GbP 2-2014 Lancet

Ein Skandal mit Konsequenzen

Der Lancet zur NHS Reform

Bevor der Health and Social Care Act 2013 die Organisation des NHS total umkrempelte, zeigten einige Untersuchungen Unzulänglichkeiten in der Struktur des alten NHS auf. Die bekannteste davon war der Skandal um das Stafford Hospital und den Mid Stafford NHS Foundation Trust: Ausgelöst durch die Beschwerden von Patientenangehörigen fand eine Kommission im Jahr 2010 heraus, dass zwischen 400 und 1200 Patienten in dieser Region mehr verstorben waren als in vergleichbaren Regionen. Dieser Skandal zog breite Kreise in der Öffentlichkeit und führte zur Umstrukturierung dieses Trustes. Gleichzeitig diente dieser Skandal auch als Argument für die totale Umstrukturierung des NHS. Der Berwick Report dagegen zeigte, dass strukturelle Probleme des NHS die Sicherheit der Patienten gefährdeten. Das angesehene Medizin Fachblatt The Lancet sieht in dem Health and Social Care Act eine weitere Verschlechterung der medizinischen Versorgung und belegt dies mit dem Berwick Report. In Ausschnitten schreibt der Lancet1:

 

»Ein kostenloser Gesundheitsdienst ist ein erfolgreiches Beispiel für die Überlegenheit von kollektivem Handeln und öffentlicher Initiative in einem Bereich der Gesellschaft, in dem wirtschaftliche Prinzipien ihre schlimmsten Auswirkungen haben«, schrieb Aneurin Bevan, der Architekt von Englands National Health Service (NHS). Jetzt, 65 Jahre nach seiner Gründung ist der NHS immer noch eines der besten Bespiele für allgemeinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung, die kostenlos angeboten und als ein allgemeines Menschenrecht angesehen wird – eine Versorgung, wie sie von vielen Ländern angestrebt wird, in anderen aber – als törichte Antwort auf die gegenwärtige Finanzkrise – demontiert wird.
Wenn man heute Schlagzeilen liest wie »500-Millionen-£-Rettungsaktion für Notambulanzen« oder »NHS-Manager richten eine Preisvergleichsseite im Internet ein, um Anregungen für Preisnachlässe auf Medizinartikel in Höhe von 1,5 Mrd £ zu erhalten«, so könnte man zu der Annahme kommen, die gegenwärtige Koalitionsregierung hält den NHS für eine Pleite-Bank. Diese Haltung ist zynisch, aber gleichzeitig raffiniert, denn hiermit gibt die Regierung jegliche Verantwortung für den Unterhalt eines Gesundheitssystems auf, das Patientenversorgung und Sicherheit in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen wird erwartet, dass das System und alle seine Teile effizient, kostengünstig und finanziell erfolgreich arbeiten oder andernfalls als versagendes Unternehmen angesehen werden. Ärzte, PflegerInnen und Gesundheitsarbeiter werden gerne für die Qualität der Versorgung unter diesen eingeschränkten Verhältnissen verantwortlich gemacht. Und die britischen Medien schlagen in die gleiche Kerbe.
Natürlich, mit dem neuen Health and Social Care Act 2012, der am 1. April 2013 in Kraft trat, hat der Gesundheitsminister nicht mehr die Verantwortung für eine umfassende Gesundheitsversorgung. Diese Verantwortung wurde nun an ein komplexes System von Organisationen abgegeben, wie z.B. das NHS England oder die 211 Clinical Commissioning Groups (CCG) mit ihren Bevollmächtigten-Einheiten oder ihren Regulatoren, einschließlich der Trust Development Authority und der Care Quality Commission. Die genauen Verantwortlichkeiten sind bestenfalls komplex und schwer verständlich, aber schlimmstenfalls vorsätzlich verschleiert. Wer genau die Verantwortung hat und wieweit zuständig ist, ist völlig unklar.
Die Qualität der Versorgung wird in mehreren Berichten genau untersucht. Seit die skandalösen Versäumnisse im Mid Staffordshire NHS Foundation Trust umfassend im Francis Report vom Februar 2013 aufgedeckt wurden, wurden elf weitere Trusts mit den höchsten Mortalitätsraten unter die Aufsicht des Gesundheitsministers Jeremy Hunt gestellt. Hohe Mortalitätsraten aber sollten nur als Warnsignal für weitereichende Systemfehler genommen werden. Tiefgreifende und sorgfältige Untersuchungen und die Analyse der lokalen Bedingungen sind aber dringend notwendig – so argumentiert der US-Pädiater und frühere Obama-Berater Don Berwik in seinem letzten Bericht zur Patientensicherheit in England.
Wie viele dieser Reports sind noch notwendig, bevor sich die Verhältnisse ändern? Von allen Untersuchungen ist der Berwick Report die sachdienlichste und er könnte, wenn er denn beherzigt wird, wirklich etwas ändern. Gemäß Don Berwicks Vorstellungen ist ein mehr grundsätzlicher Ansatz notwendig und der Bericht macht sehr vorsichtige Vorschläge. Die Qualität der Patientenversorgung sollte über allen anderen Zielen stehen und Schuldzuweisungen sollten vermieden werden. Quantitative Ziele können eine wichtige Rolle spielen, aber sie dürfen nie Vorrang vor dem Hauptziel einer besseren Patientenversorgung haben. Zum größten Teil sind es das System, die Abläufe, die Bedingungen, das Umfeld und die beschränkten Arbeitsverhältnisse, die zu Problemen bei der Patientensicherheit führen. Der Bericht betont ausdrücklich, dass seine ausreichende Personalausstattung notwendig ist, um heute und in Zukunft die Bedürfnisse des NHS zu befriedigen. Evidenzbasierte Empfehlungen zur Personalausstattung aber werden dem National Institute for Health and Care Excellence (NICE) überlassen.
Die Stellenausschreibung für den Chef des NHS England erschien im Herbst letzten Jahres, erstaunlicherweise wurden für den Kandidaten keine Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich von Gesundheitssystemen verlangt. Aber nur eine Persönlichkeit mit dem Temperament, dem Wissen und der Erfahrung von Don Berwick wird eine gewisse Chance haben, den NHS von seinem jetzigen Weg der Marktorientierung abzubringen hin zu seinem wirklichem Ziel eines freien, gerechten und effektiven Gesundheitssystems, welches wirklich die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Achtung der Patienten als Hauptziel begreift.

Anmerkung

  1. Unautorisierte ausschnittsweise Übersetzung aus dem Lancet, Vol 382 August 17, 2013, von Wulf Dietrich

 

(aus: Gesundheit braucht Politik, Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Keep our National Health Service Public, 2/2014)


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