GbP 3-2016 Andreas Wulf

Misstraue der Idylle

vdää on tour zur »Führerschule der Deutschen Ärzteschaft« und zum KZ Ravensbrück


Diese Worte waren das Leitmotiv des Gedenkstättenleiters von Alt Rehse, Dr. Rainer Stommer, schon bei der Vorbereitung der diesjährigen »vdää on tour«, die uns diesmal nicht ins Ausland, sondern gewissermaßen in das »dunkle Herz« der deutschen ÄrztInnenschaft während des Nationalsozialismus führte. Ein konzentriertes dreitägiges Seminar zur Geschichte und Aktualität medizinethischer und medizin-politischer Fragen brachte 25 Mitglieder des vdää und hochkarätige ReferentInnen aus Alt Rehse, Halle und Berlin an den Tollensesee bei Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Die nationalsozialistische »Führerschule der deutschen Ärzteschaft«, das Modellgut und Modelldorf Alt-Rhese bildeten eine idealisierte Einheit und zugleich ein hoch artifizielles »Schauobjekt« für das nationalsozialistische völkische Projekt, in dem alle ihren Anteil am »Wiedererstarken des Volkskörpers« haben sollten: Bauern, Agrarökonomen, Ärzte und Hebammen. Die mehrwöchigen Schulungen für ausgewählte und den Nationalsozialismus bereits unterstützende TeilnehmerInnen dienten dem nochmaligen Einschwören auf die programmatischen Aspekte wie Stärkung der Volksgesundheit, eugenische Aufwertung des Volkes mit seiner Radikalisierung der Vernichtung »lebensunwerten Lebens« im Euthanasieprogramm.

Zusätzlich waren die Kurse auf die Schaffung persönlicher Bindungen in einer sich radikalisierenden Gemeinschaft wichtiger Funktionseliten ausgerichtet, die ältere, liberale und wertkonservative Strukturen innerhalb der Ärzteschaft wie Studentenverbindungen, Freimaurerlogen und Familienbeziehungen ablösen sollten. Und auch über 100 Ärztedelegationen aus anderen Ländern wurde Alt-Rehse in den 30er Jahren als »Anschauungsobjekt« vorgeführt.

Geschätzt 10. 000 der 60 .000 nieder­gelassenen ÄrztInnen im nationalsozialistischen Deutschland absolvierten dieses Programm während der Jahre 1935–39, und allein diese Zahl macht deutlich, wie stark die Verankerung der nationalsozialistischen Ideologie innerhalb dieser Berufsgruppe war.

Als Gegenpol zu dieser Idylle am See besuchten wir auch das nahegelegene ehemalige Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, in dem die nationalsozialistische Medizin in ihrer brutalsten Form an den menschlichen »Versuchskaninchen« durchgeführt wurde – neue Methoden zur Infektionsbekämpfung, zur Transplantation von Körperteilen und zur Massensterilisation wurden an den Opfern entwickelt, die direkt den Bedürfnissen des Militärs und der bevölkerungspolitischen Konzepte dienen sollten.

Aber nicht nur die nationalsozialistische Geschichte stand im Seminar zur Debatte, sondern auch die Anschlüsse an hochaktuelle medizinethische Debatten um ärztlich assistierten Suizid und Sterbehilfe, um Forschung an nicht einwilligungsfähigen Demenzkranken und um neue Reproduktionstechnologien wie dem »social freezing«, dem Aufschieben der fruchtbaren Jahre von Frauen durch das Isolieren und Einfrieren von Eizellen zur späteren Befruchtung und Schwangerschaft im Interesse von ökonomischer Profitmaximierung und oft nur vermeintlich privaten Karriereplanungen.

Hierfür waren der Medizinhistoriker Prof. Gerhard Baader aus Berlin und die Philosophin und Medizinethikerin Dr. Viola Schubert-Lehnhardt aus Halle mit nach Alt Rehse gekommen und standen nicht nur für ihre fachlichen Inputs, sondern für die ganze Zeit des Seminars für Gespräche und Diskussionen zur Verfügung – ein kaum zu unterschätzender Beitrag für den Erfolg und die Intensität der wenigen Tage, für den beiden ebenso wie Rainer Stommer, der sich ebenfalls eineinhalb Tage für uns Zeit nahm, gedankt sei.

Die Debatten werden auf jeden Fall weitergeführt werden müssen – kontrovers wurde zum Beispiel das Thema der Veränderungen von Familienkonstellationen durch das social freezing diskutiert, und welchen Begriff vom »Kindeswohl« die Akteure in dieser Debatte haben.
Als Einstieg in eine neue Art der »vdää-Touren« und als intellektuelle Bereicherung für die Teilnehmenden war das Seminar auf jeden Fall ein großer Erfolg und die Beiträge der ReferentInnen werden auf der vdää-Website auch noch verfügbar gemacht zum Nachhören und Nachdenken.

 

Andreas Wulf

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Von der Solidarität zur Betriebswirtschaft, 3/2016)


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Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheit braucht Politik wird vom ärztlichen Berufsverband vdää herausgegeben, der sich als Alternative zu standespolitisch wirkenden Ärzteverbänden versteht.

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