GbP 1-2021 Quetting

Vom Liebesdienst zum fast normalen Beruf

Michael Quetting zur Geschichte der gewerkschaftlichen Organisierung von Pflegekräften

Am 13. März dieses Jahres wurde in dem Podcast »Übergabe«1 ein längeres sehr hörenswertes Interview zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Gewerkschaften und ihre Rolle in der Pflege mit dem ver.di-Sekretär und Pflegebeauftragten in Rheinland-Pfalz und Saarland, Michael Quetting geführt. Er hat uns dankenswerterweise sein Skript zur Verfügung gestellt, von dem wir einen Teil leicht überarbeitet veröffentlichen können.

»Ich dien’ aus Dank und Liebe –

 mein Lohn ist, dass ich darf«1

Bekanntlich unterschied sich Anfang des letzten Jahrhunderts das Arbeitsethos in der Pflege fundamental von der Konzeption moderner Berufe. Die Mutterhaus-Schwesternschaften vertraten ein unberufliches Konzept von Pflege. Man verstand Pflege als Dienst oder Berufung. Wir haben erst einmal darum gekämpft, dass wir uns auch »Schwestern« nennen durften; das war nämlich den Nonnen vorbehalten. Wir waren nur »Wärterinnen und Wärter«. In der Folge bildeten sich im ersten Schritt freie Schwesternschaften. Jetzt wurde Lohn bezogen, wenn auch das Leitbild »Liebesdienst« weiterhin prägend war. In Deutschland wurde 1928 die Schwesternschaft der Reichssektion Gesundheitswesen im Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter gegründet. Das ist die Vorläuferorganisation der Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr), die 1949 den Bund freier Schwestern gründete.

Man war damit sowohl eine Schwesternschaft und gleichzeitig in die Organisationsstruktur der Gewerkschaft eingebunden. Die Kolleginnen hatten eine eigene Tracht und auch eine Brosche. Die Schwesternschaft schloss – wie damals üblich – Gestellungsverträge für ihre Mitglieder ab und arbeitete in der Deutschen Schwesterngemeinschaft mit. Innerhalb der Einheitsgewerkschaft, die sich selbstverständlich nach dem Prinzip der Betriebszugehörigkeit organisierte, gab es Fachabteilungen und Fachgruppen, darunter zwei Fachgruppen, die sich ausschließlich aus einer Berufsgruppe zusammensetzten. Das waren zum einen die Ärzt*innen und zum anderen die Schwestern.

Wir hatten es mit einer ambivalenten Mischorganisation zwischen Schwes­ternschaft und Gewerkschaft zu tun. Dieser Prozess einer gewerkschaftlichen Formierung geschah gleichzeitig mit einer erwachenden Frauenbewegung, einer Kritik der Berufung und der Entwicklung eines modernen Lebensentwurfs der Frauen. Die Frauenfrage hat in den Gewerkschaften lange keine Rolle gespielt; das war ein Männerverein: Die haben zusammen gesessen und geraucht – und dabei diskutierten sie fleißig. Und die Frauen saßen zu Hause. Nur in einem Bereich war es anders: bei den Krankenschwestern.

Die ÖTV war die erste Gewerkschaft überhaupt, in der es in jedem Bezirken eine Kollegin, eine Krankenschwester gab, die für die Schwesternschaft zuständig war. Klar war das damals in der Gewerkschaft nicht die wichtigste Person, das muss man heute schon zugeben. Im Gegensatz aber zu den anderen Gewerkschaftssekretären, haben sich diese Kolleginnen zweimal im Jahr bundesweit getroffen. Alleine diese Vernetzung war enorm wichtig. Und weil das nun mal Frauen waren, von denen es in der Gewerkschaftsapparaten nicht so viele gab, sollten sie gleichzeitig auch für die Frauenarbeit und die Bildungsarbeit zuständig sein.

