Zusatztext: Anne-Sophie Windel

Eine Geschichte von Blutarmut

Gedanken- und Erlebnisprotokoll einer Wahrnehmung Weißen (1) ärztlichen Handelns

In meinem Dienst in einer internistischen Abteilung begegne ich der älteren Patientin Frau K. auf der geriatrischen Station. Die Kolleg*innen aus der Pflege teilen mir mit, dass die Patientin heute mehrfach massiv blutigen Stuhlgang gehabt habe. Ich gehe im Kopf meinen Standardalgorithmus der akuten gastrointestinalen Blutung durch: Hb-Kontrolle, Kreuzblut, ggfs. Notfallrektoskopie, Stabilisierung der Patientin.

Ich gehe ins Zimmer: Die über 80-Jährige, aber durchaus agile Dame spricht Deutsch mit mir, berichtet aber, sie „könne nicht so gut deutsch“, da sie nicht Muttersprachlerin sei, sie käme aus Thailand. Ich verstehe sie gut, bin mir aber gleichzeitig meines einordnenden Weißen Blicks auf eine „Patientin mit (asiatischem) Migrationshintergrund“ bewusst. Ich spüre, wie ich aufgrund des thailändischen Nachnamens der Patientin und meiner Einordnung die Aussagen der Patientin in Frage stelle, sie bagatellisiere: „Kann sie wirklich verstehen, wie viel Blut sie verliert? Sie spricht ja doch mit Akzent. Sie ist so freundlich, aber ist sie wirklich kompetent genug, ihren Körper zu kennen? Muss ich das nicht für sie entscheiden?“ Auch wenn dies teils Fragen sein könnten, die ich mir bei eine*r Weißen Patient*in stellen würde, so merke ich, wie das Bild „Patient*in of Colour2“ in meinem Kopf einen übergeordneten Platz bekommt, ohne dass es einen rationalen Grund hat, denn ich habe Frau K. ja verstanden. Sie berichtet mir über das Blut im Stuhl, ihr sei schwindelig und sie fühle sich zunehmend schwach, sie habe Angst. Ihre Skleren sind blass. Ich sehe den Hb-Wert von vor zwei Tagen (8mg/dl) und denke: „Ach, das können wir ja morgen kontrollieren.“ Ich versuche, die Patientin in diesem Moment zu beruhigen. Ich gehe aus dem Zimmer, nachdem ich länger mit Frau K. in lauter Stimme gesprochen habe, extra deutlich, obwohl sie nicht schwerhörig ist - ein Reflex, den ich teilweise bei mir wahrnehme, wenn ich mit Patient*innen of Colour spreche, die ich als „nicht muttersprachlich“ einordne, als ob dies etwas kompensieren würde, was mir als Weiße Person mit Migrationsdefizit3 im Kontakt fehlt.

Ich spüre in mir eine innere Unruhe, ein leichtes Zaudern, als ich dies denke und kommuniziere und habe das Gefühl, dass ich die Patientin eher beschwichtige, als dass ich wirklich ruhigen Gewissens meine Worte spreche. Ist es wirklich so, dass ich warten kann oder sollte ich nicht doch jetzt den Blutwert kontrollieren? Kann ich Frau K.s Aussagen glauben? Was sagt meine Intuition? Die ist durch meinen rassifizierten Blick auf die Patientin in Unklarheit geraten. Das Bild der nicht muttersprachlich sprechenden Patientin, der „unmündigen asiatischen Frau“, die kognitiv nicht versteht, was ich meine, rückt in den Vordergrund, ich habe es unbewusst durch meine Sozialisierung in der Weißen Dominanzgesellschaft erlernt und merke, wie ich mit dieser „gefärbten Brille“ auf die Patientin schaue und nicht die Patientin als Mensch mit einem Symptom sehe. Das Bild, das entsteht, trifft faktisch gar nicht auf Frau K. zu.

