GbP 1-2018 Rina

»Die schon wieder…«

Rina über Rollenbilder und Sexismus im Klinikalltag

Schon im Studium hatte ich davon gehört, dass zwar immer mehr Frauen Medizin studieren, aber trotzdem nicht häufiger in höheren Positionen im Krankenhaus vertreten sind, und solche Karrieren auch seltener anstreben als Männer.1 Dieses Phänomen ist nicht spezifisch für die Karriere von Mediziner*innen, sondern z.B. auch in der Wissenschaft und Forschung der Fall.2 Als ich im letzten Jahr mein PJ absolviert habe, war ich dennoch überrascht von den vorherrschenden Rollenbildern, Hierarchien und dem Sexismus im Klinikalltag.

Während meines ersten Tertials in der Inneren Medizin waren es vor allem sehr gefestigte Rollenbilder, mit denen ich fast täglich konfrontiert wurde. Für viele meiner Patient*innen war ganz klar, dass Menschen, die sie weiblich lesen, zum Pflegepersonal gehören. Männlich gelesene Menschen wurden dafür häufig mit »Herr Doktor« angesprochen. Ein Arzt hat zu mir gesagt, ich solle mein Stethoskop sichtbar um den Hals tragen, damit ich nicht ständig als »Schwester« bezeichnet werde, aber die Rollenzuschreibungen funktionierten ganz unabhängig von Stethoskop oder Kittel als Statussymbol. Hinzu kamen andere Alltagssexismen, wie zum Beispiel Anmerkungen zu meinem Aussehen oder meinem Lächeln, was während der Behandlung durch meinen Kollegen nie passierte.

»Oh, jetzt steht die wieder mit am Tisch«

Mein drittes PJ-Tertial verbrachte ich in der Chirurgie. Dort ging der Sexismus nicht hauptsächlich von den Patient*innen aus, sondern von den ärztlichen Kolleg*innen. Diskriminierende Sprüche waren auf der Station ganz »normal«, kein Mensch sagte etwas dagegen, und auch im OP begegneten sie mir täglich. Am Anfang habe ich mich nicht getraut zu sagen, dass ich das falsch finde, weil ich neu auf der Station war und nicht einschätzen konnte, wie die Ärzt*innen darauf reagieren würden. Lange habe ich es aber nicht ausgehalten, meinen Mund zu halten. Zum einen, weil ich schon bald darauf angesprochen wurde, ob ich denn keinen Spaß verstehe, weil ich nicht mitlachte, und zum anderen, weil der »Spaß«, den ich nicht verstanden hatte, häufig auf Kosten der Menschen gemacht wurde, die selbst weder hätten mitlachen können noch in der Lage gewesen wären, sich zu wehren, weil sie in Vollnarkose vor uns auf dem OP-Tisch lagen. Die Ärzt*innen betonten, dass ihre »Witze« nicht ernst gemeint seien, aber sie ließen dabei nichts aus. Es fielen Kommentare über das Körpergewicht von Kolleginnen und Patientinnen. Bei einer Patientin musste unbedingt noch einmal in der Akte nachgeschaut werden, ob sie Brustimplantate hat, und eine Kommilitonin berichtete mir, dass bei ihrer Patientin die Brüste angefasst worden seien, um zu beurteilen, ob sie »echt« seien. Aus der Körperbehaarung von Frauen auf dem OP-Tisch wurde von Ärzt*innen auf deren Beziehungsstatus geschlossen und darauf, wie oft sie wohl Sex haben. Nebenbei wurden dann die Assistenzärztinnen oder ich gefragt, wie das denn bei uns sei. Ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, in der männlich gelesene Körper auf diese Art und Weise kommentiert wurden. Nachdem ich meinen Kolleg*innen klar gemacht hatte, warum ich deren »Witze« nicht lustig finde und, dass mein Privatleben sie nichts angehe, hörte ich, wenn ich den OP betrat, öfter Sätze wie: »Oh, jetzt steht die wieder mit am Tisch, jetzt müssen wir aufpassen, was wir sagen.« Es fühlte sich so an, als wäre ich in dem Moment dafür verantwortlich gewesen, dass die anderen keinen Spaß haben durften.

Diskriminierung als Mittel zur Selbstbehauptung

Neben dem Sexismus waren auch die Hierarchien auf der chirurgischen Station so ausgeprägt, wie ich es vorher noch nie erlebt hatte. Eine Ärztin hat das alles auf die Spitze getrieben. Es war für uns Student*innen unmöglich, Aufgaben zu ihrer Zufriedenheit zu erledigen. In allem, was wir taten, fand sie Fehler. Wir arbeiteten ihrer Meinung nach nicht schnell genug, nicht genau genug und wurden für alles verantwortlich gemacht, was unserer Meinung nach gar nicht in unserem Aufgabenbereich lag. Unangenehme und bürokratische Aufgaben, die sie nicht selbst erledigen wollte, hat sie uns übergeholfen, und uns Konsequenzen angedroht, falls etwas schief gehe. Sie sorgte dafür, dass wir uns unwohl, nutzlos und unfähig fühlten. Am nächsten Tag entschuldigte sie sich manchmal dafür, dass sie so grob zu uns war, aber das müsse man lernen und damit müsse man umgehen können, wenn man in der Unfallchirurgie als Frau etwas erreichen wolle. Da müsse man sich durchboxen und gegen die männlichen Kollegen behaupten können. Das war also das Rollenbild, welches sie verinnerlicht hatte.

Eine Befragung von Studierenden im PJ zu ihren Berufszielen zeigt, dass Frauen eher in Disziplinen wie der Pädiatrie und der Gynäkologie arbeiten möchten, während Männer eher die Innere Medizin, die Chirurgie oder die Orthopädie bevorzugen würden.3 Nach meinen Erfahrungen im PJ finde ich das nicht verwunderlich. In meinem Wahltertial in der Psychiatrie wurde ich nie aufgrund meines mir zugeschriebenen Geschlechts diskriminiert und ich habe auch keinerlei Diskriminierung anderen Menschen gegenüber erlebt. Auch im Hinblick auf eine mögliche Familienplanung, kommt die Chirurgie als Fachrichtung für viele Frauen aufgrund der häufig höheren zeitlichen Arbeitsbelastung einfach nicht in Frage.

Lösungsansätze

Es fühlt sich richtig an, dass ich im OP den sexistischen Kommentaren widersprochen habe und, dass wir der oben erwähnten Ärztin gesagt haben, dass wir wenig von ihrem Umgangston halten. Es war mir aber auch von Anfang an klar, dass ich nicht Chirurgin werden möchte und in Zukunft nicht wieder mit diesen Menschen zusammenarbeiten muss. Aber wie damit umgehen, wenn ich bald einen Job anfange, in dem ich gern noch eine Weile bleiben möchte? Da ist es unpraktisch, gleich in den ersten Tagen zur Außenseiterin zu werden, die immer meckert und den anderen ihren »Spaß« verdirbt. Es kann nicht die Aufgabe von Einzelnen bleiben, sich zu wehren, es muss sich grundlegend etwas ändern. Die oben erwähnte Ärztin sollte zum Beispiel die Möglichkeit bekommen, ihre Karriere in der Unfallchirurgie so zu bestreiten, dass andere Menschen nicht darunter leiden müssen. Dabei ist es wichtig, dass auch sie in ihrer Rolle von den Kolleg*innen geschätzt wird und Anerkennung für ihre Arbeit erhält. Eine erste Anlaufstelle kann an manchen Kliniken die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte sein, welche das Problem auf den Stationen direkt ansprechen kann. Auf psychiatrischen Stationen gibt es für die Mitarbeiter*innen regelmäßige Teambesprechungen und Supervisionen, in denen Konflikte angesprochen werden können. Was – außer, dass es Zeit und Geld kostet – spricht dagegen, so etwas auch in anderen Fachrichtungen einzuführen? Es braucht viel Mut und Überwindung, um Missstände anzusprechen, einfacher wäre es, wenn man sich nicht auch noch die Zeit und Aufmerksamkeit dafür erkämpfen muss. Wichtig ist, dass wir uns und alle anderen Menschen ständig dazu anhalten, festgefahrene Rollenbilder und Alltagssexismen zu hinterfragen und abzulegen. Den Kollegen würde ich raten sich mit dem Privileg ihrer Männlichkeit auseinanderzusetzen und von den Kolleginnen wünsche ich mir, dass sie sexistisches Verhalten nicht reproduzieren.

Literatur

  1. D. Schnack: »Medizinkarriere ist männlich «, Ärzte Zeitung, 23.02.2012
  2. Siehe: Material der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK): »Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung – 21. Fortschreibung des Datenmaterials (2015/2016) zu Frauen in Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen«, Heft 55
  3. H. van den Bussche H / K. Kromark / N. Köhl-Hackert / B. Robra / K. Rothe / A. Schmidt / C. Stosch / R. Wagner / C. Wonneberger / M. Scherer / D. Alfermann / B. Gedrose: »Hausarzt oder Spezialist im In- oder Ausland? Ergebnisse einer multizentrischen Befragung von Studierenden im Praktischen Jahr zu ihren mittel- und langfristigen Berufszielen «, Gesundheitswesen, DOI 2012, http://dx.doi.org/10.1055/s-0032-1311619; Online-Publikation: 23.5.2012.

Dieser Artikel ist bereits in anderer Form auf feminiwas.de erschienen.

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ambulante Versorgung, 1/2018)


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