GbP 2-2018 Petra Otte

Belastungsausgleich für Schichtarbeiter

Der jüngste Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie bringt Beschäftigten in belastenden Arbeitszeitmodellen Erleichterungen – von Petra Otte

Mit dem Tarifabschluss 2018 für die Metall- und Elektroindustrie ist ein wichtiger Schritt für mehr Zeitsouveränität der Beschäftigten gelungen. Der Anspruch auf eine zeitlich befristete verkürzte Vollzeit für alle sowie die Wahlmöglichkeit zwischen einem neuen Entgeltbaustein oder acht zusätzlichen freien Tagen für einige Beschäftigte, sind der Kern dessen. Diese Wahlmöglichkeit haben auch Beschäftigte in belastenden und restriktiven Arbeitszeitmodellen wie Schichtarbeit – darum geht es im Folgenden ohne auf die weiteren Ergebnisse des Tarifabschlusses vom 6. Februar 2018 einzugehen.

Wahlrecht auf mehr Zeit für Schichtarbeiter

Erstmals 2019 können Schichtarbeiter – ebenso wie Beschäftigte mit kleinen Kindern und zu pflegenden Angehörigen –, statt des im Tarifvertrag vereinbarten sogenannten tariflichen Zusatzgelds acht zusätzliche freie Tage wählen. Dafür müssen bestimmte Fristen an Betriebszugehörigkeit und Dauer der Schichtarbeit erfüllt werden, am einfachsten ist der Zugang für Beschäftigte, die in drei oder mehr Schichten oder in Nachtschicht arbeiten (fünf Jahre Betriebszugehörigkeit, davon drei in Schicht). Wer sich für Freizeit statt Geld entscheidet, erhält gegenüber dem eigentlichen Gegenwert der Zahlung (sechs Tage) sozusagen zwei Tage oben drauf.

Während die Arbeitgeber ihren Widerstand gegenüber einem solchen Modell für Eltern und Pflegende relativ schnell aufgegeben haben, war der Zugang für Schichtarbeiter in den Verhandlungen lange Zeit umstritten. Für die IG Metall war eine solche Wahlmöglichkeit insbesondere für belastete Schichtarbeiter aber essentiell, um die Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen zu schützen: Um die Flexibilitätsanforderungen der Unternehmen zu erfüllen und die Auslastung der hochinvestiven Maschinen und Anlagen optimal zu nutzen, sind Schichtmodelle von fünf, sechs, teils sogar sieben Tagen in der Woche mit 24-Stunden-Betrieb sehr häufig. Bundesweit arbeitet mehr als jeder sechste Beschäftigte im Schichtbetrieb, in den Branchen der IG Metall trifft das auf fast ein Drittel der Beschäftigten zu. Davon arbeiten wiederum zwei Drittel in Früh- und/oder Spätschichten, 28 Prozent im Dreischichtbetrieb und vier Prozent in Dauernachtschicht.

Schichten bis an die Leistungsgrenze

In den Betrieben der Metall- und Elektro-Industrie in Baden-Württemberg arbeiten 27 Prozent der Beschäftigten regelmäßig im Schichtbetrieb1. Sie sind mit ihrer Arbeitszeit deutlich unzufriedener als der Rest der Beschäftigten, ihre Bedürfnisse nach persönlicher Zeitsouveränität werden häufig nicht berücksichtigt. So wünschen sich beispielsweise acht von zehn Beschäftigten die freie Wahl von Freischichten – nur jeder Zweite hat diese Mög­lich­keiten tatsächlich.
Schwerer wiegen die gesundheitlichen Folgen von Schichtarbeit, wie eine der größten Schichtarbeiter-Studien der Hans-Böckler-Stiftung2 deutlich macht: Demnach haben 70 bis 80 Prozent der knapp 1.300 Befragten gesundheitliche Probleme: Müdigkeit,Rücken-/ Nacken-/ Schulterschmerzen, Schlafstörungen und Erschöpfung. Je länger geschichtet wird, desto belastender ist die Arbeit: Nach über zwanzig Jahren müssen zwei Drittel der Befragten an ihre Leistungsgrenze gehen, in den ersten fünf Jahren 42 Prozent.

Vor allem Nachtarbeit schadet der Gesundheit

Erschreckend: Im Vergleich zu früheren Erhebungen zur Schichtarbeit – z.B. von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – weist die Studie für Baden-Württemberg erhöhte negative Gesundheitsfolgen aus. So sind zum Beispiel Schlafstörungen und körperliche Erschöpfungszustände deutlich weiter verbreitet. Jeder zweite Studienteilnehmer geht davon aus, dass er seine Arbeit nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben kann. Bei Beschäftigten, die 21 Jahre und länger Schicht arbeiten, sind es sogar 58 Prozent.

