GbP 3-2019 Wichterich

Der prekäre Care-Kapitalismus

Sorgeextraktivismus oder die neue globale Ausbeutung – von Christa Wichterich

Christa Wichterich diskutiert in diesem für uns leicht gekürzten und überarbeiteten Beitrag die in neoliberalen Regimen verschärfte Ausbeutung von bisher noch nicht inwertgesetzten Bereichen, vor allem von Sorgearbeit, also jener Arbeit, die die Arbeitskraft und das Soziale reproduziert. Und sie zieht Parallelen zum Ressourcenextraktivismus.

Ob bei den bundesweiten Streiks der Kitabeschäftigten, den Arbeitsniederlegungen des Pflegepersonals in der Berliner Charité oder dem Hungerstreik der Assistenzärzte in Polen: Wie selten zuvor haben in den vergangenen Jahren Proteste in den Sozial-, Pflege- und Erziehungsberufen das Thema Sorgearbeit in die Öffentlichkeit getragen. Diese Proteste finden auch deshalb große Beachtung, weil es sich um einen neuen Typus von Arbeitskämpfen handelt. Ihre Pro­ta­go­nist*in­nen sind nicht nur überwiegend weiblich, sondern ihre Ziele gehen auch über gewerkschaftlich artikulierte Lohnforderungen hinaus und rücken die Frage nach der Qualität und Anerkennung von Sorgearbeit ins Zentrum.

Diese Auseinandersetzungen um Care-Arbeit – wie Ver-, Für- und Vorsorgearbeiten und personennahe Dienstleistungen in der feministischen Ökonomie genannt werden1 – lassen sich als Kämpfe gegen den »Sorgeextraktivismus« bezeichnen.

Analog zum Ressourcenextraktivismus2 beschreibt dieser Begriff die in neoliberalen Regimen verschärfte Ausbeutung von bisher noch nicht inwertgesetzten Bereichen, vor allem von Sorgearbeit, also jener Arbeit, die die Arbeitskraft und das Soziale reproduziert, die putzt und pflegt, wickelt und wäscht, ernährt und regeneriert. Der Markt, die Waren- und Geldökonomie, setzen diese Sorgearbeit als »natürliche« weibliche Fähigkeiten voraus, die scheinbar endlos nachwachsen.3 Mittels der als Sorgeextraktivismus bezeichneten Strategien werden Krisen der sozialen Reproduktion – wie beispielsweise Personalmangel in Pflege- und Erziehungsbereichen – ebenso rücksichtslos wie kostengünstig überbrückt. Das Konzept betont, dass das Funktionieren von Ökonomien und die Überwindung von Krisensituationen nicht nur auf produktivistischer, industrieller Wertschöpfung beruhen, sondern auch auf reproduktiver Arbeit mit ihren emotionalen, nicht-rationalisierbaren Anteilen.

Rationalisierung und Transnationalisierung – die zwei Mechanismen des Sorgeextraktivismus

Sorgearbeit gehorcht der Logik der Fürsorge (care), des Sich-Kümmerns, und hat ihr eigenes Tempo. Im Neoliberalismus aber wird sie als Dienstleistung zunehmend in den Arbeitsmarkt, in nationale Versorgungsmärkte und transnationale Versorgungsketten integriert. Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor sind dann die Marktprinzipien von Produktivitäts- und Effizienzsteigerung, Konkurrenz und Rendite bestimmend. Doch das Füttern von Babys, Streicheleinheiten oder das Unterrichten von Kindern lassen sich nicht immer weiter beschleunigen. Zugleich gilt Sorgearbeit als unproduktiv und nicht wertschöpfend, weil sie keinen Warenwert erzeugt, sondern der Gewinn in scheinbar außerökonomischen Werten wie Zufriedenheit und sozialem Zusammenhalt besteht – sie wird entsprechend gering bewertet und schlecht bezahlt.

Die beiden zentralen Mechanismen der extraktivistischen Restrukturierung von Sorgearbeit im neoliberalen Kapitalismus sind Professionalisierung und Transnationalisierung. Durch den Mechanismus der Professionalisierung wird unbezahlte Arbeit in bezahlte Sorgearbeit systemisch eingeschlossen: Exemplarisch dafür steht die zunehmende Modularisierung und Standardisierung in Krankenhäusern, Arztpraxen und in der ambulanten Seniorenbetreuung. Module gelten als Methode der Rationalisierung, die Care-Arbeit wie industrielle Arbeit zerteilt und bemisst, dokumentiert und kontrolliert. Minutentakte und Standardisierungen werden dem ureigenen Tempo von Sorge- und Pflegearbeit übergestülpt und unterminieren damit die Logik der Fürsorge und des Sich-Kümmerns mit ihren altruistischen und emotionalen Elementen. Da die Module keine Zeit für Empathie und Zuwendung vorsehen, entsteht eine systematische Unterbezahlung. Denn die emotionale und Beziehungsarbeit ist unabdingbar und findet deshalb dennoch statt, geht aber nicht in die Lohnbildung ein. Somit organisieren Module Sorgearbeit extraktivistisch, bezahlte Arbeit schließt unbezahlte ständig ein.

