GbP 3-2018 Stephanie Sebastiampillai

Eine transformatorische Energie?

Über den Kampf gegen den Klimawandel im Gesundheitswesen

Stephanie Sebastiampillai nähert sich der Frage von Umwelt und Gesundheit aus einer ganz anderen Richtung: Wie viel trägt eigentlich das Gesundheitswesen selbst zur Umweltverschmutzung bei? Und was könnte dagegen getan werden?

Während in der Tagespolitik und medialen Landschaft die Asylpolitik momentan eine Vorherrschaft innehält, setzt der aktuelle ARD-Deutschlandtrend der Tagesschau vom 2. August 2018 ein klares Zeichen: Die Befragten sehen die Pflege und Gesundheitspolitik als wichtigstes Polit-Thema an.1 Ein ständiger Ökonomisierungsdruck auf der einen Seite und eine profitorientierte Überversorgung auf der anderen beeinflussen den Klinikalltag so stark, dass die breite Öffentlichkeit diese Missstände längst erkannt hat. Sowohl dieses Thema als auch die Klimapolitik stehen laut der Befragung deutlich vor der asylpolitischen Frage.

Diesen Sommer haben wir wieder die Folgen des Klimawandels durch Extremwetterereignisse spüren können. Sie bringen in Form von Hitzewellen, Dürren, Fluten und Stürmen gravierende Gesundheitsschäden mit sich. Bevor wir aber mit dem Finger auf die Politik und die Lobby der fossilen Energieträger, Agrarwirtschaft und Automobilindustrie zeigen, gilt es, auch den eigenen Sektor zu betrachten. Denn die Emissionen, die den Klimawandel immer weiter befeuern, werden zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil vom Gesundheitssystem selbst verursacht: Internationale Studien aus Industrieländern zeigen, dass 4-8% der nationalen Emissionen durch die gesundheitliche Versorgung zu verantworten sind2, die Ergebnisse sind mit Deutschland vergleichbar. Zum Vergleich: Es handelt sich beim Gesundheitswesen um den gleichen Anteil an Emissionen, den der Tourismus zum globalen Fußabdruck beiträgt. Somit trägt der Sektor, dessen Aufgabe es ist, die Gesundheit der Menschen zu gewährleisten, maßgeblich zur Verursachung von Krankheiten bei.

Die allseits bekannten, Treibhausgase-einsparenden Methoden sind natürlich auch im Gesundheitssektor anwendbar: von der Nutzung von LED-Glühbirnen, dem Beziehen von »grünem Strom« bis zum nachhaltigen Bauen und Heizen. Diese stellen individuelle- bzw. unternehmenszentrierte Maßnahmen dar, die auf freiwilliger Basis eingeleitet werden können. Wenn man sich jedoch die Emissionsraten der einzelnen Gebiete der gesundheitlichen Versorgung vor Augen führt, stehen zwei Bereiche besonders im Fokus, die von dieser Initiative nicht beachtet werden: Die Pharmazeutika und die klinische Versorgung per se (s. Grafik: Pharmaceuticals, Medical instruments/equipment und Business services).

Um feststellen zu können, wo in diesen Kernfeldern des Gesundheitssystems Emissionen eingespart werden können, stellt sich zunächst die Frage nach emissionsarmen Alternativen für bestehende Prozeduren. Narkosegase stellen z.B. bis zu 5% des ökologischen Fußabdrucks von Akut-Versorgungszentren dar. Die Nutzung von Sevofluran statt Desfluran spart 95% der Emissionen, die sonst bei einer inhalativen Anästhesie frei werden. Ein anderes Beispiel sind Dosieraerosole: Sie enthalten Fluorkohlenwasserstoffe (FKWs), die bei der Anwendung frei werden und deren Treibhauspotential 100 bis 23.000 mal höher ist als das von CO2. Die Umstellung auf Pulver-Inhalatoren würde den ökologischen Fußabdruck von der Herstellung und Nutzung des therapeutischen Mittels auf ein Achtzehntel reduzieren.

Ein weiterer wichtiger Schritt zur Emissionsverminderung ist, überflüssige Behandlungen zu vermeiden und die Prävention zu stärken.3 Schätzungen zufolge stellen bis zu 20% der klinischen Praktiken, die aufgrund der verbreiteten Überversorgung mit klinischen Tests und Interventionen ausgeführt werden, keinerlei Nutzen für die Patient*innen dar.4 Ursache dieser vermehrten klinischen Eingriffe ist die ökonomische Logik, die die Über­pro­duktion von Pharmazeutika, Diagnostik- und Kontrolluntersuchungen und Krankenhauseinweisungen für einige Unternehmen profitabel macht. Diese hinterlassen nicht nur enorme Kosten für die Umwelt in Form von vermehrtem Abfall und Verschmutzung: Jede dieser Maßnahmen bedeutet finanzielle Kosten, soziale »Kosten« durch die Inanspruchnahme medizinischen Personals, das an anderer Stelle fehlt, und letztendlich eine zusätzliche, unnötige Belastung für die Patient*innen. All diese Faktoren führen zu einem Verlust der Versorgungsqualität. Um eine hochwertige, bedarfsorientierte und ökologisch nachhaltige Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, ist das medizinische Personal aufgefordert, diese Ressourcen-verschwendenden Verfahren zu erkennen und zu minimieren, ohne dabei die Gesundheit der Patient*innen zu gefährden.

