GbP 2-2018 Carina Borzim / Therese Jakobs

Macht, Geld und christliche Werte

Über die Strategien der Lebensschützer*innen – Rezension von Carina Borzim und Therese Jakobs

In ihrem kürzlich erschienen Buch »Kulturkampf und Gewissen – Medizinethische Strategien der ›Lebensschutz‹-Bewegung« beleuchten Eike Sanders, Kirsten Achtelik und Ulli Jentsch die Argumentationsweisen und Hintergründe der sogenannten »Lebensschutzbewegung«. Sie zeigen die Verbindung zum christlichen Glauben auf und beschreiben, in welchen Gruppen, Vereinen etc. die Lebensschützer*innen sich organisieren und auf welchen Ebenen sie ihre Gedanken verbreiten. Mit ihrer Analyse decken die Autor*innen auf gelungene Weise auf, welche Machtpositionen und welche Bedeutung sich die »Lebensschutz«-Bewegung bereits erarbeitet hat. Es wird mit dem gängigen und verharmlosenden Klischee aufgeräumt, Abtreibungsgegner*in­nen seien nur die Wenigen, die vor Beratungsstellen demonstrieren. Im Buch wird deutlich, um welche teils mächtigen und finanzstarken Akteur*innen es sich handelt.
Es wird gezeigt, wie die »Lebensschutz«-Bewegung mit dem Aufschwung rechten Gedankenguts und rechter politischer Bewegungen in Europa im Rücken zunehmend selbstbewusster ihre Themen auf die politische Agenda setzt. Es gehe dabei um mehr als nur den Kampf gegen liberale Abtreibungsregelungen, sondern darüber hinaus auch um die Retraditionalisierung von Geschlechterrollen, eine restriktive Sexualmoral und um klassische Familienbilder. Der homophoben Positionen, die damit einhergehen, noch nicht genug; ein allgemeiner Werteverfall durch Feminist*innen, Homosexuelle, Genderbewusstsein in Sprache und Öffentlichkeit, LGBTI*-Personen usw. werde von den Lebensschützer*innen angeprangert. Die Autor*innen zeigen auf, dass die »Lebensschutz«-Bewegung sich als Grundlage für ihre Argumentationen gerne auf Gott und (fundamental-)christliche Moralvorstellungen und ebenso auf völkische, rechtsnationale Vorstellungen bezieht. Um jedoch mehrheitsfähig in einer säkularisierten Gesellschaft zu werden, sei ein Umschwung hin zu rechtlichen und medizinethischen Argumentationen festzustellen. Passend dazu erweitere die »Lebensschutz«-Bewegung ihre Themen auch über die Abtreibunsgegner*innenschaft hinaus und beziehe Position unter anderem zu Themen rund um Reproduktionstechnologien, Sterbehilfe, Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik.

Diesen Themen sei gemein, dass meist eine Differenz festzustellen sei zwischen dem medizintechnologischen Stand der Möglichkeiten und der dazugehörigen gesellschaftspolitischen Debatte. Dies führe zu ethischen Fragestellungen, die geradezu perfekten Nährboden für rechtspopulistische Antworten bieten. Genau an diesem Punkt setze die »Lebensschutz« Bewegung an. Und genau hier seien weiterführende Debatten notwendig, würden breit aufgestellte emanzipatorische und feministische Positionen gebraucht und Akteur*innen, die die Deutungsmacht um sexuelle und reproduktive Rechte, um medizinethische Problemstellungen nicht den Rechten überlassen. Die Autor*innen rufen in ihrem Buch deutlich dazu auf.

Eine wichtige Stütze in der Argumentationsweise der Lebensschützer*in­nen ist laut Sanders, Achtelik und Jentsch, die Berufung auf den christlichen Glauben und damit verbunden auch die Anklage der Lebensschützer*in­nen, dass sie aufgrund ihres Glaubens diskriminiert würden. Der ständige Bezug auf christliche Werte wirft beim Lesen des Buches die Frage auf, ob die »Lebensschutz«-Bewegung den christlichen Glauben nur für ihre Zwecke missbraucht, oder ob ein Großteil der Christ*innen hinter der Bewegung steht. Müssen wir eine Debatte über Religion führen, um die Deutungshoheit nicht den Fundamentalist*innen zu überlassen?

