GbP 2-2021 Detje / Sauer

Umkämpfter Arbeits- und Infektionsschutz

Richard Detje und Dieter Sauer zur Corona-Krise im Betrieb

Von den Krankenhäusern abgesehen, war die Arbeitswelt nicht im Fokus der Öffentlichkeit und auch nicht staatlicher Maßnahmen. Der Lockdown ab November 2020 konzentrierte sich wieder auf Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich und auf die Schließung von privaten und öffentlichen Dienstleistungsbranchen mit starkem Kundenkontakt. Die Beschäftigten in der Industrie und anderen Teilen des Dienstleistungssektors waren weiter dem Infektionsgeschehen ausgesetzt und leisteten im Zweifelsfall so selbst einen »Beitrag« zur Verbreitung des Virus – entweder durch Kontakte im Betrieb oder aber wegen der Infektionsrisiken auf dem Weg zum und vom Arbeitsplatz. Um den Schleier, der auf der Arbeitswelt liegt, etwas zu heben, haben Richard Detje und Dieter Sauer vom April bis Juli 2020 mit Betriebs-, Personalrät*innen und Gewerkschaftssekretär*innen aus der Metall- und Elektroindustrie (Automobilindustrie und Zulieferer, IT und Automatisierungstechnik, Maschinenbau, Werkzeughersteller) sowie aus unterschiedlichen Dienstleistungsbereichen (wie Pflege, Einzelhandel, Post, Logistik und Luftverkehr, Telekommunikation und Öffentlicher Dienst) Interviews durchgeführt, um zu erfahren, wie diese die »Corona-Krise« in ihren arbeitsweltlichen Bezügen erlebt haben. Wir dokumentieren einen Teil aus dem im März bei VSA erschienen Buch.

Infektionsherd Betrieb

Bisherigen Erkenntnissen zufolge verbreitet sich das Virus SARS-CoV-2 in den meisten Fällen durch Kontakte in den »eigenen vier Wänden«, also im privaten Haushalt, in Wohnstätten, Alten- und Pflegeheimen, in Flüchtlingsunterkünften sowie Wohnheimen.1 Der öffentliche Raum – dem in der Diskussion über Kontaktbegrenzungen oft eine herausragende Rolle als Infektionsherd zugeschrieben wird – scheint im Vergleich dazu weniger Übertragungsrisiken aufzuweisen. Weniger auch als die Arbeitswelt, der weit über den ersten Lockdown hinweg eine große Bedeutung bei der Übertragung des Virus bzw. der Minimierung der Infektionsgefahren und damit bei der Pandemiebekämpfung zukommt. Das betrifft nicht nur spektakuläre Fälle wie in der Fleischindustrie, wo zwischen der 20. und 30. Woche der Fallmeldungen eine hohe Infektionsrate auf inhumane Arbeitsbedingungen und eklatante Verstöße gegen Auflagen des Gesundheitsschutzes hinwies. Mit der verstärkten Wiederaufnahme von Produktion und Geschäftstätigkeit nach der ersten Corona-Welle hat die Bedeutung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in den Betrieben noch zugenommen.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und das IAB haben in repräsentativen Betriebsbefragungen die wesentlichen Maßnahmen zum betrieblichen Gesundheitsschutz gemäß SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard und Arbeitsschutzregel untersucht (Robelski u.a. 2020). Danach kann zwischen Verhaltens- und Hygienemaßnahmen einerseits sowie technischen und arbeitsorganisatorischen Schutzmaßnahmen andererseits unterschieden werden. Erstere kommen am häufigsten zur Anwendung – vom verbindlichen Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung (66% der befragten Betriebe), über vermehrtes Lüften (75%) bis hin zu Maßnahmen zur besseren Handhygiene (88%). Technische und organisatorische Veränderungen erfolgten demgegenüber seltener. In nur etwa einem Drittel der Betriebe sind Arbeitszeit- und Pausenregeln verändert sowie Schutzscheiben eingebaut worden, um eine Aerosolübertragung des SARS-CoV-2 zu minimieren. Mobilarbeit wurde in einem Viertel der ­Betriebe eingeführt und in 20% von ihnen wurden Klima- und Lüftungsanlagen nach ihrer Wirksamkeit überprüft. Auch Maßnahmen zum Schutz gesonderter Risikogruppen fallen in 22-29% der Betriebe deutlich hinter den verhaltensbezogenen Gesundheitsschutz zurück.

