GbP 3-2018 Daniel Hofinger und Rosa Emrich

Nur ein gesundes Klima wird ein gerechtes sein

Von Daniel Hofinger und Rosa Emrich

Die Braunkohleabbau in Deutschland ist derzeit hoch umstritten. In den Revieren im Rheinland, der Lausitz und dem Leipziger Land wird in offenen Tagebauen die klimaschädliche Kohle gefördert und verstromt. Damit gehen gravierende Folgen einher. Die Zerstörung ganzer Ortschaften mitsamt Schulen, Kirchen, Friedhöfen und Wohnhäusern führte seit 1945 zur Zwangsumsiedlung von über 110.000 Menschen. Auch Ökosysteme wie der Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen müssen komplett zerstört werden, um den Baggern der Energiekonzerne Platz zu machen. Anwohner*innen und Mediziner*innen beklagen darüber hinaus die in der öffentlichen Debatte oft vernachlässigten gesundheitlichen Folgen.

Der Ausstoß von Fein- und Grobstäuben, Radioaktivität und Schwermetallen verursacht oder verstärkt das Risiko von Herz- und Lungenkrankheiten, Karzinomen und Schlaganfällen. Darüber hinaus bedingen die Belastungen der Umsiedlungen und der Wegfall der Gemeinschaftsstrukturen psycho-soziale Gesundheitsfolgen wie gesteigerte Stresslevel, Depressionen und erhöhte Suizidraten bei Bewohner*innen der Reviere. Wie auch bei anderen krankmachenden Industrien gelangen die genannten Schadstoffe nicht nur durch die Luft, sondern auch über Böden, Flüsse und Meere in den menschlichen Körper, wo sie chronische Vergiftungen und Erkrankungen auslösen können. In der Debatte um Krankheits- und Todesfälle durch Luftverschmutzung dürfen wir nicht vergessen, dass nicht nur die betrügerische Automobilindustrie, sondern insbesondere auch Kohletagebaue und -Kraftwerke eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit darstellen (zu gesundheitlichen Folgen der Kohlekraft siehe den Artikel der AG Klimawandel)

Das Rheinische Braunkohlerevier ist die größte CO2-Quelle Europas und beeinträchtigt die Gesundheit des Planeten Erde1 damit massiv. Der Klimawandel und das Übertreten weiterer planetarer Grenzen2 wie das Artensterben tragen neben gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen die Dimension tiefer Ungerechtigkeiten mit sich. Diejenigen, die historisch am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, sind heute als Erste und am stärksten davon betroffen. Dies wurde insbesondere bei der Klimakonferenz COP23, die im November 2017 in Bonn – nur 50 km vom Rheinischen Revier entfernt – stattfand, deutlich. Unter der Schirmherrschaft der vom ansteigenden Meeresspiegel bedrohten Inselgruppe Fidschi wurden Klimaschutzversprechen abgegeben, die die Industrienationen des Globalen Nordens – auch Deutschland – sobald wie möglich über Bord warfen.

Der Klimawandel passiert nicht zufällig. Er ist Resultat einer historisch spezifischen Wirtschaftsweise, die für das Ziel immer weiteren Profits fossile Brennstoffe verfeuert und sich in immer weitere Bereiche des Planeten und des menschlichen Lebens ausweitet. Diejenigen, die von diesem Wirtschaftssystem profitieren, sind auch diejenigen, die vom Klimawandel profitieren werden: neoliberale Politiken wie der CO2-Zertifikatehandel belohnen Großkonzerne auch noch dafür, dass sie den Klimawandel befeuern3.

Reiner Klimaschutz ist keine adäquate Antwort

Reiner Klimaschutz ist daher keine adäquate Antwort auf die Klimakrise. Durch eine technische Fokussierung auf die Zusammensetzung der Erdatmosphäre geraten gesellschaftliche und wirtschaftliche Ursachen und Folgen aus dem Blick. Das Konzept der Klimagerechtigkeit geht weiter und will systemische Ungleichheiten überwinden, resiliente und gesunde Gemeinschaften aufbauen und ein gutes Leben für die Vielen – nicht die Wenigen – erkämpfen4. Diese gesellschaftsverändernde Perspektive treibt die Bewegung gegen Kohle in Deutschland an.

In den letzten Jahren ist die Klimagerechtigkeitsbewegung in Deutschland rasant gewachsen: Mit Waldbesetzungen und Klimacamps, Fahrraddemos und Sommerschulen, Großdemonstrationen und Massenaktionen zivilen Ungehorsams ist das Protestspektrum vielfältig, breit aufgestellt und handlungsfähig. Dieses Jahr liegen die Schwerpunkte der Bewegungsarbeit auf dem sächsischen Dorf Pödelwitz, das einem Tagebau weichen soll, und auf dem rheinischen Hambacher Forst. Letzterer ist seit über sechs Jahren besetzt; Aktivist*innen befinden sich dauerhaft in über 40 Baumhäusern, zahlreichen Bodenstrukturen und selbstgebauten Häusern auf einer Wiese am Waldrand. In Verbindung mit dem jahrzehntelangen Widerstand der lokalen Bevölkerung und juristischen Initiativen großer Umweltverbände wurde der Hambacher Forst zum wichtigsten Symbol der Anti-Kohle-Bewegung. Diesen Winter droht die vollständige Abholzung des Waldes, weswegen ein breites Protestspektrum, inklusive massenhafter Infrastrukturblockaden durch das Aktionsbündnis Ende Gelände, hier die Entscheidung in der Kohlefrage suchen wird. Trotz unterschiedlicher Protestformen und Organisationsstrukturen sind sich alle Akteur*innen einig: Der Erhalt des Hambacher Forstes ist aktuell die wirksamste Sofortmaßnahme für mehr Klimagerechtigkeit.

