GbP 4-2020 Zschiesche

Gesundheit »auf der Platte«

Von Jakob Zschiesche

Ein Workshop beim Gesundheitspolitischen Forum beschäftigte sich mit Wohnungslosigkeit und medizinischer Versorgung. Jakob Zschiesche von der vdää-Regionalgruppe Halle-Leipzig berichtet von den dort gewonnenen Erkenntnissen und regt an, dass sich der vdää in Zukunft offensiver damit beschäftigen möge.
Armut und Obdachlosigkeit sind extreme Ausprägungen sozialer Ungleichheit, die zusätzlich selbst als kritische Gesundheitsdeterminanten festzuhalten sind und ständig wechselwirken. Armut macht krank – Krankheit macht arm und drängt Menschen schnell an den Rand der Gesellschaft. Für Betroffene von Obdachlosigkeit manifestieren sich nicht nur schlechte Hygienebedingungen und Exposition gegenüber der Witterung, sondern diese Umstände bedingen sich gemeinsam mit Ausgrenzung, Vereinsamung und Verzweiflung untereinander. All diese Faktoren wirken sich, insbesondere als Dauerzustand, nachgewiesenermaßen negativ auf die Gesundheit aus. Aber auch bei allen weiteren gut erforschten sozialen Determinanten von Gesundheit ist davon auszugehen, dass sie sich bei obdachlosen und wohnungslosen Menschen besonders stark durchschlagen. Nicht zuletzt deswegen sollte es dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte ein großes Anliegen sein, sich mit diesen Problemen zu beschäftigen, die auch Produkt einer neoliberalen leistungs­orientierten Gesellschaft sind. Diese Probleme schlagen sich insbesondere auf die Teilhabe- und Gesundheitschancen sowie Ausgrenzungsrisiken von den betroffenen Menschen nieder (Marmot & Wilkinson, 2004).

Soziale Ausgrenzung und Feindseligkeit gegenüber Wohnungslosen

Obdachlosendiskriminierung wurde schon lange vor der Machtergreifung der Nazis beschrieben, während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft war sie jedoch besonders vehement. Wohnsitzlose, »selbstverschuldete Fürsorgeempfänger*innen«, sogenannte »Arbeitsscheue« und viele weitere wurden von den Nazis als »Asoziale« kriminalisiert und verfolgt. In deutschen KZ mussten dafür Zehntausende vor ihrer Ermordung schwarze Winkel tragen. Trotzdem hat ihre Anerkennung als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bis ins Jahr 2020 auf sich warten lassen. Im Januar 2020 wurde 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz beschlossen, dass damals sogenannte »Aso­zia­le« und »Berufsverbrecher« in Zukunft zu den NS-Opfergruppen gezählt werden sollen. Für Entschädigungen ist es aber zu spät. Der Antrag wurde von Parteipolitik überschattet und es war den demokratischen Fraktionen des Bundestages nicht möglich, sich auf einen gemeinsamen Antrag zu einigen. (Biallas, 2020)

Die Diskriminierung von Obdachlosen ist durch die Geschichte fortwährend zu beobachten. Auch heute forcieren überwiegend rechte Gruppierungen immer wieder deren Erniedrigung und schüren Diskriminierung auch innerhalb der Bedürftigen selbst, indem sie bspw. Schlafsäcke und Lebensmittel nur an Deutsche ausgeben. Nebstdem tut auch die AfD mit ihren Anfragen an die Landesparlamente nach nicht-deutschen und deutschen Wohnungslosen ihren Teil (Schenk, 2018, S. 26).
Obdachlosendiskriminierung endet immer wieder in körperlicher Gewalt bis hin zu Mord. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. zählte von 1989 bis 2017 insgesamt 236 Todesfälle und 794 Körperverletzungen von Obdachlosen durch Angriffe von Nicht-Wohnungslosen. Unter den 193 Todesopfern rechtsextremer Gewalt seit 1990 sind 26 Obdach- und Wohnungslose. Dazu kommen acht Menschen, die ermordet wurden, weil die rechtsextremen Täter*innen sie als »Asoziale« ansahen.