Wer die Maßnahmen veranlasst hat, ist der Befragung eindeutig zu entnehmen: In 98% der Betriebe war und ist es die Geschäftsleitung. Durch die Intervention »von oben« sei laut BAuA/IAB auch sichergestellt, dass »Maßnahmen zum Arbeitsschutz und zur Gesundheitsförderung auf dem gesetzlich geforderten Qualitätsniveau« realisiert werden. Allerdings, so kann man den Befunden entnehmen, auf einem nicht sonderlich hohen Niveau, da vor allem verhaltensbezogene Maßnahmen im Vordergrund standen. »Andere Personengruppen waren nach Auskunft der befragten Betriebe deutlich seltener an Erstellung und Um­setzung entsprechender Maßnahmen beteiligt. Für den Arbeits- und Gesundheitsschutz Zuständige wie Fachkräfte für Arbeitssicherheit oder Betriebsärzte wurden von rund 44 % der Betriebe hinzugezogen.« Den Expert*innen kommt damit in einer Mehrheit der Betriebe – vor allem Klein- und Mittelbetriebe – eine geringere Bedeutung zu. Und es gibt eine zweite Botschaft, die interessenspolitisch noch stärker ins Gewicht fällt: »Die Einbindung von Arbeitnehmervertretungen wurde von 15% der Betriebe bejaht.« (Ebd.: 3) Das liegt sogar noch leicht über dem Anteil der Betriebe, in denen die Interessenvertretung über einen nach Betriebsverfassungsgesetz gewählten Betriebsrat erfolgt.2 Die negative Botschaft lautet mithin: In mehr als vier Fünfteln der Betriebe findet der Kampf um die Maßnahmen gegen das Infektionsgeschehen und um deren Qualität ohne gewählte Interessenvertretungen statt.

Die Erfahrungen, die in unseren Interviews mit Betriebs- und Personalräten ausgebreitet werden, geben mithin nur einen kleinen, positiv überzeichneten Ausschnitt der interessenspolitisch weitgehend kargen Wirklichkeit wieder. Sie zeigen, wie »kleinteilig« das Geschäft der Interessenvertretung ist, aber wie wichtig gerade in den Regelungsdetails deren Bedeutung ist. Der Betriebsrat eines Logistikunternehmens in der automobilen Wertschöpfungskette, der entschieden Wert darauf legt, nichts »unter der Hand« zu machen, sondern eng am Betriebsverfassungsgesetz entlang die erforderlichen Vereinbarungen zu treffen, beschreibt die Arbeit im Detail:

»Wir haben also jetzt Pandemieverantwortliche, Altersteilzeitler, auch teilweise Auszubildende, die Klinken putzen, die Desinfektionsmittel nachbestellen, wir haben das Ausstellen der Atemschutzmasken, wir haben auch Arbeitsplätze verändert, dass sie weiter auseinander sind die Kollegen. Wie sind die Toilettenansagen? Was machen wir mit der Kantine? Was machen wir mit den Pausenräumen? Was machen wir mit den Umkleideräumen? Kann nach der Arbeit geduscht werden oder darf nicht geduscht werden? Ja und das, das haben wir alles jetzt, sag ich mal, das machen wir mit so einer Pandemievereinbarung, dass wir sagen, wir sind ja in der Mitbestimmung, wir wollen hier alles so gut wie möglich und sozial wie möglich regeln und machen jetzt dazu einmal wöchentlich eine Sitzung, wo wir das abstimmen. Wie stechen wir ein? Wie stechen wir aus? Wir haben unsere Stechuhren, die hatten früher so ein Touchscreen, aber die haben wir jetzt berührungslos gemacht, zum Beispiel, dass man da nur so ein Chip dran hält auf fünf Zentimeter Abstand und dann sticht die Uhr selber ein und sticht auch selber wieder aus, dass man also so wenig wie möglich Kontakt dazu hat, ne? Wir lassen uns unsere Mitbestimmungsrechte nicht wegnehmen, sondern wollen bei allen, was hier gemacht wird, wollen wir hier ein Wörtchen mitzusagen haben, so und das, das haben wir in Form der BV-Kurzarbeit und in dieser Pandemievereinbarung jetzt geregelt.« (IB 7)

