GbP 2-2018 Editorial

Armut und Gesundheit

Diese Ausgabe von „Gesundheit braucht Politik“ beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Arbeit und Gesundheit; die nächste Ausgabe wird das Verhältnis von Umwelt und Gesundheit thematisieren. Die Übergänge sind fließend, weil Arbeit, also kapitalistische Produktion es ist, die die Umwelt am meisten verändert und weil umgekehrt die Umwelt, in der gearbeitet wird, oft das krankmachende ist. Gleichzeitig verschleiern unseres Erachtens Debatten über die gesundheitsschädlichen Einflüsse der „Umwelt“ oft genug, dass diese Umwelt kein natürliches Phänomen ist, wie der Begriff suggerieren mag, sondern dass diese Umwelt Folge gesellschaftlichen Handelns ist.

Phil Dickel erinnert in seinem Beitrag an diese Zusammenhänge. Zugleich stellt er die historischen Veränderungen der (Lohn-)Arbeit wie der politischen Perspektive der Arbeiterbewegung und der Arbeitsmedizin auf Gesundheit dar. Er fragt, wie eine an der italienischen Arbeitermedizin orientierte subjektwissenschaftliche Perspektive heute in Zeiten neoliberaler Umstrukturierung des Arbeitsmarkts aussehen könnte. Auch der – gekürzte – Nachdruck eines Aufsatzes von Helmut Wintersberger über eben jenen Ansatz der Arbeitermedizin und Gesundheitskämpfe in Italien aus dem Jahr 1978 ruft dazu auf, sich dieser kämpferischen Tradition wieder zu besinnen, die schon damals in Deutschland nicht wirklich Fuß gefasst hatte.

In Deutschland wurde – daran erinnert Wolfgang Hien – Anfang der 1970er von führenden Vertreter*innen aus Arbeitswissenschaft, Soziologie, Sozialdemokratie, katholischer Soziallehre und Gewerkschaften eher über die „Humanisierung des Arbeitslebens“ nachgedacht. Auf lange Sicht sollten die Schrecken der bisherigen Industriearbeit ins Reich der Vergangenheit gedrängt, Arbeit sollte »persönlichkeitsfördernd« sein und es sollte gar die Entfremdung in der Arbeit überhaupt überwunden werden. Dabei wurde in Deutschland – von ein paar radikalen Minderheiten abgesehen - allerdings im Unterschied zu Italien nicht an eine Wirtschaftsordnung jenseits des Kapitalismus gedacht. Hien zeigt, wie wenig von diesen Illusionen übrig geblieben ist und wie Arbeitsverhältnisse heute aussehen.

Wie mühsam heutzutage eine solche – innerkapitalistische – Humanisierung des Arbeitslebens ist, zeigt Petra Otte von der IG Metall am Beispiel des letzten Tarifvertrags, der Erleichterungen für die Kolleg*innen, die in Schicht arbeiten, herausgehandelt hat. Wilfried Schneider zeigt, wie mühsam es selbst im Krankenhaus ist, Arbeitsschutzmaßnahmen in einer durch und durch ökonomisierten Umgebung in der Praxis durchzusetzen. Dabei ist mangelnde Hygiene nicht nur ein Problem für die Beschäftigten sondern auch eines für die Patient*innen.

Dass der so genannte „Dieselskandal“ nicht nur ein Umweltproblem ist, sondern auch eine arbeitsmedizinische Dimension hat, zeigt Wolfgang Hien im ersten Teil seines Aufsatzes (der zweite Teil zur Umweltdimension wird im nächsten Heft von GbP erscheinen). Dass Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz permanent Dieselabgasen ausgesetzt sind, ein erhöhtes Gesundheitsrisiko tragen, ist in der öffentlichen Debatte um die Autoindustrie und den Imageschaden der beliebtesten deutschen Exportware in den Hintergrund getreten. Dies und dass deutsche Arbeitsmediziner*innen es für viel wichtiger halten, die Risiken des Diesels – fundiert mit ihrer wissenschaftlichen Expertise – kleinzureden, zeigen Wolfgang Hien und auch Gine Elsner in ihrem Text über den zwischenzeitlich lancierten Hype um die Experimente mit Tieren und auch Menschen.

Im deutschen Faschismus spielte die Arbeitsmedizin eine wichtige Rolle zur Leistungssteigerung der Belegschaften. Gine Elsner zeigt am Beispiel orthopädischen Diagnosen wie in der NS-Zeit arbeitsbedingte Krankheitsursachen als Erbkrankheiten umdefiniert wurden. Dass Ärzt*innen immer noch an diese Vergangenheit ungern erinnert werden, zeigte sich auf dem letzten Ärztetag in Erfurt. Robin Maitra und Ellis Huber wissen davon zu berichten. Auch davon, dass es dort nicht möglich war, eine Mehrheit der Ärzteschaft dafür zu gewinnen, den §219a ganz abzuschaffen. Dazu passt die Leseempfehlung von Carina Borzim und Therese Jakobs in dieser Ausgabe: Kirsten Achtelik, Eike Sanders u.a. haben mit „Kulturkampf und Gewissen“ ein Buch geschrieben über die 'Lebensschutz'-Bewegung, das zeigt, wie die „Lebensschutz“-Bewegung mit dem Aufschwung rechten Gedankenguts und rechter politischer Bewegungen in Europa im Rücken zunehmend selbstbewusster ihre Themen auf die politische Agenda setzt.

Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit diesem Heft bei weitem nicht alle wichtigen Zusammenhänge des Verhältnisses von Arbeit und Gesundheit thematisieren; aber wir möchten einen Einstieg in die Debatte über das Verhältnis von Arbeit und Gesundheit. Wir halten es für geboten diese Debatte in weiteren Zeitschriftenausgaben fortzusetzten und freuen uns über Feedback und Anregungen.

Die Redaktion

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ambulante Versorgung, 1/2018)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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