GbP 3-2018 Willy Mitkop

Konsequenter Systemwandel

Ein Einblick in globale Perspektiven auf Menschenleben von Willy Mitkop

Unsere imperiale Lebensweise ist Grundbaustein eines global entfesselten Kapitalismus

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Die gesellschaftlichen Verhältnisse1, wie z.B. sozioökonomische Ungleichheiten, haben Ungerechtigkeiten auf Seiten von Gesundheit (sowohl in Prävalenz von bestimmten Krankheiten, als auch der Versorgung) zur Folge.2 National lassen sich die Ursachen hierfür im Kapitalismus, verschärft im neoliberalen Kapitalismus, mehr als nur vermuten. Als Gesellschaften des »Nordens« diese Zusammenhänge mit einer kritischen Perspektive auch global zu erkennen, braucht schon ein Stück weit »Mut« und Verantwortungsbewusstsein.

Wir blicken hier auf mehrere Generationen von kolonialer und neokolonialer Ausbeutung zurück. Diese müssen als Grundlage der globalen Ungleichheiten, sowie des Ausbaus und Erhalts von Machtverhältnissen und damit dem gnadenlos fortgeführten kapitalistischen Projekt – die Bereicherung Weniger auf Kosten Vieler – verstanden werden. Und wenn noch immer fast einem Drittel der Weltbevölkerung der Zugang zu essentiellen Arzneimitteln fehlt3, ist es nicht verwunderlich, wenn die WHO schreibt: »Soziale Ungleichheit tötet im großen Maßstab«.4

Wenn nun also ähnliche gesellschaftliche Zusammenhänge, wie sie sich innerhalb eines Staates finden lassen, auch in einer globalisierten Welt zu beobachten sind, zeigt das: Die Idee eines stetigen und unendlichen Wachstums (auf der einen Seite) muss – in einem in sich geschlossenen System endlicher Ressourcen – Ausbeutung (von Arbeitskraft, Bodenschätzen, »Kultur«, Lebensqualität, etc. auf der anderen Seite) nach sich ziehen.

Im Kontext von Klimawandel sprechen wir hier nicht nur über Folgen in den arm gehaltenen Gesellschaften der Welt. Auch innerhalb der Gesellschaften des globalen Nordens geht die Schere zwischen arm und reich immer weiter auf5. Dies lässt sich zunehmend in Bezug auf Klimawandel und Gesundheit u.a. im ungleichen Anstieg der Prävalenz von Atemwegserkrankungen6, kardiovaskulären Schäden und mentalen Belastungen7 erkennen.

Wir, die Privilegierten  des globalen Nordens, sollten uns endlich eingestehen, dass all diese sozialen, ökonomischen, politischen, ökologischen und eben auch gesundheitlichen Verwerfungen Folgen einer imperialen Lebensweise sind und müssen anfangen, entsprechend einer humanitären Vernunft innerhalb der Weltgemeinschaft Verantwortung zu übernehmen.8

Globale Ungerechtigkeiten haben System und fordern Menschenleben

Der von schwarzen Feminist*innen entwickelte Begriff der Intersektionalität beschreibt sehr gut die vielseitigen Verstrickungen von Lebensumständen, Marginalisierung und die jeweils daraus resultierenden Positionen innerhalb der existierenden Machtstrukturen9: So müssen wir die Klimakrise auch als Ausläufer diverser »Ismen«, wie Kolonialismus, Rassismus10, Heterosexismus und Klassenverhältnisse verstehen. Klarer wird dies bei der Betrachtung unterschiedlicher Anpassungsmöglichkeiten privilegierter im Vergleich zu marginalisierten Individuen oder unterprivilegierter Regionen und Länder.

Am Vergleich der Niederlande mit Bangladesch soll dies beispielhaft verdeutlicht werden: Während erstere einem steigenden Meeresspiegel deutlich stärker ausgeliefert wären (große Teile der Niederlande liegen unterhalb des Meeresspiegels), besitzen sie gleichzeitig bestens ausgebaute Deich- und Hochwasserschutzsysteme, um die drohende Gefahr effektiv abzuwehren. Bangladesch dagegen (ein Großteil liegt hier knapp über dem Meeresspiegel in einem Flussdelta) ist schon heute mit ins Landesinnere eindringenden Meerwassermassen konfrontiert. Diese versalzen fruchtbaren Ackerboden, zerstören Nahrungsgrundlagen durch sinkende Ernteerträge und die für Wohnraum dringend benötigten Küstenre­gionen durch Erosion. So kommt es in einem der bevölkerungsreichsten Länder zu massiver Migration in die Städte im Landesinneren. In der mittlerweile 15-Millionen-Stadt Dhaka muss ein Großteil der Bevölkerung in Slums leben. Und all das, obwohl das Land gerade einmal für 0,3% des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist.11