Die wachsende Anti-Kohle-Bewegung führte schon zu ersten realpolitischen Konsequenzen. Diese sind dabei eher als Anpassungen an die neue politische Großwetterlage, denn als freiwilliges Aufgeben von Profitmöglichkeiten zu verstehen. Über 70% der Bevölkerung befürworten inzwischen einen raschen Kohleausstieg. Die Bundesregierung setzte zur Entschärfung des Konflikts eine Kommission mit dem sperrigen Titel »Wachstum, Beschäftigung und Strukturwandel« – umgangssprachlich auch Kohlekommission genannt – ein. Der Titel der Kommission zeigt schon, dass – selbst wenn hier ein Ausstiegsdatum für die Kohle entschieden würde – die Perspektive der Regierung der der Klimagerechtigkeitsbewegung entgegensteht.

Denn die Frage nach dem Kohleausstieg ist keine technische, sondern eine ums Ganze. Da die Kohleindustrie nur eine Stütze einer ungerechten Gesellschaft ist, ist ihre Abschaltung nur ein Schritt auf dem Weg einer grundlegenden Transformation der Gesellschaft. Wer Klimagerechtigkeit will, muss den Kapitalismus überwinden. In dieser Frage nach der demokratischen Verfasstheit der Gesellschaft und ihrer Ökonomie, dem Zugang zu Ressourcen und dem gerechten Ausgleich bereits entstandener Schäden können sich verschiedene soziale Bewegungen verbinden.

Dem Gesundheitswesen wird hier mittelfristig eine Schlüsselrolle zukommen. Die auf dem Weg zu einer klimagerechten Gesellschaft notwendigen Veränderungen betreffen die gesamte Gesellschaft und müssen aus ihr heraus entstehen und von ihr getragen werden. Dafür ist es unabdingbar, dass das Begehren nach einem gerechten, einem gesunden Klima sprechfähig wird und große Teile der Gesellschaft dem Kohlesystem ihre Zustimmung entziehen. Neue Bündnisse, neue Allianzen und neue Verknüpfungen sind ein Schlüssel zum Erfolg sozialer Bewegungen. Eine Bewegung für Gesundheitsgerechtigkeit, die die strukturellen Diskriminierungen und Zugangsbeschränkungen im und durch das Gesundheitssystem sowie krankmachende gesellschaftliche Bedingungen überwinden will, hätte enormes transformatives Potential. Zahlreiche wechselseitige Verbindungen zur Kohle- und Klimafragen sind denkbar. Würden Gesund­heits­ar­bei­ter*innen wie Pfleger*innen, Ärzt*innen und weitere, sowie Patient*innen und ihre Organisationen die zahlreichen gesundheitsschädlichen Effekte der Kohleverbrennung als solche benennen und aus genau dieser direkt betroffenen Perspektive den sofortigen Kohleausstieg fordern, käme das einem politischen Erdbeben gleich. Durch das hohe Ansehen der medizinischen Berufe fänden diese Worte großes Gehör, außerdem kann über die verschiedenen Ebenen des Gesundheitswesens mit weiten Teilen der Gesellschaft kommuniziert werden. Und nicht zuletzt könnten dadurch tatsächlich zahlreiche Krankheits- und Todesfälle verhindert werden. Die Bewegung für Klimagerechtigkeit muss ihren Blick auf gesundheitliche und körperliche Aspekte der Klimakrise erweitern und ihre Konzepte von Resilienz und Utopie hieran anpassen.

Weltweit gibt es solche Bündnisse5 und erste Allianzen bilden sich bereits auch in Deutschland. Kritische Medi­zi­ner*innen arbeiten in Workshops, Pressemitteilungen und Aktionen zu diesem Thema, Betroffene in den Revieren weisen auf die Folgen der Drecksschleudern hin. Diese Arbeit gilt es zu intensivieren, und klarzumachen: Nur ein gesundes Klima kann ein Klima der Gerechtigkeit sein!

Daniel Hofinger ist aktiv in der Gruppe ausgeCO2hlt. http://www.ausgeco2hlt.de - Rosa Emrich ist Teil der AG Klimawandel und Gesundheit der Kritischen Me­di­zi­ne­r*in­nen sowie weiterer medizinpolitischer Gruppen.

Verweise

  1. Zum Konzept der »Planetary Health« siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Planetary_health
  2. https://www.duh.de/themen/natur/planetare-grenzen/
  3. Siehe: https://www.fdcl.org/publication/2015-12-22-geld-waechst-nicht-auf-baeumen-oder-doch/
  4. Ausführlichere Definitionen des Konzepts liefert die Broschüre »Wurzeln im Treibsand« von »ausgeCO2hlt«. Online unter: http://www.wurzelnimtreibsand.de/kapitel-2/perspektiven-auf-klimagerechtigkeit/
  5. Für die USA siehe bspw.: https://medsocietiesforclimatehealth.org/about/

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Umwelt und Gesundheit, 3/2018)


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