GbP 3-2019 Zickler

AKF - Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft

vorgestellt von Susanne Zickler

»Wir sind entschlossen auf Fehlentwicklungen in der Medizin, in der wir eine Entfremdung eigentlicher medizinischer Aufgaben sehen, und durch die vor allen Dingen die Frau zum Medizinobjekt disqualifiziert wird, hinzuweisen und adäquat zu reagieren. Dabei gehen wir davon aus, dass ein Zusammenschluss kompetenter Frauen mehr Gewicht hat und somit effektiver ist, als eine Einzelstimme sein kann«. So steht es im Gründungsaufruf des Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft, kurz AKF, von 1993. Frauengesundheit sollte nicht nur unter medizinischen Aspekten gesehen werden, sondern das soziale und politische Spektrum, d.h. alles, was Frauengesundheit beeinflusst, sollte mit einbezogen werden. Entgegen den Erwartungen der Gründungsfrauen trafen sie damit den Nerv sehr vieler im Gesundheitsbereich beschäftigter und engagierter Frauen: Zur ersten AKF-Tagung 1993 in Bad Pyrmont kamen über 300 Frauen, gerechnet hatten sie mit maximal 100! Die seitdem jährlich stattfindenden Jahrestagungen an wechselnden Orten sind Zeit für Begegnungen, Verortung und Debatten zu den unterschiedlichsten Themenbereichen, immer aber unter den Oberthemen »Frauengesundheit und psychosoziale Bedingungen« einerseits, und »Interprofessionalität« andererseits. Inzwischen ist der AKF der größte Zusammenschluss von unabhängigen Frauengesundheitsorganisationen im deutschsprachigen Raum.

Die Mitglieder sind Hebammen, Ärztinnen, Psychologinnen und Pädagoginnen, Heilpraktikerinnen, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerinnen, Juristinnen, Pflegekräfte, in der Selbsthilfe engagierte Frauen und Gesundheitswissenschaftlerinnen, sowie Berufsverbände, Frauengesundheits­zentren, Selbsthilfeverbände und Frauenberatungsstellen. Der gemeinsame Konsens ist das Verständnis von Frauengesundheit als Ergebnis von gesellschaftlichen Bedingungen und das Eintreten für die Selbstbestimmung von Frauen, unter Berücksichtigung der je nach Alter, körperlichen und seelischen Fähigkeiten und Einschränkungen, sexueller Orientierung sowie kultureller, religiöser, sozioökonomischer und ethnischer Erfahrung unterschiedlichen Bedarfe.

In den inzwischen über 25 Jahren ist eine Vielzahl von aktiven Fach- und Forschungsgruppen sowie einzelnen Regionalgruppen entstanden: Der runde Tisch »Lebensphase Eltern werden«, die Forschungsgruppen »Maternal & Child Health« und »Psychosomatische Forschung in der Praxis«, sowie die Fachgruppen »Gesundheit lesbischer und bisexueller Frauen«, »Frauenärztinnen-Gruppe«, »Brustkrebs«, »Psychische Gesundheit«, »Sexuelle Selbstbestimmung«, sowie »LiSa-Linksammlung zu Gesundheitsinformationen für Frauen«. Auch bei den Protesten gegen den §219a waren die AKF-Frauen sehr aktiv und bei den Prozessen zur Unterstützung vor Ort.

Für mich persönlich war es Mitte der 90er Jahre eine unheimliche Erleichterung und Bereicherung, als junge Weiterbildungsassistentin in der Frauenheilkunde nach den oft frauenverachtenden Erfahrungen in den gynäkologischen Kliniken oder Praxen auf gleichgesinnte, engagierte und mutige Kolleginnen zu treffen, die eben keine männlich dominierte, spezielle Berufsgruppe und Interessenvertretung für Ärzte waren, sondern eine multiprofessionelle Vertretung für Frauengesundheit verbunden mit einer Kritik am industriell organisierten Gesundheitssystem darstellten, und dies sowohl bei sogenannten Fachthemen wie Mammographie-Screening, Krebsfrüherkennung, HPV-Impfung, Hormonsubstitution und Medikalisierung, als auch bei gesellschaftlichen Themen wie sexualisierte Gewalt und soziale Ungleichheit. Sowohl die Erfahrungen bei den Jahrestagungen als auch die persönlichen Kontakte innerhalb der sogenannten »Gynnie-Gruppe« haben meine Arbeit als Ärztin mit meinen Patientinnen, sowohl früher als Frauenärztin wie auch jetzt in der Psychosomatik, sehr geprägt.

Und ähnlich wie im vdää findet auch beim AKF ein Generationswechsel statt, mit vielen neuen jungen Mitgliedsfrauen und neuen Themen. Das lässt hoffen auf hoffentlich mindestens 25 weitere Jahre engagierter Arbeit für Frauengesundheit.

Die 26. AKF-Jahrestagung findet vom 2. – 3. November 2019 in Berlin-Spandau statt zum Thema: »Frauensache Pflege – Pflegen und gepflegt werden: Was ist da, was fehlt?«

Weitere Infos auf der Homepage: www.akf-info.de

Susanne Zickler ist Frauenärztin und Mitglied im erweiterten Vorstand des vdää.

(Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse im Gesundheitswesen, Nr. 3, September 2019)


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Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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