GbP 4-2016 Nadja Rakowitz

Jünger als vor zehn Jahren!

Jahreshauptversammlung des vdää – 30 Jahre vdää

 

Im November 1986 wurde der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte in Frankfurt/Main gegründet. Er wurde also dieses Jahr 30 Jahre alt. Grund genug, das bei der Jahreshauptversammlung in Frankfurt entsprechend zu begehen – also einen kritischen Rückblick zu machen, einen Blick in die Zukunft zu wagen und zu feiern...

 

Zu feiern hat der vdää nicht nur seine Geschichte, sondern auch die Tatsache, dass er es geschafft hat, sich in den letzten Jahren massiv zu verjüngen. Ein Vergleich sei hier erlaubt: Zu der 20-Jahr-Feier im Rahmen der Jahreshauptversammlung 2006 kamen ca. 40 TeilnehmerInnen, davon exakt einer (1!), der jünger als 30 Jahre alt war. Dieses Jahr kamen 120 TeilnehmerInnen, davon 55 Studierende und zehn BerufsanfängerInnen. Die meisten anderen TeilnehmerInnen waren um die 60 Jahre oder älter. Der vdää erlebt also gerade einen sehr erfreulichen Genera­tionswechsel, um den ihn sicher manche andere linke Organisation mit ähnlichem Gründungsdatum beneidet. Das Programm der Wochenendtagung sollte diesen Entwicklungen auch Rechnung tragen.

 

Ein Kaleidoskop von Perspektiven

Am Freitagabend wollten wir allerdings zunächst mit einem Vortrag von Hans-Ulrich Deppe über »Demokratische Medizin als soziale Bewegung« die Entstehungsgeschichte des vdää erinnern. Uli Deppe stellte 7 Thesen zur Demokratischen Medizin, von denen keine überholt ist – im Gegenteil. Der Kampf gegen die Kommerzialisierung und die Klassenmedizin, der schon vor 30 Jahren auf der Agenda stand, ist heute wichtiger denn je.

Anschließend hatten wir ein Pecha Kucha vorbereitet, bei dem AktivistInnen aus befreundeten Organisationen den Blick in die Zukunft der Gesundheitsbewegung richten sollten. Ein Pecha Kucha-Vortrag besteht aus einer PPT-Präsentation, bei der jedes Bild die gleiche Zeit lang zu sehen ist (die Bilder wechseln automatisch, der Vortragende hat keinen Einfluss darauf) und bei der jeder Redner und jede Rednerin die exakt gleiche Redezeit hat, so dass eine Reihe von kurzen Inputs ein Kaleidoskop an Perspektiven oder Ansichten aufzeigt.

Dazu hatten wir folgende ReferentInnen eingeladen: Christiane Fischer von MEZIS – Mein Essen zahl ich selbst, Peter Friemelt vom Gesundheitsladen München, Kalle Kunkel von ver.di Berlin-Brandenburg, Matthias Jochheim von der IPPNW, Anne Jung von medico international und Pola Neuling von den Kritischen Mediziner*innen, Berlin.

Es war ein ausgesprochen kurzweiliger Abend und die ReferentInnen haben die didaktische Herausforderung in der eigenen sportlichen und auch witzigen Weise gemeistert. Sehr klar wurde an diesem Abend, mit welcher Deutlichkeit hier die Ökonomisierung des Gesundheitswesens kritisiert wird. Wie von selbst ergab sich der Bogen zur Radikalität der Anfangszeiten der kritischen Gesundheitsbewegung, von der Uli Deppe gesprochen hatte.

Allerdings nicht ohne – sonst wäre es nicht der vdää – eine Portion der Kritik: Peter Friemelt hielt uns vor, dass das Ziel der Demokratisierung des Gesundheitswesens als berufsgruppenübergreifende Perspektive ein bisschen in den Hintergrund getreten sei über die Jahre. Dem stellte dann Pola Neuling aus Sicht der Kritischen Mediziner*innen eine kämpferische Zukunft gegenüber, in der sie den vdää als Ort und Kooperationspartner sieht. Wohl denn! Schnallt Euch an, wir gehen kämpferischen Zeiten entgegen!

 


Zukunft der Krankenhäuser und Kritik an der Pharmaindustrie

Die Veranstaltung Samstag und Sonntag fand im Studierendenhaus auf dem alten, geschichtsträchtigen Gelände der Frankfurter Universität, eine der Wiegen der Studentenbewegung, statt. Am Samstagvormittag gab es drei Panels. Zuerst diskutierten Peter Hoffmann aus dem Vorstand des vdää und Grit Wolf, eine Krankenschwester und Mitglied ver.di Betriebsgruppe an der Charité/Berlin über das Thema: »Nur Widerstand hilft. Zur Zukunft der Krankenhäuser«. Peter Hoffmann erläuterte kurz die Folgen der Finanzierung der Krankenhäuser durch DRG und die Konsequenzen, die der vdää und auch das Bündnis Krankenhaus statt Fabrik daraus ziehen.

Und Grit Wolf berichtete über den erfolgreichen Streik für mehr Personal und über die Voraussetzungen für den Erfolg, nämlich eine Mobilisierung der Beschäftigten und eine Demokratisierung der Tarifarbeit durch so genannte »Tarifberater«, also VertreterInnen von möglichst allen Stationen, die die jeweiligen Gesprächs- und Verhandlungsergebnisse mit den KollegInnen rückkoppeln und nicht unbedingt ver.di-Mitglieder sein müssen.

