GbP 2-2020 Medizinstudierende zum Studium

Verschult, veraltet, borniert

Wir haben Medizinstudierende aus ganz Deutschland gefragt, wie sie ihr Studium finden, welche Themen unterrepräsentiert sind, was Probleme darstellen und was sie sich für ihr Studium wünschen. Die Antworten auf verschiedene Fragen wurden zu einem zusammenhängenden Text zusammengefügt, teilweise gekürzt und grammatikalisch und/oder auf Rechtschreibung korrigiert, sind aber nicht inhaltlich abgeändert.

Studentin (Studienabschnitt: Klinik) Ich studiere Medizin, weil ich darin eine Mischung eines wissenschaftlichen und sozialen Studiums sowie Berufsfelds sehe, das sehr vielseitig ist. In meinem bisherigen Studium hatte ich aber oft das Gefühl, dass zu wenig auf die sozialen Aspekte eingegangen wird. Ich würde mir wünschen, dass im Studium auch über soziale Ungleichheit, Schwangerschaftsabbrüche, Gendermedizin  und Rassismus in der medi­zinischen Praxis gesprochen wird. Generell habe ich das Gefühl, dass nicht genug auf Probleme des klinischen Alltags eingegangen wird. So wird nicht darauf vorbereitet, dass durch die zunehmende Ökonomisierung im Krankenhaus Ärzt*innen nicht primär das Wohl der Patient*innen im Auge haben müssen, sondern auch die Kosten und so häufig auch entgegen der ärztlichen Ethik handeln müssen.

Jakob (Studienabschnitt: Klinik) Für mich sind Politik und damit der Blick für das Gesellschaftliche unterrepräsentiert. Ich kenne niemanden, der dieses Studium gewählt hat, um später unternehmerisch für sich alleine zu arbeiten. Ich sehe bei vielen Studierenden den Wunsch nach Teilhabe an einer in die Gesellschaft eingeflochtenen ­Gesundheitsversorgung. Ein Problem unseres Studiums ist, dass es stark an Theorie überladen ist. Heute kann jeder Medizinstudierende ehrlich zu­geben, dass dieser ganze Stoff sowieso nicht hängen bleibt und, dass das viele Spezialwissen, oft etwas für den Facharzt wäre. Ich wäre dafür, die Zeit bis zur Approbation auf wichtige Grundfertigkeiten zu beschränken und einen Überblick zu vermitteln, um eine Grundsicherheit auf Station zu erlangen. Dafür die gewonnene Zeit mehr in die praktischen Tätigkeiten des Arztberufes zu stecken und außerdem eine wirklich akademische freie Ausbildung zu ermöglichen. Es braucht Angebote, Wahlmöglichkeiten und die Möglichkeit des selbstständigen und interessenorientierten Arbeitens, damit auch die Charakterbildung vorangetrieben wird. Niemand wird freiwillig Fachidiot. Es sollte mehr Hausarbeiten und kontroverse Diskussionen geben, Ethik und Sozialmedizin sollten eine wichtigere Rolle spielen und außeruniversitäres Engagement sollte angerechnet werden. Das größte Problem in der Lehre ist, dass die Zuständigen auf den Stationen didaktisch ungeschult sind. Diese Unsicherheit merkt man den auszubildenden Ärzt*innen stark an und es wird oft mit Strenge oder hierarchischen Strukturen überspielt. Das Ergebnis ist dann meist eine schlechte Feedback- und Fehlerstruktur und hat für mich die großen Defizite in der Lehre erklärt. Generell sollte mehr frei und interessensorientiert gearbeitet werden. Wahlfächer, Hausarbeiten und ausführliche kontroverse Diskussionen finden quasi nicht statt. Fächer wie Sozialmedizin oder Ethik kommen viel zu kurz. Ich denke, dass alle Medizinstudierende, insbesondere noch vor dem PJ ein »bigger picture« vermittelt bekommen sollten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man schnell ins Gespräch über eine Verbesserung der Lehre kommen kann. Natürlich sind die Strukturen zäh und uneinladend, aber man versteckt sich auch gerne hinter dem Mythos, dass ja alles schon immer gut funktioniert hätte. »Es könnte schlimmer sein«, ist ein Satz, den ich nicht mehr hören kann.

