GbP 4-2019 Beier

Schwangerschaftsabbrüche – Tabuthema an den Universitäten

Von Elena Beier

Beim Vernetzungstreffen der Kritischen Mediziner*innen im April 2018 fiel im Rahmen eines Vortrags von Kristina Hänel einigen Studierenden auf, dass an medizinischen Universitäten in Deutschland häufig nicht oder nicht ausreichend über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen wird. Daraufhin wurde in mehreren Städten der Dialog mit Lehrverantwortlichen des Fachbereiches Gynäkologie gesucht und gefordert, dass die Thematik im Medizinstudium gelehrt werde. Vorreiter*innen sind die Medical Students for Choice, die sich in den USA seit 1993 für eine Entstigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen im Gesundheitswesen einsetzen. Im Jahr 2015 gründete sich ebenfalls eine MSFC-Gruppe in Berlin.

Zahlen zum Schwangerschaftsabbruch. Mit 101.000 Schwangerschaftsabbrüchen pro Jahr zählen diese zu einem der häufigsten Eingriffe im Fachbereich der Gynäkologie.1 Seit ca. fünf Jahren pendelt die Zahl um diesen Wert.2 Um die Anzahl in eine Relation zu setzen, hilft es, sie mit Operationen aus dem chirurgischen Alltag zu vergleichen: Im Jahr 2017 erfolgten beispielsweise unter den 50 häufigsten stationären Operationen ca. 110.000 Appendektomien (Entfernungen des Blinddarmes) und aus dem gynäkologischen Bereich ca. 85.000 Beckenbodenplastiken (als dritthäufigste gynäkologische Operation nach der Dammrissnaht und dem Kaiserschnitt).3 Allein an diesen Zahlen wird sichtbar, wie präsent der Schwangerschaftsabbruch auch heute in unserer Gesellschaft ist und dass er zur Lebensrealität von Frauen und ihrer Gesundheit dazugehört.

Von den 101.000 Schwangerschaftsabbrüchen pro Jahr handelt es sich bei ca. 96% um Frühschwangerschaftsabbrüche innerhalb der Beratungsregelung – das heißt, sie finden vor der zwölften Schwangerschaftswoche und mit einem verpflichtenden Gespräch bei Beratungsstellen statt. Nur ca. 4% der Abbrüche werden aufgrund medizinischer4 oder kriminologischer Indikation auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche durchgeführt. Der Großteil der Schwangerschaftsabbrüche erfolgt ambulant in gynäkologischen Praxen, in OP-Zentren oder ambulant im Krankenhaus (97%).5

Medizinstudium. Obwohl der Frühschwangerschaftsabbruch zahlenmäßig den Großteil der Schwangerschaftsabbrüche ausmacht, kommt er deutschlandweit im Medizinstudium kaum zur Sprache. Zwar waren beispielsweise in Freiburg in den letzten Jahren Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbrüche nach medizinischer Indikation Bestandteil von Vorlesungen und Seminaren, jedoch wurden Frühschwangerschaftsabbrüche nur wenig thematisiert. Oftmals wird nicht darüber informiert, in welcher rechtlichen Situation sich die Frauen befinden, da ein Frühschwangerschaftsabbruch straffrei, aber dennoch rechtswidrig ist. Auch die jeweiligen Methoden mit ihren Vor- und Nachteilen, sowie die aktuellen Empfehlungen oder der genaue Ablauf eines Schwangerschaftsabbruches kommen zu kurz. Es spricht jedoch einiges dafür, Studierende für dieses Thema zu sensibilisieren.