Dies beginnt schon in der Forschung: Obwohl für die biomedizinische Forschung ein gewisser Anteil an Ressourcenverbrauch unabdingbar ist und vertretbar bleibt, führen vermeidbare Fehler in Bedarfserforschung von Studien, Studiendesign und ihre Veröffentlichung jährlich zu Verlusten von Forschungsgeldern von bis zu 85%. Im Jahr 2010 entsprach dies einem Betrag von rund 200 Billionen US-Dollar weltweit.5

Eine ressourcenschonende klinische Praxis kann vielfache Vorteile erzielen; sie kann Emissionen verringern, dabei Kosten einsparen und die Qualität der Patient*innenversorgung verbessern. Ein Beispiel aus Großbritannien zeigt, dass die Implementierung eines präventiven geriatrischen Dienstes in Pflege- und Altersheimen, der invasive Maßnahmen wie Antibiotikagabe und eine stärkere Zusammenarbeit des Pflege- und Gesundheitssektors ermöglichte, zu einer Reduktion von Krankenhauseinweisungen bis zu 35% vonseiten der Heime führte. Während die Patient*innen die fachärztliche Behandlung in ihrem gewohnten Umfeld erhielten, sparte die Maßnahme 23 Tonnen CO2 und £ 65.000 in einem Jahr.6

Transformatorisches Umdenken notwendig

Für dieses Vorhaben ist ein transformatorisches Umdenken notwendig: Statt sich die Frage zu stellen, welche medizinisch-technischen Prozeduren möglich sind und vergütet werden, gilt es, eine Therapie mit dem meisten Nutzen für die Patient*innen zu gewährleisten. Für die Abwägung von der Qualität der Versorgung gegen den Ressourcenverbrauch und die möglichen Nachteile für die Patient*innen sind viel Erfahrung des Personals und zeitliche Kapazitäten vonnöten. Evidenzbasierte Initiativen wie »Choosing wisely – Klug entscheiden«7 und die NICE-»do not do«-Liste8 stellen Ärz­t*in­nen ressourcenschonende und patientenorientierte Maßnahmen vor. Es erfordert außerdem eine konstante Bereitschaft und Engagement, übliche Versorgungspraktiken zu hinterfragen und sich für Veränderungen einzusetzen – im Klinikalltag, sowie beim Krankenhausmanagement, bei Ärztekammern und Kostenträgern. Das medizinische Personal ist somit besonders befähigt9 aber auch besonders verantwortlich, diese Veränderungen zu initiieren und eine grundsätzliche Transformation des Gesundheitssystems einzufordern. Das »Green Hospitals«-Netzwerk der »Healthcare without harm«-Organisation, das sich für Umweltschutz in Krankenhäusern in schon über 54 Ländern einsetzt schreibt in seiner Agenda:

»Die Zwillingskrisen des Gesundheitswesens und des Umweltschutzes vergrößern gegenseitig ihre tödliche Kraft… jedoch gibt es auch eine immer größer werdende Konvergenz von Lösungen.«10

Stephanie Sebastiampillai studiert Medizin und ist Mitglied der AG Klimawandel und Gesundheit – Kritische Mediziner*innen Deutschland

Referenzen

  1. https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/index.html (Stand: 02.08.2018)
  2. https://science.orf.at/stories/2909124/ (Stand: 02.08.2018); Jeanette W., Chung, David O. Meltzer: “Estimate of the Carbon Footprint of the US Health Care Sector”, JAMA 11/2009, https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/184856 (Stand: 27.08.2018)
  3. Mortimer-F.: “The Sustainable Physician”, Clinical Medicine 2010, Vol 10, No 2: 110–11
  4. Berwick DM, Hackbarth AD: “Eliminating waste in US health care”, JAMA. 2012 Apr 11; 307 (14): 1513–6
  5. Chalmers I, Glasziou P.: “Avoidable waste in the production and reporting of research Evidence”, Lancet, 2009 Jul 4; 374 (9683): 86–9;  vgl. Chalmers I, Bracken MB, Djulbegovic B, Garattini S, Grant J, Gülmezoglu AM, et al.: “How to increase value and reduce waste when research priorities are set”, Lancet, 2014 Jan 11; 383 (9912): 156–65; Macleod MR, Michie S, Roberts I, Dirnagl U, Chalmers I, Ioannidis JPA, et al.: “Biomedical research: increasing value, reducing waste”, Lancet, 2014 Jan 11; 383 (9912): 101–4
  6. Rose R.: “Partnership between geriatricians, GPs and care homes reduces emergency hospital admissions”, Foundation Trust Network, 2013 Jul 4:1–3
  7. https://www.klug-entscheiden.com/home/ (Stand 19.08.2018)
  8. https://www.nice.org.uk/media/default/sharedlearning/716_716donotdobookletfinal.pdf (Stand 19.08.2018)
    Academy of Medical Royal Colleges: “Protecting resources, promoting value: a doctor’s guide to cutting waste in clinical care”, Nov 2014
  9. “Health Care Without Harm. A Comprehensive Environmental Health Agenda for Hospitals and Health Systems Around the World”, 2016;
  10. https://www.hospitalesporlasaludambiental.net/wp-content/uploads/2016/07/Global-Green-and-Healthy-Hospitals-Agenda.pdf

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Umwelt und Gesundheit, 3/2018)


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