Im übertragenen Sinne folgt, dass benachteiligte Bevölkerungsteile, die in einem historisch (und auch aktuell) ausgebeuteten Land die Mehrheit darstellen, zusätzlich unter den Folgen des menschengemachten Klimawandels leiden, an den gerade sie sich nicht anpassen können.12

Würden wir Weltkarten zur Darstellung des »global burden of disease« und der »climate vulnerability«13, der Unterernährung14, sowie der Todesfälle durch Klimawandel15 übereinander legen, so werden die Überlappungen gerade für Lateinamerika, Subsahara-Afrika und Süd-Ost-Asien sehr deutlich.

Wenn wir heute von Klimakolonialismus sprechen, so sprechen wir also auch von Gesundheitskolonialismus. Der globale Norden scheint hier bisher reichlich unbeeindruckt von den Folgen des Klimawandels. In Kombination mit Karten, die den CO2-Ausstoß z.B. der letzten 50 Jahre darstellen jedoch, tappen wir leicht in die Falle zu glauben, Länder wie China seien an allem schuld.16 Was Grafiken wie diese nicht in der Lage sind darzustellen, ist die Geschichte der Industrialisierung des »Nordens« und der Kolonialisierung des »Südens«.

Die Antworten der nördlichen Welt hierauf sind verschieden und gleichsam perfide. Während Energiekonzerne jährlich 450 Milliarden Euro auf der Suche nach weiteren fossilen Reserven investieren, ist klar, dass diese nicht verstromt werden dürften, wenn wir eine weitere Erderwärmung bremsen wollen.17 Bei dem Blick auf die staatlichen Subventionen fossiler Energien, die mit wiederum über fünf Billionen Euro (fast 450 Mrd. direkter Subven­tio­nen) ziemlich genau den weltweiten Gesundheitsausgaben entsprechen, wird klar: Bei Klimagerechtigkeit geht es auch um Gesundheitsgerechtigkeit.18

Gerechtfertigt wird die Weiterführung fossiler Ausbeutung, Subvention etc. häufig mit dem »Mythos Arbeitsplätze«. Richtig ist, dass Arbeitsplätze im Bereich Gewinnung und Verwertung fossiler Energieträger existieren und Ideen sowie Reaktionen auf deren »Verlust« notwendig sind – hier sehe ich vor allem Regierungen und Energiekonzerne in der Verantwortung. Als Argument gegen einen sofortigen Ausstieg aus »fossiler Energie« darf dies nicht akzeptiert werden. Denn wenn die Werte von Menschenwürde (wie sie hoffentlich die meisten Menschen teilen) über die Grenzen von Nationalstaaten hinausgehen und wir alle Menschenleben als gleichwertig betrachten, handelt es sich hier um eine absolut inhumane Unverhältnismäßigkeit.

So geht es also auch der aktuellen »Kohlekommission« in Deutschland um »Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung«19 und nicht um »Gerechtigkeit« oder gar Gesundheit aller. Auch bei den G20 – dem nicht-demokratisch legitimierten Club der stärksten Wirtschaftsmächte – zeichnete sich 2017 mit dem Begriff der »global health security« eine klare Linie der Abschottung für die Sicherheit von – reichen – Nationalstaaten ab.20

In der westlichen (Gesundheits-)Politik scheint sich ein grundsätzlicher Denkfehler mit Fokus auf Symptombekämpfung und Anpassungsstrategien mit Perspektivlosigkeit auf Ebene der Ursachen zu zeigen. Gleichzeitig werden Unmengen an Ressourcen investiert, um sich Schutzsuchenden und ihren Herausforderungen, vor denen sie fliehen (wie Armut, Gewalt, Krankheit, aber auch Zerstörung von Lebenswelten durch den Klimawandel) mit einer »Festung Europa« gegenüber zu stellen und Klimaflüchtlinge nicht einmal theoretisch im deutschen Asylrecht anzuerkennen.21 Wo auf der einen Seite materieller Wohlstand entsteht und »geschützt« wird, werden auf der anderen Seite eine zunehmende Zerstörung von Lebensgrundlagen und sich verfestigende Abhängigkeitsverhältnisse in Kauf genommen, wenn nicht gar gewollt.22

