GbP 2-2019 Editorial

Donnergrollen, Lichtblitze, Nebelschwaden

»Donnergrollen, Lichtblitze, Nebelschwaden, dann treten sie ins Scheinwerferlicht – die Fascinating Drums! Schon nach wenigen Takten wird allen klar: Hier erleben wir einzigartige Trommelkunst auf höchsten Niveau!« Damit wirbt die auf Military Tattoos  beliebte rein männliche Trommlertruppe »Fascinating Drums«, die die Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Deutschen Ärztetages (DÄT) im westfälischen Münster umrahmte. In Phantasie-Uniformen, die an Militärs des 18. Jahrhunderts angelehnt waren, gaben sie eine durchaus virtuose Darbietung, die militärischen Drill durchscheinen lies. Immerhin ist an dem Auftritt bezeichnend dafür, welcher Ästhetik zumindest ein Teil der Ärzteschaft heute noch anhängt – oder vielleicht auch schon wieder.

Donnergrollen gab es auch sonst auf den DÄT. Wie sollte auch eine Spezies, die sich permanent angefeindet und in ihrer Existenz bedroht fühlt, anders reagieren? Nebelschwaden stiegen nicht nur bei der Rede von Bundesgesundheitsminister Spahn auf. Ja es gab auch Lichtblitze auf diesem Ärztetag. Mehr dazu findet sich in diesem Heft in dem Beitrag von Peter Hoffmann. Anlässlich des Ärztetages stellen in diesem Heft oppositionelle Listen aus den Kammern Hamburgs, Berlins, Bayerns, Baden-Württembergs und Hessens ihre Arbeit dar. Dabei werden neben vielen Gemeinsamkeiten unterschiedliche Akzentuierungen deutlich. Unter jungen Ärzt*innen und Medizinstudierenden hat sich ein Netzwerk gebildet, das quer zur herrschenden Gesundheitspolitik steht. Felix Ahls stellt die Projekte der Kritischen Me­dizi­ner*innen vor. Konkret beschreibt Elena Beier, wie Kritische Mediziner*innen zusammen mit anderen Gruppierungen erreichen wollen, dass das Thema Schwangerschaftsabbrüche verpflichtend im Medizinstudium gelehrt wird.

Während der DÄT sich ausführlich dem Thema Ärztegesundheit widmete und ein Bild förderte, das ausschließlich Ärzt*innen als ständig überlastete Berufsgruppe im Gesundheitswesen sieht, ist der Schwerpunkt dieser Ausgabe von GdP einer Kritik des Selbstbildnisses der Ärzteschaft gewidmet. Bernd Kalvelage beschreibt den unter dem Ökonomisierungsdruck des Gesundheitswesens erfolgten Wandel des Arztbildes in den letzten 50 Jahren. Kai-Uwe Helmers stellt sein Selbstverständnis als Arzt in der Primärversorgung sowie die daraus zu erhebenden gesundheitspolitischen Forderungen dar. Hagen Kühn untersucht, wie sich unter der fortschreitenden Kommerzialisierung der Krankenhäuser die Anforderungen an Ärzt*innen verändert. An Hand eines Textes von Sebastian Klinke wird von Thomas Kunkel und Nadja Rakowitz das Selbstverständnis von Krankenhausärzt*innen unter DRG-Bedingungen kritisch diskutiert. Ein historischer Text von Uli Deppe hinterfragt von einem klassenanalytischen Standpunkt aus die Rolle und das Selbstverständnis der Ärzt*innen.

Mareike Ledigen geht der Frage nach, warum in der ärztlichen Praxis häufig die soziale Situation von Patient*innen ausgeblendet wird und was dagegen zu tun wäre. Ergänzt wird die Sicht auf das Arzt-Patient-Verhältnis durch Lisa Richter, die untersucht, welche Rolle dabei die soziale Herkunft von Ärzt*innen spielt.

Dieser Ausgabe unserer Zeitschrift liegt ein Flyer der Gewerkschaft ver.di bei, der die ver.di Fachkommission Ärztinnen und Ärzte vorstellt. Viele von den in dem Flyer vorgestellten Ärzt*innen sind auch Mitglieder des vdää. Auch die Wahl der Gewerkschaft und die Entscheidung zu einer Mitgliedschaft ist ein Beitrag zum Selbstverständnis als Ärzt*in in dieser Gesellschaft.

Der neu gewählte Präsident der Bundesärztekammer präsentierte bald nach seiner Amtseinführung ein gänzlich anderes Selbstverständnis, in dem er eine Zuzahlung für GKV-Versicherte forderte, wenn sie häufig einen Arzt aufsuchen. Ärztliche Opposition wird in Zukunft wieder an Bedeutung gewinnen.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen

Bernhard Winter


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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