GbP 3-2019 vdää Berlin

Let’s talk about sexism

Bericht der Ortsgruppe Berlin des vdää

Die oft gehörte Behauptung, Sexismus sei heutzutage kein Thema mehr, erscheint zynisch in Anbetracht der aufgewirbelten Debatten der letzten Jahre. #MeToo verlief im Gesundheitssektor zwar leiser und zögerlicher als in anderen Branchen, aber dennoch wurde die Tragweite des Problems deutlich.

Laut der Watch-Protect-Prevent Studie, die im Oktober 2018 veröffentlicht wurde, haben 76% der weiblichen und 62% der männlichen befragten Angestellten der Charité Berlin bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt.1 Demzufolge würden ihnen im Kolle­g*in­nen­kreis wahrscheinlich die meisten Frauen* von Erfahrungen mit sexistischen Äußerungen, Belästigungen, verbalen oder sogar physischen Übergriffen berichten können. Durch die Initiative der Berliner Gruppen der Kritischen Mediziner*innen und der Medical students for choice wurden Beispiele solcher Situationen gesammelt und anonymisiert veröffentlicht.2 Dies sind keine Einzelfälle und es deckt sich mit einigen unserer persönlichen Erfahrungen in Studium und Klinik, befanden wir in der Berliner Gruppe des vdää. Wir organisierten einen Workshop zu antisexistischen Argumenta­tio­nen und Empowerment speziell für im Gesundheitswesen Tätige und Studierende. Wir wollen mit diesem Artikel die Debatte um sexistische Strukturen im Kontext von Krankenhaushierarchien weiterführen und auch in den vdää tragen, eine Einführung in unser Verständnis von Sexismus geben und von dem Anti-Sexismus-Workshop berichten, den wir am 2. März 2019 erfolgreich veranstaltet haben.
Worüber sprechen wir, wenn wir Sexismus sagen?

Sexismus …

  • … ist ein gesellschaftliches strukturelles Problem, das sich durch weit verbreitete Vorstellungen, Erwartungen und Einstellungen aufgrund des zugeschriebenen Geschlechts auf alle Menschen auswirkt, dies jedoch auf unterschiedliche Art und Weise. Sexismus ist ein strukturelles aber auch ein interaktionelles, kommunikatives Problem.
  • … ist eine Erscheinungsform eines ungleichen Machtverhältnisses, dieses bestimmt den Handlungsspielraum
  • … begründet soziale und materielle Benachteiligungen zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, bei Lohnniveaus zeigt sich eine Gender-pay-gap, bei Redeverhalten, durch gesellschaftlich vermitteltes Sicherheitsgefühl (wie oft wird Mädchen gesagt, sie sollen abends nicht alleine rausgehen und wie oft ihren Brüdern?), in Körpersprache, bei zugeschriebenen Fähigkeiten und Eigenschaften, bei Rollenerwartungen…
  • … hat verschiedene Ebenen: Alltagssexismus, sexualisiertes Verhalten, sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt / verbal, non-verbal oder physisch
  • … betrifft meist Frauen*, Queers und verschiedene Menschen nicht heteronormativer sexueller Identität oder Orientierung
  • ... muss auch intersektional gedacht werden und betrifft häufiger auch Menschen, die zusätzlich andere Diskriminierungsformen erleben müssen, z.B. aufgrund von Herkunft, sexueller Identität, Behinderung, Ethnizität.

Der Übergang von einer sexistisch bestimmten verbalen Äußerung, von subtilen Gesten oder Kommentaren hin zu einem sexuellen Übergriff oder sexualisierter Gewalt ist fließend, manchmal schwer bestimmbar, aber enorm wichtig zu erkennen. Juristische Grundlagen im Allgemeinen Gleichbehandlungssgesetz (AGG), An­sprech­part­ne­r*innen und Handlungsmöglichkeiten bei sexueller Belästigung finden sich am Ende des Textes. Wir wollen uns aber nun ganz bewusst auf die sexistischen Strukturen fokussieren, die oft nicht juristisch erfasst werden, sondern subtil im Alltag, in Kommunikationsformen und Stereotypen enthalten sind. Dort anzusetzen und diese zu verändern, weicht – so unsere feste Überzeugung – auch den strukturellen Nährboden für sexualisierte Übergriffe und Gewalt auf.

Das Krankenhaus mag als beispielhafter Mikrokosmos für strukturelle Machtverhältnisse und Abhängigkeiten dienen, welcher häufig durchsetzt ist von starren Hierarchien und männlich geprägten Chefetagen, nicht selten weißhaarig dazu. So können althergebrachte sexistische Denkmuster bestehen bleiben und in entsprechende Umgangsformen gemünzt werden. Und das, obwohl die Mehrheit der Medizinstudierenden schon seit Jahren und der Pflegekräfte im Krankenhaus sowieso weiblich ist. Wir sprechen aber nicht nur von Problemen auf der Ebene zwischen Vorgesetzten und Angestellten, sondern auch unter Kolleg*innen und im Umgang mit Patient*innen.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz Neben den Allgemeinen Menschenrechten, der Gleichbehandlungsrichtlinie der EU, dem Grundgesetz und dem Strafgesetzbuch ist in Deutschland 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zum Schutz vor Diskriminierung in Kraft getreten. Im Gegensatz zum Grundgesetz, das vor allem staatliches Handeln betrifft, greift das AGG auch in das Privatrecht ein. »Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.« (§1 AGG). Es gilt u.a. für die Bereiche Zugang zu Erwerbstätigkeit und beruflichem Aufstieg, Arbeits- und Entlassungsbedingungen, Bildung, soziale Sicherheit und Wohnraum.
Arbeitgeber*innen werden durch das Gesetz verpflichtet, erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor Benachteiligungen zu treffen. Das beinhaltet Prävention, Schutz der betroffenen Person durch geeignete Maßnahmen zur Unterbindung (ggf. Abmahnung, Umsetzung, Versetzung oder Kündigung der ausübenden Person), Bekanntmachung des AGG sowie Einrichtung einer Beschwerdestelle bzw. eines Beschwerdeverfahrens. Arbeitnehmer*innen haben ein Leistungsverweigerungsrecht, wenn keine oder ungeeignete Maßnahmen erfolgen sowie Anspruch auf Entschädigung bzw. Schadenersatz.

Anti-Sexismus-Workshop – Berlin – März 2019

Für unseren Workshop in Berlin konnten wir mit Dorothea Sautter und Marion Winterholler von S.I.G.N.A.L. e.V. – Intervention im Gesundheitsbereich gegen häusliche und sexualisierte Gewalt zwei erfahrene Referentinnen gewinnen.3 Gemeinsam mit 30 Teil­neh­me­r*in­nen haben wir einen Tag mit zahlreichen spannenden Diskussionen, Argumentationsübungen und Rollenspielen verbracht.

Immer wieder arbeiteten wir mit beispielhaften Erfahrungen, die Teil­neh­me­r*in­nen gemacht haben und mit der Gruppe teilen wollten. Anhand dieser Beispiele analysierten wir Situationen mit Blick auf Stereotype und Grundannahmen auf zugrundeliegende Machtverhältnisse, auf Rollen- und Selbstverständnisse, auf die Handlungsmöglichkeiten der betreffenden Personen, wie auch des Umfelds. Mithilfe solcher Analyse ließen sich zum einen die manchmal unsäglichen Situationen besser verstehen, vor allem aber fiel es leichter, gemeinsam Gegenargumente und Antworten darauf zu finden. Um die Handlungsfähigkeit und die Schlagfertigkeit in der konkreten Situation zu verbessern, gilt es zu üben. Genau das haben wir in kleinen Gruppen von drei Personen getan, immer wieder Rollen getauscht, argumentieren geübt und versucht, Sprachlosigkeiten zu überwinden. Die Menge der geteilten Situationen und Erfahrungen hat noch einmal deutlich gemacht, dass sexistische Erfahrungen im (Krankenhaus-)Alltag für viele leider keine Besonderheit sind.

Mehrmals gelangten wir bei der Diskussion an schwierige und umstrittene Punkte. Gehe ich in die Offensive, in den Konflikt oder beende ich die Situation lieber leiser, konfliktärmer, indem ich womöglich die Arbeitsstelle wechsle oder der betreffenden Person auf andere Art ausweiche? Die Reflektion der speziellen Situation ist persönlich und abhängig von diversen Faktoren. Die eigene Bewertung und die sich jeweils ergebenen Handlungsmöglichkeiten sind immer auch in ihrer Bedingtheit von den Machtverhältnissen und Abhängigkeiten zu sehen. Auch das zu erkennen, war für uns ein wichtiger Bestandteil des Workshops. Besonders, wenn der Kampf gegen Sexismus an der einen oder anderen Stelle nicht laut und kraftvoll geführt werden kann, ist der sichere Raum zum Austausch und zur Reflektion mit anderen umso wichtiger und aufbauender. Da wir auch gemerkt haben, wie schwierig das Überwinden der eigenen Sprachlosigkeit und Handlungsunfähigkeit selbst in einem geschützteren Rahmen sein kann, wollen wir in den nächsten Workshops noch mehr Zeit zum Üben und Ausprobieren einplanen. Mitgenommen haben wir vor allem Momente des Empowerments, des gegenseitigen Austauschs und der Unterstützung, ebenso wie handfeste Argumente, wehrhafte Antworten und Strategien, der nächsten sexistischen Äußerung besser entgegen zu treten.

Wir haben im Anschluss ein Workshopkonzept erarbeitet, um die Inhalte und Methoden im Sinne einer Multiplikation weiterzutragen, einen ähnlichen Workshop selbst erneut durchführen zu können und anderen Hilfestellung zu bieten bei der Realisierung eigener Workshops. Wer Interesse an der Teilnahme hat oder gerne selbst einen Workshop anbieten möchte, kann sich gerne an uns wenden unter:
og_berlin (at) vdaeae.de

Anmerkungen

  1. Jenner S, Djermester P, Prügl J, Kurmeyer C, Oertelt-Prigione S.: »Prevalence of Sexual Harassment«, in: Academic Medicine, JAMA Intern Med, online October 03/2018, doi:10.1001/jamainternmed.2018.4859
  2. https://msfcberlin.com/diagnose-sexismus/warum-diese-seite/
  3. Mehr Infos und Kontakt zum Verein unter www.signal-intervention.de

Wir schreiben Frauen* und Queers, um die Binarität zweier Geschlechter in Frage zu stellen und meinen hiermit nicht nur Frauen*, die sich auch als Frauen* identifizieren, sondern auch jene, die sich der heteronormativen Definition nicht zuordnen lassen möchten.

Zum Weiterlesen

Broschüren/Flyer

Anlaufstellen

Intern

- Betriebsrat, Personalrat, MAV, Gleichstellungsbeauftragte

Extern

– Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Unterstützung und juristische Erstberatung für Menschen, die Diskriminierungen erfahren haben
– verdi: bietet Mitgliedern Beratung und Rechtsbeistand
– Hilfetelefon: Gewalt gegen Frauen*: bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben, telefonisch (0800 0116016) und per Online-Beratung
– Wildwasser e.V.: Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt

(Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse im Gesundheitswesen, Nr. 3, September 2019)


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Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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