Neoliberale Denkkonzepte mit dem Fokus auf Effizienzsteigerung, Wachstumslogik und Individual-Verantwortung bergen die Gefahr, uns die Möglichkeit zu nehmen, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken und einzugestehen, dass der Karren durch die Umsetzung dieser Politik ziemlich in den Dreck gefahren wurde. Wir müssen dringlichst abbremsen und einen grundlegend anderen Weg einschlagen.

Klimagerechtigkeit meint also keine Energiewende im Sinne eines »grünen Kapitalismus«, sondern im Sinne globaler Gerechtigkeit; es meint einen radikalen Systemwandel, dem ins Auge zu blicken aus privilegierter Perspektive durchaus ungewohnt und schmerzhaft sein kann.

Unsere Privilegien fordern Handlungen

Bei der Idee »nachhaltiger Entwicklung« ging es bisher zumindest noch um eine aktive Beteiligung privilegierter Staaten am politischen Weltgeschehen. Der neuerdings häufiger in diesem Kontext verwendete Begriff der »Resilienz« meint jedoch nur noch die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit derer, die auf die dafür notwendigen Ressourcen zugreifen können – also die Perfektionierung der sowieso schon existierenden Privilegien. Das Paradoxon dabei ist: Die Resilienz-Idee stabilisiert damit lediglich die Verhältnisse, welche in uns eigentlich Widerstände regen sollten.23 Anstelle also die Krise an den Wurzeln zu packen, werden uns von der herrschenden Politik Konzepte der »Selbstoptimierung und Selbstüberwachung« angeboten (und von vielen auch gerne angenommen), die die Möglichkeit, an den Ursachen etwas zu ändern, überhaupt erst gar nicht zulassen. Auf politischer Ebene Alternativen zu erkämpfen, wird damit nahezu perfekt umschifft.24

Es ist an der Zeit, unser Privileg, als Gesundheitsarbeiter*innen ein hohes gesellschaftliches Ansehen zu genießen25, zu nutzen und in ein kollektives und solidarisches Handeln zu kommen. Es gilt auch hier, sensibel mit der eigenen Rolle umzugehen und nicht gewohnte paternalistische »Top-Down«-Mechanismen zu reproduzieren. Vielmehr sollte ein Bewusstsein für die aktuelle Situation im Sinne eines emanzipatorischen »informed consent« multipliziert werden.

Neben der Verbesserung der Anpassungsfähigkeit (im Sinne der Resilienz) ist es notwendig, konsequent die Ursachen zu bekämpfen und radikal den CO2-Ausstoß zu minimieren. Des Weiteren muss der Umgang mit den Folgen geklärt werden: Klimakatastrophen müssen als Fluchtgrund anerkannt werden, Flucht überhaupt erst ermöglicht, Reparationszahlungen für verlorene Lebensgrundlagen ausgehandelt und medizinische Strategien zur Versorgung von Gesundheitsfolgen entwickelt werden.

All das zeigt, dass die Divestment-Bewegung26 (Ausstieg von Institutionen und ganzen Sektoren aus der Investition in »Fossile«) wie in Großbritannien, Kanada und Australien ein logischer und notwendiger Schluss ist. Gleichzeitig ist damit bei weitem nicht alles abgedeckt, was es braucht, um eine globale Gesundheitsgerechtigkeit zu erreichen.

Die Kommunikation lokaler Gesundheitsauswirkungen (durch z.B. Feinstaubbelastung) sollte auf unserem Weg als zugängliches Argument, »framing«, sowie positiver Nebeneffekt genutzt werden, jedoch niemals alleiniges Hauptanliegen sein.

Letztlich bedeutet das, einen grundlegenden und konsequenten Systemwandel hin zu einer »Postwachstumsgesellschaft« anzustreben, die mit ihrer nachhaltigen Wirtschaftsweise zumindest in den reichen Industrieländern Wachstum nicht mehr nur materiell definiert.27 Die globale Gesundheitsfrage sollte eine Frage nach »planetary health«28 sein, in welcher die Endlichkeit der Ressourcen dieses Planeten und all seiner Lebewesen Beachtung findet. Wir brauchen eine globale Perspektive, in der jedem einzelnen Menschenleben die gleiche Wertigkeit zugestanden wird.

