GbP 2-2018 Ellis Huber

Der Ärztetag vom anderen Stern

Ein Kommentar von Ellis Huber

Auf dem diesjährigen Ärztetag gab es gute Debatten und Beschlüsse. In dem wegweisenden Referat von Dr. Iris Hauth aus Berlin ging es um die bessere Versorgung von psychosomatisch und psychisch kranken Menschen, interdisziplinäre Zusammenarbeit, sektorenübergreifende und integrative Versorgungskonzepte und um eine bio-psycho-soziale Medizin. Den anstehenden Paradigmenwechsel zur integrierten oder integrativen Medizin und zu interdisziplinären Versorgungsteams verstehen allerdings die meisten Delegierten nicht. Versorgungserfahrungen wie im Gesunden Kinzigtal (https://www.gesundes-kinzigtal.de/) oder in Billstedt/Horn Hamburg (http://optimedis.de/netzwerke/gesundheit-fuer-billstedt-horn) werden von der Mehrheit nicht einmal zur Kenntnis genommen. Der Ärztetag verteidigt mit Ärztepopulismus und fundamentalistischen Postulaten eine verlorene Standeswelt. Er blickt nicht in die Zukunft und gerät so immer mehr in das gesundheitspolitische Abseits. Die Digitalisierung wird als Fortschrittsglaube ebenso wie als Angst vor Transparenz behandelt. Patienten und Ärzte können das Internet aber sinnvoll nutzen, als Mittel, nicht als Zweck. Die Berufsordnung wurde dafür geöffnet. Die Muster-Weiterbildungsordnung ist novelliert, kompetenzbasierte Weiterbildung, »Inhalte statt Zeiten« beschreiben das neue Ziel. Es ist mehr, als wir erwarten konnten und deutlich weniger als das, was eine zukunftsfähige Weiterbildung erfordern würde. »Das Gesundheitswesen befindet sich in einer historischen Umbruchsituation und steht vor großen Herausforderungen. Die Gesundheitsgesellschaft ist zunehmend global vernetzt, was dazu führt, dass die traditionellen Grenzen zwischen Disziplinen und Berufen, Institutionen und Ländern verschoben werden. Ebenso wird das Verhältnis zwischen Leistungsangebot und Bürger, Markt und Regulierung, Arzt und Patientin, Dienstleister und Konsument neu definiert. Neue Ansätze und Mo­delle für Strategien im Gesundheitswesen und in der Ausbildung der Health Professionals müssen all diesen Herausforderungen Rechnung tragen, um einen relevanten Beitrag für die Zukunft leisten zu können.« Dieses Vorwort aus der Deutschen Übersetzung des Lancet Reports (http://www.careum.ch/lancet-report) zeigt die Realitätsferne der deutschen Medizin. Der internationale Diskurs zur ärztlichen Weiterbildung ist längst weiter.

Zwei Beschlüsse allerdings zeigten dann einen Ärztetag ohne jegliche soziale Empathie, Pa­tientennähe und Selbstbewusstsein. Der §219a, mit dem systematisch die Kolleginnen und Kollegen von Fundamentalisten diffamiert und verfolgt werden, die Frauen in Notlagen helfen, soll bleiben. Die Mehrheit der Delegierten zeigte eine paternalistisch bevormundende Haltung, verdächtigte die betroffenen Kollegen der Geldgier und wollte die staatliche Strafandrohung und Kriminalisierung beibehalten. Es macht fassungslos, wie Ideologie und Selbstgerechtigkeit vorherrschen und Kollegialität wie Menschlichkeit missachtet werden. Der beste Schutz des un­geborenen Lebens ist immer noch der konsequente Schutz und ein sichere Lebensperspektive für das geborene Leben. Frauen, die mit Lust und Freude zur Abtreibung gehen, hat noch kein Arzt gesehen. Warum dann Ärztetagsdelegierte solche Bilder produzieren und die Kolleginnen und Kollegen, die Abbrüche durchführen, moralisch noch belehren wollen, ist eher Ausdruck einer kollektiven Selbstherrlichkeit und Ignoranz.

Die Kollegen Manfred Richter-Reichhelm und Roman Skoblo, beide standespolitisch nicht unbekannt und keiner Linksabweichung verdächtig, engagieren sich für den Lern- und GeDenkOrt Alt Rehse, wo der Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund die »Führerschule der Deutschen Ärzteschaft« zur »weltanschaulichen Schulung« der damaligen Ärzteschaft eingerichtet hatte. Das Projekt braucht 60.000 Euro, um weitaus höhere staatliche Förderungen zu bekommen. Es soll sich neben der Geschichte auch der Ethik im Gesundheitswesen in Gegenwart und Zukunft widmen und mit Aus- und Weiterbildungsangeboten eine menschliche Medizin sichern helfen. Das Vorhaben ist einfach gut und wichtig. Aber die Mehrheit der Ärztetags-Delegierten lehnte die Förderung ab. Erschreckend: ein von der IPPNW nach der Wende geplantes Projekt mit gleicher Zielsetzung scheiterte damals, weil die KBV als formaler Rechtsnachfolger des NS-Ärztebundes ihre Eigentumsrechte durchsetzte und das Gelände später an private Investoren verkaufte. Für lukrative Eigentumsrechte war Alt Rehse also wichtig, für das Gedenken und die Lehren aus der NS-Zeit ist aber kein Geld da. Das geschichtsvergessene Verhalten der Ärztetags-Delegierten ist erschreckend. Hier wird die Ärztekammer Berlin nun ein Zeichen setzen, dass es auch eine andere Haltung gibt, und das Vorhaben unterstützen. Die Ärztetagsmehrheit will mit der NS-Geschichte nichts mehr zu tun haben. Das Beispiel zeigt in trauriger Weise die fehlende soziale Verantwortlichkeit der ärztlichen Selbstverwaltung. Es wird Zeit, dass bei den kommenden Kammerwahlen in Berlin eine neue Mehrheit gewählt wird, die Ärztinnen und Ärzte in sozialer Verantwortung und mit menschlichem Herz stärkt und fördert.

Ellis Huber ist Arzt, Delegierter der ÄKB, Stv. Vorstandsvorsitzender PARITÄT LV Berlin e.V., GF St. Leonhards-Akademie gGmbH, Vorsitzender Berufsverband der Präventologen e.V.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Arbeit und Gesundheit, 2/2018)


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