Zunächst einmal sind die Universitäten in ihrer Lehre gesetzlich der Approbationsordnung verpflichtet, in der ausdrücklich formuliert wird, dass »Schwangerschaft, Beratung und Beurteilung in Konfliktsituationen, insbesondere medizinische, rechtliche und ethische Aspekte des Schwangerschaftsabbruches«6 Prüfungsstoff für den zweiten Abschnitt der ärztlichen Prüfung sind. Auch der NKLM (Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog) und das IMPP (Institut für medizinische und pharmazeutische Prü­fungs­fragen) erwähnen die Thematik des Frühschwangerschaftsabbruches in ihren Lernzielkatalogen.7

Besonders die sinkende Zahl von Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, und die dadurch entstehenden medizinischen Versorgungslücken stellen die Universitäten in eine gesellschaftliche Verantwortung. Von 2003 bis 2018 ist die Anzahl der Praxen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, um 40% gesunken.8 Beispielsweise gibt es in Baden-Württemberg in 14 von 44 Stadt- und Landkreisen keine Ärzt*innen oder Kliniken mehr, die solche anbieten.9 Da es in der Facharztausbildung der Gynäkologie kein fester Bestandteil ist, Frühschwangerschaftsabbrüche durchzuführen, sind die Universitäten ein wichtiger Ort, um Fakten und Wissen darüber zu vermitteln und zur Meinungsbildung beizutragen. Wo sonst sollen Medizinstudierende mit dem Thema in Berührung kommen, wenn nicht in Seminaren oder Vorlesungen an den Universitäten?

Weil der Eingriff zur Lebensrealität von vielen Frauen gehört, äußern Studierende oft den Wunsch, bei so einem sensiblen, emotionalen und rechtlich komplizierten Thema vorbereitet zu sein – nicht nur als Gynäkologe*in, sondern beispielsweise auch als All­ge­mein­mediziner*in. Auch die IFMSA (International Federation of Medical Students’ Association) und die bvmd (Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.) fordern in ihren Positionspapieren eine Enttabuisierung des Schwangerschaftsabbruches und die umfangreiche Vermittlung von Wissen bezüglich sexueller Rechte und reproduktiver Gesundheit von Frauen.10 Die Pflicht zu helfen, über Wissen zu verfügen, den Eingriff erklären zu können und in Gesprächen empathisch sowie verständnisvoll zu reagieren, gehört auch zum ärztlichen Selbstbild vieler Studierender. Es wäre wünschenswert, dass die Universitäten Studierende auf ihrem Weg dahin fördern und unterstützen.

Forderungen. Verschiedene Studierendengruppen fordern, dass die Thematik des Schwangerschaftsabbruches verpflichtend im Medizinstudium gelehrt wird. Dazu gehören rechtliche, gesellschaftspolitische, ethische und medizinische Aspekte. Die Vor-, und Nachteile der Methoden des Frühschwangerschaftsabbruches sollen behandelt werden – auch im Hinblick darauf, dass beispielsweise die Methode der Kürettage (Ausschabung), obwohl sie nicht mehr von der WHO empfohlen ist, 2017 noch 15,3% der Eingriffe in Deutschland ausmachte.11 Die MSFC Berlin fordern außerdem, dass Übungsmöglichkeiten, beispielsweise in Form von Rollenspielen, angeboten werden, um ungewollt Schwangere professionell über ihre Möglichkeiten informieren zu können. Ein wichtiges Argument dafür ist, dass es immer wieder Berichte von Frauen gibt, die wertendes und bevormundendes Verhalten von ärztlicher Seite erlebt haben.12 Gerade die Universitäten können und müssen zur Enttabuisierung und Entstigmatisierung des Schwangerschaftsabbruches beitragen.

Erfolge. In mehreren Städten in Deutschland waren die Gespräche mit den Lehrverantwortlichen der Gynäkologie, wenn auch im Kleinen, erfolgreich: In Bochum ist der Fachbereich Gynäkologie sehr aufgeschlossen, das Thema zu erweitern, in Münster gibt es eine eigene Vorlesung dazu, in Berlin werden rechtliche und gesellschaftspolitische Themen in einem Seminar besprochen und in Freiburg gab es dieses Sommersemester auf Nachfrage der Studierenden erstmals ein Seminar zu aktuellen Themen in der Gynäkologie. Ab dem kommenden Wintersemester wurde ein Seminar zu Frühschwangerschaftsabbrüchen in Aussicht gestellt.

Aufruf. Trotzdem weigert sich zum Beispiel die Charité in Berlin, medizi­nische Aspekte verpflichtend zu ver­ankern – und auch an anderen Uni­versitäten gab es teilweise keinen durchschlagenden Erfolg. Deshalb ist es wichtig, das Thema nicht zu vergessen und sich dafür einzusetzen, dass es verbindlich in der Lehre verankert wird, damit sich Studierende mit dem Themenkomplex auskennen und eine wissenschaftlich basierte und am Bedarf der Patientinnen orientierte Position entwickeln können – wodurch sich hoffentlich die Versorgungslage für Frauen in der Zukunft verbessert.

Elena Beier ist Medizinstudentin im 9. Semester, lebt in Freiburg und ist dort bei den Kritischen Mediziner*innen sowie im erweiterten Vorstand des vdää aktiv.

  1. Statistisches Bundesamt, Fachserie Schwangerschaftsabbrüche, 2018, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Schwangerschaftsabbrueche/Publikationen/Downloads-Schwanger2019
  2. Pro Familia factsheet, Fakten zum Schwangerschaftsabbruch, 2018, https://www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/Fachpublikationen/Schwangerschaftsabbruch/8_Fakten_zum_Schwangerschaftsabbruch.pdf, Letzter Zugriff am 05.06.2019
  3. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2017, http://www.gbe-bund.de, Letzter Zugriff am 30.04.2019
  4. Strafgesetzbuch Paragraph 218a, Absatz 2
  5. Statistisches Bundesamt, Fachserie Schwangerschaftsabbrüche, 2018, https://www.destatis.de, Letzter Zugriff am 30.04.2019
  6. Approbationsordnung, Anlage 15 zu §28 Absatz 3 Satz 2, https://www.gesetze-im-internet.de/_appro_2002/BJNR240500002.html, Letzter Zugriff am 05.06.2019
  7. IMPP Gegenstandskatalog, 2013, https://www.impp.de/pruefungen/allgemein/gegenstandskataloge.html?file=files/PDF/Gegenstandskataloge/Medizin/gk2_2013.pdf, S. 8, Letzter Zugriff am 30.04.19 – NKLM Lernzielkatalog, http://www.nklm.de/kataloge/nklm/lernziel/view/id/1448, http://www.nklm.de/kataloge/nklm/lernziel/view/id/1601, http://www.nklm.de/kataloge/nklm/lernziel/view/id/1766, Letzter Zugriff am 05.06.2019
  8. Kontraste – Das Magazin aus Berlin, Das Erste, 2018, https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/kontraste/videosextern/immer-weniger-aerzte-bieten-schwangerschaftsabbrue
    che-an-104.html, Letzter Zugriff am 30.04.2019
  9. profamilia Magazin 2/2019, S. 20f.
  10. bvmd Positionspapier Schwangerschaftsabbrüche, https://www.bvmd.de, Letzter Zugriff am 05.06.19 – IFMSA Policy Document »Ensuring Acess to Safe Abor­tion«, https://ifmsa.org/wp-content/uploads/2017/03/GS_MM2017_Policy_Ensuring-Access-to-Safe-AbortionAmendedVersion.pdf, Letzter Zugriff am 05.06.2019
  11. Pro Familia factsheet, Fakten zum Schwangerschaftsabbruch, 2018, https://www.profamilia.de/fileadmin/publikationen/Fachpublikationen/Schwangerschaftsabbruch/8_Fakten_zum_Schwangerschaftsabbruch.pdf, Letzter Zugriff am 05.06.2019
  12. profamilia Magazin 2/2019, S. 20?f.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ärztliches Selbstverständnis heute, 2/2019)


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