GbP 3-2016 Wulf Dietrich

Rabatte für Bändchen – die organisierte Selbstoptimierung

Wulf Dietrich zur Datensammelwut der Kassen


Der Markt für IT-Anwendungen im Gesundheitswesen boomt. Eine wirkliche medizinische Relevanz dieser Daten besteht nicht. Trotzdem fördern die Krankenkassen diesen Boom völlig unkritisch. Sie erhoffen sich dadurch die Anwerbung junger, gesunder Versicherter. Einige Kassen gehen schon weiter und planen, die so gewonnenen Daten mit anderen Versorgungsdaten zusammenzuführen und somit einen umfassenden Datenpool zu schaffen. Bei den Anwendern besteht eine hohe Bereitschaft, diese Daten leichtgläubig weiterzugeben.

Heute schon 7 000 Schritte gelaufen? Wann kommt der nächste Eisprung? Wie ist mein Body Mass Index im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen? Wie gebe ich das Rauchen auf, ohne zu leiden? Diese Fragen beantworten Gesundheits-Apps. Sie messen, speichern und verarbeiten gesundheitsbezogene Daten mit dem Smartphone beziehungsweise mit Gesundheits-Trackern und Fitnessarmbändern. Im Prinzip ist nichts dagegen zu sagen – solange diese Daten privat genutzt werden und den Spieltrieb oder der Selbstkontrolle des Anwenders dienen.

 

Kritisch dagegen wird es, wenn diese Daten an Dritte weiter gegeben werden, sei es der Hersteller der App, seien es große Internet Konzerne, oder die Krankenkassen. Mehr als 100. 000 dieser Apps sind zwischenzeitlich auf dem Markt. Schon heute werden 9 Mrd. US-Dollar mit mobilen Gesundheitslösungen umgesetzt, 2018 sollen es bereits 20 Mrd. US-Dollar sein. Und der Datenhunger wächst. Es geht um Geld – Geld für die Entwickler der Apps – und um Daten, die dann wieder zu Geld gemacht werden können.

Aber auch die Anwender wetteifern: Gleichgesinnte messen und sammeln angeblich gesundheitsbezogene Daten. Unkritisch werden diese dann auch ins Netz gestellt. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung zeichnet schon heute Gesundheitsdaten auf, sei es über Fitnessarmbänder oder Smartphones. Ein Drittel der in einer Studie Befragten ist auch bereit, die Daten an die Krankenkassen weiterzuleiten – wenn er oder sie im Gegenzug Prämien oder andere Vorteile von der Kasse erhält.

Die privaten Versicherungen sind die Vorreiter dieser Sammelwut. Der Generali Versicherungskonzern war der erste Privatversicherungsanbieter, der seine Prämien an die übermittelten Gesundheitsdaten gekoppelt hat. Da die Generali auch Lebensversicherungen anbietet, lassen sich diese Daten auch für diese Art von Versicherung nutzen. Ganz so weit dürfen die gesetzlichen Kassen, zumindest bisher, nicht gehen: Sie müssen immer noch Einheitstarife anbieten, die nicht an den Gesundheitszustand der Versicherten sondern an deren Einkommen gekoppelt sind. Sie dürfen allenfalls Boni auf die gemessenen und übermittelten Daten geben.

So propagiert zum Beispiel die AOK Nord-Ost mit der App FitMit ein digitales Bonusheft, mit dem die Versicherten für angeblich gesundheitsbewusstes Verhalten Bonuspunkte sammeln können. Versicherungen, wie die Novitas BKK zahlen den Benutzern die monatlichen Kosten einer Gesundheits-App oder geben Zuschüsse zum Kauf von Fitnessarmbändern. Andere Kassen unterstützen den Kauf von Fitnessuhren.

Eindeutig legt das Sozialgesetzbuch V fest, dass Leistungen, die die Krankenkassen bewilligen dürfen, »ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein müssen und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten dürfen« (§12,1). Andere Leistungen können nicht von den gesetzlichen Kassen erbracht werden. Offensichtlich erfüllt praktisch keine der angebotenen Gesundheits-Apps die Voraussetzungen des SGB V.

Auch Bonuszahlungen sind letztlich finanzielle Anreize, deren Finanzierung von der Gesamtheit der Versicherten zu tragen ist. Derjenige Versicherte also, der nicht an einem Bonus Programm teilnehmen und seine Daten nicht der Krankenkasse zur Verfügung stellen möchte, wird damit finanziell benachteiligt. Ebenso, wie durch andere Bonusprogramme der Kassen, wird also auch durch diese Programme das Prinzip der solidarischen Finanzierungen der Krankenkassen tendenziell aufgeweicht. Immer weiter entfernen sich die gesetzlichen Krankenkassen vom Gedanken einer Solidarver­sicherung.

