GbP 2-2018 Wolfgang Hien

Die Mär von der humanisierten Arbeit

Wolfgang Hien über die Schranken eines Konzepts und heutige Arbeitsverhältnisse

Wir dokumentieren hier eine von uns gekürzte Fassung eines Kapitels aus dem neuen Buch von Wolfgang Hien: »Die Arbeit des Körpers. Von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart«, das vor kurzem beim Mandelbaum Verlag in Wien erschienen ist. Wir hoffen, dass der Text anregt, mehr wissen zu wollen und legen unseren Leser*innen das Buch ans Herz.

Schon der Human-Relations-Bewegung, die sich in den 1930ern als Reaktion auf die wachsende Verweigerungshaltung der Arbeiter*innen in US-amerikanischen Großbetrieben bildete, war es darum zu tun, die Arbeit »menschlicher« zu gestalten – freilich immer das Ziel der Produktivitätssteigerung im Auge. Impulse der 68er-Bewegung und der Aufschwung der Klassenaus­einandersetzung, beflügelt von Re­formversprechen der Ära Brandt und Kreisky, schufen eine besondere Atmosphäre. Sie war angereichert mit wirtschaftsdemokratischen Hoffnungen und der Sehnsucht nach Anerkennung menschlicher Würde in der Arbeitswelt. Explizit thematisiert wurden das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und körperlich-seelische Gesundheit.

Anfang der 1970er schlossen sich führende Vertreter*innen aus Arbeitswissenschaft, Soziologie, Sozialdemokratie, katholischer Soziallehre und Gewerkschaften zusammen, um sich gemeinsam für eine »Humanisierung des Arbeitslebens« einzusetzen. Auf lange Sicht sollten die Schrecken der bisherigen Industriearbeit ins Reich der Vergangenheit gedrängt werden. Man hatte sich vorgenommen, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit zu überwinden. Lässt man industriesoziologische Veröffentlichungen der 1970er und 1980er Revue passieren, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass körperliche Arbeit bald abgeschafft wäre. Arbeit sollte nicht nur schädigungslos und beeinträchtigungsfrei, sondern auch »persönlichkeitsfördernd« werden. Die Humanisierung hatte sich zur Aufgabe gemacht, körperliche und seelische Qual, ja: die Entfremdung in der Arbeit überhaupt zu überwinden. An eine Wirtschaftsordnung jenseits des Kapitalismus war aber nicht gedacht. Es gab einen »Basiskonsens«, dass Humanität und Gesundheit einerseits und »Produktivitätssteigerung durch Motivation und erhöhte Leistungsbereitschaft der Beschäftigten … als gleichwerte Ziele« anzusehen seien.

Die Humanisierung war mit dem Versprechen verknüpft, dass mit der Überwindung von Taylorismus und Fordismus auch die Produktivität steigen würde. Dies sollte erreicht werden durch Arbeitsanreicherung mit höher qualifizierten Tätigkeiten, die Einführung von Gruppenarbeit und die Übernahme von Eigenverantwortung – eine Kategorie, für die sich seit der Jahrtausendwende der Begriff »Selbststeuerung« einbürgerte. Als großes Vorbild galten die schwedischen Volvo-Werke in Kalmar und Uddevalla, wo in den 1970ern die Fließbandproduktion durch Gruppenarbeit ersetzt wurde. Zwischen 1975 und 1977 gab es eine Versuchsphase mit Gruppenarbeit bei VW Salzgitter, später auch in anderen Industriebetrieben. Alle Experimente, in Schweden wie auch in Deutschland und Österreich, hatten bald ein Ende. Zu viel Autonomie bedrohte die betriebliche Herrschaftsstruktur, die auf gar keinen Fall in Frage gestellt werden sollte. Die Bereitschaft des Großkapitals, sich auf »Humanisierung« einzulassen, war begrenzt und letztlich auf den Punkt produktivitätssteigernder Technologien fixiert. Das hatte schon Jürgen Mendner vorausgesehen, als er Mitte der 1970er schrieb: »Eine allgemeine Tendenz zur Humanisierung wird man aus der zeitweiligen Anwendung der autonomen Gruppenarbeit freilich nicht ableiten können. Ist die neue Technologie praktisch erprobt, ist die Anlage erst einmal eingefahren, sind die Schwachstellen bekannt und beseitigt, so können Kontrolle, Wartung und Instandhaltung von einer reduzierten Mannschaft bewältigt werden; die verbleibenden Resttätigkeiten werden nun ihrerseits zum Objekt kapitalistischer Rationalisierung und damit wieder der Tendenz arbeitsorganisatorischer Taylorisierung unterworfen.«