Trotz alledem kann die soziale Ausgrenzung nicht hauptverantwortlich einfach Rechten zugeschrieben werden. Denn soziale Ausgrenzung gilt als ein erweitertes Armutsverständnis und meint die gesamtgesellschaftliche und politische Integrationsschwäche sowie die nicht gelingende Gewährleistung eines allgemein akzeptierten Lebensstandards für alle.

Des Weiteren ist festzuhalten, dass soziale Ausgrenzung weit über spezifische Problemanalysen hinausgeht und nicht gleichzusetzen ist mit Schlagworten wie Versorgungsdefiziten à la Einkommensarmut, Mittel- oder Arbeitslosigkeit. Die politische Diskriminierung äußert sich in ungenügend zugänglichem Wohnraum; strukturell zeigt sich Diskriminierung eindrücklich in bspw. der sogenannten Anti-Homeless Architecture, durch die der öffentliche Raum für Wohnungslose möglichst ungerecht gestaltet wird (Böhnke, 2005, S. 31).

Empirische Forschungen zeigen eine zunehmende Abwertung von Wohnungslosen, u.a. weil Menschen verstärkt nach ihrer gesellschaftlichen »Nützlichkeit« betrachtet und deshalb als »nutzlos« empfundene Obdachlose diskriminiert würden. Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung prägte den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit auch in Bezug auf ­Obdachlose und veröffentlicht seine Ergebnisse dazu anschaulich in seinen Büchern »Deutsche Zustände« (Heitmeyer, 2011).

Wohnungslose haben Namen und Gesichter, eine Annäherung

Die verengte Sicht auf Wohnungslosigkeit scheint überwiegend die Verelendung und Verwahrlosung wahrzunehmen, wobei diese Aspekte allerdings nur für einen kleinen Teil der Wohnungslosen zutreffend sind. Es muss auf die Vielfältigkeit von Wohnungslosigkeit hingewiesen werden, um anschließend gezielter über Ansätze für Hilfestellungen und Prävention sprechen zu können. Denn sicher ist, die typische wohnungslose Person gibt es nicht.

Der Begriff »wohnungslos« umschreibt allgemein Menschen ohne Mietvertrag und Eigentumswohnraum. Weshalb wir es mit einer heterogenen Gruppe an Menschen zu tun haben, mit vielen unterschiedlichen Problemlagen und einer noch größeren Zahl an Gründen für ihre Lebenssituationen. Wohnungslose sind u.a. Personen in Notunterkünften, Asyllagern, Frauenhäusern und Menschen, die bspw. bei Bekannten wohnen. Die Ursachen reichen von einschneidenden Erlebnissen wie Scheidung, Jobverlust und Haftentlassung bis hin zu psychischen ­Erkrankungen, Einkommensarmut, ausgrenzender Wohnungspolitik und Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe. Letztendlich geht es fast immer um multifaktorielle Problemkomplexe, was bedeutet, dass Wohnungslosigkeit viele Gesichter mit ihren jeweils ganz eigenen Biografien, Träumen und Lebensentwürfen kennt.

Dahingegen beschreibt Obdachlosigkeit nur einen bestimmten Teil von Wohnungslosigkeit und bezeichnet eine Personengruppe, die keinen Zugang zu einer Unterkunft jeglicher Art besitzt. Diese Menschen müssen im öffentlichen Raum, in Parks, Bahnhöfen, Bushaltestellen oder unter Brücken unterkommen. 41.000 Menschen sind in Deutschland schätzungsweise ganz ohne Obdach. Zudem scheint der Begriff noch uneinheitlich definiert zu sein und es wird darüber diskutiert, ob er bereits eine Abwertung oder eine angedeutete Perspektivlosigkeit für die betroffene Person beinhaltet (Steckelberg, 2018, S. 37).