Einblicke in die »Lebensschutz«-Bewegung

Absolut empfehlenswert ist die Lektüre für viele unterschiedliche Zielgruppen. Gerade Feminist*innen und politisch Aktive können für ihre weitere Auseinandersetzung und ihre Positionierung in der Debatte profitieren. Alle Menschen, die beruflich oder privat Berührungspunkte mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch haben, ob als Berater*in, Sozialarbeiter*in, Ärzt*in oder Jurist*in, OP-Assistent*in, medizinische*r Fachangestellte*r oder in ähnlichen Zusammenhängen, finden hier die Möglichkeit, sich fundiert zu informieren und die Debatte politisch genauer einzuordnen. Im sechsten Kapitel des Buches wird unter der Überschrift »Die Akteur*innen« detailliert aufgeschlüsselt, wie die Lebensschützer*innen sich organisieren und welche teilweise wichtigen Positionen sie in der europäischen Politik innehaben. Diese Informationen sind besonders hilfreich für Interessierte, die politisch weitergehend zu dem Thema arbeiten wollen, jedoch womöglich zu umfangreich für Andere, die sich nicht so vertiefen wollen.

Wer noch gar keine Erfahrungen im Diskurs um Schwangerschaftsabbruch und reproduktive Rechte hat, profitiert von einer vorherigen Einführung durch weitere Lektüre, weil diese im vorliegenden Buch eher kurz gehalten ist. Es hat uns beim Lesen sehr erfreut, dass die Autor*innen sich für die Schreibweise »Frauen*« entschieden haben, um sichtbar zu machen, dass nicht alle Frauen Kinder bekommen können und nicht nur Frauen gebärfähig sind, was sonst als Aspekt in der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche häufig vernachlässigt wird. Positiv empfinden wir auch, dass die Autor*innen darauf verzichten, die Debatte zu emotionalisieren, was gerade beim Thema Schwangerschaftsabbruch nicht selten geschieht.

Wie weiter? / Was nun? Schlussfolgerungen für die weitere Debatte

Nach der Lektüre des Buches wird unter anderem klar, dass Ärzt*innen eine wichtige Zielgruppe für die Lebensschützer*innen sind und diese auf mehreren Ebenen versuchen, an medizinisches Personal heran zu treten. Dass das Thema sowohl in der medizinischen Aus- als auch ärztlichen Weiterbildung vernachlässigt wird, bietet den Lebensschützer*innen viel Spielraum für ihre Einflussnahme, ob mit medizinethischen oder christlichen Argumenten.
Es gibt Leerstellen und Widersprüche sowohl in der Gesetzgebung als auch in der gesellschaftlichen Diskussion um Schwangerschaftsabbruch und weitere medizinethische Fragestellungen zu Reproduktionstechnologien, Präimplantations- und Pränataldagnostik oder Sterbehilfe. Themen, die sich die »Lebensschutz«-Bewegung zunehmend auf die Fahnen schreibt. An dieser Stelle brauchen wir gesellschaftlich breit geführte Debatten und die Entwicklung feministischer, emanzipatorischer Positionen, um sogenannten Lebensschützer*innen klar entgegen treten zu können.
Durch den §219a kam zwar das Thema Schwangerschaftsabbruch im tagespolitischen Geschäft zur Sprache, aber wie diskutieren wir weiter? Wie sprechen wir weiter auch über §218, über die Fristen- und die Indikationsregelungen, über feministische Selbstbestimmung bezüglich sexueller Re­produktion, über Möglichkeiten der Soli­darisierung mit Behindertenbewegungen und auch differenzierter feministischer Kritik der Abbrüche aufgrund medizinischer Indikationen?

Es braucht feministische Gegenpositionen zum »Lebensschutz«!

Ein erster Schritt, kann die Implementierung in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung sein um damit auch eine Enttabuisierung voranzutreiben. Wir brauchen die Debatte nicht nur in der Politik und auf Papier, wir brauchen sie auch innerhalb der Kliniken. Dort, wo womöglich allein die Trägerschaft der Klinik oder die Gewissensfrage der Chefärzt*innen entscheiden, ob Abbrüche durchgeführt werden oder nicht.
Pro-Choice-Positionen in der Medizin werden wieder vermehrt gebraucht, auch öffentlich und nicht nur in der eigenen Tätigkeit. Ärzt*innen, die Abbrüche durchführen brauchen Solidarität, Öffentlichkeit und rechtliche Sicherheit.
Wir möchten Eike Sanders, Kirsten Achtelik und Ulli Jentsch für die ausführliche Recherche danken und können das Buch allen Menschen weiterempfehlen, die gerne tiefer in die Thematik einsteigen möchten. Es ist uns ein großes Anliegen, dass möglichst viele Menschen entschieden und mit guten Argumenten den Lebensschützer*in­nen entgegen treten können.

Kirsten Achtelik / Eike Sanders / Ulli Jentsch: »Kulturkampf und Gewissen – Medizinethische Strategien der ›Lebensschutz‹-Bewegung«, Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 160 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-95732-327-9

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Arbeit und Gesundheit, 2/2018)


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