GbP 3-2020 Kritische Mediziner*innen

Solidarisches Krankenhaus für die Kitteltasche

Zeitdruck, hierarchische Strukturen, ökonomische Zwänge. Der Berufsstart in den Krankenhaus-Alltag ist für viele Ärzt*innen eine große Herausforderung; Wie bringe ich fachliche, strukturelle und moralische Anforderungen in Einklang? Wie schaffe ich es, medizinische Probleme auch als gesell­schaftliche Probleme zu begreifen? Und wie erreiche ich es, im Alltag nicht unterzugehen und zusammen mit aktiv an politischen Aktivitäten teilzunehmen? Die Broschüre »Solidarisches Krankenhaus für die Kitteltasche« soll den Start erleichtern, neue politische Perspektiven aufzeigen und Anstoß für gemeinschaftliche Organisierung geben. Denn zusammen mit anderen Berufsgruppen ist eine Umgestaltung hin zu einem Solidarischen Gesundheitssystem möglich! Wir dokumentieren hier einen Ausschnitt.

Rassismus im Gesundheitssystem

Patient*innen

Die kontinuierlichen Diskriminationserfahrungen, die Migrant*innen in Deutschland machen, verschlechtern ihren Gesundheitszustand sowohl psychisch als auch physisch (Igel 2010). Durch Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen ausgelöster Stress schlägt sich nieder in einer erhöhten Prävalenz von psychischen und chronifizierten Erkrankungen (RKI 2008).

Auch als Patient*innen des Gesundheitssystems müssen Migrant*innen und People of Color (PoC) mit Diskriminierung rechnen. Die medizinische Ausbildung in Deutschland ist vor allem auf die Behandlung weißer Personen ausgerichtet: die Diagnostik von Melanomen auf schwarzer Haut wird genauso ausgespart, wie das zuverlässige Erkennen von Hypoxien oder einem Ikterus bei nicht-weißen Neugeborenen. Zusätzlich führen diskriminierende Stereotype in der Mehrheitsgesellschaft dazu, dass PoCs weniger Glauben geschenkt wird, wenn Sie über Schmerzen oder andere Symptome berichten das Ausbleiben der Untersuchung auf einen Herzinfarkt bei berichteten Schmerzen oder Engegefühlen im Brustraum, zeigt die Gefahr dieses Misstrauens (American Heart Association, 2019).

Gesundheitsarbeiter*innen müssen sich ihrer eigenen Rassismen und Vorurteile bewusst werden. Eine Möglichkeit bietet der Cultural Safety Approach, ein Ansatz der sowohl den sozialen Kontext von Patient*innen, als auch strukturelle wie historische Machtungleichheiten beachtet. Beide beeinflussen unsere Gesundheit und unsere Erfahrungen im Gesundheitssystem.

Weitere Infos

Gesundheitsarbeiter*innen

Die Covid-19 Pandemie hat gezeigt, dass im Gesundheitssystem arbeitende PoCs nicht den gleichen Schutz erfahren wie ihre weißen Kolleg*innen, sondern dass sie oft in vorderster »Front« arbeiten (Wingfield, 2020). In Großbritannien sind sechs von zehn der durch Covid-19 gestorbenen Gesundheitsarbeiter*innen Menschen of Color (McIntyre, 2020). Diskriminierung und Rassismus sind, wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft, auch im Klinikalltag anwesend. Einige Institutionen im Gesundheitsbereich haben Gleichstellungsbeauftragte und Ombudspersonen, die in Fällen von Diskriminierung angesprochen werden können.

Darüber hinaus gibt es weitere Vereine, an die sich Menschen mit Diskriminierungserfahrung wenden können

  • Amaro Foro e.V.: Menschen, die von Antiziganismus betroffen sind; , Tel. 030 43205373
  • Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg: , Tel. 030 6130 5328
  • OFEK – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung: , Tel. 030 610 804 58, Mobil 0176 458 755 32
  • GLADT e.V.: Menschen mit Migrationsgeschichte, Schwarze und people of color, LGBTQ*Personen; , Tel. 030 587 684 9300
  • LesMigraS / Lesbenberatung Berlin e.V.: LSBT*I* mit Fluchterfahrungen, mit und ohne Mehrfachidentität,
  • EachOneTeach (EOTO) & Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), Gesprächspartner bei Diskriminierung Schwarzer Personen: , Tel. 030 983 24 177;

Darius Savelsberg

Die Broschüre »Solidarisches Krankenhaus für die Kitteltasche«- Bald auch an deinem Krankenhaus – Herausgeber*innen und Bezugsadresse der Kritischen Mediziner*innen Berlin: kritischemediziner_innen(at)riseup.net, http://kritischemedizinerinnen.blogsport.eu/

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Rassimus im Gesundheitswesen, Nr. 3, Oktober 2020)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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