J., Studentin (Studienabschnitt: Praktisches Jahr) Ich studiere Medizin, weil ich mich für den menschlichen Körper interessiere, weil ich in politischen Bewegungen in veränderlichen globalen Bedingungen immer etwas beitragen können will, ohne unbedingt selbst in erster Reihe zu stehen und weil ich Angst vor einem finanziell prekärem Leben habe. Durch das Studium fühle ich mich zwar medizinisch-fachlich ausreichend vorbereitet, aber ich fühle mich wenig vorbereitet auf die tiefe Widersprüchlichkeit der medizinischen Berufsethik, meiner eigenen Werte und der Kräfte und Anreize, die ärztliches Handeln und die Beziehungen darin tatsächlich formen. Hierunter leide ich täglich. Für meine Nachfolger*innen wünsche ich mir ein Medizinstudium, das kritisch auf die Kräfte und die Geschichte blickt, die die heutige »westliche Schulmedizin« geformt haben, eine realistische Wahrnehmung der heutigen Gesundheitsarbeit vermittelt, und eine positive Vision für tatsächlich gute und menschliche Medizin und Wege dorthin aufbaut.

Rabea (Studienabschnitt: Klinik) Mir fehlen als Themen die kritische Bewertung von Studien und Lehrmeinungen, der Umgang mit der Pharma­industrie, kritische Betrachtung von Lehrmeinungen, Diskriminierung in der Medizin, Gendermedizin, Möglichkeiten zur betrieblichen Einflussnahme auf gute Arbeitsbedingungen und Arbeitnehmerrechte, Fehlermanagement im Krankenhaus, psychische Gesundheit von Krankenhauspersonal, interpersonelle Zusammenarbeit und Austausch mit anderen Berufsgruppen z.B. durch gemeinsame Lehrveranstaltungen. Meines Erachtens sind viele Lehrveranstaltungen auch wegen der aktuellen Personalsituation in Unikliniken nicht gut vorbereitet. Praktika in Gruppen oder halbherzige Erklärungen, Augenrollen, wenn Studierende auf die Station kommen, sind immer noch die Regel und gute Praxisanleitung erhält man kaum, wenn es gut läuft in einer Famulatur in einem kleineren Krankenhaus. Ich wünsche mir eine engere Verzahnung von Theorie und Praxis. Bei uns im Studium war zum Beispiel das 6. Semester durch 8 Stunden Seminare unter der Woche gefüllt, das war ineffizient, hat viele Ressourcen beim Uniklinik-Personal gekostet und der geringe Praxisanteil war frustrierend für die Studierenden. Einen Denkanstoß hat mir auch das Konzept aus Frankreich gegeben, wo Studierende von Beginn des klinischen Abschnitts für ­Aufgaben wie EKGs befunden, Pa­tiententransporte, Aufnahmen im Sta­tionsteam fest eingeplant und auch geringfügig beschäftigt sind. Dadurch entsteht eine engere Verzahnung zwischen Klinikpersonal und Studierenden und auch eine bessere Lehre.

Paula (Studienabschnitt: Klinik) Medizinethik, Gesundheitspolitik, gesellschafts-, wirtschafts- und sozialpolitische Anteile der Gesundheit und Diskriminierung im Gesundheitssystem sind unterrepräsentiert. Für eine wirksame medizinische Versorgung sind neben klinisch-naturwissenschaftlichen Aspekten die Fragen nach den Le­bens- und Krankheitsumständen, sozialen ­Risikofaktoren, die Krankheit fördern bzw. die Gesundheit verhindern, elementar. Bei der Behandlung stellt sich zu selten die Frage, an welchen Stellen diese durch politische Handlungen abwendbar sind bzw. gewesen wären. Ich würde Lernende aktiv in die Organisation und Durchführung der Lehre einbeziehen. Wir wissen am besten, wie wir lernen und was wir dazu brauchen. Feedback und Reflexion sollten mehr Raum bekommen, um die Studienorganisation kontinuierlich zu verbessern und an sich ändernde Umstände anzupassen.

Lena (Studienabschnitt: Klinik) Mich reizt am Medizinstudium besonders die Kombination aus praktischer Arbeit, die sozialen Aspekte, die Arbeit mit Menschen und die gesellschaftliche Relevanz des medizinischen Feldes. Unterrepräsentiert im Studium sind vor allem soziale Gerechtigkeit und Gesundheit, mentale Gesundheit im medizinischen Bereich und insbesondere auch während des Studiums, geschlechterspezifische Themen, globale Gesundheit. Das größte Problem in der Lehre ist, dass der Druck und die Arbeitsbelastung in der Klinik wenig Raum für Lehre der Studierenden lassen, selbst wenn Ärzt*innen motiviert und engagiert sind.