Gesundheits- und Infektionsschutz: kooperativ und konfliktuell

Selbstverständlich haben Betriebe und deren Geschäftsleitungen ein eigenständiges Interesse an der Einhaltung von Infektionsschutzregeln. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, ist die erzwungene Schließung, wenn sich das Virus im Betrieb ausbreiten sollte. Die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs steht dabei im Vordergrund. Ökonomie und Gesundheitsschutz sind hier zwei sich wechselseitig bedingende Größen:

»… die machen alles, was ihnen einfällt, greifen jede Idee auf …, machen eigentlich mehr, wie sie von den Behörden her müssten. Auch natürlich um Gefahr von der Schließung vorzubeugen. Am Anfang stand immer so Schließung oder Teilschließung als drohendes Gespenst im Raum. Und um dem gleich vorzubeugen, haben sie alles Mögliche gleich gemacht: die Kantinen gesperrt, nur noch Take-away-Essen, jetzt Schutzmasken verteilt, überall Desinfektionsmittel aufgestellt, also die machen wirklich alles, was irgendwie geht und was ihnen einfällt.« (IB 10)

In Großunternehmen kommt dabei gebündelte Kompetenz zum Tragen. Eine Betriebsrätin aus einem Werk der großen OEMs (= Hersteller, die Red.) der Automobilindustrie mit über 17.000 Beschäftigten listet die involvierten Gremien für Arbeits- und Infektionsschutz auf:

»… wir haben 24 Infizierte am Standort XY, das ist eine geringe Zahl, die ist jetzt eine ganze Zeit schon so stabil …, das wird ja täglich getrackt über den Gesundheitsschutz bei uns und wir haben alle Arbeitsplätze, die jetzt von den Kolleg*innen quasi wieder belegt worden sind mit den Bereichsbetriebsräten, mit der Werkssicherheit, der Werktechnik, mit den Vorgesetzten … Begehungen gemacht, um einzuschätzen, welche Schutzmaßnahmen sind hier erforderlich? Es gelten natürlich die Abstandsregeln von 1,5 Meter und es gilt Maskenpflicht für die Bereiche, wo dieser Abstand nicht eingehalten werden kann … Was ist zu beachten? Haben wir was übersehen? Das läuft super, es läuft wirklich super und in großem Einvernehmen.« (IB 2)

Doch ein »Selbstgänger« war das kooperative Vorgehen auch in diesem Werk mit einer starken Interessenvertretung nicht. Die Aussage, »die machen alles, was ihnen einfällt«, ist zu relativieren. Das Nadelöhr des Gesundheits- und Infektionsschutzes ist die Wirtschaftlichkeit des Betriebes. Diese ist zum einen dadurch bestimmt, dass Produktion und Verwaltung möglichst aufrechterhalten, Shutdowns verhindert werden, was entschlossene Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus erfordert. Zum anderen sollen die Produktivität gewahrt werden und die Kosten nicht übermäßig steigen. Dabei bleibt es nicht aus, dass Wirtschaftlichkeit und Infektionsschutz vonseiten des Managements und der Interessenvertretungen der Beschäftigten unterschiedlich bewertet werden:

»… das war auch ein Konflikt mit dem Vorstand, die hätten natürlich das [den Shutdown] gerne noch ein bisschen herausgezögert … und dann kam genau die Diskussion, ja wie lange setzen wir denn unsere Kolleginnen und Kollegen in der Arbeit der Gefahr aus? Das musste man miteinander in ein vernünftiges Verhältnis bringen und letztlich haben wir die Überzeugungsarbeit für den Vorstand [des Konzerns] geleistet …« (IB 2)

Es bleibt eine Frage der Abwägung, wie weit die Maßnahmen im Einzelnen zu gehen haben und wann ggf. der Zeitpunkt gekommen ist, die Produktion weiter oder ganz herunterzufahren bzw. Arbeit ganz aus dem Betrieb heraus zu verlagern. Wo es nicht so »super« läuft, wird von konfliktuellen Auseinandersetzungen berichtet:

»Also wir hatten bei uns ab Mitte März erhebliche Auseinandersetzungen, die vor allem vor der Sorge vor Infektionen geprägt waren, wo viele Beschäftigte deutlich gemacht haben, dass sie große Angst haben, mit diesem unbekannten Virus in Kontakt zu kommen, was dazu führte, dass etliche Unternehmen daraufhin die Produktion runtergefahren haben, zum Teil erzwungen durch die Mitarbeiter, ja?« (IH 5)

Es waren auch Proteste aus der Belegschaft, die zu Produktionseinstellungen führten, so beispielsweise Mitte März im weltgrößten LKW-Werk des Daimler-Konzerns in Wörth am Rhein (Die Rheinpfalz, 17.3.2020), wo unter normalen Bedingungen täglich 400 Lastkraftwagen vom Band laufen. Das war nicht nur in Deutschland der Fall. In Italien beispielsweise steht dafür der Slogan: »Non siamo carne da macello« – wir sind kein Schlachtvieh. Die Vorsitzende der italienischen Metallgewerkschaft FIOM berichtet: »Die Metallarbeiter waren die ersten, die es beschlossen haben: Stopp mit der Produktion unter unsicheren Umständen. Die verbindlichen Maßnahmen gegen Corona außerhalb der Fabrik müssen auch in der Fabrik gelten … Wir haben für unsere Sicherheit gestreikt. Zuerst lokal, bei Fiat zum Beispiel. Danach national. Bis die Industrie nachgegeben hat und ein Protokoll unterzeichnete. Erst dann hat die Regierung eingegriffen. Sie hat letztlich beschlossen, alle nicht essentiellen Betriebe stillzulegen. Das alles haben wir selbst erzwingen müssen.« (Mertens 2020)3

Ein für die Bereiche Postdienste, Spedition, Logistik zuständiger Hauptamtlicher der Gewerkschaft ver.di beschreibt die Konfliktlagen zwischen Gesundheitsschutz und kostengeleiteten Unternehmenszielen. Dabei geht es um die Qualität und Reichweite der Maßnahmen:

»… also das war ein zäher Kampf und eigentlich so ein Nachlaufen also von den Betriebsräten, dass man da was durchsetzt. Also die Firmen haben praktisch immer am Anfang gesagt ja Gesundheitsschutz ganz, ganz wichtig, aber halt am Anfang nur Maßnahmen gemacht, die im Zweifelsfall nichts gekostet haben: Also es war, zum Beispiel bei der Post ein Riesenkampf… Es war von Anfang an eine Forderung, dass die Menschen, die das wollen, eine Maske zur Verfügung gestellt kriegen. So und gerade die Risikopatienten. Da sind wir circa drei Wochen lang den Arbeitgebern nachgelaufen und die haben dann erst ganz spät eben eingelenkt.« (VH 2)

Nicht so sehr, was notwendig ist, sondern was es kosten darf, wird hier zum Gegenstand der Auseinandersetzung. »… das ist relativ schnell gelaufen, das Organisatorische, aber alles, was Geld gekostet hat, Desinfektionsmittel, Masken, Handschuhe, das war also wirklich ein Kampf.« (VH 2)

Dabei handelt es sich in vielen Fällen auch um Auseinandersetzungen innerhalb der Belegschaft, sodass Betriebs-/Personalräten hier gleichsam nach »innen« eine Aufklärungs- und Vermittlungsrolle zukommt. »… wir stellen im Moment fest, weil alle merken, dass das Arbeiten mit einer Maske nicht besonders komfortabel ist, Kolleg*innen freiwillig drauf verzichten …« (IB 2)

Hier reproduziert sich die Frage der Priorisierung von verhaltensbezogenen- oder organisatorischen Maßnahmen. Ein Betriebsrat eines Zulieferunternehmens präsentiert eine klare Stufenfolge, bei der letztlich unvermeidbare Verhaltensmaßnahmen erst am Schluss der Maßnahmenkette stehen dürfen: »Der Vorschlag von der Geschäftsleitung war dann halt eben, wir machen das Schichtmodell platt und führen stattdessen eine Maskenpflicht ein. Da habe ich dann denen den Vogel gezeigt … Also technisch, organisatorisch und dann erst persönlich. Auf jeden Fall ja …, dass halt der Betriebsrat sagt, solange wir die organisatorische Möglichkeit haben, die Leute irgendwie auseinander zu halten, sehen wir es nicht ein, dass wir denen diese Maskenpflicht aufdrücken sollen.« (IB 13)

