GbP 4-2019 Borzim

Unsere Gesundheitsdaten im Überwachungskapitalismus

Carina Borzim stellt uns Shoshana Zuboffs Thesen zum Überwachungskapitalismus vor. Zuboff diskutiert die ökonomischen Imperative und die sozialen Hintergründe des Datensammelns durch Konzerne wie Google u.a.

Laut Artikel 9 der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bilden Gesundheitsdaten eine »besondere Kategorie personenbezogener Daten« und sind damit in besonderem Maße geschützt (1). Umgangssprachlich handelt es sich bei Gesundheitsdaten um so genannte sensible Daten. Was macht unsere Gesundheitsdaten besonders wertvoll und schützenswert und was sind die sozialen und ökonomischen Interessen hinter der Digitalisierung im Gesundheitswesen? Die Idee möglichst viele Daten von uns digital zu erfassen, zu vernetzen und auszuwerten, kam nicht von heute auf morgen. Dahinter steckt ein längerer Prozess von Maschinenlernen und der Möglichkeit, aus den gesammelten Daten Profit zu schlagen.

»Überwachungskapitalismus« ist laut Shoshana Zuboff das Zauberwort, um die Hintergründe der Datensammelwut zu erklären. Zuboff ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Sozialpsychologin. Sie hat eine Professur an der Harvard Business School, hat den Begriff Überwachungskapitalismus (engl. Survelliance capitalism) geprägt und das Buch »Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus« veröffentlicht (2).

Entdeckung von Verhaltensüberschuss

Laut Shoshana Zuboff ist Google der Pionier des Überwachungskapitalismus. Bei der Entwicklung ihrer Suchmaschine hätten die Entwickler*innen zunächst den Anspruch gehabt, die eingegebenen Daten ausschließlich dazu zu nutzen, die Suchergebnisse für die Nutzer*innen zu optimieren. Das Geschäftsmodell habe allerdings nicht ausgereicht, um das Unternehmen zu finanzieren. Deshalb hätten sie sich schlussendlich darauf eingelassen, auch Werbung zu schalten.

Um uns möglichst passende Werbung anzuzeigen, nutzen Plattformen wie Google, Facebook und Co. unsere überschüssigen Verhaltensdaten. Darunter können alle Informationen verstanden werden, welche zwar z.B. bei einer Suchanfrage übermittelt, aber nicht direkt gebraucht werden, um bessere Suchergebnisse zu generieren. Unser Verhaltensüberschuss wird analysiert und es wird versucht, daraus möglich genau unser zukünftiges Verhalten vorherzusagen. Je treffender die Vorhersage, desto höher sind die Überwachungserträge, die damit erzielt werden können.

Ökonomische Imperative

Um Verhalten von Nutzer*innen möglichst genau vorhersagen zu können, müssen Unternehmen laut Zuboff zwei Imperativen zur Datenakkumulation folgen: dem Extraktionsimperativ und dem Vorhersageimperativ. Der Extraktionsimperativ besagt, dass immer mehr Daten gesammelt werden und dabei in immer neue Gebiete vorgedrungen werden muss. Beim Vorhersageimperativ geht es darum, möglichst genaue Daten über uns zu sammeln. Darunter fallen z.B. Daten über unseren Alltag, unsere Körper und unsere Gesundheit. Um noch genauere Vorhersagen über unser künftiges Verhalten treffen zu können, schrecken große Konzerne auch nicht davor zurück, unser Verhalten im Vorfeld zu manipulieren. Den Über­wa­chungs­kapitalist*innen ist also daran gelegen, unsere Zukunft zu gestalten, um dann Profit aus deren Vorhersage schlagen zu können.

Soziale und politische Hintergründe

Wenn das wirklich so banal ist, warum lassen wir das dann eigentlich mit uns machen? Warum geben wir unsere Daten preis und lassen uns mit Werbung berieseln? Im Jahr 2017 lag der Anteil der Nutzer*innen von Adblockern, also Werkzeugen zur Unterdrückung von Werbung auf Webseiten, bei nur 30% (3). Es wird uns ständig suggeriert, wir bräuchten all die Apps und Dienste auf unserem Smartphone, die täglich unsere Daten sammeln, um an der Gesellschaft teilzuhaben. Der Überwachungskapitalismus verbreitet sich rasant und dringt dabei immer wieder in Gebiete vor, für die wir bis dahin keine Gesetze haben. Zuboff beschreibt in ihrem Buch schön, dass bei High Tech einfach immer alles schneller gehe und beim Staat immer alles langsamer. Sie spricht von einem »Enteignungszyklus«, der immer wieder damit einhergehe, gesetzliche und persönliche Grenzen herauszufordern. Dieser Enteignungszyklus folge immer einem ganz bestimmten Muster: Übergriff, Gewöhnung, Anpassung und Neuausrichtung. Zusätzlich zu gesetzlichen Grenzüberschreitungen, die immer wieder neuer Regulierung bedürften, gibt es auch andere soziale Umstände, die uns dazu bringen, freiwillig mehr Daten raus zugeben z.B. wenn wir uns bedroht fühlen. 09/11 habe unter anderem dazu geführt, dass mehr Sicherheit gefordert wurde und die Menschen dafür bereitwillig ein großes Stück ihrer Privatsphäre abgeben wollten. Die äußeren Umstände, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind, sorgen dafür, dass wir in einen Strudel geraten, aus dem wir als Privatpersonen nur schwer wieder rauskommen. Täglich fangen wir uns beim Besuch von Websites Cookies ein, werden getrackt und immer wieder gebeten, irgendwelchen Datenschutzrichtlinien zuzustimmen. Mit der Zustimmung wird uns eine Art Freiwilligkeit vorgegaukelt, mit der wir unsere Daten hergeben. Um alle Datenschutzrichtlinien zu lesen, die uns in einem Jahr begegnen, bräuchten wir allerdings angeblich 76 Arbeitstage (2). Da ist es kein Wunder, dass so viele Menschen auf »akzeptieren« klicken, ohne vorher zu lesen, was genau sie akzeptieren.