So ist es gekommen; jedenfalls was die Masse der nach wie vor subalternen Tätigkeiten betrifft. Merkwürdig ambivalente gewerkschaftsnahe Interpretationen, die der Entwicklung doch noch eine wie auch immer geartete Befreiung von Unterdrückung und Entfremdung abgewinnen glauben zu können, ändern daran nichts. »Mit der Realität in den heutigen Produktionshallen hat das herzlich wenig zu tun«, schreibt Tom Adler, ein alternativer Betriebsrat im Daimler-Werk Untertürkheim, um fortzufahren: »Dort muss heute unter enormem körperlichen und psychischen Druck gearbeitet werden. Die wenigen Elemente einer Gruppenarbeit, die jemals ihren Weg aus den Public-Relation-Heftchen in die gelebte betriebliche Praxis gefunden haben, sind längst zurückgenommen und von Dutzenden Lean-Production-Projekten kleingemahlen worden.« Verschnaufpausen, seien es die tariflich erstreikten oder die im Zuge von Gruppenarbeit erkämpften, wurden und werden eingeebnet: Sie schrumpfen aufgrund der »per­ma­nen­te(n) Arbeitsinnovation« Richtung Null. Die fortschreitende reelle Subsumtion, d.h. die Technisierung, Computerisierung und Roboterisierung von Produktions- und Dienstleistungsketten, erzeugt einen Kältestrom, der den Menschen ins Gesicht bläst. Vormals homogene Arbeitsgruppen werden auseinandergerissen, individualisiert, atomisiert. Dem kurzen Sommer der Arbeiter*innenmacht der 1970er Jahre folgte ein langer Hebst der technischen und organisatorischen Rationalisierung, Flexibilisierung und Intensivierung der Arbeit.

In der politischen Debatte wird davon ausgegangen, dass im Zuge der fortschreitendenden reellen Subsumtion und der umfassenden Neoliberalisierung die Disziplinargesellschaft von einer Kontrollgesellschaft abgelöst worden sei. Gesellschaft, Leben, Arbeit, Körper und Geist würden allein durch den Verwertungsprozess gesteuert. Erhebliche Zweifel sind angebracht. Disziplinierung, Sanktionierung und gewaltförmiger Zugriff stehen immer noch ganz oben auf der Agenda der Managements. Zugleich breitet sich darüber eine Decke der Psychopolitik aus, die uns einlullen oder auch irritieren kann. Es gilt festzuhalten: Auch wenn der Neoliberalismus zu einem umfassenden, über den Arbeitsprozess hinausgehenden Zugriff auf unser Sein fortschreitet, auch wenn er unsere Psyche beherrschen will, so heißt dies nicht, dass die Ära der Körperpolitik zu Ende sei.

Harte körperliche Arbeit bietet zwar längst keinen Grund mehr für Selbstbewusstsein, Stolz und Ehre. Doch wird heute nach wie vor körperlich gearbeitet, weltweit mehr denn je. Davon zu sprechen, wir stünden am Beginn eines Zeitalters ohne körperliche Arbeit und ohne körperliche Verausgabung, blendet etwas Entscheidendes aus: Auch Geist und Seele brauchen einen fitten, funktionierenden, anpassungsfähigen und flexiblen Körper. Der Leibkörper ist nach wie vor Medium von Wissen und Erfahrung.  Der globale Kapitalismus fordert von den Menschen mehr körperliche, kraft- und gesundheitszehrende Arbeit denn je, und die geforderten geistigen Leistungen sind nur zu erbringen, wenn durch körperliche Fitness sowie pharmakologisches und biotechnisches Enhancement die Voraussetzungen gegeben sind oder geschaffen werden. Was sich sagen lässt: Reine Körperpolitik wird zu einer Politik erweitert, die das Seelische und Geistige umfasst. Gefordert wird nicht mehr die bloße Verausgabung der Arbeitskraft, sondern die des ganzen Menschen. Das Neue ist die Ausbeutung der Persönlichkeit, ein Prozess, der mit dem Begriff der »Subjektivierung« belegt wurde.

Die dem Kapitalismus immanenten Widersprüche – zwischen Profit und Allgemeinwohl, Quantität und Qualität, Wert und Nützlichkeit, Verausgabung und Selbstschutz, letztlich zwischen Kapital und Arbeit – werden in das Individuum verlagert. Ihm wird in seiner leibkörperlichen Existenz die Austarierung der Widersprüche überantwortet. Die Beschäftigten sollen je individuell unternehmerisch denken, doch einen Einfluss auf die Zielsetzung von Produktion, Dienstleistung und Verteilung haben sie nicht. Es mag dahingestellt bleiben, ob es im Taylorismus mehr tatsächliche Individualität gegeben habe. Im Post-Taylorismus wird eine Illusion von Individualität und Freiheit geschaffen, in welcher der oder die Einzelne keinen Einfluss darauf hat, was, wie, wieviel und wofür produziert wird. Geschaffen wird ein Psychodrama der Arbeitswelt, an dem nicht zu zerbrechen fast einem Wunder gleichkommt. Die Konkurrenzdynamik des globalen Marktes wird auf jeden einzelnen heruntergebrochen. Restrukturierung, Flexibilisierung und Subjektivierung sind Kennzeichen der neoliberalen post-tayloristischen und post-fordistischen Arbeitsgesellschaft, die zugleich von Re-Taylorisierung und neuen Kontrolltechniken durchsetzt ist. Die gesellschaftlichen Veränderungen drängen die Arbeitenden in eine Situation, in der sie der Instrumentalisierung ihres Körpers und ihres Geistes ausgesetzt sind. Dem verführenden und zuweilen auch psychisch gewaltförmigen Zugriff zu entkommen, ist ein schwieriges Unterfangen geworden: Körper, Geist und Seele – der Leibkörper – Objekte der ökonomischen Begierde.

Vermarktlichung, Restrukturierung, Rationalisierung und Intensivierung überlagern sich gegenseitig und haben eine Geschwindigkeit angenommen, die keinen Platz mehr lässt für »langsame« oder – wie uns ein Interviewpartner sagte – »anders geartete Menschen«. Diese Veränderungsprozesse erzeugen oder verstärken die Individua­lisierung. Moralisches Denken und Handeln, die Alltagssolidarität und die ganz normale Mitmenschlichkeit werden zu einem Störfaktor im Getriebe einer so gearteten postmodernen Produktions- und Dienstleistungsarbeit.

In der Automobil- und Automobilzuliefererindustrie besteht mittlerweile fast ein Drittel der Belegschaften aus befristet Beschäftigten, Leiharbeiter*innen – beschönigend als Zeitarbeitnehmer*innen bezeichnet – und Werkvertrags­nehmer*innen. Einen noch höheren Anteil prekär Beschäftigter weisen Branchen wie Handel, Logistik und Lebensmittel auf. Ähnlich wie Migrant*tinnen stoßen Leiharbeiter*innen auf eine Wand von Diskriminierung und Sozialrassismus. Hohe Belastungen und entsprechend viele somatische und psychosomatische Erkrankungen sind die Folge. Originalton aus einer österreichischen Studie: »Man wird schlechter behandelt. Als Zeitarbeiter arbeiten ist immer Schwerarbeit. Man muss machen, was niemand machen will, das ist meist schlechte Arbeit. Wenn man es nicht macht, fliegt man raus.«

