GbP 3-2021 Editorial

Liebe Leser*innen,

die gute Nachricht zuerst: So wie es aktuell aussieht, werden wir die diesjährige Jahreshauptversammlung nicht im Internet machen, sondern als physisches Treffen in Berlin. Die Abwägung vom Wert »echter Kommunikation« gegen Risiko und Aufwand für Hygienemaßnahmen hat uns zu dem Schluss kommen lassen, dass wir es mit Auflagen wieder versuchen können. Zurück also zur Normalität? Oder besser gesagt, zu dem Teil der Normalität, der gut und verteidigenswert war und ist.

Und der Rest? »Pandemie der Ungleichheit« haben wir dieses zweite Heft zu COVID-19 betitelt. Und damit sind wir mittendrin in der von uns kritisierten und bekämpften Normalität. Ben Wachtlers Aufsatz leitet ein und zeigt, dass das Risiko für eine Infektion und einen schweren klinischen Verlauf wesentlich von den sozialen Determinanten der Gesundheit abhängt, dabei bekannten Mustern gesundheitlicher Ungleichheit folgt und diese potentiell weiter verschärfen wird.
Weltweit stellte sich schnell heraus, dass People of Color (POC) sowohl bei den bestätigten Fällen als auch bei den Hospitalisierungen und Sterbefällen in Zusammenhang mit COVID-19 deutlich überrepräsentiert waren und dass ein Teil dieser Unterschiede auf Ungleichheit im sozioökonomischen Status zurückzuführen ist, die wiederum durch die systematische und strukturelle Ungleichverteilung von Macht und Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft bedingt ist. Allerdings sind gesundheitliche Ungleichheiten nach Ethnizität nicht allein darauf zurückzuführen, sondern weisen weitere spezifische Muster rassistischer Diskriminierung auf, die über die Diskriminierung in Bezug auf materielle Ressourcen und gesellschaftlichen Status hinausgehen. Zu diesem so wichtigen Zusammenhang wollten wir auch einen eigenen Text in diesem Heft haben, der uns auch fest zugesagt war. Leider erkrankte die Autorin und sagte kurz vor Redaktionsschluss ab, so dass wir auf die Schnelle keinen adäquaten Ersatz dafür finden konnten. Wir sind uns der Lücke bewusst und hoffen, einen solchen Text in einer der nächsten Ausgaben nachreichen zu können.

Dass die Pandemie auch Genderaspekte aufweist, zeigen Anne-Sophie Windel, Hannah Gajsar und Amma Yeboah in ihrem Text. Phil Dickel vergleicht die Erfahrungen der Poliklinik Veddel in Hamburg mit Corona mit den historischen Erfahrungen in den armen Teilen der Hansestadt während der Cholera-Epidemie mit fast 10.000 Toten, von denen die meisten aus der Arbeiter*innenklasse stammte. Dieser verheerende Ausdruck der zunehmenden Klassenspaltung der Gesellschaft führte damals zu großen sozialen Bewegungen, die Phil Dickel schließen lassen mit der Hoffnung, dass es in der kommenden Post-COVID-Phase ebenfalls zu neuen sozialen Bewegungen und Kämpfen kommen wird, die die organisierte Verantwortungslosigkeit im Kapitalismus in Frage stellen und die sozial-ökologische Transformation vorantreiben. Ein Thema, dem sich auch das diesjährige Gesundheitspolitische Forum widmen wird…

Christoph Butterwegge dekliniert uns noch einmal im Konkreten vor, wie sich der Zusammenhang von Corona, Armut und Gesundheit in Deutschland darstellt; Eva Klotz, Barbara Niedermaier und Lena Rummel zeigen dies an einer besonders vulnerablen Gruppe, den Menschen ohne Papiere. Diese sind in der Corona-Pandemie nicht nur von Krankheit bedroht, sondern auch von der Übermittlungspflicht von medizinischen und öffentlichen Institutionen. Die Autorinnen verweisen auf eine auch vom vdää unterstützte »Petition gegen die Übermittlungspflicht §87 Aufenthaltsgesetz«, um den Zugang zu medizinischer Versorgung ohne die Angst vor Abschiebung zu ermöglichen.

Dies ist auch ein Aspekt im Gespräch mit Heidrun Nitschke über den Öffentlichen Gesundheitsdienst in der HIV- und der Corona-Pandemie. Vor allem aber geht es hier wie auch in der ÖGD-Veranstaltung des vdää, über die Alexandra Sarah Lang im Anschluss berichtet, darum, wie der ÖGD verbessert werden könnte und wie die guten Erfahrungen und Praxen, die dort in der HIV- und in der COVID-Pandemie gemacht wurden, verstetigt und an die nächsten Generationen weiter vermittelt werden können.

Global stellte sich die Frage der Ungleichheit schon früher viel brutaler; mit der Pandemie wird es aber noch schlimmer: Andreas Wulf zeigt, dass sich die globale Ungleichheit mit COVID verschärft und zwar nicht nur beim Zugang zu Impfstoffen, sondern vor allem wegen der ökonomischen Folgen der Lockdowns, der Wirtschafts- und Verschuldungskrisen, die eine weitere Abwärtsspirale in Gang setzen, wenn es nicht größte Widerstände dagegen und grundsätzliche Änderungen an der weltweiten Verteilung des Reichtums geben wird. Auch dies kein Job, mit dem wir die Menschen im globalen Süden alleine lassen können. Hier sind auch wir gefragt. Rückkehr zur Normalität verbietet sich.

Zuletzt berichtet Stefan Schoppengerd vom Streik der Beschäftigten von Charité und Vivantes, die bei Drucklegung bei Tag 21 angelangt waren, ohne dass die Arbeitgeber*innen sich wesentlich auf sie zubewegt haben. Der Kampf um andere Regeln in der Daseinsvorsorge, ob bei Gesundheit oder auch beim Wohnen, gewinnt im Spätsommer 2021 eine neue Qualität – zumindest in Berlin. Dass die Mehrheit der Wähler*innen in Berlin der Forderung nach Enteignung großer Immobilienkonzerne wie »Deutsche Wohnen« zugestimmt haben, hat historische Qualität und ist auch für unsere Kämpfe im Gesundheitswesen bedeutsam. Vielleicht bedeutsamer als die Ergebnisse der Bundestagswahl…

Darüber können wir dann bei der JHV streiten.

Wir freuen uns auf Euer Kommen und wünschen gute Lektüre.



 


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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