GbP 4-2018 Nadja Rakowitz

Der Markt wird es nicht richten

Über die Jahreshauptversammlung des vdää in Köln

Die diesjährige Jahreshauptversammlung fand in Köln statt; Thema war: »Der Markt wird es nicht richten! Planen und Zusammenarbeiten im ambulanten Gesundheitssektor.« Nicht gerade ein sexy Thema – könnte man meinen. Und dennoch haben 114 Menschen teilgenommen – und wie in den letzten Jahren schon mehr als die Hälfte junge Medi­zi­ner*innen und Studierende. Der Tagungsort, die Alte Feuerwache in Köln, passte gut zu uns und unsere aktiven Kölner Mitglieder hatten alles toll vorbereitet und organisiert.

Am Freitagabend diskutierten wir in einer öffentlichen Veranstaltung über die Versorgung marginalisierter Gruppen. Gerhard Trabert aus Mainz war angefragt worden zum Thema: »Menschrechtskonforme Gesundheitsversorgung von geflüchteten Menschen« und Heidrun Nitschke aus Köln: »Gesundheitsversorgung für alle: philanthropische Tafel oder Menschenrecht?« Für eine kontroverse Diskussionsmöglichkeit war also gesorgt, alleine die Diskussion wollte nicht in Gang kommen – nicht zwischen den Referent*innen noch mit dem Publikum. Die Diskussion verlor sich ein wenig auf Nebengleisen.

Gesundheitspolitisches Forum

Wie schon in den letzten Jahren gab es eine Mischung aus Inputs von eingeladenen Expert*innen mit anschließender Diskussion, ein gesundheitspolitisches Update und am Nachmittag parallel Workshops zur Vertiefung verschiedener Aspekte. Ursula Helms, Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss, sprach über »Kriterien sinnvoller Bedarfsplanung« und Prof. Dr. Kerstin Hämel, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld, über das Thema: »Welche (neuen) Versorgungsformen braucht es für die Versorgung im ländlichen Raum?« Ein Hauptanliegen der Patientenvertretung ist eine patient*innenorientierte Planung der ärztlichen Versorgung unter Berücksichtigung der besonderen Erfordernisse der Versorgung von Menschen mit (drohender) Behinderung oder psychischer Erkrankung. Dringend erforderlich sei die Weiterentwicklung der Planungskriterien und die Erweiterung um soziale Determinanten.
Kerstin Hämel zeigte uns an verschiedenen internationalen Beispielen wie Brasilien, Slowenien, Spanien und Finnland, wie Gesundheitszentren mit einer kooperativen Arbeitsweise zwischen den verschiedenen Professionen und ohne lästige, fachfremde Sektorengrenzen eine bedarfsgerechtere Versorgung leisten können. An diesen Beispielen könnte man in Deutschland viel lernen für eine bessere Versorgungsstruktur vor allem in ländlichen Gebieten. Es wurde dabei aber auch deutlich, wie grundsätzlich die Veränderungen in Deutschland dann sein müssten.

Nachmittags begannen wir mit einer kurzen Slot zu aktuellen Entwicklungen, den die Gynäkologin Eva Waldschütz mit einem Bericht über die Auseinandersetzung um §219a begann. Danach begann die inzwischen schon traditionelle Workshopphase. Aus dem Workshop »Berufseinstieg und politisch aktiv sein – was können wir im vdää anbieten?« heraus wurde ein Arbeitskreis-Weiterbildung gegründet. Er soll zum einen eine Plattform bieten für den Austausch persönlicher Erfahrungen zwischen Ärzt*innen am Beginn der Berufszeit und zum anderen soll auch der politische Kontext der Weiterbildung in einem kapitalistischen System diskutiert werden. Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen und möge sich bei der Geschäftsstelle melden.

Aus der Diskussion am Sonntagvormittag »Erstarkende rechte Bewegungen und Rassismus in der Gesellschaft (und auch im Gesundheitswesen): Was kann der vdää tun?« sind folgende Überlegungen entstanden: Zum einen sollte der Kampf gegen die Rechte und Anti-Rassismus ein Querschnittsthema sein und bei Vorstandssitzungen wie Pressemeldungen mehr Berücksichtigung finden. Weiterhin wurde vorgeschlagen, dass es im nächsten Jahr eine Veranstaltung (oder mehrere dezentrale) zum Thema geben soll und dass ein Anti-Rassismus-Workshop organisiert werden soll, der sich an die so genannte Stammtischkämpfer*innen Ausbildung von ver.di (ein Workshop in für antirassistische Argumentations- und Verhaltensübungen) anlehnt (und evtl. auch mit ver.di oder anderen Organisationen zusammen gemacht werden könnte?) Ebenfalls überlegt wurde, ob wir eine vdää-Broschüre erstellen können mit aufklärenden und aufklärerischen Argumenten. Im Nachgang zu der Diskussion am Freitagabend ist die Idee entstanden, einen Arbeitskreis Öffentlicher Gesundheitsdienst zu gründen. Wenn Ihr Interesse habt, meldet Euch bitte bei der Geschäftsstelle.

Ale diejenigen, die nicht bei der diesjährigen JHV anwesend sein konnten, werden bei dieser Erzählung hoffentlich merken, wie viel Energie hier drin steckt. Die JHV ist ein Treffpunkt, um sich zu informieren, kritisch zu diskutieren, Gleichgesinnte zu treffen, Pläne zu schmieden und Netzwerke auszubauen. All die verschiedenen Vorhaben können freilich nicht vom vdää-Vorstand und der Geschäftsstelle alleine bewältigt werden, sondern brauchen nun die aktive und kontinuierliche Beteiligung von den Mitgliedern. So macht es Mut und Spaß, so kann es weitergehen!

Der Rechenschaftsbericht des Vorstands, die Bilanzen und das Protokoll der Mitgliederversammlung liegen der Zeitschrift als Broschüre bei (nur bei den vdää-Mitgliedern).

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ökonomisierung und Privatisierung, 4/2018)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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