GbP 1-2020 Kirchner

Ankerzentren machen krank

Warum Ärzte der Welt ihr Projekt zur psychischen Versorgung von Flüchtlingen abgebrochen hat – von Stephanie Kirchner

Das »Pilotprojekt Ankerzentren« der Bundesregierung sollte Asylverfahren wesentlich schneller und effizienter machen. Stattdessen, so Stephanie Kirchner, ist ein unmenschliches System entstanden, das die Gesundheit derjenigen gefährdet, die darin leben müssen.

»Sogenannte Ankerzentren zur Unterbringung von Asylsuchenden machen psychisch gesunde Menschen krank und psychisch kranke noch kränker.« Das ist die alarmierende Bilanz der Ärzte der Welt-Psychiaterin Stephanie Hinum nach ihrem Einsatz in der Ankereinrichtung im bayerischen Manching bei Ingolstadt. Sie hatte dort von Januar bis Oktober 2019 im Rahmen einer Kooperation mit Refugio München eine psychiatrische Sprechstunde angeboten. Die Bedingungen in der Unterkunft widersprachen nach Einschätzung von Ärzte der Welt in vielerlei Hinsicht völkerrechtlich verbrieften und selbstgesetzten Verpflichtungen des deutschen Staates gegenüber geflüchteten Menschen. Der Verein hat mehrfach erfolglos gegenüber Politiker*innen und in der Öffentlichkeit auf die Missstände hingewiesen. Am Ende blieb dem Team keine andere Wahl, als das Projekt vorzeitig zu beenden. Die in der ehemaligen Kaserne herrschenden Lebensumstände verhinderten eine erfolgreiche Behandlung. Das erfahrene psychiatrische und therapeutische Team konnte unter diesen Bedingungen die Verantwortung für die Verfassung von schwer psychisch kranken Patient*innen und für ihre Medikamenteneinnahme nicht mehr tragen.

Eigentlich sollten die Ankerzentren genannten Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende, die die Bundesregierung im Juni 2018 mit dem »Masterplan Migration« auf den Weg gebracht hat, mehrere Probleme lösen: Durch die Zentralisierung von Behörden sollten sie Asylverfahren beschleunigen. Sie sollten verhindern, dass die Inte­gration von Menschen ohne Bleibeperspektive gefördert wird und eine Ausreise derjenigen sicherstellen, deren Asylanträge abschlägig entschieden wurden. (AnKER steht für Ankunft, Entscheidung und Rückführung.) Ak­tuell existieren sieben solcher Einrichtungen in Bayern und jeweils eine weitere im Saarland und in Sachsen.

Kein System, um besonders schutzbedürftige Bewohner*innen zu identifizieren

Im Ankerzentrum Manching/Ingolstadt wirkten sich vor allem der fehlende Schutz vor Übergriffen und die mangelnde Privatsphäre negativ auf die psychische Gesundheit der Patient*innen aus. Sie waren in Mehrbettzimmern untergebracht und hatten, da selbst Duschen und Toiletten nicht abschließbar waren, keinerlei Rückzugsorte. Nachts kam es oft zu Ruhestörungen und auch Kinder waren Gewaltszenen ausgesetzt, zum Beispiel bei Abschiebungen. Bewohner*innen waren in ihrer Selbstbestimmung stark eingeschränkt: Sie hatten nicht die Möglichkeit, sich Mahlzeiten zuzubereiten oder zu entscheiden, zu welcher Uhrzeit sie essen. Die Bedarfe Asylsuchender sollen weitgehend mit Sachleistungen gedeckt werden, so dass sie nur wenig Geld zur freien Verfügung hatten. Von gesellschaftlicher Teilhabe waren sie ausgeschlossen. Ein Großteil der Kinder konnte keine reguläre Schule besuchen. In den meisten Fällen konnten Erwachsene keine Arbeit, keine Ausbildung und kein Studium aufnehmen. Zum Zeitpunkt ihrer ersten Konsultation waren viele Pa­tien­t*innen schon über ein Jahr in der Einrichtung untergebracht.

Es gab zudem kein systematisches und zeitnahes Vorgehen, um besonders schutzbedürftige Bewohner*innen zu identifizieren. Und selbst wenn Ärzte der Welt besondere Bedarfe festgestellt hatte, gab es kein Prozedere und kein ausreichendes Personal, um den Menschen die notwendige Unterstützung zu ermöglichen. Insbesondere psychisch belastete Personen waren mit den undurchsichtigen bürokratischen Anforderungen und Abläufen im Ankerzentrum, auch aufgrund der Sprach- und Kommunikationsbarrieren, völlig überfordert.

Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse

Unter den Patient*innen befand sich zum Beispiel eine junge Frau mit Missbrauchs- und Gewalterfahrungen. Sie war auf ihrer Flucht in einem libyschen Gefängnis interniert gewesen und litt unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Alles in der Ankereinrichtung – die nicht abschließbaren Duschen, der Lärm, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Bewohner*innen und Sicherheitsdienst, Uniformen, Polizeikontrollen – lösten bei ihr Erinnerungen an ihre schrecklichen Erlebnisse aus. Diese Frau bräuchte eine ruhige, unterstützende und sichere Umgebung. Die Bedingungen im Ankerzentrum waren das Gegenteil.

Ein junger Mann berichtete, dass er nachts nie richtig schlafen könne, weil er so große Angst vor den »vielen lauten fremden Menschen« habe. Er klagte zudem über akustische Halluzinationen. Der Patient berichtete, dass insbesondere das Essen in der Kantine sehr belastend für ihn sei. Aus diesem Grund verzichte er häufig auf Mahlzeiten. Er lebte zum Zeitpunkt der Behandlung bereits mehr als zwölf Monate in der Ankereinrichtung. Es vergingen weitere sechs Monate, bis er ausziehen konnte.

Viele Patient*innen wiesen mehr als eine psychische Störung auf

Es handelt es sich bei den geschilderten Fällen um Beispiele, jedoch keine Einzelfälle. Viele Patient*innen wiesen mehr als eine psychische Störung auf. Die meisten Diagnosen betrafen Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, häufig wurden Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen diagnostiziert. Auch Personen, die unter Schizophrenie oder schizotypen und wahnhafte Störungen litten, suchten die Sprechstunde auf. Die Mehrzahl der Patient*innen musste medikamentös behandelt werden.

Unter den Bewohner*innen herrschte ein hohes Bewusstsein über die negativen Auswirkungen der Unterkunft auf ihre Gesundheit. Die überwiegende Mehrheit antwortete auf die Frage, ob er oder sie glaube, dass das Leben in der Einrichtung ihrer Gesundheit oder der ihrer Kinder schade, mit »ja«. Der eigene Gesundheitszustand wurde meist als »schlecht« oder »sehr schlecht« eingeschätzt.
Die Beobachtungen von Ärzte der Welt über die negativen gesundheitlichen Folgen der Lebensbedingungen in dem Ankerzentrum stimmen mit den Einschätzungen zahlreicher anderer Expert*innen, die sich mit Sammelunterkünften zur Unterbringung von Geflüchteten beschäftigt haben, überein. Hier sind zum Beispiel der European Council for Refugees and Exiles (ECRE)und der wissenschaftliche Dienst der AOK zu nennen.

Wie eingangs erwähnt, hat sich Deutschland in verschiedenen internationalen Abkommen verpflichtet, geflüchtete Menschen zu unterstützen, gesunde Lebensbedingungen sicherzustellen und den Zugang zu Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Nach Artikel 21 und 22 der EU-Aufnahmerichtlinie sind Mitgliedsstaaten verpflichtet, vulnerablen Personengruppen die Unterstützung zu gewähren, die ihren speziellen Bedürfnissen Rechnung trägt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat 2016 in Zusammenarbeit mit UNICEF sogenannte »Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften« entwickelt, die unter anderem abschließbare Wohneinheiten, kinderfreundliche Orte, Beratungsangebote mit Sprachmittlung und Sensibilisierung des Personals in Bezug auf traumatisierte und psychisch kranke Geflüchtete vorsehen.

Das Menschenrecht auf Gesundheit wird missachtet

Ärzte der Welt fordert die Bundesregierung auf, diese Verpflichtungen zu erfüllen und das Anker-Experiment zugunsten einer dezentralen, integra­tionsfördernden Unterbringung von Asylsuchenden zu beenden. Basierend auf den Erfahrungen in Manching/Ingolstadt hat der Verein einen umfangreichen Maßnahmenkatalog erarbeitet, um gesundheitsförderliche Lebensbedingungen in Erstaufnahmeunterkünften zu schaffen. Dringend nötig sind unter anderem Schulungen für das Personal, damit es Menschen mit speziellen psychosozialen und medizinischen Bedarfen erkennen und eine adäquate Versorgung einleiten kann. Daneben braucht es Leitlinien, um Geflüchtete mit speziellen Bedarfen zu identifizieren und zu unterstützen. Ebenso unverzichtbar sind ein freier Zugang zu einer adäquaten bedarfsorientierten psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung in enger Vernetzung mit Sozialdiensten und Regierungsstellen sowie eine ausreichende Bereitstellung von Sprachmittler*innen.

Das System der Ankerzentren ist auf Abschreckung und Abschiebung ausgerichtet. Das Menschenrecht auf Gesundheit wird hier zugunsten einer restriktiven Migrationspolitik missachtet. Das ist völlig inakzeptabel.

Stephanie Kirchner ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit von Ärzte der Welt.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Medizinische Versorgung von Geflüchteten, Nr. 1 März 2020)


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