Auch die Arbeit in anderen Branchen wie Stahlindustrie, Chemieindustrie oder Handel und Logistik ist in weiten Teilen immer noch Knochenarbeit. Gerne wird von kapitalnaher Seite argumentiert, nun würden Industrieroboter die schwere Arbeit übernehmen. Auch das stimmt nur sehr begrenzt. Für einen Arbeitsschritt, den der Roboter übernimmt, kommen fünf oder zehn neue Arbeitsschritte auf den Menschen zu, der in der unmittelbaren Produktion eingesetzt ist. Arbeit in verdrehter Körperhaltung, Zeitstress, Schichtarbeit – all das wirkt intensiv und oftmals engtaktig gekoppelt auf den Menschen ein, insofern der Arbeitsprozess EDV-gesteuert abläuft und durch das Eingreifen des Menschen meist gar nicht mehr zu beeinflussen ist. Ein besonders eindrückliches Beispiel sei aus der Donaustadt Linz referiert. Dort produziert die Aluminiumgießerei Nemak Teile für die Automobilindustrie. Im österreichischen Industriemagazin heißt es: »Nahezu vollautomatisiert produziert Nemak Linz millionenfach Zylinderköpfe für BMW, Porsche und Ford. (…) Manuelle Prozesse greifen nahtlos in hochautomatisierte. Mit Kernschießmaschinen stellt der Betrieb die Sandkerne her. Gießmaschinen produzieren mit Stahlwerkzeugen die Aluminiumgussteile. Hammerstationen und Schwinganlagen entsanden die Teile. (…) Und CNC-Fertigungszellen laufen rund um die Uhr. Wo Roboter, Fertigungsautomaten und Fördersysteme noch Platz lassen, bahnen sich Stapler ihren Weg. Eine Meisterleistung der Linzer.« Was hier nicht gesagt wird, ist, wie sich die Arbeitsverhältnisse tatsächlich gestalten. Einige Hundert slowenische, slowakische, tschechische, ungarische und rumänische Arbeiter sind für die »manuellen Prozesse« zuständig. Sie stehen nicht nur aufgrund des Akkordsystems bzw. aufgrund der am Umsatz und der Rendite orientierten Prämie unter enormem Druck, sie arbeiten gleichsam als Zwischenglied zwischen den Robotern und überwiegend im Kontext körperlich harter Bedingungen. Schwere Handhabungen sind immer noch Normalität, ebenso wie extreme Arbeitsumweltbedingungen wie Lärm, Hitze, Stäube und Rauche. Kaum eine Absaugung über den Gießarbeitsplätzen funktioniert optimal. Von der Decke her kommen Schwaden an giftigen Dämpfen auf, die bis in den Atembereich der Arbeiter reichen. Die Verwunderung des Beobachters angesichts der besonders harten Bedingungen der ausländischen Arbeiter wurde mit der Bemerkung kommentiert: »Sollen das etwa wir Österreicher machen?« Die Belastungen der Massenarbeiter*innen hinter der schönen neuen Automatisierungswelt verschwinden zu lassen, ist eine typische Legitimationsfigur des Neoliberalismus, der die sozialen Spaltungen und Rassismen als naturgegeben und daher nicht hinterfragbar ansieht.

Paradigmatisch für die Handels- und Logistikbranche steht Amazon. An der Leistung wird der Mensch gemessen, man muss »high performer« sein. Ein »low performer« gilt nichts, er wird von Vorgesetzten wie von Kolleg*innen gemobbt, ausgegrenzt, aussortiert und »entsorgt«. Ein so herabgewürdigter Mensch gilt auch in seinem privaten Kontext als Verlierer, als Schwächling, als nicht oder nicht mehr vollwertig. Ein so stigmatisierter Mensch versucht, sein Stigma zu verheimlichen. Unter den Mitarbeiterinnen, so der SZ-Artikel, ist es »ungeschriebenes Gesetz, potentiell Langwieriges wie einen Bandscheibenvorfall oder gar psychische Probleme zu verschweigen«.

Die besondere Qualität der digita­lisierten Arbeitsweisen bestehe nun darin, alle Tätigkeiten zugleich so zu erfassen, dass deren Daten einer Leistungsüberwachung zugeführt werden können. Ob Arbeit am Computer, am Terminal, in oder mit einem digital gesteuerten Gerät oder mit dem Handscanner: Wer auch nur eine Minute heimlich Pause macht, sägt am Ast, auf dem er sitzt. Aufgebaut werden also eine neue Art von Kontrolle und eine neue Art von Überwachung, die eine gegenseitige Taxierung, eine gegenseitige Denunziation und das Anheizen von Konkurrenz am Arbeitsplatz einschließen. Die neuen Technologien eröffnen neue Dimensionen des abwertenden und disziplinierenden Zugriffs auf den arbeitenden Körper. Arbeitsprozesse werden extrem zerstückelt, sodass vollkommen berechtigt von einem »digitalen Taylorismus« gesprochen werden kann. Was in der gegenwärtigen arbeitspolitischen Debatte die »vierte industrielle Revolution« und »Arbeit 4.0« bezeichnet wird, bekommt Konturen, die wenig mit den Schönfärbereien industrienaher Werbeagenturen zu tun haben.

