GbP 4-2019 Ahls

What the Fuck is Kapitalverhältnis?

Felix Ahls berichtet von einer Schulung der AG Ökonomisierung der Kritischen Mediziner*innen

Es ist nicht überraschend, dass zu unserem ärztlichen Selbstverständnis politische Praxis gehört und dass wir die ärztliche Rolle aus einer kritischen Perspektive betrachten. In den letzten Jahren ist im und um den vdää herum die Zahl junger Ärzt*innen und Medizinstudent*innen, die diese Haltung teilen, gewachsen. Wir wollen hier Ausschnitte der dabei entstandenen Projekte zeigen.

An einem Wochenende im Juni diesen Jahres haben wir uns zusammen mit anderen jungen Ärzt*innen und Medizinstudent*innen, die größtenteils im vdää und bei den Kritischen Me­di­zi­ner*innen organisiert sind, zu einer Schulung getroffen, die sich an drei Tagen mit der Ökonomisierung der stationären Gesundheitsversorgung, deren Ursachen und Folgen beschäftigte. Es ging darum, das dort erlangte Wissen praktisch werden zu lassen, indem wir uns dazu befähigen, es als Referent*innen weiterzugeben und so als hörbare Akteure in die politische Auseinandersetzung einzugreifen.

Aus der sozioökonomischen Determination von Gesundheit resultiert für uns Gesundheitsarbeiter*innen die Notwendigkeit politischer Einflussnahme. Wir arbeiten daran, solche Verhältnisse zu beseitigen, die gesundheitliche Ungleichheit hervorbringen und stabilisieren, und wir kämpfen für eine Gesundheitsversorgung, die eine demokratischere und damit gesündere Gesellschaft fördert.
Dafür haben wir Nadja Rakowitz und Robin Mohan gebeten, uns die Marx‘sche Kritik der politischen Ökonomie näher zu bringen und diese auf das Gesundheitswesen anzuwenden. Um die Ökonomisierung zu kritisieren, wollten wir sie begrifflich fassen können und da sie innerhalb kapitalistischer Verhältnisse stattfindet, wollten wir diese tiefer verstehen. Nach der Schulung ist noch klarer geworden: Wer DRGs sagt, muss auch Kapitalismus sagen.

Robin Mohan hat dieses Jahr ein sehr zu empfehlendes Buch veröffentlicht, in dem er den Ökonomisierungsbegriff diskutiert und die Folgen der Ökonomisierung im Krankenhaus aus einer an Marx und Adorno orientierten Perspektive untersucht. Ökonomisierung ist demnach weder als ökono­mische Rationalisierung (rationaler Umgang mit knappen, begrenzten Ressourcen) noch als bloße Zweck-Mittel-Verkehrung (Geld wird vom Mittel zum Zweck der Gesundheitsleistungen) zu verstehen. Mit der Überführung in kapitalistische Produktion nimmt die stationäre Gesundheitsversorgung auch spezifische Formen dieser Produktionsweise an und lässt die dieser eigenen Konflikte im Krankenhaus spürbar werden.

Dazu gehört, dass die Arbeit im Krankenhaus den Doppelcharakter der kapitalistischen Lohnarbeit annimmt, also neben Gebrauchswerten (nützliche Dinge wie Operationen, Gespräche mit Patient*innen, Diagnosen etc.) Tauschwerte (in der abstrakten Form von Geld und Kapital) erzeugt. Ökonomisierung ist dann die Verselbstständigung der daraus hervorgehenden Tauschwert­orientierungen gegenüber den Gebrauchswertorientierungen (z.B. Profitabilität als Zielvorgabe im Krankenhaus).

Geld fungiert im ökonomisierten Krankenhaus als Kapital, wird also eingesetzt, um Arbeitskraft zu kaufen und dadurch mehr Geld bzw. Profit zu erzeugen. Eindrücklich und plastisch wird das, wenn wir uns den wachsenden »Marktanteil«, die Gewinnausschüttungen und Renditeversprechen der Krankenhauskonzerne anschauen.

Diese Dominanz der Tauschwertorientierungen begründet den Zwang zu unsinnigem, teils kostensteigerndem und körperverletzendem Verhalten, um mit den politisch knapp gehaltenen Ressourcen (Verweigerung der Investitionsfinanzierung seitens der Länder, nicht kostendeckende Kalkulation der DRGs) den zum Überleben als kapitalistischer Betrieb notwendigen Gewinn zu erzeugen. Der massive Zeitdruck ent­steht auch durch die Mehrarbeit, die von uns Lohnarbeiter*innen geleistet wird und die den Gewinn erzeugt.

Und die Arbeit als Lohn­ar­bei­te­r*in­nen zum Zwecke der Kapitalverwertung verstärkt im Falle ihres Bewusstwerdens zusätzlich die oft beschriebene »moralische Dissonanz«, die sich aus den noch vorhandenen Gebrauchswertorientierungen der Beschäftigten ergeben, die mit den Tauschwertorientierungen im Widerspruch stehen. Ebenso birgt das Selbstbild als Lohnarbeiter*in auch die Möglichkeit zur Identifikation und Solidarisierung mit den andere Kolleg*innen und Patient*innen, deren Arbeitskraft ebenso wie die unsere im Rahmen der Kapitalverwertung ausgebeutet wird.

Solange kein systemischer Wandel (wenigstens zurück zu einem Gesundheitswesen als Teil der non-profit Daseinsvorsorge) oder der Kampf dafür (z.B. während Streiks oder durch Volks­­begehren) stattfindet, überwiegt die individualisierte Bearbeitung dieses Widerspruchs in Form von Integration der Tauschwertorientierungen als eigene Handlungsmotivationen, Internalisierung als Erkrankungen durch die toxische Mischung aus Überlastung, fehlender Kontrolle, Zeitdruck und Entfremdung am Arbeitsplatz, Flucht, (also Arbeitsplatzwechsel, wobei die nicht-kapitalistischen Arbeitsbereiche, in die geflüchtet werden könnte, sehr selten sind) oder individuellem Widerstand und der damit verbundenen Distanzierung sowohl von Kolleg*innen als auch von der Arbeit selbst.

Die Bearbeitung des Konflikts zwischen Tauschwert- und Gebrauchswertorientierungen, die wir gewählt haben, ist der Kampf für einen grundlegenden Wandel der Gesundheitsversorgung, d.h. für eine Rückführung der stationären Gesundheitsversorgung in die öffentliche Verantwortung und Kontrolle und den Aufbau demokratischer und demokratisierender Strukturen.

Je nach Wissensstand und Perspektive haben wir uns in mehreren Kleingruppenphasen mit den eben genannten Zusammenhängen beschäftigt und die spezifische Systematik der Krankenhaus-Ökonomisierung vermittelt bzw. vertieft. Währenddessen haben wir gemeinsam daran gearbeitet, dass wir in Zukunft selbst diese Inhalte zielgruppenbezogen und verständlich mit anderen kommunizieren können - in der Annahme, dass die Vermittlung von analytisch gefestigtem Wissen um die Ökonomisierung und der ihr eigenen Konflikte dazu beiträgt, handlungsfähigen Widerstand möglich zu machen. Es reicht nicht zu erkennen, dass Reformen keine grundsätzliche Besserung bringen. Wenn wir verstehen, dass und warum Reformen keine Besserung bringen können, sind wir eher in der Lage wirkliche, das heißt radikal andersartige Alternativen der Gesundheitsversorgung zu entwickeln und dafür einzutreten. Um den Horizont noch etwas zu erweitern: Das Verständnis der Konflikte im ökonomisierten Krankenhaus kann zudem helfen, die zu Grunde liegende Problematik der kapitalistischen Produktion zu verstehen, zu kritisieren und zu ihrer Überwindung beizutragen.

Felix Ahls ist Mitglied im Vorstand des vdää und aktiv in der AG Ökonomisierung der Kritischen Mediziner*innen.

Als Kritische Mediziner*innen bezeichnen sich in vielen Städten existierende Gruppen, die die Wechselwirkungen zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen und der Gesundheit thematisieren und sich in die Debatte darum einbringen. Kontakte auch zur bundesweiten Vernetzung gibt es hier: https://vdaeae.de/index.php/998-netzwerk-kritische-medizin

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ärztliches Selbstverständnis heute, 2/2019)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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