GbP 1-2016 Aufruf

Aufruf an die Versorgungswerke

Deinvestieren Sie bei fossilen und reinvestieren Sie in erneuerbare Energien!

Die von vielen als unerwartet positiv eingeschätzten Ergebnisse der Pariser Klimakonferenz ermutigen auch uns als Zivilgesellschaft daran mitzuarbeiten, den (menschengemachten) Klimawandel zu begrenzen. Daher werden wir zusammen mit Ärztinnen und Ärzten aus ganz Deutschland aktiv, um unsere Versorgungswerke aufzufordern, Investitionen aus klima- und gesundheitsschädlichen Kohle-, Öl- und Gasunternehmen abzuziehen und so ein Zeichen für aktiven Klimaschutz zu setzen. Gleichzeitig rufen wir dazu auf, die Beiträge zur Altersvorsorge nach ethisch-sozialen und ökologisch nachhaltigen Kriterien anzulegen.

ÄrztInnen und ärztliche Organisationen dürfen aus ihrer besonderen Verantwortung für die Gesundheit nicht gleichgültig gegenüber den Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels und der Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe sein, die in erheblichem Maße schon jetzt die Gesundheit sehr vieler Menschen wie auch das menschliche (Über-)Leben insgesamt bedrohen.

Darüber hinaus müssen die Versorgungswerke aus Ihrer treuhänderischen Verantwortung das erhebliche finanzielle Risiko solcher Investments berücksichtigen. Nicht zuletzt müssen sie die Interessen ihrer jüngeren Mitglieder an einer lebenswerten Zukunft im Auge haben, denn diese und ihre Kinder werden absehbar von den Auswirkungen des Klimawandels deutlich stärker betroffen sein als die Älteren von uns.

Investitionen in fossile Brennstoff-Unternehmen können daher nicht länger als ethische und finanziell nachhaltige Investments angesehen werden.

Daher rufen wir als Mitglieder unser Versorgungswerk auf:

1. Beenden Sie alle Beteiligungen an den 200 größten Unternehmen, deren Geschäftsmodell primär auf fossile Energien ausgerichtet ist, in einem Zeitraum von 5 Jahren und reinvestieren Sie in Anlagen, die einer nachhaltigen und gesunden Zukunft dienen. Dabei sollte der Ausstieg aus Kohle-Investments als der klima- und gesundheitsschädlichsten Energieform möglichst schnell erfolgen.

2. Legen Sie die direkten und indirekten Beteiligungen des Versorgungswerkes an den 200 größten fossilen Energieerzeugungsunternehmen offen.

3. Teilen Sie uns mit, inwiefern Sie bei Ihren Anlageentscheidungen für unser Versorgungswerk soziale, ethische und nachhaltige Kriterien berücksichtigen (Nachhaltigkeitsstrategie), welche Kriterien das sind, ob sie veröffentlicht sind und wie deren Einhaltung ggf. überwacht wird.

Begründung

Der Klimawandel ist »eine der größten Herausforderungen unserer Zeit« (Margaret Chan, WHO) und »die größte Bedrohung der globalen Gesundheit im 21.Jahrhundert« (Lancet Commission 2009) Alle großen internationalen Berichte zum Thema Klimawandel und Gesundheit (IPCC, Lancet, WHO) gehen in die gleiche Richtung: Der Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen, Luftverschmutzung und Klimawandel ist eindeutig und die medizinischen und ökonomischen Auswirkungen sind schon jetzt inakzeptabel hoch. Andererseits sind Klimaschutzmaßnahmen und der notwendige Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft und Gesellschaft mit großen Chancen für die Gesundheit verbunden.

Das Kohlenstoffbudget
Wenn wir die Erderwärmung auf unter 2 Grad C begrenzen wollen, wozu sich die Staatengemeinschaft verpflichtet hat, müssen 60–80 Prozent der derzeit bekannten Reserven fossiler Brennstoffe im Boden bleiben. Sie werden deswegen als Folge einer aktiven Klimapolitik und im Kontext des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft einen Großteil ihres Wertes verlieren. Vor einem derartigen Risiko warnen inzwischen alle großen Finanzinstitute und Banken, inklusive der Weltbank und der Bank of England.

Schnelles Handeln gefordert
Alle großen internationalen Berichte zum Klimaschutz und zur Klimaökonomie und viele internationale Organisationen wie IWF, OECD, Weltbank, der Papst und die WHO unterstützen Aufrufe so schnell wie möglich den Anteil fossiler Ener­gien am Energiemix, insbesondere der Kohle als der schmutzigsten Energieform, abzubauen und durch erneuerbare Energien, Energieeffizienz- und Energieeinsparungsmaßnahmen zu ersetzen.