 

Medizin-Apps nur für Gesunde

Da Medizinprodukte für den so genannten ersten Gesundheitsmarkt immerhin gewissen Zulassungskontrollen unterliegen, werden die Gesundheits-Apps fast ausschließlich für den zweiten Gesundheitsmarkt entwickelt. D.h., diese Anwendungen unterliegen keinerlei Kontrolle und die Präzision ihrer Messdaten wird nur durch die Hersteller festgelegt. Eine Qualitätskontrolle gibt es auf diesem Sektor nicht. Verpflichtende Prüfsiegel oder eine staatliche Regulierung der Weitergabe von Daten existieren nicht.

Der Markt von Gesundheits-Apps ist heute praktisch ein reiner Anbieter- und kein Bedarfsmarkt. D.h. Software-Firmen entwickeln Geräte, weil es technisch möglich ist, bestimmte Bio-Daten zu erfassen, aber nicht, weil es einen realen Bedarf an diesen Informationen gibt. Im Nachhinein versuchen dann Krankenkassen oder auch Ärztinnen und Ärzte halbwegs vernünftige Indikationen für diese IT-Anwendungen zu finden. Es ist bezeichnend, dass der Nutzen dieser Apps bisher, abgesehen von einigen sehr speziellen Anwendungen bei bestimmten Erkrankungen, wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist. Sie sind auch ohne jede epidemiologische Relevanz. Es ist eindeutig, dass diese Apps hauptsächlich von gesundheitsbewussten, meist jungen und gesunden Krankenversicherten verwendet werden. Kaum vorstellbar, dass ein 80-Jähriger schwer kranker Diabetes-Patient sinnvoll mit einer dieser Apps umgehen wird.

Auffällig ist, dass es fast nur Gesundheits-Apps für Gesunde gibt. Für wirklich kranke Patienten existiert nur eine Handvoll Anwendungen. Deshalb ist die Unterstützung bei der Anwendung von Gesundheits-Apps durch die Krankenkassen ein reines Marketinginstrument: Möglichst gesunde, junge versicherungspflichtige Menschen sollen damit für die Kasse geworben werden. Das »Empowerment« der Versicherten sei der angebliche Treiber dieser Entwicklung.

Viele Kassen verbreiten damit die Illusion, sie gäben ihren Versicherten über die IT-Anwendungen die Möglichkeit, kompetent und selbstbestimmt ihre Gesundheit zu organisieren. Es ist deutlich, dass die Krankenkassen unter dem heutigen Finanzierungssystem des Gesundheitswesens an gesunden Versicherten, beziehungsweise an »gesunden« Kranken interessiert sein müssen, aber möglichst keine chronisch Kranken, die »schlechte Risiken« darstellen, in der Mitgliedschaft haben wollen. Durch das Anwerben gesunder Versicherter durch IT-Lockangebote wollen sich die Kassen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Konkurrenzkassen verschaffen.

 

Body mass index gegen Geldvorteile

Einige Kassen gehen aber schon weiter. Für sie sind die IT-Anwendungen nicht nur Marketinginstrument, sondern Voraussetzung umfassender Datensammlung. Besonderes Interesse an Patientendaten entwickelt Jens Baas, der Chef der Techniker Krankenkasse. Ihm schwebt vor, die Daten aus den so genannten Fitness-Apps mit anderem gesammelten Biodaten zusammenzuführen und auf der elektronischen Gesundheitskarte abzuspeichern. Keine Frage nach der Validität dieser Daten. Messen die Geräte korrekt? Ist vielleicht der Enkel mit dem Gerät der Großmutter um die Häuser gezogen, damit diese ihre Bonuspunkte erhält?

Gemeinsam mit einer elektronischen Krankenakte sollen diese Daten dann bei den Krankenkassen gespeichert werden. Dass dabei der Patient der Herr seine Gesundheitsdaten bleibt, ist wohl ein frommer Wunsch. In Zukunft könnten diese Daten Grundlage für die Entwicklung von Risikotarifen bei den gesetzlichen Kassen bilden.

Fazit: Es bestehen heute fast unbegrenzte Möglichkeiten, biologische Daten zu erfassen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Die Datensammelwut großer Konzerne, die Verarbeitung und Vermarktung dieser Daten scheint heute unbegrenzt zu sein. Auch die Krankenkassen sind heiß auf die Daten ihrer Versicherten. Sie unterstützen aber die Verbreitung von Gesundheits-Apps bisher eher aus Marketing-Gründen. Anwendungen, die einen wirklichen Nutzen für die Gesundheit der Patienten haben können, gibt es bisher kaum.

Im Gegenteil: Das falsche Vertrauen in unsichere und unkorrekte Messdaten kann sogar zu einer Gefährdung der Gesundheit führen. Wissenschaftliche Studien zur Verwendung der Gesundheits-Apps sind kaum existent. Erschreckend ist aber auch die Leichtfertigkeit, mit der die Anwender von Gesundheits-Apps bereit sind, ihre Daten zur weiteren Verwertung zu Verfügung zu stellen.

 

Wulf Dietrich

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Von der Solidarität zur Betriebswirtschaft, 3/2016)


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