GbP 3-2020 Dickel / Schröder

Rassismus und Diskriminierung als Public Health Problem anerkennen!

Strategien gegen Rassismus in der ambulanten Gesundheitsversorgung

Viele US-amerikanische Städte und Gemeinden haben in diesem Jahr Rassismus offiziell als Public Health-Krise anerkannt. Dies ist vor allem ein Erfolg der Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter (BLM), die angesichts der enormen rassistischen Polizeigewalt und der erschreckend ungleichen Verteilung der To­des­opfer von Covid-19 weltweit eine riesige Protestwelle gestartet hat. Jahrzehntelange Forschung zum Thema in den USA stützt die Einordnung von Rassismus als Public­Health-Krise: Rassismus wirkt sich als Herrschaftsverhältnis unmittelbar auf alle Lebensbereiche und damit auf die Gesundheit der Menschen aus.

Rassismus als Herrschaftsverhältnis prägt sich nach historischen Kontext unterschiedlich aus, die Situation in Deutschland unterscheidet sich daher klar von der US-amerikanischen. Auffällig ist jedoch, dass im Gegensatz zu den USA in Deutschland eine Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Rassismus nahezu vollständig fehlt; erst in den letzten Jahren wurden erste partielle Studien durchgeführt.

Diese Forschungslücke ist ein Ausdruck der jahrzehntelangen gesellschaftlichen Negation von strukturellem Rassismus in den zwei Deutschlands nach dem NS-Regime.

Doch auch hier haben BLM und andere Bewegungen und Debatten wie MeTwo1 dazu geführt, dass die Existenz von Rassismus nicht mehr geleugnet werden kann, es ist im Mainstream angekommen: Auch Deutschland hat ein Rassismusproblem.

In der ambulanten Gesundheitsversorgung in Deutschland fehlen bisher innovative Konzepte, die auf Rassismus als Public Health-Herausforderung Antworten geben. Dass Angst, Wut oder Frustration infolge von rassistischen Erfahrungen Stressreaktion des Körpers auslösen können, die mit der Zeit die Organe und Systeme des Körpers beeinflussen und zu Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und deren Folgeerscheinungen führen können, ist hierzulande weiterhin nicht ausreichend bekannt und Thema. Es fehlen Assessmentinstrumente zu Rassismus und Diskriminierungserfahrungen sowie psychologische Beratungsangebote und Präventionsangebote im Allgemeinen.

Erste Erfahrungen aus der Praxis

Viele Nutzer*innen des Hamburger Stadtteilgesundheitszentrums Poli­klinik Veddel führten in der Primärversorgung den hohen Stressfaktor Rassismus an und auch auf dem Institutionentreffen wurde Rassismus als Thema gesetzt. Angesichts der Tatsache, dass im postmigrantisch geprägten Stadtteil Veddel viele Menschen Rassismuserfahrungen machen, aber die Mitarbeiter*innen in den lokalen Beratungsstellen und auch in der Poliklinik Veddel zum überwiegenden Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, war ein erster Schritt die Organisation von Sensibilisierungsworkshops (durchgeführt von empower, Arbeit und Leben Hamburg) im Hinblick auf Rassismus für Mitarbeiter*innen von Veddeler Institutionen. Ziel dieser Workshops war es, zu einem gemeinsamen Verständnis von Rassismus zu gelangen, die eigene Positionierung sowie die zugrundeliegenden Machtverhältnisse zu erkennen und in die Auseinandersetzung mit den eigenen Rassismen einzusteigen. Die Sensibilisierungsworkshops sind gut angenommen worden, es wurde mehrfach der Wunsch nach einer Vertiefung geäußert.

Im zweiten Schritt wurden Empowermentworkshops für von Rassismus Betroffene angeboten, einmal für Eltern von Kindern mit Rassismuserfahrungen und für Kinder mit Rassismuserfahrungen (durchgeführt von KARFI und Phoenix e.V.). Ziel war es, Menschen zu stärken bzw. zu ermächtigen, um die eigene Resilienz zu steigern und Handlungsspielräume im Umgang mit alltäglichem und strukturellem Rassismus zu erweitern. Bei den Empowermentworkshops zeigte sich einmal mehr, wie wichtig es ist, dass die Organisation entweder durch eine Community selbst oder zumindest in enger Absprache erfolgt, da die Vertrauensbasis zentral ist.

Drittens konnten wir eine enge Kooperation mit dem Romani Kafava, einer Selbstorganisation von Rom*nija2 primär für Rom*nija aufbauen und dazu beitragen, Zugänge zu Ressourcen wie Geldern, Räumlichkeiten und Wissen zu schaffen.

Was folgt daraus

Wenn die Krankenkassen Prävention auf Verhaltensebene und im Setting ernst meint, müssen sie ihre Gelder auch für rassismuskritische Programme und -workshops öffnen. Denkbar sind z.B. auch Formate im Rahmen der Bildungs- und Betreuungsangebote am Nachmittag. Aus unserer Sicht ist die Kostenübernahme ein wichtiges Signal, da damit Ras­sismus als Gesundheitsrisiko von den zuständigen Funktionsträgern in Deutschland anerkannt würde.

Rassismus ist ein strukturelles Problem, wir brauchen daher auch Ansätze jenseits der Verhaltensebene: Als Poliklinik Veddel wollen wir an unserer Zusammensetzung im Team arbeiten, da Menschen mit Rassismuserfahrungen deutlich unterrepräsentiert sind. Weitergehende Maßnahmen für den Stadtteil könnten die Einrichtung einer Antidiskrimierungsstelle, das Verfassen einer Stadtteil-Antirassismus-Charta und die Einführung von Affirmative Action Programme3 in den Quartieren sein.

Milli Schröder und Philipp Dickel, Poliklinik Veddel, Hamburg

  1. #MeTwo ist ein Hashtag gegen die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund. (Wikipedia)
  2. Rom*nija: Gegenderte kollektive Selbstbezeichnung (auch bekannt als Roma im generischen Maskulinum).
  3. Affirmative Action beschreibt institutionalisierte Maßnahmen, bei denen der Diskriminierung sozialer Gruppen entgegengewirkt werden soll, in dem ihnen  in den Bereichen Ausbildung, Beruf usw. gezielt ein Vorteil gewährt wird.


(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Rassimus im Gesundheitswesen, Nr. 3, Oktober 2020)


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