Diese Verschränkung von bezahlter und unbezahlter Arbeit wird besonders deutlich bei der überwiegend durch migrantische Sorgearbeiterinnen geleisteten 24-Stunden-Altenbetreuung in Privathaushalten. Hier werden nur einige wenige Stunden des Rund-um-die-Uhr-Bereitschaftsdienstes entlohnt. Dies geschieht wie immer entlang der sozialen Ungleichheitsachsen von Geschlecht und Klasse, aber auch entlang von Herkunft, Hautfarbe und der Nord-Süd-Achse.

Der zweite zentrale Mechanismus des Sorgeextraktivismus besteht in der Transnationalisierung. Um Care-Notstände und Pflegeengpässe im globalen Norden kostengünstig zu lösen und die soziale Reproduktion zu gewährleisten, werden migrantische Sorgekräfte aus ärmeren Ländern und Haushalten »importiert«. Tausende polnische Ärzt*innen und Pflegekräfte, die in Westeuropa oder Skandinavien arbeiten, sind ein Beispiel für solche transnationalen Sorgeketten, wie Arlie Russel Hochschild den transnationalen Extraktivismus bezeichnet hat (Care Chain).4 Die Sorgekette, die bei uns einen Mangel behebt, reißt am anderen Ende, etwa in Polen, durch den Abzug von Arbeitskräften eine Versorgungslücke auf. Care Chain bedeutet daher immer auch Care Drain und Brain Drain. Während ausgebildete Arbeitskräfte und mit ihnen ihr Wissen das Land verlassen, wird die Sorgekrise aus wohlhabenden Ländern und Haushalten in die ärmeren Herkunftshaushalte und -länder verschoben. Dadurch wird der Versorgungsnotstand seriell weiterverschoben.5 Diese transnationalen Reproduktionsregime externalisieren die Kosten und Lasten sozialer Reproduktion in den globalen Süden.

Die Externalisierung der Sorgekrise in den globalen Süden

Diese extraktivistische Strategie wird immer wieder mit dem Diskurs umnebelt, Migrantinnen seien für die Altenpflege prädestiniert, weil in den Kulturen des globalen Südens die Achtung für und die Empathie mit alten Menschen stärker seien als im globalen Norden. Bei diesem Narrativ handelt es sich um eine kaum verhüllte ethnorassistische und kulturalistisch verbrämte Variante der Zuschreibung von Fürsorgebereitschaft und Verantwortungsgefühl an »andere« Frauen.

Der transnationale Sorgeextraktivismus als gesellschaftliche Reproduk­tionsstrategie ist nicht zuletzt Teil einer »imperialen Lebensweise«, wie Ulrich Brand und Markus Wissen die Produktions- und Konsumformen der globalen Mittelschichten zu Lasten »anderer«, natürlicher und menschlicher Ressourcen im globalen Süden nennen.6 Er führt nicht nur zu einer neuen internationalen Teilung von Sorgearbeit, sondern auch zu einer Verfestigung un­gleicher Bedingungen sozialer Reproduktion und der sozialen Ungleichheiten gerade zwischen Frauen aus verschiedenen sozialen Klassen sowie unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe.

Die Zukunft der Sorgearbeit

Damit sich auch migrantische Pflegekräfte gegen neoliberale Zumutungen und Unterbezahlung zur Wehr setzen können, brauchen sie gewerkschaftliche Unterstützung vor Ort. Tatsächlich ist dies dringend notwendig, nicht zuletzt auch angesichts der unter dem Stichwort Industrie 4.0 diskutierten Automatisierung und der absehbaren Einführung von Robotern im Gesundheits- und Betreuungssektor, aber auch angesichts von betriebswirtschaftlichen Strategien, technologische Lösungen für Personalmangel und Finanzknappheit zu suchen. Schon längst entstehen neue Wachstumsmärkte für assistierende digitale Technologien: Androide, die Patienten tragen können, Robocoaches als Physiotherapeuten und Kuscheltiere wie das Seehundbaby Paro, die das Bedürfnis nach körperlicher Nähe befriedigen sollen. Dieser Prozess wird sich unweigerlich auf den Bereich der Care-Arbeit und auf deren Bewertung auswirken. Umso wichtiger ist es, die nicht rationalisierbaren und nicht technisch zu leistenden Anteile der Sorgearbeit endlich finanziell aufzuwerten.