Willy Mitkop ist Mitglied der AG Klimawandel und Gesundheit – Kritische Mediziner*innen Deutschland

Referenzen

  1. M. Richter / K. Hurrelmann: „Warum die gesellschaftlichen Verhältnisse krank machen“, APuZ 42/2007
  2. M. Marmot: „Social justice, epidemiology and health inequalities“, 2017
  3. dpgg-Fachkonferenz: Berlin, 15.5.2017 „Abwehr oder Vorsorge? - Die G 20 und die globale Gesundheit“; Einführungsvortrag „Interessen und Strategien globaler Gesundheitspolitik“, Thomas Gebauer, medico international
  4. Abschlussbericht der „WHO-Kommission über die sozialen Determinanten von Gesundheit“, 2008
  5. Thomas Gebauer, „Interessen und Strategien globaler Gesundheitspolitik“, a.a.O.
  6. „Increased ultrafine particles and carbon monoxide concentrations are associated with asthma exacerbation among urban children”, PubMed – NCBI, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24528997, zugegriffen: 23.03.2018]
  7. C. Stanke / V. Murray / R. Amlot / J. Nurse / R. Williams: „The Effects of Flooding on Mental Health: Outcomes and Recommendations from a Review of the Literature“, PLOS Curr. Disasters, Mai 2012
  8. Ulrich Brand: „Kritik im Handgemenge - Imperiale Lebensweise: Was ein neuer Internationalismus berücksichtigen muss“, Jubiläumsrundschreiben medico international 1/2018
  9. „Wurzeln im Treibsand“, Broschüre hg. von ausgeCO2hlt, S. 29
  10. Black Lives Matter UK: Artikel zur Aktion; https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/sep/06/climate-change-racist-crisis-london-city-airport-black-lives-matter
  11. Medico international: „An der Flutkante“, 2016; https://www.medico.de/an-der-flutkante-16501/
  12. Global climate and health alliance: “Climate change: health impacts and opportunities”
  13. Vgl. index.gain.org
  14. Vgl. hunger map; wfp.org
  15. „Deaths from climate change“; http://www.who.int/heli/risks/climate/climatechange/en/; zugegriffen: 14.08.2018
  16. Vgl. Darstellungen im Kohleatlas 2015
  17. Vgl. Carbon Tracker (2013), zitiert in: Deutsche Plattform Globale Gesundheit: „Klimawandel und Gesundheit. Ein Weck- und Aufruf für den Gesundheitssektor“; in: https://www.medico.de/fileadmin/user_upload/media/DPGG_Klimawandel_und_Gesundheit.pdf, zugegriffen: 14.08.2018]
  18. Vgl. Damian Carrington (2015), zitiert in: DPGG: „Klimawandel und Gesundheit“, a.a.O.
  19. https://www.bmu.de/meldung/kommission-wachstum-strukturwandel-und-beschaeftigung-nimmt-arbeit-auf/
  20. dpgg-Fachkonferenz: Berlin, 15.5.2017 „Abwehr oder Vorsorge? - Die G 20 und die globale Gesundheit“; Einführungsvortrag Interessen und Strategien globaler Gesundheitspolitik, Thomas Gebauer, medico international
  21. https://www.medico.de/umweltzerstoerung-und-klimawandel-16500/
  22. Ulrich Brand: „Kritik im Handgemenge - Imperiale Lebensweise: Was ein neuer Internationalismus berücksichtigen muss“, Jubiläumsrundschreiben medico international 1/2018
  23. https://www.medico.de/resilienz-statt-nachhaltiger-entwicklung-16433/
  24. https://www.medico.de/fit-fuer-die-katastrophe-15981/
  25. Vgl. WHO-Präsentation: „Climate change, health & health professionals“, https://slideplayer.com/slide/6405655/, zugegriffen: 14.08.2018]
  26. https://globaldivestmentmobilisation.org/
  27. DPGG: „Klimawandel und Gesundheit“, a.a.O.
  28. https://unfccc.int/climate-action/momentum-for-change/planetary-health

 (aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Umwelt und Gesundheit, 3/2018)


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