Deinvestment als Ansatz für Klimaschutz
Deinvestment/Reinvestment sendet ein deutliches Signal an Politik, Gesellschaft und Investoren, dass fossile Brennstoffe aus Klimaschutzgründen keine Zukunft mehr haben und das Geschäftsmodell der Unternehmen, weiter unkontrolliert Kohle, Öl und Gas zu verfeuern und neue Reserven zu erschließen, sozial nicht mehr legitimiert werden kann. Das Deinvestment/Reinvestment beschleunigt den erforderlichen Umstieg in eine kohlenstoffarme Wirtschaft und erschwert die Refinanzierungsbedingungen der fossilen Energiekonzerne, die aktive Klimaschutzmaßnahmen zu blockieren versuchen. Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der weltweit angesehensten Klimawissenschaftler und Klimapolitikberater, nennt »Divestment die wichtigste Aktion, die es jemals für den Klimaschutz gegeben hat.«
Eine breite schnell wachsende internationale Klimaschutzbewegung konzentriert sich mit großem Erfolg auf die Forderung nach Deinvestment und Reinvestment. Über 500 Organisationen in 43 Ländern mit einem Gesamtvermögen von 3,4 Billionen US-Dollar sind bisher dieser Forderung gefolgt und haben sich verpflichtet, ihre Beteiligungen an fossilen Brennstoffunternehmen zu beenden.
Auch große Ärzte-/Gesundheitsorganisationen und die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, unterstützen Deinvestment. So rufen die nationalen Ärzteverbände von Großbritannien (BMA), Kanada (CMA), Australien (RACP), das British Medical Journal, The Lancet und führende britische Gesundheitsexperten, der 14. World Congress on Public Health und die World Federation of Public Health Alliances, die Einrichtungen und Organisationen des Gesundheitssektors dazu auf, Investitionen in fossile Energieunternehmen zu beenden und in ökologisch nachhaltige Investments umzuschichten. Auch der Weltärztebund appelliert an seine Mitgliedsverbände, Deinvestment zu erwägen.

Die Positionierung des Deutschen Ärztetages
Dem Deutschen Ärztetag 2015 lag ein entsprechender Entschließungsantrag vor, der an die Bundesärztekammer verwiesen wurde. Der 113. Deutsche Ärztetag hatte bereits 2010 die ärztlichen Versorgungswerke aufgefordert, »Investitionen zur Absicherung des Deckungsstockes unter ethischen Gesichtspunkten vorzunehmen.«

Das Finanzargument für Deinvestment
Es geht nicht nur um ethische Argumente. Immer mehr sprechen auch ökonomische Gründe gegen Anlagen im fossilen Bereich. Sie drohen auf Grund einer aktiven Klimaschutzpolitik und veränderter Prioritäten großer Investoren zunehmend an Wert zu verlieren. Die Versorgungswerke dürfen aus ihrer Verpflichtung, für eine nachhaltige Rendite zur Sicherung der Renten ihrer Mitglieder zu sorgen, dieses Risiko nicht ig­norieren (s. a. die gravierenden Wertverluste der deutschen Energiekonzerne EON und RWE). Renommierte Anlageberatungsfirmen beziffern inzwischen die Risiken für Anlagen in fossile Energien als erheblich. Die Konkurrenzfähigkeit der Erneuerbaren in vielen Teilen der Erde beschleunigt diese Entwicklung. Nachhaltiges Investment und Rendite müssen keine Gegensätze sein. Im Gegenteil. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Investitionen in erneuerbare Energien und nachhaltige Investments mittel- und langfristig in über 80 Prozent der Fälle auch hinsichtlich der finanziellen Rendite besser abschneiden als herkömmliche.

Unterstützende Organisationen
DGSP – Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (www.dgsp-ev.de)
GandHI – Globalisation and Health Initative (www.gandhiaachen.wordpress.com)
IPPNW – Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (www.ippnw.de)
MEZIS (Mein Essen zahl ich selbst) – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte e.V. (www.mezis.de)
vdää – Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte

 Erstunterzeichner und Literaturverweise finden sich auf der Homepage des vdää: www.vdaeae.de/images/stories/Appell_Aerztliche%20Versorgungswerke.pdf

(aus: Gesundheit braucht Politik, Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Ärztliche Standesorganisationen, 1/2016)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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