GbP 3-2018 Editorial

Vom climate change zum system change…

Wir, die Redaktion der GbP, wollen uns an allererster Stelle bedanken bei den Aktivist*innen der AG Klimawandel und Gesundheit der Kritischen Mediziner*innen: Dieses Heft wäre nicht entstanden ohne Euer engagiertes und tatkräftiges Engagement. Der wichtigste Impuls in jüngerer Zeit zum Thema Umwelt und Gesundheit in den vdää war das Positionspapier der AG Klimawandel und Gesundheit, in dem die globale Dimension des Themas vorangestellt und das politische Ziel »Klimagerechtigkeit« in den Mittelpunkt gerückt wird. Damit eröffnen wir dieses Heft.

Zwar hat hierzulande die systematische und durch ein mafiöses Netz aus Herstellern, Wissenschaftler*innen und Politiker*innen gedeckte Manipulation von Abgasgrenzwerten das Thema Umwelt und Gesundheit wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit gebracht. Andererseits ist die öffentliche Diskussion aber geprägt von Fehl- und Desinformationen, sowie primär auf die ökonomische Seite der kriminellen Machenschaften der Automobilhersteller beschränkt, statt auf den gesellschaftlichen und gesundheitlichen Flurschaden. Dabei gilt in der derzeitigen Krisenperiode mehr denn je das Diktum aus dem Kommunistischen Manifest von 1848: »Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.« (MEW 4, S. 467)

Die vorgebliche Beherrschung dieser unterirdischen Gewalten findet ihren umweltpolitischen Ausdruck in Instrumenten bürgerlicher Diplomatie: Klimaabkommen, Klimaziele, Klimagipfel usw. Aber auch wenn Vereinbarungen zur Senkung der CO2-Emissionen öffentlichkeitswirksam präsentiert werden, ob sie mit progressiven Konzepten von »Klimagerechtigkeit « einhergehen, ist – immer noch – nur eine rhetorische Frage. Die Geschichte der ökologischen Bewegung in den vergangenen Jahrzehnten hat zwar ehrenwerte Auseinandersetzungen ausgetragen, jedoch gleichzeitig in ihrer Gesamtheit kaum noch systemkritische Positionen entwickelt hat und sich, wie Jörg Bergstedt in seinem Beitrag zeigt, in der Hoffnung auf einen grünen Kapitalismus »Stück für Stück in formale Proteststrategien kanalisieren ließ«. Die Texte von David Hofinger, Rosa Emrich und auch der von Willy Mitkop in diesem Heft und die aktuellen klimapolitischen praktischen Auseinandersetzungen zeigen aber, dass sich daran gerade wieder etwas ändert und eine antikapitalistische Perspektive wieder Einzug zu halten scheint in die Ökobewegung.

Auf der politischen Gegenseite fährt man eine andere Strategie: Nicht nur Donald Trump und seine Anhänger*innen in den USA sondern auch Teile der Führungsriege der neofaschistische AFD leugnen einfach den Klimawandel ebenso wie die wissenschaftlichen Ergebnisse des Weltklimarates als »nicht gesichert«. Und auch bei diesem Thema schafft es die AfD, einen Bezug zu ihrem »Kernthema Migration« herzustellen, indem sie dreist behauptet, dass afrikanische Flüchtlinge durch ihre Migration einen negativen CO2-Footprint hinterließen… (siehe https://faktenfinder.tagesschau.de/inland/afd-klimaschutz-101.html)

Sachlichkeit tut also Not. Es geht schließlich um viel mehr: Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf insbesondere die ärmste Menschen dieses Planeten liefert ein zentrales Argument dafür, dass eine andere Form gesellschaftlicher Produktions- und Eigentumsverhältnisse die obligate Grundlage für eine gesunde und friedliche Zukunft der Menschheit ist.
In diesem Zusammenhang stehen auch die Bilder dieser Ausgabe, die uns dankenswerter Weise von den Initiativen »ausgeco2hlt«, »Ende Gelände«, »Hambacher Forst«, vom Klimacamp im Rheinland und der AG Klimawandel und Gesundheit der Kritischen Mediziner*innen zur Verfügung gestellt wurden.

Der Themenschwerpunkt der letzten Ausgabe von Gesundheit braucht Politik in diesem Jahr wird einen kritischen Blick auf die Ökonomisierung und Privatisierung im Gesundheitswesen werfen. Wir freuen uns auch hierzu über Mitstreiter*innen, die an der Konzeptionierung und Gestaltung des Hefts mitwirken wollen!

Thomas Kunkel & Nadja Rakowitz

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Umwelt und Gesundheit, 3/2018)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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