GbP 2-2014 Nadja Rakowitz

There is an Alternative!

vdää on tour: London (Liverpool)


Der NHS als das klassische staatliche Gesundheitswesen stand seit längerem auf unserer Liste der zu erforschenden Gesundheitssysteme. Und eigentlich hatten wir geplant, dieses nicht in London zu erkunden, sondern in einer heruntergekommenen Industriestadt weiter nördlich. Wir wollten durchaus die harten Konsequenzen des Neoliberalismus erfahren und uns nicht von der glitzernden Finanzmetropole verführen lassen. Aber zu Beginn der Planung von vdää on tour 2014 erwies es sich als ziemlich schwierig, Kontakte außerhalb von London zu knüpfen. Also sind wir dann doch vom 30. April bis zum 4. Mai nach London gefahren. Die Reihe an Kontakten, die wir dann – dank der Hilfe von Dave McCoy – herstellen konnten, liest sich dann allerdings wie eine Liste der TOP 10 der linken und kritischen Mediziner und Public Health Experten von Großbritannien. Die Entscheidung war also richtig. Angemeldet hatten sich 26 TeilnehmerInnen – erfreulicherweise nicht nur ÄrztInnen und auch aus verschiedenen Altersgruppen. Leider mussten wir einige Spätanmelder sogar noch abweisen. Es versprach spannend zu werden.
Den Auftakt des Programms machten am 1. Mai (!) Dave McCoy und Allyson Pollock, von der London School of Medicine and Dentistry / Centre for Primary Care and Public Health, die wir gefragt hatten, ob sie uns die Grundstrukturen des NHS erklären können. Schon bei diesem Treffen wurde klar, dass der NHS betrachtet wird und werden muss aus der Perspektive seiner gerade vor sich gehenden Zerstörung oder Privatisierung. Alle Referenten, mit denen wir diskutierten, kämpfen dagegen, dass der NHS komplett zerstört wird durch Ökonomisierung und Privatisierung. Vom »alten« NHS dagegen, mit all seinen möglichen Beschränkungen, haben wir relativ wenig erfahren. Wie weit diese Transformation in relativ kurzer Zeit fortgeschritten ist, beschreibt Wulf Dietrich in seinem Artikel (S. 6ff. und S. 8ff.).
Bis zum nächsten Treffen war genügend Zeit, der »revolutionären Pflicht« nachzukommen und sich stilecht im strömenden Regen einer (mehrere große 1. Mai-Demos sollten erst am folgenden Montag, der traditionell bankholiday in Großbritannien ist, stattfinden) 1. Mai-Demo anzuschließen)…
Ganz ähnlich wie am Morgen ging es uns dann mit dem General Practitioner (GP) Dr. David Wrigley, der uns am Nachmittag im »Princess Room« der British Medical Association empfing. Eigentlich hatten wir ihn gebeten, uns zu erklären, wie ein GP als Gatekeeper arbeitet, wie er eingebunden ist in das NHS, wie die sektorübergreifende Zusammenarbeit ist – und ob diese Konstruktion gegenüber der eher vernachlässigten Allgemeinmedizin in Deutschland für uns ein Anknüpfungspunkt wäre für eine bessere ambulante Versorgung etc. Aber unsere Fragen waren nicht unbedingt seine. Man merkte David Wrigley, der auch in der Initiative KONP aktiv ist, deutlich an, dass auch ihm die aktuellen Entwicklungen so umtreiben, dass ihm das, was in England vielleicht eh jeder weiß, nicht zu entlocken war. Dass die Diskussion dennoch interessant war und wir viel von ihm erfahren haben, beschreibt Jan-Peter Theurich (S. 10ff.).
Wie bei nahezu jeder Fahrt des vdää haben wir uns auch in London mit der Situation von Flüchtlingen beschäftigen wollen. Zu diesem Zweck haben wir mit Theresa Schleicher bei Medical Justice gesprochen. Medical Justice ist eine NGO in Finsbury Park, die sich seit 2005 um medizinische Belange von Flüchtlingen kümmert. Zu den genaueren Informationen über die Lage der Flüchtlinge und die Arbeit von Medical Justice schreibt Gerhard Schwarzkopf (S. 27). Erschreckend war, wie weit der Liberalismus und die Privatisierung in Großbritannien fortgeschritten sind. So berichtete Theresa z.B. von der ersten privatisierten Polizeistation in England und auch davon, dass schon mehr als die Hälfte der Flüchtlingszentren von privaten – weltweit operierenden – Sicherheitsfirmen geführt werden
Am Freitagmorgen dann trafen wir Adeline O‘Keeffe, die uns die Aktivitäten der Initiative Keep Our NHS Public (KONP) vorstellte (siehe dazu den Vortrag von Wendy Savage von der JHV 2013 und den Artikel in »Gesundheit braucht Politik«, Nr. 4/2103). Mit einem Etat von 75 000 Pfund kann KONP 1 ¼ volle Stellen finanzieren und wirke so – ganz ähnlich wie der vdää – nach Außen größer als es von Innen betrachtet ist. Ähnlich wie unsere anderen Kontakte macht es sich auch KONP zum wichtigsten Ziel, bei den nächsten Parlaments-Wahlen eine konservativ-liberale Regierung zu verhindern – was nichts anderes heißt, als dass sie Labour unterstützen. Aktuell machen sie mehrere Kampagnen: eine gegen Schließungen von Krankennhäusern oder Betten, eine gegen den Verkauf von Patientendaten (Big Data Project), eine gegen das geplante Freihandelsabkommen zwischen EU und USA TTIP und eine gegen die Private Finance Initiative (siehe den Text von Wulf Dietrich zum NHS, S. 6ff.)
Dr. Sridhar Venkatapuram, unser Diskussionspartner vom Nachmittag beschäftigt sich am Kings College mit Global Health und sozialen Determinanten von Gesundheit, Ethik und Philosophie. Es gelang es ihm, im Anschluss an das Treffen unter uns eine rege und kontroverse Diskussion über seine Thesen auszulösen.
Angenehm war die nächs­te Diskussion mit Vertretern der Gewerkschaft UNITE – The Union, Rachael Maskell (Unite Head of Health), Liss McKiness (Chair of Health Sector in einer Stadt im Norden)) und Barry Brown (Unite National Officer, Health). Unite ist 2007 hervorgegangen aus einem Zusammenschluss der Transport and General Workers‘ Union und Gewerkschaft Amicus, der damals zweitgrößten Gewerkschaft im privaten Sektor. Über die Diskussion berichtet Peter Hoffmann (S. 13ff.).
Der Tag fand einen zauberhaften Abschluss mit einem Dinner bei Wendy Savage, zu dem sie nicht nur unsere Gruppe sondern auch einige Kolleginnen und Genossen der NHS Consultants' Association eingeladen hatte. Hier war Gelegenheit, mit den englischen KollegInnen bei einem Glas Wein oder Bier viele Fragen zu diskutieren, die bei den offiziellen Terminen nicht gestellt worden waren. Ein ausgesprochen netter und vergnüglicher Abend!
Am Samstag früh stellte uns dann Dave McCoy, den wir ja schon am Donnerstag zusammen mit Allyson Pollock kennengelernt hatten, Medact (Health professionals for a safer, fairer & better world) vor. Vieles von den Problemen, die Dave uns berichtete kam uns als vdää-Mitglieder und mir als Geschäftsführerin sehr vertraut vor. Sein Job sei, die Gruppe gewissermaßen wiederzubeleben, zu verjüngen und zu politisieren. Das scheint ihm – alles weitere kann man in dem Artikel von Edgar Thimm (S. 28f.) nachlesen – ganz gut zu gelingen.
Den bei vdää on tour schon Tradition gewordenen alternativen kritischen Stadtrundgang haben wir diesmal mit der Organisation Spinwatch gemacht. Tamasin Cave, eine ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet des Lobbyismus im Gesundheitswesen1, führte uns in die Welt der Lobbyorganisationen und »wissenschaftlichen« Institute ein, die die Privatisierung des NHS vorantreiben (Siehe Artikel von Bernhard Winter, S. 24ff.)
Einige wenige aus der Gruppe fuhren anschließend noch für zwei Tage teils privat teils in vdää-Mission nach Liverpool. Gegenüber der Finanzmetropole London wirkt Liverpool zunächst viel ärmer. Es gibt dort Stadtteile, die zu den ärmsten Vierteln in ganz Europa gehören. Die Medizinstudenten, die wir dort getroffen haben, erzählten uns, dass diese Gegenden nur einen Kilometer von der City entfernt seien und dass es dort ganze Straßenzüge gebe, wo man niemanden mehr finde, der überhaupt noch irgendeinen Schulabschluss hat. Im Jahr 2000 lebten 41 Prozent der Liverpudlians am Existenzminimum. Daran hat sich seitdem nicht viel geändert. Viel konnten wir in der kurzen Zeit dort nicht erfahren, aber dass die Deindustriealisierung Großbritanniens durch Margaret Thatcher und ihre neoliberale Politik hier arge Verwüstungen angerichtet hat, war unübersehbar.
Andreas Wulf und ich hielten gemeinsam mit Dr. Alex Scott-Samuel, auf Einladung der Medizinstudierenden an der Liverpool School of Medicine einen kleinen Vortrag über die Ökonomisierung des deutschen und englischen Gesundheitswesens (siehe Homepage des vdää unter Themen/Gesundheitspolitik international). Die ca. 25 ZuhörerInnen, nicht nur Studierende, sondern auch Krankenhauspersonal und interessierte Bürger, waren nicht schlecht erstaunt – um nicht zu sagen: entsetzt – darüber, wie weit in Deutschland die Privatisierung und Kommerzialisierung schon fortgeschritten ist. Das schien nicht bekannt zu sein.
Alex Scott-Samuel berichtete ähnliches über den Umbau des NHS wie die KollegInnen in London. Auch er sprach wieder vom »NHS als Religion« etc. und erneut wirkte das auf uns sehr hilflos. Vielleicht gibt es ja einen Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen? Als Fazit der Fahrt kann man festhalten, dass es richtig war, nach London zu fahren und dass es eine echte Bereicherung war, die ReferentInnen und KollegInnen kennenzulernen. Sicher werden wir die Entwicklungen im NHS nun genauer verfolgen und die AktivistInnen gegen die Privatisierung – wo immer wir es können – unterstützen.

Nadja Rakowitz

Anmerkung

  1. Siehe dazu das im März 2014 erschienene Buch von Tamasin Cave and Andy Rowell: »A Quiet Word: Lobbying, Crony Capitalism and Broken Politics in Britain«

 

(aus: Gesundheit braucht Politik, Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Keep our National Health Service Public, 2/2014)


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Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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