GbP 1-2017 Wulf Dietrich

Klare Worte. Britische Public Health Experten zum Rechtsruck in Europa und den USA

 

Krankheit ist ohne Politik nicht heilbar – das ist eine der Grundaussagen des vdää, mit der wir das politische Engagement von Ärztinnen und Ärzten begründen und fordern. Zwei britische Epidemiologen, David Stuckler und Martin McKee, geben ein Beispiel für diese Haltung, indem sie die notwendige Antwort von Public Health auf den Anstieg der Rechtsradikalen in Europa und Nordamerika geben.

David Stuckler betont, dass sowohl der anstehende Brexit als auch Trumps Wahl eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit in Europa und Nordameri­ka dar(stellten): »Sehen wir uns zuerst die Verlautbarungen des US-Präsidentschaftskandidaten an. Er behauptet beispielsweise, dass der Klimawandel eine Verschwörung der Chinesen sei und droht, das Pariser Klimaabkommen, das sich mit der Emissionsminderung der Treibhausgase befasst, kündigen zu wollen. Er kritisierte Präsident Obamas Affordable Care Act (Obama Care), der, obwohl nicht ohne Probleme, erfolgreich die Versicherungspflicht von 20 Millionen Amerikanern einführte. Er hat Behinderte wegen ihrer Behinderungen verspottet und frauenfeindliche Bemerkungen gemacht. Eine seiner ersten Personalentscheidungen war zum Beispiel die Berufung von Steve Bannon, der die rechtsradikale Medienplattform Breitbart News leitete, zum Stabschef. Entgegen seinen Wahlversprechen, den ›Sumpf der Eliten‹ trocken zulegen, umfasst Trumps seine Regierungsmannschaft jetzt eine größere Repräsentanz großer Konzerne als jene aller früheren Präsidenten.«

Auch die Folgen dieser Entscheidungen sein, so Stuckler, absehbar: »Unterdessen wird vielen derjenigen, die für den Brexit stimmten, nun klar, dass das, was ihnen versprochen wurde, nicht gehalten werden kann. Brexit heißt nicht, dass die Immigranten das Land verlassen werden, noch werden die Briten Zugang zum gemeinsamen Markt ohne Freizügigkeit in Europa erhalten.« Allerdings sei bereits jetzt klar, dass sich Großbritannien in einer schlechteren Ausgangsposition als früher befinde und der Ausstieg selbst die Rechte und den Schutz der Arbeitnehmer im Verhältnis zum EU-Niveau gefährden wird.
Stuckler zeigt auch die Ursachen dieser politischen Entwicklung nach Rechts auf: »Zukünftig wird es wichtig sein, die zu Grunde liegenden Ursachen des sozialen Unbehagens zu analysieren, das den Aufstieg der rechtsradikalen Politik begünstigte. Hier werden die Praktiker des Gesundheitswesens und Wissenschaftler eine wichtige Rolle zu spielen haben.«

In den USA, so Stuckler weiter, fanden Deaton et al. heraus, dass die Mortalität weißer Männer einen gegensätzlichen Trend im Vergleich zu Europa und Kanada aufwies. Eine spätere Analyse zeige, dass Menschen in Landstrichen mit erhöhter Mortalität die Kandidatur Trumps unterstützten. Beides, Brexit und Trumps Wahlkampf, suggerierten, dass der Bevölkerung durch starke Kräfte von außen die Kontrolle genommen worden sei. Beide Bewegungen machten die politischen Eliten dafür verantwortlich, beide seien Globalisierungsgegner (speziell gegen den globalisierten Handel). Der Brexit-Slogan »Take Back Control« und Trumps Parole »Make America great again« seien Beispiele für dieses Gefühl des Abgehängtseins. Stuckler weist auch darauf hin, dass beide Slogans von der gleichen Werbe-Agentur entwickelt wurden.

David Stuckler führt die Wahlerfolge der Rechten auch auf die sozio-ökonomischen Grundlagen ihrer Wählerschichten zurück: »Beide Parolen würden nicht greifen, wenn in ihnen nicht ein Fünkchen Wahrheit enthalten wären und sie nicht das ansprechen würden, was die Bevölkerung fühlt und glauben möchte. Bisher waren die politischen Antworten in Europa nicht in der Lage, vernünftige Alternativen aufzuzeigen. Sparmaßnahmen, weit entfernt davon, die Lage der Bevölkerung zu verbessern, haben den Fortschritt in Europa weiter behindert.«
Als Konsequenz weist Stuckler darauf hin, dass die Public Health Community die Gefahren rechtsradikaler Politik für die Gesundheit dokumentieren müsse. Die Ottawa Charter müsse aktualisiert werden und dabei die mächtigen Kräfte der Globalisierung und der kommerziellen Determinanten von Gesundheit mit einbeziehen. Stuckler hofft bei diesem Neuanfang auf allgemeine Unterstützung.
Auch sein Kollege Martin McKee stellt fest, dass die Wahl von Donald Trump, einem Kandidaten, der Frauen, Migranten und Menschen mit Behinderungen angegriffen hat, sowie die wachsende Wahlunterstützung für populistische Politiker, die eine autoritäre Politik in Europa unterstützen, in vielen Ländern Besorgnis bei den Angehörigen der Gesundheitsberufe ausgelöst habe.

Er schlussfolgert als Aufgabe für Gesundheitsprofessionelle: »Zuerst müssen wir die Institutionen verteidigen, die unsere Grundrechte schützen. Dazu gehört eine unabhängige Justiz. Diese ist bereits in der Türkei bedroht, wo unliebsame Richter aus dem Amt entfernt wurden. Im Vereinigten Königreich haben einige führende Zeitungen Richter, die über die Rechtmäßigkeit des Ausstiegs verhandelten, in aggressiver Weise angegriffen, während die zuständigen Minister in konspirative Weise zu diesen Angriffen schwiegen. Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften wurden in ähnlicher Weise attackiert.«
McKees Fazit: »Wir leben in beunruhigenden Zeiten (...) Die Beschäftigten des Gesundheitswesens müssen aus den Lek­tionen der Vergangenheit lernen, wenn sie verhindern wollen, dass diese sich wiederholen.«
Es wäre wünschenswert, wenn auch das Deutsche Ärzteblatt in Zukunft so klare Worte gegen die (a)sozialen Folgen rechtsradikaler Politik finden würde.


Übersetzungen: Wulf Dietrich

 

Vgl.: David Stuckler: »The dispossessed: a public health response to the rise of the far-right in Europe and North America« und Martin McKee: »Health professionals must uphold truth and human rights«, in: The European Journal of Public Health, Vol. 27, No. 1/2017

(aus: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin, Schwerpunkt: Vom ÖGD zu New Public Health, 1/2017)


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