Gleichwohl löst die gewerkschaft­liche Forderung nach mehr Anerkennung durch bessere Bezahlung die komplexe Reproduktionskrise nicht und bleibt hinter den Streikforderungen zurück. Denn die streikenden Sorgearbeitenden politisieren Care-Arbeit als Teil des neoliberalen Regimes sozialer Reproduktion und fordern einen politökonomischen und kulturellen Paradigmenwechsel. Es geht darum, dass Rechte und Bedürfnisse der Menschen Vorrang haben vor Effizienz und Profitstreben und dass die Care-Ökonomie als Gemeinschaftsgut begriffen werden muss und keine Ware auf Gesundheits- und Betreuungsmärkten sein sollte. Sorgearbeit zu politisieren, heißt im Anschluss an die Philosophin Joan Tronto, sie als Gegenstand von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und Bürgerschaftlichkeit zu thematisieren.7

Das bedeutet auch, den Widerstand gegen den Sorgeextraktivismus mit einer sozialtransformativen und demokratisierenden Perspektive auf die Ökonomie zu verbinden. Emanzipatorische und transformatorische Potentiale liegen da, wo sich durch die Sorgepraktiken sowie die Logik des Sich-Kümmerns und der Achtsamkeit die Utopie einer Care-Ökonomie abzeichnet, die auf einer Anerkennung auch der nicht rationalisierbaren Anteile der Sorgearbeit beruht.

Gute Pflege und Sorgewohlstand für alle sind nur möglich, wenn die soziale Reproduktion und Daseinsvorsorge den neoliberalen Politikstrategien und dem destruktiven Extraktivismus des Marktes entzogen werden. Bündnisse zwischen Sorgearbeitenden und Versorgten sind ein erster Schritt, Erziehung, Pflege und Versorgung wieder als Gemeingüter, als Commons, zu begreifen und zu gestalten. Diese Umgestaltung, die Umbewertung und Umverteilung von Sorgearbeit einschließt, muss aber zugleich dem Anspruch folgen, die national und transnational hegemonialen Herrschaftsstrukturen entlang von Geschlecht, Klasse, Herkunft und Hautfarbe aufzubrechen und hiesige Krisen nicht durch die Ausbeutung von Ressourcen und Arbeit im globalen Süden zu bewältigen.

Christa Wichterich ist Soziologin, war Gastprofessorin für Geschlechterpolitik an der Universität Kassel und arbeitet zu feministischer Ökonomie und feministischer Ökologie.

(Die Langfassung des Aufsatzes befindet sich in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/2018, S. 91-97)

  1. Vgl. Gabriele Winker: »Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft«, Bielefeld 2015; Ingrid Artus, Peter Birke, Stefan Kerber-Clasen und Wolfgang Menz (Hg.): »Sorge-Kämpfe«, Hamburg 2017
  2. Der Begriff Ressourcenextraktivismus beschreibt eine Entwicklungsstrategie, die primär auf der Ausbeutung und dem Export von Rohstoffen beruht, anstatt diese im eigenen Land zu verarbeiten – in der kurzsichtigen Annahme, sie würden unbegrenzt zur Verfügung stehen und für stetiges Wachstum sorgen
  3. Vgl. Christa Wichterich: »Feministische internationale politische Ökonomie und Sorgeextraktivismus«, in: Ulrich Brand, Helen Schwenken und J. Wullweber (Hg.): »Globalisierung analysieren, kritisieren und verändern«, Hamburg 2016, S. 54-72
  4. Vgl. Arlie Russel Hochschild: »Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert«, in: Will Hutton, Anthony Giddens (Hg.): »De Zukunft des globalen Kapitals«, Frankfurt a. M. 2001, S. 157-176; vgl. auch Heino Güllemann: »Der globale Pflegenotstand«, in: »Blätter«, 1/2017, S. 29-32
  5. Vgl. Helma Lutz, Ewa Palenga-Möllenbeck: »Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand«, in: »Gender«, 3/2011, S. 9-27
  6. Vgl. Ulrich Brand, Markus Wissen: »Imperiale Lebensweise«, München 2017
  7. Vgl. Joan Tronto: »Kann ›sorgende Demokratie‹ eine politische Theorie der Transformation sein?«, in: Das Argument, 320/2016, S. 839-849

(Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse im Gesundheitswesen, Nr. 3, September 2019)


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