Gesundheit auf der Platte in Zeiten von Corona

»Auf der Platte« leben, bedeutet unter freiem Himmel schlafen, es bedeutet »auf der Straße« zu leben. In der Corona-Pandemie ist davon auszugehen, dass nicht nur die soziale Ungleichheit wie durch ein Vergrößerungsglas sichtbarer wird, sondern dass auch schon jetzt mehr Menschen »Platte machen«. Nicht nur, dass mehr Menschen ihre Einkommensbezüge wegbrechen und sie keine Miete mehr zahlen können, sondern auch, dass die Notunterkünfte ihre Schlafplätze reduzieren und Menschen mit Husten oder anderen Corona assoziierten Symptomen testen oder wieder wegschicken müssen, trägt zur Verschärfung der Situation bei. Außerdem sagen Betroffene, dass sie die Notunterkünfte meiden, weil sie das Ansteckungsrisiko als sehr hoch einschätzen. Viele sind sich ihrer ausgeprägten Vulnerabilität, aufgrund von bspw. verschiedener Vorerkrankungen, durchaus bewusst.

Die Prävalenzen für viele Krankheiten, aber im besonderen Maße für Krätze-/Läusebefall, Infektionskrankheiten, Atemwegserkrankungen sowie für psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen, Alkoholsucht und Drogenabhängigkeit unter Wohnungs- und Obdachlosen war immer hoch (Gesundheitsbericht, 2016; Kaduszkiewicz et al., 2017) und sie scheint anzusteigen. Es stellt sich die Frage, wen die Politik meint, wenn es immer wieder heißt, dass Risikogruppen in der Pandemie besonderen Schutzes bedürfen?

73% der Obdachlosen meiden trotz Krankheit eine ärztliche Behandlung, was eine späte Diagnosestellung sowie eine häufigere Chronifizierung von Erkrankungen mit sich bringt (Bader & Offe, 2019). 63% der Wohnungslosen besitzen keine Krankenversicherung (Goetzens, 2019) Wie kann das sich gegenseitig bedingende Misstrauen abgebaut werden und ein bedarfsgerechtes Angebot aussehen?

Housing first

Die angesprochene Wechselwirkung von sozialer Ausgrenzung, Wohnungslosigkeit und Krankheit stellt sich den Betroffenen als ein Teufelskreis dar, den Hartmut Häussermann und Martin Kronauer in ihrem Buch »Räumliche Segregation und innerstädtisches Ghetto« formuliert haben: »Der ›Kündigung durch die Gesellschaft‹ wird resigniert oder trotzig eine ›Kündigung gegenüber der Gesellschaft‹ entgegengehalten.«

Aus Betroffenenperspektive lässt sich der Teufelskreis nur durchbrechen, wenn sie Zugang zu Wohnraum erhalten – »Housing first«, dieser Ansatz ist in Deutschland erstaunlicherweise noch wenig rezipiert und nur vereinzelt erprobt worden, wohingegen er in verschieden EU-Länder bereits großflächig angewendet wurde und insbesondere in Finnland gepaart mit Sozialwohnungsbau erfolgreich die Langzeitwohnungslosigkeit senken konnte. Eine wichtige Voraussetzung dabei wäre, ohne jeglichen Zwang und in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren und dezentral dieses Angebot auszuarbeiten (Pleace, 2016 & Haas, 20017).

