GbP 2-2020 Wulf

Ein Leben lang gegen reduktionistische Medizin

Nachruf auf Prof. Gerhard Baader (1928 – 2020)

Von der Einführungswoche in mein Medizinstudium 1987 an der Freien Universität Berlin blieb mir nur ein einziger Hochschullehrer in Erinnerung. Ein kleiner Mann mit weißen Haaren und hoher Stimme, der über die Verpflichtung der Medizin zu einer kritischen Selbstreflektion ihrer Geschichte, ihrer Konzepte und ihrer Verbrechen sprach. Gerhard Baader war damals mit 59 Jahren schon fast am Ende seines offiziellen Berufslebens als Medizinhistoriker, aber noch lange nicht am Ende seines Engagements für eine kritische und humane Universität, Medizin und Gesellschaft.

Erst ein Jahr später während und nach dem großen Unistreik und den Institutsbesetzungen 1988/89 wurde mir deutlich, dass er keineswegs nur eine akademische Beschäftigung damit meinte. Im studentisch erkämpften und selbst organisierten Projekttutorium für interdisziplinäre Faschismusforschung (PfiFf) forderte er nicht nur die Aufarbeitung der Beteiligung der akademischen Fächer am Nationalsozialismus, sondern organisierte gemeinsam mit Wolfgang Wippermann und den Studierenden Gedenkstättenfahrten in die ehemaligen Konzentrationslager – so sah ich zum ersten Mal Buchenwald und Auschwitz. Und in Weimar im Spätwinter 1990 die Neonazis, die uns schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel über den Weg liefen und ihre Dominanz demonstrierten.

Die Angst vor dem Faschismus, die Gerhard Baader schon früh als Kind einer Wiener säkularen jüdisch-christlichen Familie und jugendlicher Zwangsarbeiter im nationalsozialistischen »Großdeutschland« am eigenen Leib erfuhr, verwandelte er in seinem Leben immer wieder von neuem in politisches Handeln. Er war ab 1967 an der FU Berlin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin und seit dieser Zeit auch aktiv an den Protesten gegen die alte Ordinarien-Universität beteiligt. Ab 1975 lehrte er dann auch am Institut für Geschichte.

Zugleich begann er als Teil der »Kritischen Universität« gemeinsam mit anderen seine Arbeit zur »Medizin ohne Menschlichkeit «, die Erforschung und Aufarbeitung nicht nur der mörderischen Verbrechen, sondern auch der Kollaboration der Ärzt*innen mit dem Nationalsozialismus und der dazu gehörenden theoretischen Konzepte. Diese, wie der Sozialdarwinismus und eine reduktionistisch-naturwissenschaftliche Medizin verweigerten sich der sozialen (und moralischen) Dimensionen ihres Handelns und ihrer Sorge um die konkreten Kranken zugunsten eines abstrakten »Volkskörpers«, der auf Effizienz und Leistung zu optimieren sei. So führte diese Medizin ohne Menschlichkeit in letzter Konsequenz zur »Vernichtung lebensunwerten Lebens« in den Patientenmorden an geistig eingeschränkten und sozial unangepassten Menschen und zu den Menschenversuchen in Konzentrationslagern.

Die Aufdeckung und Kritik der Lebenslüge der offiziellen Deutschen Ärzteschaft von den »wenigen schwarzen Schafen«, die aktiv an den Verbrechen des NS Regimes teilgenommen hätten, war ein wichtiger Teil der Forschung und Publikation Baaders in den folgenden Jahrzehnten. Ebenso wichtig war ihm die unermüdliche Weitergabe des Wissens und der Kritik an die folgenden Generationen von Mediziner*innen und Forscher*innen, von der ich selbst als Doktorand bei ihm profitieren konnte.

Auch dies war weit mehr als eine akademisch-universitäre Praxis sondern immer verbunden mit der aktiven Aufforderung, die politische Dimension dieser Forschung wie auch des eigenen Handelns bewusst mit aufzunehmen. Eine zentrale Rolle spielte Gerhard Baader deshalb beim ersten »Gesundheitstag « 1980 in Berlin als große Gegenveranstaltung zum Deutschen Ärztetag. Die Karriere des damaligen Präsidenten des deutschen Ärztetages, des ehemaligen SA-Arztes und Standartenführers Wilhelm Heim war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahtlos weitergegangen. In direkter Auseinandersetzung mit diesen Karrieren wurde das Hauptthema des Gesundheitstages »Medizin und Nationalsozialismus, tabuisierte Vergangenheit – ungebrochene Tradition?«
Aus diesen zahlreichen Initiativen und kontinuierlichen Forschungen entstand um Gerhard Baader eine Gruppe von aktiven Nachwuchswissenschaftler*innen, die inzwischen zu Hochschullehrer*innen, Forscher*innen und Institutsleiter*innen wurden, ohne die Perspektive eines sozial und politisch intervenierenden Verständnisses von Medizin und Gesundheit zu verlieren.

In dieser Tradition versteht sich auch die Arbeit des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte und wir können uns glücklich schätzen, dass wir als Verein noch in den letzten Jahren die Gelegenheit hatten, von Gerhard Baaders Wissen und Bereitschaft zur Debatte direkt zu profitieren. Er war einer unserer Referenten bei einem mehrtägigen Seminar zu medizin-ethischen Fragen im Nationalsozialismus und heute in der Bildungsstätte Alt-Rehse am historischen Ort der „NS-Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ und er bedankte sich mit einer Mitgliedschaft im vdää. Dies war vor nicht einmal 4 Jahren und seine Mobilität war durch das hohe Alter und zahlreiche Gesundheitsbeschwerden schon stark eingeschränkt, aber dies hinderte ihn ebenso wenig an dieser Reise nach Mecklenburg-Vorpommern wie er bis kurz vor seinem Tod noch Pläne für Konferenzteilnahmen und persönliche Begegnungen machte.

Diese schier unerschöpfliche Bereitschaft, weiter am Leben teilzuhaben, in seiner jüdischen Gemeinde ebenso wie in der SPD Ortsgruppe Berlin-Schmargendorf, der er bis zuletzt treu blieb, ist nun zu einem Ende gekommen. Wir werden Gerhard Baaders Humor, seine Geschichten und Erinnerungen und politischen Interventionen schmerzlich vermissen und dürfen uns glücklich schätzen, für kürzere oder längere Zeit seine Begleiter*innen und Mitstreiter*innen gewesen zu sein.

Andreas Wulf

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ausbildung Gesundheitsberufe, Nr. 2 Juni 2020)


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Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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