In einem Review von mehreren Studien über die Entscheidungsfindung von Weißen Ärzt*innen in den USA wurde gezeigt, dass Weiße Mediziner*innen eine unbewusste Bevorzugung für die Behandlung von Weißen Patient*innen gegenüber Schwarzen und PoC-Patient*innen haben und dass z.B. weniger Herzinfarkte bei Schwarzen Patient*innen diagnostiziert werden. Die Entscheidungen hinsichtlich Diagnostik und Therapie sind unterschiedlich je nachdem, ob die Patient*in Weiß oder PoC/Schwarz ist.4 Dabei wird die Brisanz der rassistischen Stereotype und der unbewussten Vorurteile deutlich, die Patient*innenleben gefährden können aufgrund der unbewussten Vorurteile und Diskriminierungen. Es kann zu einer Bagatellisierung der Symptome, einer Fehleinschätzung oder fehlenden Anamnese schon zu Beginn des Ärzt*in-Patient*innen-Kontakts kommen und somit zu wenig Informationen übermittelt werden, die für die Behandlung wichtig wären, oder geäußerte Symptome werden nicht ernst genommen. Dies kann sich gefährlich auf die Patient*innengesundheit auswirken, wenn ich als Ärztin bewusst oder unbewusst meine Macht- und Entscheidungsposition so nutze und mich gegen medizinisch notwendige Handlungen entscheide.

Ich schaue mir die Patientinnenakte von Frau K. an, bleibe zunächst bei meiner Entscheidung der morgigen Blutentnahme, obwohl ich hin- und her überlege, ob es nun doch nötig ist eine Blutentnahme zu machen oder nicht. Gibt es genügend Gründe dafür? Ich merke, dass ich gedanklich einerseits schon bei der Sichtung des nächsten Patienten in der Notaufnahme bin, andererseits ein leises unruhiges, fragendes Gefühl in mir bleibt.

In dem Fall von Frau K. merke ich, wie ich nicht nur das Symptom „Blut im Stuhl“ bedenke, sondern darüber nachdenke, dass ich die Patientin als „anders, ausländisch“ wahrnehme. Einerseits habe ich gelernt, darauf aufmerksam zu sein und zu beachten, wo ich vielleicht Fehlentscheidungen treffe im Sinne einer fehlenden Anerkennung von Schmerzen oder Symptomen bei Patient*innen of Colour, wie es auch in der oben genannten Studie beschrieben ist, andererseits will ich die Patientin nicht „anders“ behandeln, merke aber, wie sich in meinem Kopf alles dreht und ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Kurze Zeit später ruft Frau K.s Tochter an, will mich sprechen, berichtet ebenfalls von den Ängsten der Mutter, ob man denn nicht schon früher etwas kontrollieren müsste? Ich verneine zunächst. Und stocke nach dem Gespräch, denn wenn ich es von außen betrachte, dann ist die Blutentnahme und Laborkontrolle das Mindeste, was ich machen sollte bei mehrfachem symptomatischen Blutverlust, Schwäche, Schwindel und Anämie. Durch das Gespräch mit der Tochter, die in Hochdeutsch mit mir spricht ohne Akzent und meine innere Auseinandersetzung mit dem „unguten Gefühl“, entscheide ich mich zur weiteren Diagnostik. Nachdem ich Blut und Kreuzblut abgenommen habe, bedankt sich Frau K., dass ich sie ernst genommen habe. Am nächsten Tag wird Frau K. aufgrund des Blutverlusts rektoskopiert und ihre blutenden Hämorrhoiden versorgt, sie erhält zudem zwei Blutkonserven.

Warum habe ich so gezögert? Durch meine Auseinandersetzung mit Rassismus und Weißsein in Antirassismustrainings und Gruppenaustausch mit Weißen und PoCs lerne ich immer mehr, mein Verhalten rassismuskritisch zu hinterfragen und in mich reinzuspüren. Ich nehme wahr, dass ich die Patientin rassifiziert habe und aufgrund internalisierter Stereotype und Weißer Unsicherheit zunächst eine Fehlentscheidung getroffen habe. Dadurch, dass ich gewisse Bilder, die ich der Herkunft und dem Aussehen der Patientin zugeschrieben habe, in mir hatte und die Sorgen und Symptome der Patientin durch diese Brille gesehen habe, wollte ich zunächst nicht medizinisch gerechtfertigt handeln, sondern habe die Beschwerden bagatellisiert.