Das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen berechnet auf Grundlage aller verfügbaren Daten regelmäßig, wie viele Erwerbstätige unter welchen Lohn- und Arbeitsbedingungen arbeiten. Als Resultat kann festgehalten werden: Mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen in Deutschland und Österreich arbeiten unter körperlich harten Bedingungen, erleben einen massiven Gesundheitsverschleiß und unterliegen einer Tendenz der psychischen Verelendung. Wer sich die betriebliche Situation der bundesdeutschen und österreichischen wie der globalen Wirklichkeit ohne rosarote Brille anschaut, muss aufpassen, dass er von der Fülle der Paradoxien, Apo­rien und Antinomien, d.h. der absolut unvereinbaren Tendenzen und Gesetzmäßigkeiten, nicht erschlagen wird. Während gewisse Gelehrte angesichts der Digitalisierung vom »Ende der Arbeit« fabulieren, überborden uns le­gale und illegale Menschenhändler mit Heeren arbeitswilliger Billiglöhner*innen, die als Scheinselbständige unsere Straßen reparieren, öffentliche und private Gebäudekomplexe errichten und unsere Alten pflegen.

Der Eindruck täuscht nicht: Wirtschaftselite und Politik unterstützen einander gegenseitig im Bemühen, den massenhaften Menschenhandel, die massenhafte Unterbezahlung, die massenhafte Unterschlagung der Sozial­abgaben und die massenhafte Gesundheitszerstörung der Ausgebeuteten weiterzutreiben und auszuweiten. Es gibt nicht einmal eine halbwegs or­dentliche Statistik, wie viele Hunderttausende von Menschen hierzulande zerschunden werden und ohne jede soziale und finanzielle Entschädigung in einem osteuropäischen Land ihr dürftiges Leben fristen, während hier Länder und Gemeinden stolz sind, mit geringen Kosten die Infrastruktur für die wohlhabende Mittel- und Oberschicht pflegen und erneuern zu können. Nicht zufällig werden gleichzeitig arme und sogenannte »abgehängte« Stadtteile und Regionen ihrem Verfall überlassen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele wissenschaftliche Kolleg*innen diese Phänomene nicht sehen wollen oder sie unablässig herunterspielen. Ich sehe in vielen Aspekten – sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht – die Marxsche Verelendungstheorie bestätigt. Selbstredend sind Deutschland und Österreich immer noch Inseln der Glückseligen, insofern hier der Nachkriegsboom und weitere Besonderheiten die Bildung einer breiten Mittelschicht bzw. Mittelklasse begünstigt haben, die aber seit Jahren im Schrumpfen begriffen ist. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Armen in der Bevölkerung zu, und gleichzeitig leben Hundertausende, wenn nicht Millionen auch bei uns außerhalb des zwar noch existierenden, doch immer löchriger werdenden sozialstaatlichen Netzes. Dieses Netz gibt es für viele – und dies ist eine wachsende Zahl – schlichtweg nicht.

Und erst recht nicht für Millionen Menschen außerhalb Deutschlands, die durch die Verausgabung ihrer Arbeitskraft dafür sorgen, dass wir hierzulande Billigware kaufen können. Wir, genauer: der wohlhabendere Teil der Arbeiterklasse hierzulande profitiert von einem gigantischen globalen Mehrwerttransfer. Der Kapitalismus treibt einen gewaltigen Spaltkeil in unsere Welt, und der Keil geht inzwischen mitten durch die Metropolen. Die soziale Spaltung zwischen Arm und Reich nimmt auch bei uns dramatisch zu. Das wird Widerstand erzeugen, der alle sozialen Schichten und alle sozialen und kulturellen Milieus zu einer Haltung dazu herausfordern wird. Gemessen an den Auseinandersetzungen, die mit Wahrscheinlichkeit kommen werden, leben wir zwar immer noch in einem klassenpolitisch weitgehend befriedeten Paradies. Doch der Schein trügt. Es gibt Entwicklungen, hierzulande wie global, die Veränderungen ankündigen – ob zum Guten, wird die Geschichte zeigen, an deren Gestaltung wir beteiligt sind.

Quell: Wolfgang Hien: »Die Arbeit des Körpers. Von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart«, Wien 2018, Mandelbaum Verlag, S. 247-260)

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Arbeit und Gesundheit, 2/2018)


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