Der Mund- und Nasenschutz zur Begrenzung von aerosolen Infektionsketten hat im Einzelhandel noch eine weiter reichende Dimension: »Mundschutz ist im Einzelhandel eine Katastrophe. Also die Beschäftigten empfinden das als, gelinde gesagt als Demütigung, aber es ist wirklich auch belastend, das muss man sich mal geben, trag mal einen Mundschutz. Wenn der feucht und nass wird, dann mit Kunden und dann verstehen sie Dich nicht, umgekehrt ist es so, die Kunden spucken Dich an. In Bayern ist es so, dass der Kunde Strafe zahlt, wenn er kein Mundschutz trägt, wenn der Beschäftigte keinen Mundschutz trägt, dann zahlt der Ladeninhaber. Und zwar 150 € beim Kunden 5.000 € beim Ladeninhaber und jetzt ist es so, dass die Ladeninhaber Druck machen auf die Beschäftigten, ihr tragt den Mundschutz, er kümmert sich aber nicht drum, ob der Kunde den Mundschutz trägt. Da kann man auch argumentieren, ist ja nicht seine Aufgabe, er könnte auch nichts machen, weil Ordnungswidrigkeit muss das Ordnungsamt ausstellen. Da ist das Problem, dass die Gewerbeaufsicht in den letzten 30 Jahren massiv an Funktion verloren hat, umgebaut wurde und Personal abgebaut wurde.« (VH 1)

Hier werden die Unterschiede in der Arbeitsbelastung zwischen Industrie- und Dienstleistungsbereichen, die sich durch engen Kundenkontakt auszeichnen, besonders deutlich. Die gleiche Maßnahme kann dann unterschiedliche Belastungen mit sich bringen. Zur Ergänzung noch ein Kollege aus einem Gartencenter: »Das ist sehr belastend, dieses Maskentragen auf lange Sicht, also am Anfang habe ich es auch belächelt, aber mittlerweile muss ich sagen, Du wirst unkonzentrierter und Du wirst müde. Ich ertappe mich sehr häufig, wie ich nach, weiß ich nicht, nach der Mittagspause anfange zum Gähnen hinter dieser Maske, also es muss schon irgendwas dran sein an, ich will nicht sagen, dem Sauerstoffmangel, aber an diesem CO2, wo ich dann vielleicht nicht in dem Maße komplett ausatme, ich weiß es nicht, oder ist es ein subjektives Empfinden aber ich fühle mich da schon eingegrenzt … Man erkennt ganz klar den Unterschied, ob ich jetzt ein Samentütchen auf dem Tresen lege oder ob ich irgendwelche Betonkübel auspacke. Also da kommst Du ganz schnell in Schnappatmung, wenn Du Dich körperlich anstrengst als unter ja, normalen Begebenheiten. Wenn ich am PC hock, dann ist das was anderes, als wenn ich wirklich rödeln darf auf der Fläche, keine Frage.« (VB 4)

Ein anderer Punkt der Auseinandersetzung betrifft die arbeitszeit- und arbeitsorganisatorischen Maßnahmen, die es ermöglichen, Infektionsgefahren bei Arbeitsbeginn und -ende zu minimieren. Das gilt in unseren Interviews vor allem mit Blick auf Schichtarbeit. Die Schichten zu entkoppeln, ist jedoch für das Unternehmen mit Einbußen verbunden, wenn das erfordert, die Arbeitszeit zu verkürzen. Aber auch für die Beschäftigten bringt diese kontaktreduzierende Maßnahme Probleme, wie der bereits zitierte ver.di-Kollege aus dem Post- und Logistikbereich ausführt: »Was aber vom ersten Tag gelaufen ist, also was sie gemacht haben, sind diese organisatorischen Änderungen mit Abstand und dass eben auch zu anderen Arbeitszeiten gearbeitet wird, also diese zeitliche Entzerrung. Wobei das natürlich für unsere Beschäftigten und Mitglieder also nicht nur Gutes hatte: Also gerade in der Zustellung zum Beispiel, wenn Du dann zwei Stunden später zur Arbeit kommst, kommst Du eben auch zwei Stunden später nach Hause und das ist halt alles nicht so toll, weil die Menschen haben ja ihr Leben irgendwie anders eingerichtet und haben Familie.« (VH 2)

Wenn vorstehend von Konflikt die Rede ist, kann dieser auch sehr subtile Formen annehmen. Ein Beispiel: »Wir hätten gerne, dass es einen Schutz für Risikogruppen gibt … aber bei einem 60-Jährigen, der immer noch in der Montage arbeitet, für den gibt es keine besonderen Maßnahmen. Die oberste Direktive des Arbeitgebers: Entgelt gibt es nur gegen Arbeitsleistung. So und deswegen gehen wir als Betriebsräte – das dürfen wir natürlich nicht offiziell sagen innerhalb unseres Konzerns – zu den Kollegen einfach mal hin … und sagen: ›Ich glaube, Du hast ein kleines Kratzen im Hals, geh doch mal zum Arzt. Vielleicht hast Du in einer Woche dann auch noch Schnupfen‹.« (IB 12)

Hierin zeigt sich subtile Sabotage gegen ein autoritäres Regime, das auch in der Pandemie den ökonomischen Ertrag zur Maxime erklärt.

Konflikte entlang der alten Kragenlinie?

Produktion geht nicht von zu Hause, hieß es in den Interviews mit Betriebsräten von Industrieunternehmen immer wieder. Was als eine Banalität daherkommt, erhielt mitunter die Qualität eines Konflikts zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen. Damit wurde zum Ausdruck gebracht: Wo nicht Kurzarbeit Null angesagt war, mussten die Produktionsarbeiter vor Ort im Betrieb sein und waren dort – trotz Gesundheitsschutz – Infek­tionsgefahren ausgesetzt. Wer hingegen ins Homeoffice geschickt wurde, konnte im Social distancing Risikominimierung betreiben. »Die Kollegen in den Fabriken haben natürlich schon ein bisschen … Vorbehalte geäußert so ungefähr, wir werden Gesundheitsrisiken ausgesetzt, in dem wir weiterarbeiten müssen, und unsere Büroleute, die dürfen von zu Hause arbeiten. Aber ich meine, das ist nun mal so. In der Fabrik kann man halt nicht zu Hause arbeiten.« (IB 8)

Was hier als gegeben hingenommen wird, schiebt sich in anderen Fällen zu einem sozialen Konflikt zusammen. Ein IG Metall-Bevollmächtigter und ein Betriebsrat schildern ihre diesbezüglichen Erfahrungen: »Mitarbeiter in dem Produk­tionsbereich fühlen sich als Beschäftigte zweiter Klasse, weil die einen dürfen sich relativ geschützt zu Hause bewegen, die anderen müssen körperlich dicht beieinander vor Ort arbeiten…« (IH 5)

»Die Angestellten, die … dürfen von zu Hause arbeiten, der 60-jährige Werker, der immer noch Gießanlagen zusammenschraubt, der muss auch weiterhin Gießanlagen zusammenschrauben. Eine Freistellung wird es nicht geben, auch wenn er zur Risikogruppe gehört … Wir haben da einen sehr ideologisierten Arbeitsrechtler bei uns an der Konzernspitze, der halt sagt, Entgelt gibt es nur gegen Arbeitsleistung, und ich glaube, der haut sich lieber eine Axt ins Bein, bevor der irgendjemanden bezahlt freistellt.« (IB 12)

Alte Ressentiments zwischen direkten und indirekten Bereichen scheinen hier schnell wieder aufzubrechen – was wir als »Wiederkehr der alten Kragenlinie« mit Fragezeichen bezeichnen.4 »Bei manchen Betrieben, die weitergearbeitet haben, waren die Direkten im Betrieb und die Angestellten im Homeoffice und da gab es dann natürlich ein paar herbe Diskussionen, weil so ein Arbeiter gesagt hat: ›Die sitzen im Wohnzimmer und tun so, als würden sie arbeiten und wir dürfen hier schuften und haben das Risiko, dass wir uns anstecken.‹ Also da gab es schon ziemlich heftige Diskussionen in ein paar Betrieben.« (IH 5)

Dabei ist der Gesundheitsschutz nur eine Seite der Medaille. Hinzu kommen erhebliche einkommenspolitische Ungleichheiten, wie ein Hauptamtlicher aus einer Bezirksleitung der IG Metall am Beispiel beantragter Kurzarbeit in der Produktion und fortgesetzter Vollzeitarbeit im Homeoffice ausführt: »Es gab zu Beginn der Kurzarbeitsvereinbarung auch Konflikte in den Betrieben. Der Arbeitgebervorschlag war: Die Produktionsbeschäftigten gehen in Kurzarbeit, die Angestellten ins Homeoffice. Also eine Ungleichbehandlung, wo in manchen Betrieben dann die Betriebsräte interveniert haben und gesagt haben, Kurzarbeit wird bei uns gleichmäßig auf alle Beschäftigtengruppen verteilt, auch auf die Angestellten. Also das war durchaus in einigen Betrieben ein Konfliktpunkt.« (IH 1)

Mit dem Wiederhochfahren der Produktion und dem Rückruf von Beschäftigten aus dem Homeoffice in die Büros hat sich die Konfliktlage minimiert. Es wäre jedoch näher zu untersuchen, ob sie mit der Ausweitung von mobiler Arbeit/Homeoffice latent vorhanden bleibt und Stoff für soziale Differenzierungs- und Fragmentierungsprozesse bietet.5 (…)

(Quelle: Richard Detje / Dieter Sauer: Corona-Krise im Betrieb. Empirische Erfahrungen aus Industrie und Dienstleistungen, VSA Verlag, Hamburg 2021, Ausschnitte aus Kapitel 3, S. 53-64 – Das ganze Kapitel findet sich hier oder ist über die Geschäftsstelle zu beziehen.)

Fußnoten

  1. Wir beziehen uns hier auf die Angaben des Robert Koch-Instituts. Wie eindeutig die angegebenen Infektionsherde tat-sächlich ausgewiesen werden können, ist fraglich. Die Dunkelziffern in verschiedenen Bereichen können erheblich sein. Der Lockdown im November 2020 wurde ja nicht zuletzt mit der Begründung verhängt, dass 75% der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt und deswegen keinem Bereich mehr zugeordnet werden können. Deshalb kommt es uns hier auch nicht auf die spezifischen Angaben, sondern – mit allen Vorbehalten – nur auf die grobe Gewichtung der verschiedenen Lebensbereiche an.
  2. Der Anteil der Betriebe mit Betriebsrat liegt im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt bei neun bis zehn Prozent.
  3. Weitere in Mertens 2020 aufgeführte Beispiele: In Belgien zwangen »die Arbeiter von Audi in Brüssel, Volvo Trucks in Gent und Safran Aero Boosters in Lüttich die Geschäftsleitung, die Produktion zeitweilig einzustellen. In Frankreich darf Amazon France laut richterlichem Beschluss nur noch essenzielle Produkte versenden. Der Betrieb muss die Gewerkschaften bei der Risikoanalyse auf der Arbeit einbeziehen, so entscheidet das Gericht.«
  4. Andere Beobachtungen stützen das. »Aus der betrieblichen Wirklichkeit erfahren wir, dass der sofortige Abschied von Entwickler:innen, Marketingleuten und Personaler:innen ins Homeoffice vonseiten der Beschäftigten in der Produktion sehr genau wahrgenommen wurde – als starke Markierung der Ungleichheit zwischen Anzug- und Kostümfraktion auf der einen Seite und Blaumannfraktion auf der anderen. Alte Spaltungslinien zwischen Arbeiterschaft und Angestellten wurden schlagartig virulent (white und blue collar-workers). Die einen können sich in Sicherheit flüchten, die anderen stehen in der Werkhalle.« (Grimm et al. 2020: 316)
  5. Siehe dazu insbesondere Kapitel 5.2.

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Covid 19. Gesundheit und Gesellschaft unter dem Brennglas, Nr. 2, Juni 2021)


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