Ich schäme mich, denn es scheint mir, dass ich bei einer Weißen Patientin nicht so lange mit der Blutentnahme gezögert hätte. Ich spüre meine rassistisch sozialisierten Bilder. Das ist unangenehm und tut weh, denn ich merke, dass ich Frau K. zunächst medizinisch nicht richtig behandelt habe, sondern sie durch den internalisierten Rassismus in Gefahr gebracht und ihr Unrecht in ihrer Wahrnehmung getan habe. Aufgrund des Rassismus konnte ich ihr zunächst nicht menschlich begegnen und auf sie eingehen, wie es eigentlich mein ärztliches Selbstverständnis ist. Dies alles in einer Verknüpfung mit meiner Position als Ärztin, wo ich die Handlungs- und Entscheidungsmacht inne habe und schon so in einem Macht- und Hierarchieverhältnis stehe.

Ich habe mich erschrocken, als ich diese Tendenz in meinem Verhalten erlebt habe. Und beobachte auch Verstrickungen mit altersdiskriminierendem Denken. Als ob eine massive Blutung nicht trotz eines Alters von über 80 Jahren abzuklären sei, gerade wenn die Patientin fit ist und darum explizit bittet. Erst die Allianz der Tochter mit ihrer Mutter und das wiederholte Nachfragen haben letztlich dazu geführt, mich um zu entscheiden und die Blutentnahme und weitere Schritte einzuleiten.

Ich bin erleichtert, dass ich offen war, meine Entscheidung und Handlung zu überdenken, mir den Raum zu geben, Unklarheit zuzulassen, mich zu hinterfragen und die Worte der Patientin ernst zu nehmen: phänomenologisch, in der Bewusstheit dessen, was zu sehen ist an Fakten und nicht nur mit den verschiedenen Brillen der Stereotype und sozialisierten rassistischen Vorstellungen - das ist täglich neu die Herausforderung. Ich gehe nachdenklich nach Hause. Und spüre neben der Scham und dem Unwohlsein auch eine gewisse Freude, nach all den Jahren der Auseinandersetzung mit Rassismus, die Fähigkeit zu haben, nachzuforschen und mein Weißes Muster zu durchbrechen und in kleinen Schritten zu verlernen und transformieren.

Genauso wie der Arzt Max Romano5 will ich diese Geschichte teilen, weil es wichtig ist, dass vor allem Weiße Ärzt*innen wie ich sich bewusst werden, wie unsere Entscheidungen durch die inneren Bilder und Vorstellungen mitbeeinflusst werden. Dass wir aktiv daran arbeiten und uns erinnern müssen, einen Schritt zurück zu treten, unser Verhalten rassismuskritisch zu reflektieren und die Dinge jenseits von rassistischen und anderen diskriminierenden Faktoren wie Sexismus oder Transphobie zu betrachten. Dies sollte alleine, aber auch in Gruppen passieren, indem wir unsere Angst, unsere Scham, unser Schuldgefühl anschauen, es teilen ohne zu verurteilen und uns empathisch in unserer Auseinandersetzung mit Weißsein unterstützen. In diesem Bewusstsein können wir menschliche, vorurteilsärmere Medizin praktizieren.

Anne-Sophie Windel beschäftigt sich seit einigen Jahren mit Rassismus und Weißsein und arbeitet aktuell als Assistenzärztin der Inneren Medizin in Solingen

Fußnoten

  1. Ich schreibe Weiß hier groß, um auf die soziale Konstruktion von Weißsein hinzuweisen. Weiß markierte Menschen können sich entscheiden, ob sie sich aufgrund weißer Vorherrschaft und Dominanzkultur mit Rassismus auseinandersetzen wollen, müssen es aber nicht so wie rassistisch markierte Menschen und genießen dadurch Privilegien. (vgl. Susan Arndt, Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland“, Münster 2005 und Artikel von Amma Yeboah).
  2. People of Colour (PoC)/Schwarz: Selbstbezeichnung von Menschen, die aufgrund von rassistischen Fremdzuschreibungen in der Weißen Dominanzgesellschaft Erfahrungen von „Anderssein“ erleben (vgl. u.a. Eggers et. Al, 2005, siehe oben)
  3. Nach Reyhan ?ahin: „Yalla, Feminismus!“, Stuttgart 2019
  4. Dehon et al.:  “A Systematic Review of the Impact of Physician Implicit Racial Bias on Clinical Decision Making”, Acad Emerg Med 2017, https://doi.org/10.1111/acem.13214
  5. Max Romano: “White Privilege in a White Coat: How Racism Shaped my Medical Education”, Ann Fam Med. 208 May 16 (3): 261-263 doi: 10.1370/afm.2231

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