GbP 4-2019 Rakowitz

Analog – digital – total?

Nadja Rakowitz über die JHV in Göttingen

Das Gesundheitspolitische Forum des vdää und des Vereins Solidarisches Gesundheitswesen e.V. fand dieses Jahr vom 15.-17.11. im Kulturzentrum MUSA und dem Haus der Kulturen in Göttingen statt. Es kamen 110 Menschen; davon waren die Hälfte Studierende oder junge Ärzt*innen. Vor Ort organisiert wurde es von der Basisgruppe Medizin, bei der wir uns an dieser Stelle noch mal herzlich bedanken. Alles klappte wunderbar und wir waren sehr gut aufgehoben.

Die Basisgruppe organisierte auch die Veranstaltung am Freitagabend, die sich mit Rassismus im Gesundheitswesen auseinandersetzte: Zunächst stellte der AK Antirassismus der Basisgruppe Medizin Göttingen seine Arbeit vor und dann referierte Andreas Wulf vom Vorstand des vdää die Kritik der gesundheitspolitische Vorstelllungen und Aktivitäten der AfD. Das Hauptreferat zum Thema: »Rassismus in der Medizin: die Tradition einer Wissenschaft« hielt Amma Yeboah von der Universität Köln. Nachdem sie zunächst Rassismus in seiner spezifischen Historizität erläuterte, berichtete sie, dass in Deutschland keine empirischen Studien existieren, die die Beziehung zwischen Rassismus und Gesundheit explizit untersuchen, obwohl internationale Studien über Menschen mit Migrationshintergrund und Mi­gran­t*innen Hinweise liefern auf eine schlechtere physische und psychische Gesundheit, sowie auf schlechtere medizinische Versorgung von Zielgruppen rassistischer Diskriminierung. In Deutsch­land gibt es riesige Forschungslücken, einen entsprechenden Mangel bei der Ausbildung von Fachkräften und eine – damit zusammenhängende? – (Un)Bewussstheit über rassistische Strukturen, so Amma Yeboah. Der Vortrag war ein großartiger Auftakt der Tagung.

Am Samstag beschäftigte sich dann das Gesundheitspolitische Forum mit dem Thema: »Analog – Digital – Total? Nutzen und Risiken von Big Data im Gesundheitswesen«. Der Vormittag bestand aus zwei Panels mit Vorträgen und Diskussion und am Nachmittag teilten wir uns – auch das inzwischen schon Tradition – in fünf verschiedene Workshops auf. Den Abschluss bildeten dann ein Input und eine Diskussion über die aktuelle Gesundheitspolitik.

Den Auftakt machte am Samstagmorgen Carina Borzim, die über die Studie von Shoshana Zuboff zum »Überwachungskapitalismus« sprach (siehe S. 4 in diesem Heft). Leon Kaiser von Netzpolitik.org, der Plattform für digitale Freiheitsrechte, fragte anschließend: »Vermarkten oder Versorgen: Was machen wir mit unseren Gesundheitsdaten?« und erläuterte uns wichtige technische Details des Digitale-Versorgung-Gesetzes und auch anderer Vorhaben des BMG, wie z.B. das Implantate-Register-Gesetzes (siehe dazu den Text auf S. 13).

Das zweite Panel beschäftigte sich dann konkret mit der Digitalisierung in der ärztlichen Praxis. Hierzu referierten Wulf Dietrich zur Telematik-Infrastruktur und Jürgen Kretschmer vom Gesundheitsladen aus München zur Frage, was die Digitalisierung den Pa­tien­t*innen nütze. Digitalisierung braucht Patient*innenorientierung und -beteiligung, so sein Fazit. Wulf Dietrich erläuterte die Geschichte und Funktionsweise der Telematik-Infrastruktur und kritisierte sowohl das Konzept des Notfalldatensatzes als auch des e-Medikationsplans, weil die ersteren im Notfall irrelevant und die zweiten in der Praxis unvollständig blieben. Große Bedenken gelten auch für die ePatientenakte. Wulf Dietrich kam zu dem Schluss, dass es keinen belegbaren medizinischen Nutzen der TI und der eGK gebe, der in einem vernünftigen Verhältnis zu Kosten und Sicherheitsrisiken steht und er prophezeit, dass die Telematik Infrastruktur das »Stuttgart 21 der Gesundheitspolitik« werde.

Jürgen Kretschmer diskutierte den Nutzen und die Risiken von GesundheitsApps (siehe Texte S. 15 und 19) für die Patient*innen und kritisierte, dass es bislang keinen evidenzbasierten nachgewiesenen Nutzen gebe, aber die Gefahr groß sei, dass diese zum einen die Kommunikation zwischen Ärzt*innen und Patient*innen stören und dass die Apps einen impliziten Zwang zur individuellen Selbstopti­mierung transportierten, den man in Zukunft möglicherweise für die unterschiedliche Gestaltung von Kran­ken­kassentarifen nutzen könne – von Datenschutzproblemen ganz zu schweigen. Als Patientenvertreter stellte er folgende Forderungen: die Apps müssen vollständig der Versichertengemeinschaft gehören und in dieser verbleiben; es darf keine privatwirtschaftliche Nutzung der Gesundheitsdaten geben; die Quellcodes müssen offengelegt werden und die Aufklärung und Einwilligung in die Nutzung und AGBs der Apps muss barrierefrei und praxistauglich möglich sein.

Die Workshops am Nachmittag waren zum einen Vertiefung des Vormittegas: einer zur Digitalisierung und der zweite zur Digitalisierung in der Psychiatrie (siehe Text S. 11); ein dritter ­beschäftigte sich mit Ideen einer intersektoralen Bedarfsplanung und dis­ku­tierten die Ergebnisse aus den vdää-Arbeitskreisen. Ein weiterer Workshop bot eine Einführung in die Strukturen des Gesundheitswesens an und im fünften Workshop wurde über Klimawandel und Gesundheit diskutiert.

Bei der Mitgliederversammlung am Sonntagmorgen wurde der neue Vorstand des vdää gewählt. Die Mitglieder finden das Protokoll der MV in der Vereinsbeilage. Der Vorstand spiegelt nun etwas besser die aktuelle Mitgliederstruktur und den Wandel des vdää. Mit Carina Borzim gibt es wieder eine Frau im geschäftsführenden Vorstand und mit Felix Ahls eine weitere Verjüngung desselben. Im erweiterten Vorstand sind ebenfalls viele neue, junge Mitglieder. Die Zukunft verspricht spannend zu werden!

(Die Vorträge finden sich auf der Homepage unter: https://www.vdaeae.de/index.php/vdaeae/videos-und-audios)

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Digitalisierung im Gesundheitswesen, Nr. 4 Dezember 2019)


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Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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