Kommt Nachtarbeit hinzu, steigen Leistungsdruck und Gesundheitsbeschwerden nochmal deutlich an: Befragte im Dreischichtbetrieb gaben bei 22 abgefragten Beschwerden in 20 Fällen höhere Belastungen an als ihre Kollegen in Früh- und Spätschicht. Bei Nachtschicht kommt zudem noch ein erhöhtes Risiko von Herz-/Kreislauf- und Magen-/Darm-Erkrankungen sowie psychischer Belastung hinzu. Ganz neu sind die Erkenntnisse nicht, haben jedoch jüngst neue Aufmerksamkeit erfahren, als die US-Forscher Jeffrey Hall,Michael Rosbash und Michael Young 2017 für ihre Arbeiten zur »inneren Uhr« aus den 80er- und 90er-Jahren den Nobelpreis für Medizin erhalten haben.3

Ungesunde Schichtplan­gestaltung ist Realität

Trotz eindeutiger Pflichten im Arbeitszeitgesetz setzen viele Arbeitgeber arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zur Schichtplangestaltung nur unzureichend um. Eine möglichst gesunde Schichtarbeit kommt ohne Nachtschichten aus, wo dies nicht möglich ist, sollten möglichst kurze Schichtblöcke mit wenig Nachtarbeit und ausreichenden Ruhephasen danach eingeplant werden. Die Realität in den Betrieben in Baden-Württemberg sieht dagegen so aus: Nur zehn Prozent arbeiten in kurzen Nachtschicht-Blöcken (zwei bis drei Tage), 54 Prozent in längeren (vier bis fünf Tage) und 36 Prozent in sehr langen (sechs und mehr Tage). Fast jeder Zweite arbeitet im besonders gesundheitsgefährdenden rückwärtsrollierendem Dreischichtbetrieb.

Aus Sicht der IG Metall ist es höchste Zeit, dass die Unternehmen gemeinsam mit Beschäftigten und Betriebsräten die Verbesserung ihrer Schichtsysteme anpacken. Dies setzt freilich funktionierende Mitbestimmungsstrukturen und ein grundsätzliches Wollen von Arbeitgebern und Beschäftigten voraus. Umso wichtiger war es, dass die IG Metall in der jüngsten Tarifrunde mit dem Wahlrecht auf zusätzliche freie Tage ein weiteres Instrument zur Entlastung und damit zum Gesundheitsschutz von Schichtbeschäftigten durchgesetzt hat.

Wahlrecht notfalls im Konflikt durchsetzen

Schichtarbeiter können von diesem Wahlrecht jedes Jahr aufs Neue Gebrauch machen; ein entsprechender Antrag für 2019 muss bis 31. Oktober dieses Jahres gestellt werden. Dann wird sich zeigen, wie groß das Interesse an diesem Instrument tatsächlich ist, bereits heute bekommt die IG Metall insbesondere aus Betrieben mit vielen Schicht-Beschäftigten einen hohen Bedarf signalisiert. Dabei muss die klare Regel gelten: Wer will, der darf – vorausgesetzt natürlich, die individuellen Voraussetzungen sind erfüllt. Notfalls gilt es, die betriebliche Umsetzung im Konflikt auszutragen – gerade in kleineren Abteilungen sind Widerstände zu erwarten, wenn als Folge der zusätzlichen freien Tage Arbeitskapazität fehlt.

Petra Otte ist von Beruf Redakteurin. Seit 2014 arbeitet sie bei der IG Metall Baden-Württemberg als Pressesprecherin.

1    Beschäftigtenbefragung der IG Metall von 2017 mit 170.000 Antworten in Baden-Württemberg
2    Im Rahmen des Forschungsprojekts »Gestaltung von Schichtarbeit in der Produktion« (kurz: GeSCHICHT) haben Wissenschaftler von Januar 2015 bis April 2017 insgesamt 1.270 Schichtarbeiter und Schichtarbeiterinnen aus sieben Betrieben befragt. Darunter sind 14 Prozent Frauen, 40 Prozent sind 50 Jahre und älter, 43 Prozent arbeiten seit 21 Jahren und länger in Schicht. Die von Thomas Langhoff und Rolf Satzer angefertigte Studie wurde von der IG Metall-Baden-Württemberg und der Hans-Böckler-Stiftung initiiert und finanziert.
3    Ihre wesentlichen Forschungsergebnisse sind, dass der (arbeitende) Mensch nach einer inneren Uhr tickt, bei der Gene und Proteine den Tag-Nacht-Rhythmus steuern. Sonnenlicht bewirkt oder hemmt Prozesse (etwa die für den Schlaf wichtige Melatonin-Ausschüttung). Dieser Mechanismus hat Folgen für die Gesundheit (Blutdruck, Körpertemperatur, Wachheit, Hormonausschüttung) und damit auf die Leistungsfähigkeit. Lebt ein Mensch dauerhaft gegen seine innere Uhr, kann das Risiko für Krebs, Nervenleiden und Stoffwechselkrankheiten steigen.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Arbeit und Gesundheit, 2/2018)


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