpunkten sexuell übertragbare Infektionen, sexuelle Gesundheit, Migration, Gesundheitsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung; seit 2018 Rentnerin; mehrere Jahre in der Härtefallkommission NRW; aktuell im Beratungsstab des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in NRW zu COVID-19 in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Covid 19. Pandemie der Ungleichheit, Nr. 3, Oktober 2021)

 


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf