GbP 3-2019 Grieschat

»…oder wollen Sie, dass Ihr Kind stirbt?«

Mascha Grieschat über Gewalt im Kontext von Geburtshilfe

Weil wir von verschiedener Seite auf die Diskussion über Gewalt bei der Geburtshilfe aufmerksam gemacht wurden, baten wir Mascha Grieschat, dazu einen Text für uns zu schreiben. Über diesen gab es in der Redaktion allerdings Dispute – unter anderem darüber, ob es der Sache dienlich ist oder diese eher relativiert, wenn man den Gewaltbegriff dermaßen ausweitet. Die Leser*innen mögen selbst entscheiden.

»Meine Geburt war eine einzige Misshandlung! Eine Misshandlung meines Körpers, meiner Würde, meiner Seele, meines Stolzes.«  (Mutter, Roses Revolution Deutschland – RRD, 25.11.2018)
»Ich bin Hebammenschülerin in Süddeutschland. Jeden Tag aufs Neue erlebe ich  hautnah Gewalt im Kreißsaal, teils so schlimm, dass ich einfach nur noch sprachlosbin.« (Hebamme, RRD 2017)

In wohl kaum einer anderen medizinischen Disziplin gipfelt die Diskriminierung von Frauen so sehr wie im Kontext von Geburtshilfe. Obwohl die Frau gerade bei der Geburt – im Moment der größten Vulnerabilität – auf Schutz, Respekt, kompetente Begleitung und ggf. auf medizinische Betreuung angewiesen ist, berichten Betroffene sowie Fachpersonal viel zu häufig von traumatischen Geburtserfahrungen durch verbale Misshandlung, physische, psychische und strukturelle Gewalt – aber auch von systemischen Missständen, von sekundärer Traumatisierung durch Bezeugen oder Zwang zur Täterschaft.

Offizielle Zahlen fehlen noch immer, aber eine aktuelle journalistische Befragung von über 10.000 Teilnehmerinnen (SternTV, nicht repräsentativ) zeichnet ein Bild von 56% Betroffenen von geburtshilflicher Gewalt in Deutschland. Schätzungen von Fachleuten und Geburtsaktivist*innen bewegen sich je nach Definition der Gewalt zwischen 10% und 50%. Die Auswertungen der Roses Revolution, einer globalen Aktion gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe, zeigen jedes Jahr die massiven Verletzungen der Grundrechte von Mutter und Baby sowie den Patientenrechten auf. Das Ausmaß und der Handlungsbedarf offenbaren sich in jedem der Erfahrungsberichte, die wir vom Team Roses Revolution Deutschland (anonym) veröffentlichen.

Was ist Gewalt?

Grundsätzlich unterscheidet man bei Gewaltformen grob zwischen physischer, psychischer und struktureller Gewalt, die sich oft gegenseitig bedingen und hier nur in einem Ausschnitt mit besonderem Fokus auf die eigentliche Geburt gezeigt werden können. Bei der genaueren Definition zeigt sich, wie facettenreich und komplex diese nach wie vor tabuisierte Gewaltform ist: Gewalt im Kontext von Geburtshilfe sind Handlungen und/oder Vorgänge, die sich sowohl während der Geburt, als auch in der Schwangerschaft oder im Wochenbett negativ beeinflussend, verändernd oder schädigend auf Frauen, gebärfähige Menschen (Transsexuelle) und ihre (ungeborenen) Kinder auswirken. Indirekt können Väter, Partner*innen, Familienangehörige oder geburtshilfliches Personal wie Hebammen, Ärzt*innen und Anästhesist*innen betroffen sein.

Zumeist wird die Gewaltform durch medizinisches Personal oder andere an Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett beteiligte Menschen ausgeübt. Dabei kann sie jedoch stark sozial, strukturell bzw. systemisch bedingt sein, z.B. durch (veraltete) praxis- und klinikinterne Vorgaben, ›falsche‹ Routinen, Raum-, Personal- und/oder Zeitmangel und sie ist in einigen Punkten vergleichbar mit Gewalt in der Pflege.

Die Ursachen sind facettenreich und reichen von der Weitergabe selbst erlebter Traumata über mangelhafte Arbeitsbedingungen und übersteigerter Ökonomisierung bis hin zu Machtmissbrauch. Hinzu kommen eine schwierige Fehlerkultur, die fehlende Gelegenheit zur Supervision und mangelnde Fachkenntnis über den physiologischen Geburtsprozess sowie ein veralteter Fortbildungsstatus – z.B. in Bezug auf den Zustand nach einer Sectio oder die Besonderheiten einer traumasensiblen Begleitung nach anderen Gewalterfahrungen.

Rechtlich gilt, dass alle medizinisch nicht indizierten Untersuchungen bzw. Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit, ohne Aufklärung und/oder ohne Einverständnis der Gebärenden/Schwangeren Körperverletzung sind, z.B. Dammschnitt, Kaiserschnitt, Fruchtblasensprengung, Ausschaben, Medikamentengabe, Kristellern, Katheter legen u.ä. Umgekehrt sind fehlende oder nicht ausreichende Gabe von Schmerzmitteln während der Wehen, beim Nähen von Geburtsverletzungen oder gar beim Kaiserschnitt ebenfalls physische Gewalt. Als weitere Punkte sind zu nennen:

  • Festhalten,
  • Festschnallen der Beine,
  • grobe Behandlung (z.B. unnötige Schmerzen zufügen),
  • keine freie Wahl der Geburtsposition und/oder Zwang, unter Wehen still zu liegen,
  • Kneifen, Ohrfeigen oder Schläge.

Es ist nicht nur offensichtlich brutale Gewalt, z.B. durch ein fachlich nicht korrektes Kristellermanöver, welche großen Schaden bei den Betroffenen verursachen kann, auch eine gewaltsame Kommunikation verletzt nachhaltig, wie dieses Beispiel zeigt: »Als Vater habe ich die Geburt meines ersten Kindes als gewaltsam erlebt, weil der behandelnde Chefarzt meine Frau während der Geburt wiederholt erniedri­gend angesprochen hat und durch heftigen Druck auf den Bauch körperlich geradezu misshandelt hat.« (Erzähl-Café-Aktion 2018). Verbale Gewalt äußert sich außerdem sehr häufig durch Drohungen (»… oder wollen Sie, dass ihr Kind stirbt?«) und abschätzige Bemerkungen (»… ach Schätzchen«), aber auch durch Anschreien oder Beschimpfen. Dazu gehört das Nicht-Kommunizieren durch Alleine-Lassen und Ignorieren.

»Der Schließmuskel, die Schamlippen, die Klitoris und der Harnausgang waren  gerissen – dritten Grades. Genäht wurde sie über eine Stunde lang nur mit örtlicher  Betäubung (...) Der OA sagte: ›Dafür machen wir nicht extra den OP dreckig.‹ (…) Schmerzen wie als würde sie sterben. Ihre Kraft, ihre Weiblichkeit, ihre Sexualität und ihre Würde wurden ihr sozusagen weggenäht.« (Therapeutin Doula, RRD 2018)

Eltern sind – aus Angst um ihr Kind – Machtmissbrauch, Nötigung und Willkür oft schutzlos ausgeliefert. Weitere Aspekte der psychischen Gewalt sind:

  • Druck ausüben oder erpressen,
  • Entmündigen,
  • Gebärende unter Geburt allein lassen, obwohl sie Begleitung braucht und will,
  • keine (echte) Wahlfreiheit bei medizinischen Interventionen lassen bzw. »programmierend« oder einseitig aufklären,
  • Nicht-ernst-Nehmen,
  • Zwang,
  • Verbot zu essen/trinken, sich zu bewegen.

Die Diskriminierung in Bezug auf Alter, (soziale) Herkunft, sexuelle Neigung oder Gewicht etc. ist ein weiteres großes Feld der geburtshilflichen Gewalt und zeigt sich jeweils in den verschiedenen Gewaltformen, auffällig häufig jedoch verbal durch Anspielungen oder offene Beleidigungen, z.B.: »Für eine natürliche Geburt sind sie viel zu fett« Oder: »Die versteht eh kein Deutsch und beim fünften Kind kannst‘e da nichts mehr kaputt machen«. (Hebammenschülerin wurde so zum Dammschnitt bei einer Sinti-Frau genötigt (med. Mitarbeiterin RRD 2017).