Anne (Studienabschnitt: Klinik) Im Medizinstudium wird aus meiner Sicht der sozialwissenschaftliche Aspekt der Medizin unterrepräsentiert. Dazu gehören soziale Determinanten von Gesundheit, die ihren Ausdruck in unterschiedlichen Risikofaktoren, wie der Luftqualität, Armut und in Diskriminierungsformen, wie Rassismus und anderen -ismen finden. Sie manifestieren sich in der Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft und so in der Gesundheit. Aber auch der Klimawandel als größtes Gesundheitsrisiko und die Konzepte von Planetary Health, die in Zukunft unabdinglich in der Medizin sein werden, zählen zu den kaum besprochenen Themen im Studium. Außerdem werden Studierende nicht ausreichend darauf vorbereitet, dass sie in einem globalen, kapitalistischen System mit neoliberalen Tendenzen praktizieren werden. Der Umgang mit wirtschaftlichem Druck und Interessenkonflikten wird genauso unzureichend vermittelt wie interkulturelle Kompetenzen. An vielen Stellen fehlt die Orientierung an pädagogischen Konzepten bei den Lehrveranstaltungen. Die Seminarstrukturen sollten ausgebaut werden, sodass die aktive Teilnahme und Problemerarbeitung durch Studierende gefördert wird. Online-Learning und digitale Formate sollten mit Präsenz-Veranstaltungen kombiniert werden. Auch eine Wahl zwischen den beiden Formen halte ich für sinnvoll, um Lehre an verschiedene Lebensumstände der Studierenden anzupassen. Gerade im Moment ist es möglich herauszufinden, für welche Veranstaltung sich Onlinekurse anbieten und wie diese verbessert werden können. Um die Methodik zu verbessern ist es aus meiner Sicht ausschlaggebend, dass Lehrende aktiv mit Studierenden zusammenarbeiten, nicht nur auf Altbekanntes zurückgreifen und Kritik umsetzen.

Carmen (Studienabschnitt: Klinik) Das größte Problem ist für mich das unglaublich verschulte und veraltete System. Man hat keine Flexibilität in seiner Lehrplan-Gestaltung, extrem viele Pflichtveranstaltungen und kaum Möglichkeiten, vom vorgegeben Plan abzuweichen. Es besteht ein hoher Prüfungsdruck, der Hang, Detailwissen in sinnlosen Multiple-Choice-Klausuren abzufragen, und der Glaube, dass das Medizinstudium der einzige Lebensinhalt eines Studierenden sein sollte. Oft wird noch die Meinung vertreten, man müsse uns durch Stress und Druck im Studium auf unseren späteren Alltag vorbereiten. Neben Pflichtveranstaltungen, Klausuren, Famulaturen und womöglich auch noch der Doktorarbeit bleibt kaum Zeit für Freizeit oder einen Nebenjob. Das benachteiligt besonders Studierende, die keine Unterstützung von zu Hause bekommen oder auf Bafög angewiesen sind, für das sie in Regelstu­dienzeit bleiben müssen. Ich habe das Gefühl, nur sehr schwer Einfluss auf Studienorganisation und Lehre nehmen zu können. Meist ist nicht mal ein Tausch eines Seminar­termins oder eines Praxistages erlaubt. Sehr hierarchische Strukturen in den Kliniken, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, verhindern zudem Veränderungen auf universitärer Ebene. Für meine Nach­fol­ger*innen wünsche ich mir ein Medizinstudium, das flexibler gestaltet werden kann mit weniger Prüfungsdruck und ein faires PJ. Ich wünsche mir eine praxisnahe Lehre, in der mehr Frauen vertreten sind und dass man nicht als billige Arbeitskraft missbraucht wird.

trans* maskuliner Student (Studienabschnitt: Vorklinik) Das größte Problem am Medizinstudium ist, dass sich die Lehre gerne selbst als unpolitisch definiert, dadurch weitere Reflexionsprozesse vermeidet und somit weiterhin diskriminierend agieren kann. Außerdem wird in der ärztlichen Ausbildung meist höchstens am Rande und fachlich überholt auf die Bedürfnisse von trans* und inter Personen eingegangen. Dies hat zur Folge, dass die meisten Fachärzt*innen  im Umgang überhaupt nicht sensibilisiert sind und Betroffene dort wiederholt massiven Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ausbildung Gesundheitsberufe, Nr. 2 Juni 2020)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

zur Webseite

Finde uns auf