GbP 2-2020 Janßen

Oh wie schön ist Kanada

Bericht von einer Hospitationsreise – von Michael Janßen

Die Robert-BOSCH-Stiftung fördert seit fünf Jahren Konzeptionsentwicklung und Aufbau von lokalen, inhaltlich umfassenden und exzellenten Gesundheitszentren in Deutschland, die die Primär- und Langzeitversorgung in einer Region abdecken können (PORT-Zentren). Die Hamburger poliklinik auf der Veddel und das Berliner Gesundheitskollektiv (GeKo) gehören zu den geförderten Projekten. Im Rahmen der Förderung werden ein umfangreicher internationaler Austausch und Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Michael Janßen hatte als GeKo-Mitglied die Gelegenheit, im November 2019 an einer Hospitationsreise nach Kanada zu teilzunehmen. Gemeinsam mit Teilnehmenden aus anderen PORT-Zentren ging es für eine Woche nach Toronto, der Provinzhauptstadt von Ontario im Osten Kanadas.

Es sollte ein tieferer Einblick in ein kommunales Gesundheitszentrum (South Riverdale Community Health Center, SRCHC) in einem soziökonomisch benachteiligten Bezirk um die Queen Street East ermöglicht werden. Kanada verfügt über ein staatliches, steuer­finanziertes Gesundheitswesen. Die Community ­Health Center (CHC) sind Teil der regulären ambulanten Gesundheitsversorgung. In der Provinz Ontario, die Ein­woh­ner*innenzahl entspricht etwa der von Bayern, existieren ca. 100 CHC, die 5–10 % der Bevölkerung versorgen.

Unsere fürsorglichen Gastgeber*innen hatten nach vorheriger Abfrage der eigenen beruflichen Herkunft und den speziellen Interessen einen Stundenplan für jede einzelne Person entworfen. Dieser umfasste Vorträge, Führungen und Gesprächsrunden mit der gesamten Gruppe, in aufgeteilten Gruppen und Einzelhospitationen (shadowing) bei unterschiedlichen Berufsgruppen des SRCHC. Eine professionelle Gastfreundschaft, die Teil des Ansatzes des Zen­trums und Beispiel gebend war!

Entstanden aus gesundheitspolitischen Basisinitiativen vor fast 40 Jahren umfasst das heute 170-köpfige Team das SRCHC im versorgenden Bereich Hebammen, akademisierte Pflege (nurse practitioner), Physiotherapie, Allgemeinmedizin (general practitioner), Sozialarbeit, medizinische Rezeption, Ernährungsberatung und in allen Bereichen angelernte Erfahrungsexpert*innen (peers). Diese stellen dabei einen wesentlichen Teil (nach Köpfen 25 %) der Beschäftigten. Alle sind Angestellte des SRCHC und bilden ein gleichberechtigtes Team mit wenig Hierarchie.
Die Finanzierung sichert im Wesentlichen die Provinzregierung mittels Budgets; zusätzliches Geld fließt für einzelne Programme von der Stadt Toronto; Spendengelder sind das dritte Standbein (in Nordamerika ist Charity viel weiter verbreitet als in Europa).

Die Angebote richten sich im Wesentlichen an besonderes vulnerable Gruppen. Hierzu zählen als newcommers benannte Migrant*innen, Ältere, Abhängige, insbesondere Fentanyl-Abhängige, nicht-Versicherte. Gearbeitet wird in vielfältigen Programmen und Behandlungspfaden für definierte Indikationen und Themen und Zielgruppen. Dies geschieht entlang einiger Grund-Prinzipien, hier einige Beispiele:

Partizipation und Einbindung von peers und den Einwohner*innen

Die Programme, die auf die verschiedenen Bedarfe der Zielgruppen zugeschnitten sind, werden gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt, durchgeführt und evaluiert. Diese Herangehensweise war für uns aus Deutschland auf den ersten Blick ungewohnt, sind wir es doch gewohnt, immer zu wissen, was unsere Patient*innen brauchen. Wir wurden gefragt: How do you know, what your people need and want, when you don’t ask them? – einfach und einleuchtend.
Ein gewähltes kommunales Steuerungs-Gremium (eine Art Aufsichtsrat) sorgt für kontinuierliche Verankerung in der Bevölkerung.

Gesundheitsförderung in der community

Da das Zentrum als Ort der Versorgung als hochschwellig gilt, gibt es etliche Angebote im Quartier, um die Zielgruppen anzusprechen. Erst später können die Klient*innen für weitere Interventionen in die Immobilie gelenkt werden. Bestes Beispiel sind die Angebote für i.v. Fentanyl-user, die von den health providers auf der Straße angebunden werden und später im Zentrum unter anderem durch einen beeindruckend unspektakulären Konsumraum versorgt werden.

Begleitende Erhebung der Interventionen und Programme

Eva­luation und Forschung ist essentieller Teil der Arbeit, um auch gegenüber der finanzierenden Provinz nachzuweisen, dass die Angebote positiv auf gesundheitliche outcomes wirken.

Fazit

Insgesamt war es wohltuend, eine gut funktionierende ambulante Einrichtung in einem staatlichen Gesundheitswesen kennen zu lernen. Dem Prinzip der Zugangsgerechtigkeit wird in den Kanadischen CHC Rechnung getragen. Gleichwohl sind die CHC politisch nicht unangreifbar; die aktuelle konservative Provinzregierung erschwert die unabhängige Arbeit der CHC. In der Diskussion im vdää ist die Abhängigkeit von politischen und ökomischen Bedingungen eines staatlichen Gesundheitswesens immer ein Einwand gewesen. In der Konsequenz wurde die politische Arbeit und Lobbyarbeit vom lokalen Zentrum auf den Dachverband der CHC verlagert, um das einzelne Zentrum aus der Schusslinie zu nehmen.

Vom Kommunikationsstil sei noch berichtet, dass es etwas ungewohnt war, immer zuvorkommend, wertschätzend und lobend begegnet zu werden. Ein Umgang, der aus deutscher Gewohnheit zu übertrieben wahrgenommen werden könnte und die übliche, direkte und kritische Diskussion gehemmt hat.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ausbildung Gesundheitsberufe, Nr. 2 Juni 2020)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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