Sexualisierte Gewalt

  • Husband Stitch (zu enges Nähen nach Dammschnitt/-riss),
  • vaginale Untersuchungen unnötig oder unnötig häufig und grob durchführen,
  • vaginale, anale Untersuchungen oder Einläufe ohne Einverständnis,
  • sexualisierte Witze (»Raus kommt’s nicht so leicht wie rein, gell?«),
  • sexuelle Stimulation
  • Re-Traumatisierung z.B. durch Beine auseinanderdrücken, Zwang in bestimmte Position.

Strukturell bedingte Gewalt

  • fehlende Raumkapazitäten oder Personalmangel: geburtshilfliche Kliniken weisen Frauen selbst unter Wehen und mit Voranmeldung ab,
  • * Hierarchien im Kreißsaal,
  • Defensivmedizin (aus Angst vor Regressforderungen),
  • systemisch bedingter Druck,
  • veraltete interne Standards (z.B. Legen eines Zugangs ohne Notwendigkeit, medizinisch nicht indizierte Einleitung: »Wir leiten spätestens an ET+7 ein«, »Einmal Kaiserschnitt immer Kaiserschnitt«)
  • Kreißsaalschließungen, fehlende wohnortnahe Versorgung
  • Hebammenunterversorgung
  • Qualität der Geburtshilfe sinkt: Gebärende werden im Kreißsaal allein gelassen, da die Hebamme sich um bis zu fünf andere Frauen kümmern muss. Die Geburt wird dahingehendend ›programmiert‹ – z.B. wird der Frau eine schmerzstillende PDA aufgedrängt, weniger aus medizinischer Indikation als aus Arbeitserleichterung: Die Frau ist ruhig.
  • Schwangere bleiben ohne Betreuung zur Vorsorge, zur individuellen Geburtsbegleitung durch Bezugs-/ Beleghebamme oder zur Nachsorge
  • trotz »blutiger« Entlassung keine Wochenbettversorgung zuhause für Mutter und Kind, mangelhafte Stillbegleitung
  • Ökonomisierung, DRG-System: interventionsfreie Geburtshilfe lohnt sich nicht
  • Überversorgung: hohe Interven­tionsraten (ca. 93% aller Geburten), hohe Kaiserschnittrate (ca. 33%)

Bei allen Gewaltformen ist festzuhalten, dass das (ungeborene) Kind durch die enge Bindung zur Mutter ohne Ausnahme mitbetroffen ist. Zusätzlich kann es unmittelbar betroffen sein, z.B. durch frühzeitiges Abnabeln, was mit unnötig hohem Blutverlust und Stress einhergeht.

Rückblickend sprechen Frauen in Bezug auf das gewaltvolle G­burts­erleben häufig von Entmü­digung, Trauer, Wut, Empörung, gar Entmenschlichung. Fast immer geht es mit Angst, Hilflosigkeit und Vertrauensverlust, aber auch Resignation einher. Oft werden Parallelen zu einer Vergewaltigung gezogen. Grundsätzlich variieren die Folgen bei den Betroffenen je nach Gewaltform stark und können ihre Gesundheit auch noch Jahre später negativ beeinflussen. Nach physischer Gewalt reichen sie von (Wundheilungs-)Schmerzen bis hin zu chronischen körperlichen Einschränkungen. Auf psychischer Ebene reichen sie von kurzzeitiger Erschütterung bis hin zu schweren Depressionen, Traumatisierungen und post-traumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Häufig leiden die Beziehungen zum Kind und zum Partner bzw. zur Partnerin nachhaltig. Insgesamt sind die Langzeitfolgen bei Mutter und Kind erst wenig untersucht. Fest steht, dass Frauen nach einer negativen Geburtserfahrung im Verhältnis weniger Kinder bekommen und der Zeitraum zu einer eventuellen Folgeschwangerschaft erheblich länger ist. Laut der nationalen Befragung von Doxa und OVOItalia 2017 werden in Italien jedes Jahr 20.0000 Kinder weniger geboren, weil 6% der Mütter aufgrund gewaltvoller Geburtsbehandlung auf weitere Kinder verzichten. Internationale Studien zeigen außerdem, dass zwischen ca. 3-6% der Mütter nach der Geburt das volle Krankheitsbild einer PTBS entwickeln.

Angesichts des Ausmaßes der individuellen und gesellschaftlichen Folgen ist das Angebot an niedrigschwelligen, qualitativen und kostenfreien Hilfeangeboten für Betroffene viel zu gering. Dennoch gibt es Möglichkeiten zur (Trauma-)Therapie, z.B. via Schatten und Licht e.V., das Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« oder das für Oktober 2019 geplante »Hilfetelefon nach Geburt«, mancherorts sind Selbsthilfegruppen gegründet, das Fortbildungsangebot wächst. Die Heilungswege sind verschieden: Den Einen hilft ein klärendes Geburtsnachgespräch in der Klinik oder eine Aussprache in Briefen an das Beschwerdemanagement, andere wählen den juristischen Weg (Strafanzeige, Strafverfahren), der ohne Schädigung des Kindes jedoch meist erfolglos bleibt. Als heilsam beschreiben Betroffene die Teilnahme an der Roses Revolution, bei der am 25.11. rosafarbene Rosen niedergelegt und Berichte unter dem Hashtag #rosrev (anonym) veröffentlicht werden, um ein Zeichen gegen geburtshilfliche Gewalt zu setzen. Auf diese Weise können sie Rückmeldung geben, in Kommunikation treten und ihrem Schmerz Ausdruck verleihen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hielt in ihrem Statement zur Vermeidung und Beseitigung von Geringschätzung und Misshandlung bei Geburten in geburtshilflichen Einrichtungen bereits 2014 fest: »Jede Frau hat das Recht auf die bestmöglichsten Gesundheitsstandards, welche das Recht auf eine würde- und respektvolle Behandlung beinhalten«, und stellte ein umfassendes Maßnahmenpaket für eine würdevolle Geburtshilfe vor. Die Umsetzung dieser Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt aller Beteiligten sowie die Berücksichtigung der Istanbul Konvention habe ich im Januar 2018 in einer Bundestagspetition für eine umfassende Geburtshilfereform einge­fordert, welche u.a. von allen drei Hebammenverbänden, der ISPPM (International Society for Pre- and Perinatal Psychology and Medicine), dem AKF und Terre des Femmes unterzeichnet wurde. Auf Antwort des Petitionsausschusses warten wir noch heute. Dringend nötige politische Maßnahmen blieben trotz Protesten, Brandbriefen und Petitionen aus bzw. gehen nicht weit genug: So wurden im bemerkenswerten nationalen Gesundheitsziel »Gesundheit rund um die Geburt« (Januar 2017) zwar sehr gute Handlungsempfehlungen entwickelt, die aber keinerlei explizite Gewaltprävention beinhalten und bei der Umsetzung allein auf die Freiwilligkeit der vielfältigen Akteur*innen setzen. Positiv lässt sich bewerten, dass die Leitlinien »Vaginale Geburt am Termin« und »Sectio caesarea« – z.T. sogar unter Beteiligung von Eltern­ver­tre­te­r*in­nen – nach langer Überarbeitungszeit Ende 2019 und Anfang 2020 fertig gestellt werden sollen. Sie sind ein wichtiger Schritt für eine verbindliche Veränderung im System.

Erfreulich ist außerdem, dass endlich auch große Kongresse die Auswirkungen von Geburtserfahrung ausführlich behandeln, wie z.B. die Jahrestagung der ISPPM am 25.-27. Oktober 2019 in Fulda mit dem aussagekräftigen Titel: »Traumatische Geburtserfahrung als lebenslanger Belastungsfaktor – Gesunde Geburtserfahrung als lebenslange Ressource«.

Mehr Infos zum Thema auf: www.gerechte-geburt.de

Mascha Grieschat, Hamburg, Lehrerin, Theaterpädagogin, Doula und Mutter von drei Kindern, Gründungsmitglied im Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur, Mother Hood e.V. sowie Gründerin der Initiative für gerechte Geburtshilfe, Team Roses Revolution Deutschland.

(Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse im Gesundheitswesen, Nr. 3, September 2019)


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