Auf dem nächsten Panel referierten Gerd Glaeske von der Universität Bremen und Jörg Schaaber von der BUKO Pharmakampagne zu den Machenschaften der Pharmaindustrie. Glaeske ging besonders auf das Problem der Biopharmazeutika, der Preise von Onkologika in Deutschland und den Patentschutz ein. Jörg Schaaber illustrierte die weltwirtschaftliche Bedeutung der internationalen Pharmakonzerne, ihre enorme Profitabilität und ihre global wenig gesundheitsförderlichen Zukunftsstrategien.

 

Was ist gute Medizin?

Im dritten Panel des Vormittags fragten sich Helmut Hildebrandt vom Projekt Gesundes Kinzigtal aus einer praktischen und David Klemperer von der Technischen Hochschule Regensburg aus einer eher theoretischen Perspektive, was gute Medizin ausmache. Helmut Hildebrandt konnte mit dem seit zehn Jahren arbeitenden intelligenten regionalen Gesundheitsnetzwerk »Gesundes Kinzigtal« ein neues Organisationsmodell des Gesundheitswesens vorstellen, das auf sektorübergreifender Integration, Prävention und einer klugen Versorgungssteuerung basiert.

Aus dem zunächst primär von Ärzten getragenen Netz ist ein regionales Gesundheitsnetz geworden mit einer »Verbindung von Gemeinwohl und unternehmerischem Interesse«, das bei der wissenschaftlichen Evaluation beeindruckende Ergebnisse vorweisen kann. David Klemperer versuchte zunächst zu definieren, was gute Medizin ausmacht, um dann »Overuse« und »Underuse« in der Praxis und die dahinter stehenden Denkmuster zu kritisieren.

Diese wiederum hängen zusammen mit der Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, über die sich dann eine Diskussion entspann, nach der David Klemperer zu dem Schluss kam, dass wir weiterhin nach überzeugenden Antworten auf das Zuviel an Krankenhausbetten und an Krankenhausleistungen suchen müssen. Zu viele Operationen usw. sind aus seiner Sicht »eine ethische Katastrophe, auf die endlich eine Antwort gefunden werden müsse. In seinen Veröffentlichungen ist der vdää sowohl zu unnötigen IgeLeistungen als auch zur massiven Überversorgung In Krankenhäusern (»In deutschen Krankenhäusern wird systematisch Körperverletzung betrieben und wir Ärzte beteiligen uns daran…« Peter Hoffmann, stellvertretender Vorsitzender des vdää) schon lange auf der Suche nach dieser Antwort.

 

Vielfältige Workshops

Der Samstagnachmittag war dann den jungen Mitgliedern des vdää und der Arbeit in Workshops vorbehalten. In der ersten Nachmittags-Session teilten wir uns in drei kleinere Gruppen auf und dort fand eine von den jungen Mitgliedern des vdää organisierte Diskussion zwischen den Generationen des vdää in Form eines Fishbowls statt und war in allen Gruppen ausgesprochen lebhaft und fruchtbar.

Danach teilte sich die Gruppe erneut in Workshops zu denThemen »Pharma­industrie: Preispolitik bei hochpreisigen Arzneimittel«, »Ärzteopposition heute«, »Ethik: Forschung an nichteinwilligungsfähigen PatientInnen«, »Freihandel und Gesundheit(swesen) international« und »Kämpfe im Gesundheitswesen: Was machen wir, was macht der vdää?«

Die Pause bis zur Abend-Revue zum 30-jährigen Bestehen des vdää nutzten die vielen jungen Leute für ein Netzwerktreffen der Kritischen Medizinstudierenden aus verschiedenen Städten Deutsch­lands zur Absprache von Kooperationen und weiterer Vernetzung. Gerade unter den Studierenden gibt es inzwischen ein großes linkes kritisches Potential; es gibt Gruppen in Berlin, Frankfurt, Köln, Freiburg, Hamburg, Leipzig und anderen Städten, die tolle und sehr gut besuchte Veranstaltungen machen.


Gelungener Abschluss

Ein Höhepunkt war tatsächlich nach diesem vollgepackten Tag dann die nicht ganz ernst Revue zu 30 Jahren vdää. Von dem zauberhaften Moderatorenteam Bernd Kalvelage und Carina Borzim wurden wir durch einen interessanten und auch sehr witzigen Abend geführt, in dem von Filmeinspielern über Interviews mit wichtigen vdää-VertreterInnen und einem sehr lustigen Quiz »KeineR ist klüger als Claudio Krüger« auch ein Rückblick auf die nicht immer gelungenen Publikationen des vdää geworfen wurden.

Am Sonntag wurde bei der Mitgliederversammlung des vdää ein weiteres Kapitel des vdää-Programms besprochen, das sich mit Flucht und Migration beschäftigt.

Fazit: Nach 30 Jahren ist der vdää jünger, kämpferischer und attraktiver als er es vor zehn Jahren war.

Das kann ihm so schnell keiner nachmachen!

 

Nadja Rakowitz

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Kämpfe im Gesundheitswesen, 4/2016)


vdaeae verein

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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