In Deutschland können wir hingegen ganz allgemein weiterhin von einer Wohnungsnot sprechen. Nicht nur sozialer Wohnraum wird immer knapper, entkommunalisiert und ungenügend neu gebaut, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft müssen immer größere Anteile des Einkommens für Wohnraum aufgewendet werden. Der Begriff des Wohnungsnotfalls beschreibt einen Haushalt oder eine Person mit dringlichem Bedarf für Wohnraum bspw. bei drohender Zwangsräumung oder wenn unzumutbare Wohnumstände bestehen. Diese allgemeine Wohnungsnot hat die Zahlen wohnungsloser Menschen laut aktuellen Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V (BAG W) auf 678.000 Menschen steigen lassen: in Summe mittlerweile deckungsgleich mit der Einwohnerzahl von Stuttgart; während sich gleichzeitig die Anteile von Frauen und Kindern unter den Wohnungslosen vergrößern (Rosenke, 2019).
Hieraus ergibt sich eine Forderung an die Politik: Wohnraum zur Verfügung stellen – pragmatisch und unbürokratisch.

(Gender)spezifische Probleme unter Wohnungslosen

Zwar sind laut Statistik deutlich mehr Männer wohnungs- und obdachlos, jedoch ist zu bedenken, dass der Anteil von Frauen und Transmenschen besonders schwer zu ermitteln ist. Viele Menschen leben in »verdeckter Wohnungslosigkeit«. Mauricio Lara Martínez berichtet im Podcast »Armut und Gesundheit – Gender & Gesundheit« davon, dass Notunterkünfte oft von Männern dominiert werden und diese Notunterkünfte deshalb von Frauen und Transmenschen vermehrt gemieden werden. Auch das Leben »auf der Straße« wird aufgrund diverser Gefahren mit allen Mitteln versucht zu vermeiden, wodurch es wiederum zu toxischen Abhängigkeitsverhältnissen kommen kann, falls bspw. die Notlösung eine nur bedingt freiwillig gewählte Wohngemeinschaft ist. Außerdem behindern die Bedingungen in Notunterkünften die soziale Inklusion durch meist begrenzte Öffnungszeiten nach »sleep only«, während der Tag draußen in der Kälte verbracht werden muss. Es gibt keine Rückzugsräume, Sexualität und Besuch sind nicht vorgesehen (Martínez, 2020).

Fazit

Wir haben gezeigt, dass die Wohnraumproblematik ein gesundheitspolitisches Feld und eine Frage von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung ist. Zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit stellen sich kurzfristige Ziele wie »Housing first«, um Grund- und Existenzbedarfe zu sichern und Zwangsräumungen auszusetzen, mittelfristig steht der Abbau bürokratischer Hürden, um Teilhabe zu erhöhen und langfristig die Begegnung der sozialen Ausgrenzung mit einem solidarischen Gesellschaftsentwurf entgegenzuwirken.

Auf diesem Weg gilt es, den Health-in-all-policies-Ansatz gegenüber der institutionellen Politik einzufordern und auf der anderen Seite über Bündnisarbeit mit Initiativen wie der »Recht auf Stadt«-Bewegung zusammenzuarbeiten. So können neue Perspektiven für die Gesundheitsförderung gewonnen und gleichzeitig andere soziale Kämpfe mit gesundheitspolitischen Argumenten unterstützt werden. Von besonderem Interesse könnten darüber hinaus diejenigen Initiativen sein, die sich für ein solidarisches Miteinander einsetzten und Räume außerhalb ökonomischer Verwertungslogik schaffen. Hier könnten die neuen Polikliniken und Konzepte der kanadischen Community Health Centers die Rolle von Schnittstellen spielen.

Wir stehen im vdää mit diesen Überlegungen noch am Anfang von Debatten darüber, ob wir uns in einer Arbeitsgruppe intensiver mit Wohnungslosigkeit beschäftigen wollen, um uns der Thematik aus der gesundheitspolitischen Perspektive adäquat anzunähern. Bei Interesse schreibt gerne der Geschäftsstelle für weitere Vernetzung.

Jakob Zschiesche ist Medizinstudent in Halle und im erw. Vorstand vom vdää.

Quellenverzeichnis

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Soziale Ungleichheit und Gesundheit, Nr. 4, Dezember 2020)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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