Dadurch haben sie sich enorm entwickelt – und möglicherweise dann auch zu wenig getan für die Pflege. Aber dennoch wurde in diesem Prozess immer klarer, dass Pflege ein richtiger Beruf ist. Davon mussten aber auch die Männer erst überzeugt werden. Diese Wechselbeziehungen zu studieren, ist sehr spannend. Sie haben viel mit der Professionalisierung des Pflegeberufes zu tun wie auch mit der gesamten Entwicklung des Pflegeberufes. Natürlich ist das nicht widerspruchsfrei abgelaufen. Erst 1968 wurde der Bund freier Schwestern für Männer geöffnet und er hieß jetzt Bund freier Krankenschwestern und Krankenpfleger und wurde dann aber aufgelöst.

Trotz Mischorganisation war dieser Bund eben auch Arbeitnehmerorganisation, die ihren Einfluss bei der Neukonzipierung der Krankenpflege in den fünfziger und sechziger Jahren entscheidend vorantrieb. Der Sonderstatus der Schwesternschaft führte zu einer eigenen Vernetzung und einer erheblichen Aufwertung des Berufes innerhalb der Gewerkschaft ÖTV. Auch die Schrittmacherrolle der ÖTV in der Geschlechterfrage erklärt sich hiermit einerseits, aber andererseits auch ihre Schwächen, weil die Gewerkschaft zwar die Schwesternschaft im Blick hatte, aber andere Frauenbereiche vernachlässigt wurden, was für die Gesamtorganisation ein Fehler war.

Wir waren damals noch weit weg von unserer heutigen Denkweise. So war das Thema Streik in Krankenhäusern tabu und man war völlig auf die Solidarität der anderen Kolleg*innen angewiesen, die für die Durchsetzung von Forderungen verantwortlich waren. 1956 gelang es, beim VKA (Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände) erstmalig eine Arbeitszeitverkürzung in der Krankenpflege auf 54 Stunden durchzusetzen. 1960 erreichten wir einen Tarifvertrag für das dritte Ausbildungsjahr. Erstmalig wurde Arbeitszeit und Vergütung des freien Lernpflegepersonals festgelegt. Gerade für die Ausbildung war der Bund sehr innovativ und setzte sich als einzige politische Kraft für einklagbare Rechte ein.

Mitte der 60er Jahre wandelte sich langsam die Position zu der Bewertung pflegerischer Arbeit. Ein großer Schritt in Richtung Professionalisierung der Krankenpflege erfolgte mit dem Krankenpflegegesetz von 1965. In diese Diskussion brachten wir uns als Gewerkschaft, wie auch die Berufsverbände, ein. Wir waren als Gewerkschaft Teil dieser Transformationsphase. Dabei leisteten wir einen wichtigen Beitrag, weil wir Frauen eine Organisationsalternative gaben und wir langsam Tarifnormen durchsetzten. Wobei wir uns aus heutiger Sicht über Manches auch wundern und den Kopf schütteln. Die organisierten Krankenschwestern sprachen sich nämlich nur für eine »begrenzte Verberuflichung« aus. Erst der wachsende Pflegenotstand führte in Gewerkschaftskreisen wie auch in anderen Kreisen zu einem neuen Denken. Auch in der Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) die sich ja nicht als Einheitsgewerkschaft verstand, organisierten sich Pflegekräfte. Die DAG, ötv, die Deutsche Postgewerkschaft (DPG), Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) und die IG Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien) fusionierten dann 2001 zu Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

ver.di

ver.di ist bunt. Wir haben etwa 2 Mio. Mitglieder. Entstanden als Selbsthilfe-, Bildungs- und Kampforganisation im Konflikt von Lohnarbeit und Kapital engagieren sich die Gewerkschaften für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen, materielle Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe. Um diese Ziele zu erreichen, handeln wir solidarisch und entfalten dadurch Gegen- und Gestaltungsmacht zugleich. Die Vielfalt der Berufe und Tätigkeitsfelder, der Lebenslagen und Beschäftigungsverhältnisse, der Anforderungen und Interessen der Mitglieder muss immer wieder zum gemeinsamen und solidarischen Handeln zusammengeführt werden.