Smartphones, Apps und Start-Ups

Um an die Daten möglichst vieler Menschen auf der Welt zu kommen, entwickelte Google das Betriebssystem Android, welches im September 2019 weltweit auf 72,24% aller mobilen Geräte installiert war (4). Die Plattform von Android ist open-source, was es Entwickler*innen erleichtert, Apps für alle Android-Nutzer*innen zu programmieren. Die meisten Nutzer*innen beziehen diese Apps aus dem Play-Store, der allein schon dafür in die Schlagzeilen geraten war, dass er bis 2018 ständig den Standort seiner Nutzer*innen checkte. Viele Apps werden von StartUps entwickelt, deren Branche sich häufig mit dem Pathos der Weltverbesserung schmückt. Bei der Gründung von StartUps steht sehr häufig zunächst der praktische Nutzen ihrer Produkte im Vordergrund. Die ethischen Aspekte gehen allerdings in vielen Kleinstunternehmen im Laufe der Entwicklung verloren. Ein Grund dafür ist, dass IT-Security sehr teuer ist. Ein weiterer Grund ist, dass es bei Apps oft darum geht, dass sie möglichst einfach und schnell zu bedienen sind. Und ein zusätzlicher Grund ist, dass viele Apps, besonders die, welche besonders sensible Daten von uns sammeln, schnell von größeren Konzernen aufgekauft werden. Google ist z.B. ganz weit vorne, wenn es um den Aufkauf von Unternehmen geht, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen (2).

Gibt es sichere Datenspeicher?

Momentan gibt es keine komplett sicheren Datenspeicher und es wird sie vermutlich auch nie geben. Alle Daten, die digital gespeichert werden, können gehackt werden. Aktuell gibt es nicht einmal die Möglichkeit, Daten digital für die nächsten 20 Jahre sicher zu speichern (5). Es besteht also immer ein gewisses Risiko, dass Dritte an diese Daten gelangen. Wenn es sich dabei um die Zugangsdaten für einen Mailaccount handelt, kann er gelöscht und ein neuer angelegt werden. Wenn es ums Online-Banking geht, dann können die Konsequenzen schon etwas schwerwiegender sein, aber es kann immer noch ein neues Konto angelegt werden. Wenn es sich nun aber um Gesundheitsdaten handelt, dann sind diese für immer verloren. Man kann nicht einfach ein neues Leben ohne Gendefekt oder HIV-Infektion beginnen, nachdem diese Daten einmal öffentlich geworden sind. Wenn also weiterhin in einem so rasanten Tempo unsere Gesundheitsdaten gesammelt und verarbeitet werden, dann müssten sie nach dem Stand der aktuellen wissenschaftlichen Forschung und Verschlüsselungsmethoden in etwa 20 Jahren öffentlich sein. Das würde nicht nur einen finanziellen Schaden bedeuten, sondern es würde auch gesellschaftliche Auswirkungen haben. Es würde sich auch nicht nur um einen persönlichen Schaden handeln, sondern um einen langfristigen Schaden über Generationen hinweg, z.B. wenn es um vererbbare Erkrankungen geht.

Bei all den Vorteilen, die die Digitalisierung uns bringen kann, um unseren Alltag zu erleichtern oder Therapiemethoden effizienter zu machen, sollten wir nie vergessen zu hinterfragen, was dabei mit unseren Gesundheitsdaten geschieht und welche Konsequenzen das für uns und unsere Gesellschaft haben könnte.

Carina Borzim ist Ärztin in Berlin und Mitglied des gfVorstands des vdää.

Verweise

  1. Art. 9 DSGVO – Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten [Internet]. Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO); https://dsgvo-gesetz.de/art-9-dsgvo/ (zitiert 09.12.2019)
  2. Shoshana Zuboff: »Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus«, Frankfurt/Main 2018
  3. Adblocker – Anteil der Nutzer an den Internetnutzern in Deutschland 2019, Statista, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/911968/umfrage/anteil-der-nutzer-von-adblockern-unter-internetnutzern-in-deutschland/ (zitiert 14.11.2019)
  4. Mobile Betriebssysteme – Marktanteile Internetnutzung weltweit bis September 2019 [Internet]. Statista, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/184335/umfrage/marktanteil-der-mobilen-betriebssysteme-weltweit-seit-2009/ (zitiert 14.11.2019)
  5. Martin Tschirsich: »All Your Gesundheitsakten Are Belong To Us«, /v/35c3-9992-all_your_gesundheitsakten_are_belong_to_us (zitiert 14.11.2019)(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Digitalisierung im Gesundheitswesen, Nr. 4 Dezember 2019)

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Digitalisierung im Gesundheitswesen, Nr. 4 Dezember 2019)


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