GbP 3-2019 Frentz / Paun

»Unfaire Löhne wegmoppen«

Friedrich Paun und Marla Frentz zu den Tarifauseinandersetzungen an der ausgegründeten Universitätsmedizin Klinikservice GmbH Göttingen
Letztes Jahr erstritten Beschäftigte der Klinik-Tochterfirma einen Haustarifvertrag für sich und machten damit einen ersten wichtigen Schritt zur Wiederangleichung ihrer Löhne und Arbeitsbedingungen an den Tarifvertrag der Länder (TV-L). Was bedeuten Arbeitskämpfe im Krankenhaus aus feministischer Perspektive?

Wie in vielen Krankenhäusern hat sich auch an der Unimedizin Göttingen das Management vor inzwischen über zehn Jahren entschieden, viele der sogenannten »patientenfernen« Bereiche in eine Tochterfirma auszugliedern. In der Klinikservice GmbH (UMG-KSG) sind seitdem die Gebäudereinigung (neben der Klinik auch für weitere Teile der Universität), die Wäscherei, der Patiententransport und einiges mehr untergebracht. Für die Klinikleitung ein lohnendes Geschäft: Sie behält die völlige Kontrolle über die Betriebsabläufe, während sie gleichzeitig nicht mehr an den Tarif­vertrag der Länder (TV-L) gebunden ist. Neueingestellte bekommen dann bei gleicher Arbeit nur noch die Hälfte des Lohns.

In der UMG-KSG arbeiten rund 700 Menschen (zuzüglich 300 Beschäftigte mit alten TV-L-Verträgen) – der Anteil der Frauen liegt bei 70%. Ihre Arbeit ist Voraussetzung für einen reibungslosen Ablauf im Klinikum. Sie waschen die Kittel der Ärzt*innen und Medizinstudierenden, schieben Patient*innen kilometerweise und putzen die Hör- und Operationssäle. Dafür erhalten sie weder den Lohn noch die Anerkennung, die sie verdient hätten.

Viele der Beschäftigten sind zusätzlich zum Lohn auf Transferleistungen angewiesen. Sie erhalten Wohngeld und teilweise auch Leistungen nach SGB II (also Hartz IV). Der Arbeitgeber »vergesellschaftet« also einen Teil seiner Lohnkosten, indem von vornherein klar ist, dass die Bezahlung der Beschäftigten zum Leben nicht reicht.

Für die Menschen, die bei der UMG KSG arbeiten, bedeutet das nicht nur demütigende Gänge zum Sozialamt und Bedürftigkeitsprüfungen, sondern hier wird bereits der Weg in die Altersarmut geebnet, denn die Rente fällt am Ende natürlich dementsprechend gering aus. Zudem haben viele Beschäftigte einen Zweitjob, um im Monat genug für Miete und Familie zu verdienen. Jobs, Zweitjobs und der Verantwortung für ihre Kinder nachzukommen, bedeutet eine große Mehrfachbelastung – gerade für Frauen, die noch immer den Großteil der häuslichen Sorgearbeit übernehmen.

In die Auseinandersetzung gehen…

Bereits Ende 2017 kamen Beschäftigte der Klinikservice GmbH auf den verantwortlichen ver.di-Sekretär in Göttingen zu, um über Strategien für eine Verbesserung der Löhne nachzudenken. Mögliche Inspirationsquelle für diesen Schritt mag der kurz zuvor gewesene erfolgreiche Arbeitskampf der UMG-Gastronomie gewesen sein, einer weiteren Tochterfirma der UMG.

Den eigentlichen Tarifauseinandersetzungen ging eine relativ lange Vorbereitungszeit voraus, mit Schulungswochenenden organisiert durch ver.di, an denen die Beschäftigten sich mit dem Konzept Tarifverträge und der spezifischen Situation an der UMG vertraut machten. Im Jahre 2018 spitzte sich die Tarifauseinandersetzung dann immer weiter zu. Anfangs war die Geschäftsführung nicht bereit, ein auch nur im Ansatz ernstzunehmendes Angebot zu unterbreiten. Den Beschäftigten gelang es aber, sich zunehmend besser zu vernetzen und kollektiv gegen den Arbeitgeber zu agieren. Sie skandalisierten die ungleiche Bezahlung und nahmen neben der Geschäftsführung der KSG auch die Leitung der Universitätsmedizin und die Präsidentin der Universität in die Pflicht. Letztlich gelang es ihnen öffentlichkeitswirksam zu streiken und damit neben dem öffentlichen Druck auch ökonomischen Druck aufzubauen. Letzteres gestaltet sich bei Streiks im Krankenhaus immer sehr schwierig. Bedeutendster Druckpunkt waren die Operationssäle, die ebenfalls von den Beschäftigten gereinigt werden. Beim zweiten Streik traten so viele Beschäftigte in den Ausstand, dass nur noch Notfall-OPs durchgeführt werden konnten und für das Klinikum ein erheblicher (und wahrscheinlich auch gänzlich unerwarteter) finanzieller Schaden entstand. Der Arbeitgeber konnte so letztlich bewegt werden, ein ernsthaftes Angebot zu unterbreiten. Heute verdienen die Beschäftigten bis zu 30 Prozent mehr. Der TV-L oder eine Wiedereingliederung in die Klinik sind damit noch nicht erreicht, aber ein erster wichtiger Schritt ist getan.

Am Kreuzungspunkt von Klasse und Geschlecht

Arbeitskämpfe in Krankenhäusern sind aus vielen Gründen schwierig. Zum einen stellt natürlich die Gewährleistung der Patientenversorgung auch während des Streiks eine Herausforderung dar. Die allermeisten Krankenhausbeschäftigten haben außerdem ein deutlich ausgeprägteres Verantwortungsgefühl für ihre Patient*innen als mutmaßlich ein Beschäftigter bei z.B. VW für ein halbfertig gebautes Auto. Hinzu kommt ein Narrativ der Abwertung, das zwei Teile umfasst: Einerseits die »patientenferne« Arbeit, die vorgeblich nicht direkt mit den Menschen zu tun hat, wird dabei als weniger wichtig für die Genesung eingestuft. Es ist dabei gleichgültig, dass die »Patientenferne« im beruflichen Alltag nicht besteht: Reinigungskräfte machen Krankenzimmer sauber und auch für den internen Patiententransport ist sofort ersichtlich, dass dieser wohl nicht patientenfern sein kann. Aber auch die Wäscherei leistet einen unverzichtbaren Anteil zur Hygiene im Krankenhaus und damit für die Genesung der Patient*innen.

Der zweite Teil des Narrativs besteht darin, die verrichteten Tätigkeiten nicht nur wegen ihres Ortes, sondern auch wegen ihres Inhalts abzuwerten. Sauber machen und Wäsche waschen kann ja schließlich jede*r, also sei die Tätigkeit anspruchslos und könne schlecht entlohnt werden. Auch das geht am Arbeitsalltag der Beschäftigten vorbei. Eine Wäscherei hat im ­Inneren weit mehr mit einer Fabrik gemeinsam (Hitze, Lautstärke, Auto­ma­tisierung), als die heimische Waschmaschine. Gleichzeitig besteht hier eine Anknüpfung an den größeren patriarchalen Diskurs, der jede Form von häuslicher Arbeit, also eben Tätigkeiten wie sauber machen, waschen oder kochen, grundsätzlich im Vergleich zur »schweren den Lebensunterhalt finanzierenden Lohnarbeit« abwertet und bewusst die Notwendigkeit der Reproduktion verschweigt.
Für die Ökonomisierung im Krankenhaus ist diese Argumentationslogik hochfunktional, ungeachtet dessen, wie wenig logisch sie beim genaueren Hinschauen tatsächlich ist. Sie legitimiert letztlich die enorme Verringerung des Lohns der Beschäftigten, sowohl nach außen, aber auch für die Geschäftsführer (die männliche Form ist absichtlich gewählt) vor sich selbst.

Dies führt zum zweiten feministischen Aspekt der Auseinandersetzung: Sie wird zum Kreuzungspunkt von Klasse und Geschlecht. Im Krankenhaus findet sich in allen Bereichen eine ungleiche Geschlechterverteilung entlang der betrieblichen Hierarchie. So wird auch die Klinikservice GmbH mit ihren überwiegend weiblichen Beschäftigten von einer rein männlichen Geschäftsführung geleitet. Die Tarifauseinandersetzung ist somit auch eine Selbstermächtigung gegenüber diesen Männern. Viele der beschäftigten Frauen hatten anfangs keinerlei Mut und Rückhalt, ihren Forderungen Stimme zu verleihen. Durch die kollektive Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber konnten sie die Vereinzelung und Erniedrigung am Arbeitsplatz durchbrechen und zumindest ein Stück weit Kontrolle über ihre Arbeits- und Lebensbedingungen gewinnen.

Obwohl diese Tarifauseinandersetzung für uns immer auch eine immanent feministische Auseinandersetzung war, gestaltete es sich schwierig, diesen Punkt in der Praxis zu vermitteln. Dies gilt sowohl gegenüber der Öffentlichkeit, als auch in der Hinsicht, dass sich die Beschäftigten mit dieser Argumentation nicht identifizierten und ihr teilweise sogar ablehnend gegenüberstanden.

Nach unserer Einschätzung liegt hier die zentrale Herausforderung für eine feministische Praxis von Arbeitskämpfen: Das Verständnis solcher Arbeitskämpfe als feministische Kämpfe muss vermittelbar werden und für die Beschäftigten von einem fremden akademischen Thema zu ihrem eigenen Anliegen werden. Grundlegend dafür erscheint uns die eigene Schulung, feministische Thesen in eine einfachere, anwendbare Sprache zu übersetzen und gemeinsam mit den beschäftigten Frauen für sie relevante Themen herauszuarbeiten. Es ist ein gegenseitiges Lernen, ein Lernprozess, in dem Theorie und Praxis aufeinandertreffen. Gelingt er uns, scheint auch ein 8. März mit Millionen von Frauen auf der Straße denkbar. 

Marla Frentz studiert Medizin im 9. Semester und Friedrich Paun Soziologie im 3. Mastersemester. Beide sind bei ver.di und im Bündnis »Supportbündnis Tarifvertrag« aktiv und kämpfen mit Leidenschaft für bessere Arbeitsbedingungen.

(Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse im Gesundheitswesen, Nr. 3, September 2019)


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