ver.di ist eine Einheitsgewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Sie ist unabhängig von Arbeitgebern, Staat, Parteien, Religionsgemeinschaften und Verbänden. Sie bestimmt ihre Ziele, ihre Forderungen, ihr Programm eigenständig. Sie ist nur den Interessen der Mitglieder und ihren gemeinsamen Werten verpflichtet. ver.di ist in Fachbereiche gegliedert. Die Pflege ist im Fachbereich 03 – Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen organisiert; und wir sind dort 400.000 Kolleginnen und Kollegen. ver.di ist demokratisch aufgebaut und in vier Ebenen und 13 Fachbereichen organisiert. Darüber hinaus verfügen Frauen und spezielle Gruppen, über eigene Strukturen und Arbeitsmöglichkeiten. Wir organisieren in unserem Fachbereich eine Vielzahl von Berufen, da gehört halt auch der Rettungsdienst oder auch die Ärzt*innen dazu. Diese Vielfalt ist unsere Stärke.

Damit wir als große Gewerkschaft effizient arbeiten können, haben wir die Aufgaben verteilt. Wir nennen die Struktur Matrix. Letztlich sind wir eine Ehrenamtsorganisation. Auf allen Ebenen entscheiden Ehrenamtliche mit. Ich darf als Angestellter der Gewerkschaft keine Funktion ausüben. Dazu kommen die Wahlangestellten im Bundesvorstand und in der Landesleitung sowie Bezirksgeschäftsführer in den Bezirken. Gewerkschaftssekretäre sind für die Betreuung zuständig, dazu kommen Rechtsschutz, Zeitungen usw.

Selbst jetzt unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie beweisen wir, dass wir in der Lage sind, Kraft zu entwickeln und zu kämpfen. Unsere Durchsetzungskraft ist erhalten geblieben. Wir haben in der Corona-Krise neue Gewerkschaftsstrategien, die Aktionen der Beschäftigten bei physischer Distanz ermöglichen, ausprobiert und umgesetzt. Positiv ist, dass ver.di sich in der Krise nicht davon abhalten ließ, Forderungen aufzustellen und für deren Durchsetzung zu mobilisieren. So war unter den gegebenen Bedingungen die Tarifauseinandersetzung im Öffentlichen Dienst eine beachtliche Leistung. Wir haben an einigen Stellen des Gesundheitswesens unsere professionelle Sicht und Interessen hinsichtlich des Krisenmanagements öffentlichkeitswirksam artikulieren können. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Die Corona-Pandemie muss der Anfang einer grundsätzlichen Diskussion um die Ausrichtung des Gesundheitswesens in Deutschland sein. Die Diskussion Verhältnis Plan zu Markt wird uns beschäftigten. In den Krankenhäusern geht es um PPR 2.0 und in den Altenheimen um die Umsetzung des Rothgang-Gutachtens. Uns wird die Auseinandersetzung über die Frage, wer bezahlt die Krisenkosten, beschäftigen. ich sehe Möglichkeiten über die Gesundheitspolitik aus der Defensive zu kommen. Wir brauchen Denkanstöße für solidarische Krisenlösungen. Darauf stelle ich mich ein.

Michael Quetting ist gelernter MTA und Krankenpfleger, hat dann als Medizinischer Prozessmanager gearbeitet und war seit 2008 Gewerkschaftssekretär im Saarland im Fachbereich Gesundheit; seit 2019 ist er Pflegebeauftragter in Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

  1. Dies war der Wahlspruch der Krankenschwestern in einem Rot-Kreuz-Krankenhaus. Vgl. »Ich dien’ aus Dank und Liebe – mein Lohn ist, dass ich darf«. Krankenschwestern und Ärzte im Gespräch zur Situation der Pflege, in: Ge­sund­heit braucht Politik, 4/2014, https://gbp.vdaeae.de/index.php/162-2014/2014-4/1017-gbp-4-2014-gespraech-pflege
  2. https://uebergabe.de/podcast/ug064/

(Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Gewerkschaftliche Organisation im Gesundheitswesen, Nr. 1, März 2021)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf